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03.12.2020 | Globalisierung | Im Fokus | Onlineartikel

Megatrends im Corona-Sog

Autor:
Annette Speck
4:30 Min. Lesedauer

Die Covid-19-Pandemie hat der digitalen Transformation großen Auftrieb verschafft. Gleichzeitig bremst sie die Globalisierung aus und stößt einen umfassenden Strukturwandel an. Worauf sich Politik und Wirtschaft einstellen müssen.

"Die Corona-Transformation" lautet der bezeichnende Titel der zweiten Ausgabe des Megatrend-Reports der Bertelsmann-Stiftung. Schließlich wirkt sich die Corona-Krise noch weit stärker auf Wirtschaft und Gesellschaft aus als etwa die Wirtschaftskrise nach der Lehman-Pleite oder die in den letzten Jahrzehnten erlebten Epidemien. Auch Rolf G. Heinze spricht in dem Buchkapitel "Das Coronavirus als aktueller Katalysator für Solidarität oder Desintegration?" von einer "Disruption des gesellschaftlichen Lebens". (Seite 1)

Empfehlung der Redaktion

2020 | Buch

Globalisierung nach der Corona-Krise

oder wie eine resiliente Produktion gelingen kann – Ein Essay

Unterbrochene Lieferketten, Schwierigkeiten im Nachschub einfachster medizinischer Schutzkleidung (z. B. Mundschutz) im Rahmen der Corona-Krise bieten Anlass die Globalisierung zu hinterfragen. Den gegenwärtigen Spielregeln der Globalisierung sind die Perspektiven einer digitalisierten Wirtschaftsordnung mit entsprechenden Geschäftsmodellen für die Zukunft gegenübergestellt.

Corona beschleunigt und verlangsamt

Dem Megatrend-Report zufolge zeigt die Analyse der aktuellen Situation nun vor allem zwei Entwicklungen im Zusammenhang mit den globalen Trends Globalisierung, Digitalisierung und demografischer Wandel.

1. Die Corona-Krise fungiert als zusätzlicher Katalysator für die Digitalisierung: In allen Bereichen, von der Produktion über den Handel bis zum Dienstleistungssektor, wird der Einsatz digitaler Technologien beschleunigt. Dies verringert für Betriebe die Gefahr von unmittelbaren Produktions- und Umsatzausfällen bei einer erneuten Pandemie.

2. Angesichts weltweit zusammengebrochener Lieferketten verlagern sich globale Wertschöpfungsketten und verlangsamen die Globalisierung. Hatte bisher Effizienz höchste Priorität, gewinnen nun Risikoabwägung und der Wunsch nach geringerer Auslandsabhängigkeit an Bedeutung.

Corona-Auswirkungen tangieren alle Bereiche

Ausgehend von diesen langfristig bedeutsamen Herausforderungen formulieren die Autoren des Megatrend-Reports fünf Thesen zur Zukunft von Digitalisierung, Globalisierung und demografischem Wandel:

These

Definition

Die Frage der digitalen Souveränität gewinnt an Relevanz.

  • Die Kernherausforderung für ein digital souveränes Europa ist es, den digitalen Wandel wertebasiert und zielgerichtet voranzutreiben und die kritische Abhängigkeit von Dritten in punkto digitaler Technologien und Geschäftsmodelle zu reduzieren.

Die internationale Arbeitsteilung gerät zunehmend unter Druck.

  • Mehr Liefersicherheit geht mit der Tendenz zur weiteren Diversikation von Wertschöpfungsketten und verstärkter Lagerhaltung einher. 
  • Die Effizienzeinbußen können höhere Preise zur Folge haben.
  • Die teilweise bereits zu beobachtende Renationalisierung von Produktionsprozessen birgt die Gefahr eines weiteren Protektionismus-Wettlaufs.

Die Bedeutung der gezielten Industriepolitik nimmt zu.

  • Wenn Deutschland und Europa in zukunftsträchtigen Schlüsselindustrien nicht den Anschluss verlieren und von Auslandsimporten abhängig sein wollen, müssen sie einen eigenen industriepolitischen Ansatz im Rahmen der Werte und gesellschaftlichen Zielsetzungen der Sozialen Marktwirtschaft entwickeln.

Die eigene Innovationsfähigkeit wird zu einem zentralen Resilienzfaktor.

  • Der Hegemonialkonflikt und Innovationswettbewerb zwischen China und den USA verdeutlicht gerade in dieser Krise, wie schnell Staaten vom Ausland abgeschnitten werden können und  wie wertvoll eigene Innovationsfähigkeit ist.

Der fortschreitende demografische Wandel beinhaltet zusätzliche "Störfaktoren".

  • Der demografische Wandel wird das Wirtschaftswachstum in Deutschland dämpfen. 
  • Bei der örtlichen Verlagerung der Herstellung bestimmter Güter muss bedacht werden, dass Deutschland auf einen akuten Fachkräftemangel zusteuert.
  • Durch die Corona-bedingte Verschuldung sinkt der Spielraum für die Finanzierung von Zukunftsinvestitionen und altersbezogene Sicherungsleistungen.

Die Thesen verdeutlichen, dass sich Wirtschaft und Gesellschaft in den nächsten Jahren auf tiefgreifende Veränderungen einstellen müssen, die für viele Menschen eine große Herausforderung sein werden. Der Megatrend-Report rät der Politik daher auch zu flankierenden sozial- und bildungspolitischen Maßnahmen, um eine Blockadehaltung breiter Bevölkerungsschichten zu vermeiden.

Nationale Politikgestaltung immer schwieriger

Doch einfach wird das nicht. Zum einen lässt die immense Verschuldung durch die Corona-Hilfsmaßnahmen wenig finanzielle Spielräume, zum anderen sind die wirtschaftspolitischen Probleme komplex. In dem Beitrag "Fünf Thesen zu den zukünftigen Herausforderungen für die Wirtschaftspolitik" in der Zeitschrift "List Forum für Wirtschafts- und Finanzpolitik" skizziert Thieß Petersen von der Bertelsmann-Stiftung welche heiklen Aspekte in die Wirtschaftspolitik einzubeziehen sind.

Dies seien – jedenfalls in entwickelten Volkswirtschaften wie Deutschland – nicht nur die wachsende Kritik am internationalen Handel und zunehmende Zweifel an der Sinnhaftigkeit eines weiteren Wirtschaftswachstums. Hinzu kämen komplexer werdende Verteilungskämpfe und ein stärkerer Systemwettbewerb der Marktwirtschaften mit Schwellenländern. Zudem bestehe eine zentrale Herausforderung für die Wirtschaftspolitik in Deutschland darin, dass die Zielkonflikte zunehmen, während die Lösungsmöglichkeiten der nationalen Politikgestaltung abnehmen.

Eine Fokussierung auf die Allokationseffizienz ohne eine Berücksichtigung von Fragen der Einkommens- und Vermögensverteilung, der Auswirkungen auf Umwelt und Klima, auf immaterielle Lebensaspekte etc. wird zunehmend schwieriger." Thieß Petersen, Fünf Thesen zu den zukünftigen Herausforderungen für die Wirtschaftspolitik, Seite 1

Stellt Corona den Gesellschaftsvertrag in Frage?

Wie weitreichend die Folgen der Corona-Krise am Ende sein werden, lässt sich zwar derzeit noch nicht abschätzen, doch Rolf G. Heinze geht davon aus, dass sich einiges am Verhältnis von Zivilgesellschaft, Staat und Wirtschaft verändern wird. "Das Virus hat bewusst gemacht, wie stark auch wirtschaftliche Wertschöpfungen von einer funktionierenden staatlichen Infrastruktur und öffentlicher Daseinsvorsorge abhängen", erklärt der Springer-Autor. (Seite 2) Das Vertrauen in die Selbstregulierungen des Marktes habe hingegen abgenommen.

Probleme müssen interdisziplinär angegangen werden

Vor dem Hintergrund der durch die Corona-Pandemie verschärften Probleme, rät Thieß Petersen zu einer theorie- und evidenzbasierten Wirtschaftspolitik und einer stärkeren Zusammenarbeit der wissenschaftlichen Disziplinen. Ferner empfiehlt er langfristig angelegte Maßnahmenpakete, die auch die Wechselwirkungen der verschiedenen Politikbereiche berücksichtigen.

Als Beispiel für zukunftsweisende Interdisziplinarität, nennt der Experte der Bertelsmann-Stiftung die Zusammenarbeit von 14 Wissenschaftlern aus Volkswirtschaftslehre, Verfassungsrecht, Ethik, Psychologie sowie Infektionsforschung, Pharmakologie und Epidemiologie bei den Anfang April 2020 veröffentlichten Empfehlungen zum Umgang mit der Pandemie in Deutschland. Es sei davon auszugehen, dass diese Herangehensweise künftig auch bei anderen wirtschaftspolitischen Fragen angewendet werde, etwa beim Kohleausstieg, dem Umgang mit dem Klimawandel und der weltweit zunehmenden Migration. (Seite 10)

Alle tagesaktuellen Beiträge rund um die Corona-Krise finden Sie hier

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