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Über dieses Buch

In den letzten Jahren sind tiefgreifende Veränderungen der institutionellen Regelungsstrukturen der europäischen Bildungssysteme zu beobachten. Inzwischen hat sich mit der Educational Governance ein eigenständiger Forschungsbereich etabliert, der sich der Transformation von Steuerungsformen im Bildungsbereich zuwendet. Ziel des vorliegenden Bandes ist die Analyse der veränderten Governance-Praxen. Die Aufmerksamkeit der empirischen Beiträge ist dabei vor allem auf national und sektoral unterschiedliche Prozesse und Wirkungen von Governance-Modi gerichtet. Darüber hinaus werden theoretische und methodische Weiterentwicklungen der interdisziplinär verstandenen Educational-Governance-Forschung zur Diskussion gestellt.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Erratum

Josef Schrader, Josef Schmid, Karin Amos, Ansgar Thiel

Einleitung

Frontmatter

Governance im Bildungsbereich – Erträge, Desiderate und Potenziale der Forschung

Gesellschaftliche und politische Transformationsprozesse rücken regelmäßig auch das Bildungssystem in den Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit. Das hat Tradition, wie sich an Beispielen aus der deutschen Geschichte zeigen lässt: Ziele und Inhalte der Preußischen Bildungsreformen sind ohne die Napoleonischen Kriege nicht erklärbar, der Weimarer Schulkompromiss nicht ohne den verlorenen Ersten Weltkrieg und die Bildungsreformen der 1960er und 1970er Jahre nicht ohne den sogenannten Sputnik-Schock. Und auch wenn die aktuelle Reformdebatte vor allem durch die teils als ernüchternd, teils als schockierend interpretierten Befunde großer und international vergleichender Assessment-Studien ausgelöst worden zu sein scheint, so lassen sich ihre Form und ihre Dynamik wohl nicht ohne Rücksicht auf den seit einigen Jahrzehnten beobachtbaren Prozess der Transformation von Industrie- in Wissens- und Informationsgesellschaften interpretieren.
Josef Schrader, Josef Schmid, Karin Amos, Ansgar Thiel

Governance-Forschung: Leistungen, Grenzen, Differenzierungen

Frontmatter

Theory and Evidence on Governance: Conceptual and Empirical Strategies of Research on Governance in Education

During the last 20 years many European education systems have seen profound changes in the way they are governed. This also applies to the school systems of German-speaking countries which until then had been characterized by a long period of stability. Both political rhetoric and actual changes have rightly attracted increased attention of educational researchers, resulting in a growing body of work on the ‘governance’ of schooling. There is no such word as ‘governance’ in the German language. Nevertheless, a type of studies called ‘Governance Studies’, ‘Governance Research’ or ‘Governance Perspective’ has recently evolved in German-speaking social sciences. This article aims to make accessible this strand of research which has not yet been extensively published in languages other than German. Further, it intends to explore its links and relationships to other European research approaches. First, the article explains in what way the concept of ‘governance’ has been defined in German educational research. The second section discusses some of its methodological aspirations. In the third part, some examples of empirical research on changing educational governances are discussed in order to give an idea of how this research approach currently unfolds.
Herbert Altrichter

Educational Governance und Theoriebildung

Stärken, Defizite und Potenziale des Educational Governance-Ansatzes in Bezug auf Theoriebildung und theoretisches Erklären werden in drei Aspekten diskutiert. Zunächst wird die Perspektive auf Wirkungen von (Steuerungs-)Innovationen im Bildungssystem als Stärke; eine komplementäre Perspektive auf Ursachen von (Steuerungs-)Innovationen dagegen als Desiderat des EG-Ansatzes dargestellt. Anschließend wird ein Theoriebildungsverfahren rekonstruiert, das in den EG-Studien bislang zwar vielfach implizit verwendet, aber nie expliziert wird, und das man als qualitative Faktoren- und Dimensionalanalyse bezeichnen könnte. Schließlich wird eine Strategie vorgestellt, die Offenheit des EG-Ansatzes für verschiedenartige Theorieperspektiven für eine Konstruktion von Governance-Theorien zu nutzen: Die Konstruktion theoretischer Erklärungsmodelle.
Roman Langer

Legitimation neuer Steuerung: Eine neo-institutionalistische Erweiterung der Governance-Perspektive auf Schule und Bildungsarbeit

Die Educational-Governance-Perspektive zielt auf Fragen der Regulierung und Leistungserbringung im Bildungswesen und dabei insbesondere auf die Untersuchung von Umbrüchen und Transformationen. Ihr Interesse gilt den Mechanismen der Handlungskoordination auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Abstraktionsniveaus; so wird etwa die gestiegene Bedeutung zwischenschulischen Wettbewerbs und schulinterner Hierarchie-Strukturen im Zusammenhang mit New-Public-Management-Reformen diskutiert.
Der Beitrag argumentiert hier anknüpfend, dass das Wissen um neue Steuerungsinstrumente nicht hinreichend ist, um zu verstehen, wie Bildungsarbeiter/innen – vor allem Lehrer/innen und Schulleitungen – in der Praxis agieren, welche politischen Ansprüche übernommen oder abgelehnt, welche normativen Ordnungen herausgefordert werden.
Mit der Einführung zweier institutionalistischer Theoriestränge – dem Konzept der ‚institutional logics‘ und der pragmatischen Theorie der Konventionen – wird daher eine auf das (aus-)bildende Subjekt gerichtete Perspektive auf Leistung und schulische Leistungspolitiken vorgeschlagen, die sichtbar macht, welche Vorstellungen, welche Anforderungen, welche Instrumente unter den Beschäftigten Legitimität besitzen.
Doris Graß

„Aus Daten Taten folgen lassen.“ Zum Spannungsfeld von Gouvernementalität und Educational Governance

Ausgangspunkt des Artikels sind einige Parallelen von zwei theoretischen Konzepten: Governance und Gouvernementalität. Beide Perspektiven teilen die Grundannahme, dass sich in der Gegenwartsgesellschaft die Formen des Regierens wesentlich verändern. Beide Perspektiven beobachten, dass politische Entscheidungsfindung vermehrt in Räumen jenseits der staatlichen Institutionen stattfindet. Die Orte und der Charakter staatlicher Einflussnahme verschieben sich. Beide Perspektiven gehen außerdem davon aus, dass Wissen innerhalb der skizzierten Transformation eine spezifische Rolle spielt. Der Artikel verfolgt mit Blick auf das sich massiv im Umbau befindliche Bildungssystem das Ziel, Educational Governance machttheoretisch zu diskutieren. Im Zentrum steht die Frage, was hier gegenwärtig geschieht, was die Transformation unter dem Schlagwort Educational Governance kennzeichnet. Ziel ist also weniger, mit Blick auf die Debatten um Governance und Gouvernementalität nach Resonanzen zu suchen. Ziel ist eine Betrachtung von ‚Educational Governance durch Wissen‘. Den Beginn machen einige Worten zur Unterscheidung von Governance und Gouvernementalität aus. In einem zweiten Teil werden Beobachtungen zum Phänomen Educational Governance dargestellt, die auf eine gouvernementalitätstheoretische Studie zurückgehen.
Niels Spilker

Empirische und Historische Beiträge zur Governance-Forschung

Frontmatter

Testdatenbasierte Schul- und Unterrichtsentwicklung. Analyse von Handlungsmustern bei der Rezeption und Nutzung von Vergleichsarbeitsdaten

Nationale Bildungsstandards und landesweite Vergleichsarbeiten (VERA) als Elemente einer testdatenbasierten Schulreform ermöglichen Aussagen über die Leistungsfähigkeit der Bildungssysteme und sollen gleichzeitig Schulentwicklungsprozesse auf verschiedenen Systemebenen anstoßen. Es stellt sich damit die Frage, wie schulische Akteure die mit VERA verbundenen Verantwortlichkeiten und Möglichkeiten wahrnehmen und nutzen. Bisherige Forschungsarbeiten zur Rezeption und Nutzung von VERA untersuchen meist eine Ebene des Schulsystems, v. a. die der Lehrkräfte. In der vorliegenden Arbeit ist hingegen das Zusammenspiel von Schuladministration, der Schulleitung, der Fachbereiche sowie der Lehrkräfte zentral. Zur Beschreibung dieser Mehrebenenstruktur wird die Perspektive der Educational Governance verwendet. Eine weitere theoretische Fundierung sind Modelle zu Bedingungen effektiver Datennutzung. Die in einer Interviewstudie erhobenen qualitativen Daten wurden inhaltsanalytisch ausgewertet und zeigen explorativ, dass die kommunikativen Handlungsmuster, die Nutzung von VERA sowie die Maßnahmen, die aufgrund von VERA auf den unterschiedlichen Akteursebenen abgeleitet werden, stark variieren. So externalisieren die Schulaufsichtsvertreter in den meisten Fällen jegliche Kommunikation über VERA und die Datenverwertung an die Schulleitungen. Die Kommunikation an den Schulen beschränkt sich oftmals auf die Weitergabe organisatorischer Belange (z. B. Termin der VERA-Durchführung). Die VERA-Ergebnisse werden meist nur durch einzelne Lehrkräfte verwertet (z. B. Wiederholung von bestimmten Stoffgebieten, Integration neuer Aufgabenformate in den Unterricht) und sind nur selten in Schulentwicklungsprozesse, an denen Lehrkräfte, Fachbereiche, Schulleitungen sowie die Schulaufsicht beteiligt sind, eingebettet.
Carolin Ramsteck, Uwe Maier

Dezentralisierung der Bildung in den westlichen OECD-Staaten: Eine vergleichende Analyse der Ursachen und Formen

Die in den letzten Jahrzehnten auftretende Aufweichung der Monopolstellung des Staates in der Steuerung von Bildungssystemen wird in der Forschung als Dezentralisierung der Bildung beschrieben. Das noch unerforschte Phänomen tritt global zunehmend auf und manifestiert sich durch neue Elemente der Bildungsregulierung, insbesondere in der Verlagerung der Steuerung auf dezentrale Ebenen (Regionen, Kommunen, Einzelschulen). Dieses Kapitel möchte einen theoretischen und empirischen Beitrag leisten, indem erstens nach den Ursachen des Dezentralisierungstrends in Westeuropa gefragt wird und wir zwei Einflussgrößen fokussieren, die die Bildungsdezentralisierung vorantreiben können: Diffusion und gesellschaftlicher Wertewandel. Zweitens betrachten wir kontextspezifische Varianzen in nationalen Dezentralisierungspfaden und ziehen Parteiendifferenzen als Erklärung heran. Wir untersuchen vier unterschiedliche Wohlfahrtsstaaten von 1980 bis 2006: Deutschland (Hessen), England, Italien und Schweden. Zusammenfassend stellt der gesellschaftliche Wertewandel einen wichtigen Auslöser bildungspolitischer Dezentralisierungsprozesse dar und die Diffusionsdynamik durch internationale Akteure (z. B. OECD) ergibt nur wenig Evidenz. Zudem existieren Parteiendifferenzen in der Ausgestaltung der dezentralisierten Schulmodelle.
Claudia Christ, Michael Dobbins

Reformen der Hochschulsteuerung in Deutschland: Vom Humboldtismus zum „gezähmten Markt“?

Dieser Beitrag analysiert die Reformen der letzten Jahre im Bereich der Hochschulsteuerung in Deutschland. Die Autoren befassen sich systematisch mit der Frage des Zusammenspiels primär durch transnationale Kommunikationsprozesse vermittelter Reformimpulse und historisch verwurzelter Steuerungsarrangements in der deutschen Hochschulpolitik. Wie wurde der transnationale Reformdruck von den historischen Institutionen des deutschen Hochschulsystems verarbeitet? Die Autoren zeichnen die Entwicklungen auf Basis von drei historisch entstandenen Idealtypen der Hochschulsteuerung nach – dem Modell der akademischen Selbstverwaltung, dem staatszentrierten Modell und dem marktorientierten Modell – und zeigen, dass die deutsche Hochschulpolitik einen Fall darstellt, in welchem sich Mechanismen transnationaler Kommunikation und institutionelle Pfadabhängigkeiten gegenseitig die Waage hielten. Trotz einiger Bereiche politischer Trägheit wurden neue Wettbewerbsinstrumente in fast allen untersuchten empirischen Dimensionen eingebettet. Verschiedene historisch verankerte politische und institutionelle Eigenschaften des Systems verhinderten jedoch eine vollständige Konvergenz zum marktorientierten Idealtyp.
Michael Dobbins, Christoph Knill

Ein nationales Interesse an Gelegenheiten des Vergleichens. Wettbewerb, Bildungsstandards und Rechenschaftspflicht als neue alte Formen bildungspolitischer Steuerung

Steuerungsinstrumente wie Wettbewerb, Bildungsstandards, Outputsteuerung oder Rechenschaftspflicht werden in bildungspolitischen Innovationsdiskursen als Mittel für Fortschritt und damit als das Neue präsentiert, das zugleich auch als das Gute erscheint. Das Alte, Rückschrittliche dient als fiktives Gegenbild zur Legitimation der jeweils aktuellen Bildungsreformen. Vor diesem Hintergrund analysiert der Beitrag anhand von bildungshistorischen Quellen in Freiburg/Schweiz, inwiefern einige der vermeintlich neuen Steuerungsinstrumente bereits seit dem 19. Jahrhundert zum Repertoire einer meist konservativen Bildungspolitik gehören. Rankings, Bildungsstandards, Prämien und Bildungsberichte schaffen Gelegenheiten des Vergleichens, die von nationalem Interesse sind. Sie erweisen sich als Beispiele einer ‚neuen altenschließendes, einfaches Ausführungszeichen’ Steuerungspraxis zum Ansporn von Wetteifer und zur Leistungssteigerung des Bildungswesens. Der Beitrag zeigt, wie staatlich forcierte Wettbewerbskonstellationen und vergleichende Leistungsschauen im Kontext bildungspolitischer Steuerungs- und Rechenschaftsdiskurse als Fortschrittsgeneratoren konstruiert werden, durch die sich Bildungsreformen legitimieren lassen.
Barbara Rothmüller

Rechtspolitische Hintergründe der Neuen Steuerung im Bildungssystem

Der Beitrag setzt die Diskussion über Governance in den Kontext des Wandels von Staatlichkeit, indem er die veränderten Formen der Gesetzgebung als Steuerungsmittel untersucht (Teil I).
Bei diesen veränderten Formen handelt es sich um eine pädagogisierte Umstellung von starkem Paternalismus, bei dem Ge- und Verbote dirigieren, auf sanften Paternalismus, bei dem Appellations-, Aktivierungs-, Belohnungs- und Prangerstrategien vorgesehen sind. Solche pädagogischen Modi werden also auch im Rechtsbereich als gesellschaftliches Steuerungsmittel gesehen – und mit dem korrespondiert die Neue Steuerung im Bildungssystem, die ebenso auf pädagogisierte Lenkungsmaßnahmen setzt (Teil II).
Damit ist die ubiquitäre Anschuldigung, eine Ökonomisierung der Bildung sei auch und gerade der Neuen Steuerung im Bildungssystem geschuldet, in neuem Licht zu prüfen, nämlich unter der Frage, inwiefern die Ökonomisierungsursache hingegen in einer weitläufigen Pädagogisierung von Recht und Steuerung liegt, weil gerade die pädagogisierten Steuerungsmodelle (betriebs-)wirtschaftliche Operationen begünstigen (Teil III).
Ulrich Binder
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