"Es geht nicht ums Schönreden, sondern ums Handeln"
- 08.12.2025
- Green IT
- Interview
- Online-Artikel
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Clemens Feigl, CEO und Co-Founder von Everwave, hält Recycling für wichtig – aber es sei längst kein Allheilmittel. Inwieweit Künstliche Intelligenz eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft unterstützen kann und welche Rolle Plastic Credits spielen, erläutert er im Interview.
Clemens Feigl ist CEO und Co-Founder von Everwave. Mit seinem Impact-Unternehmen verfolgt er eine klare Vision: Umweltschutz wirtschaftlich und skalierbar zu machen. Sein Know-how als Moderator und Journalist setzt er dabei ein, um die eigene Marke strategisch zu positionieren und Partner für die gemeinsame Mission zu gewinnen.
everwave
IT-Mittelstand: Herr Feigl, welche Rolle spielt Recycling in deutschen Industrie-Unternehmen?
Clemens Feigl: Recycling ist ein fester Bestandteil der deutschen Industrie und spielt in vielen Unternehmen eine zentrale und zunehmend strategische Rolle. Unternehmen gewinnen dadurch Rohstoffe zurück, senken ihre Materialkosten und reduzieren ihre Emissionen. In vielen Branchen, insbesondere in den ressourcenintensiven Kernindustrien wie der Automobil-, Bau- und Chemieindustrie, entstehen geschlossene Stoffkreisläufe. Hier werden Materialien wiederverwendet und Produktionsreste gezielt zurückgeführt und wiederverwertet. Das macht Recycling zu einem zentralen Element nachhaltiger und ressourceneffizienter Wertschöpfung – in der Theorie.
Wann beziehungsweise unter welchen Umständen stößt Recycling wirtschaftlich und ökologisch an seine Grenzen?
Recycling ist wichtig, aber längst kein Allheilmittel. Viele Materialien lassen sich nur minderwertig oder gar nicht wiederverwerten und häufig ist Recycling teurer als die Herstellung neuer Produkte. Insbesondere bei Verbundstoffen, beschichteten Verpackungen oder verschmutzten Kunststoffen stößt das System technisch an seine Grenzen. Auch das sogenannte Downcycling, also die Wiederverwertung zu minderwertigen Produkten, verlängert den Lebenszyklus nur kurz und löst das Abfallproblem nicht. Zudem hängt die Wirtschaftlichkeit stark von den Rohstoffpreisen und dem Energieaufwand ab: Wenn Neuplastik aus Erdöl billiger ist als Recyclingmaterial, fehlen die Anreize für echte Kreisläufe. Ein weiterer Faktor sind fehlende oder ineffiziente Sammel- und Sortiersysteme, insbesondere in Ländern ohne funktionierende Abfallinfrastruktur. Ein erheblicher Teil des Mülls, beispielsweise aus Deutschland, wird in strukturschwache Länder exportiert und gelangt auf Umwegen letztlich doch wieder in die Umwelt. Deshalb sind Lösungen gefragt, die bereits an der Quelle ansetzen, beispielsweise durch intelligentes Produktdesign, nachhaltige Materialien und neue Geschäftsmodelle, die Abfall von vornherein vermeiden.
Inwiefern können Ground Truthing und Künstliche Intelligenz (KI) den Kampf gegen die Plastikfluten unterstützen?
Künstliche Intelligenz und Ground Truthing spielen im Kampf gegen Plastikverschmutzung eine entscheidende Rolle – insbesondere, wenn beide Ansätze kombiniert werden. Aktuell haben wir global gesehen viel zu wenig Wissen darüber, wo der Müll wie in die Umwelt gelangt und welche Stoffströme vorrangig sind. Ohne dieses Wissen fehlt die Basis für langfristige Lösungen. Beim Ground Truthing werden Fernerkundungsdaten, wie Luftaufnahmen durch Drohnen oder Sensordaten, verifiziert und kalibriert. Dazu erheben Mitarbeiter vor Ort reale Daten. Sie erfassen, wo welcher Müll in welcher Menge und aus welchen Materialien vorliegt. Auf Basis dieser Datengrundlage können KI-Modelle präzise trainiert und fortlaufend verbessert werden. Künstliche Intelligenz wiederum kann anhand dieser Datengrundlage große Flächen automatisiert analysieren. Beispielsweise setzen wir im Rahmen unserer Projekte Drohnen ein, um Müll-Hotspots zu identifizieren. Wir alle sind in der Lage, Müll in der Umwelt zu erkennen. Für uns reicht das jedoch nicht. Wir müssen die Daten auswerten und verstehen, was auf uns zukommt. Über einen längeren Zeitraum lassen sich so Verschmutzungsmuster vorhersagen. Dadurch ist es möglich, in Infrastruktur zu investieren, Reinigungsaktionen gezielter zu planen und Ressourcen effizienter einzusetzen – und zwar dort, wo die Belastung am größten ist. Kurz gesagt: Die Kombination aus Ground Truthing und KI schafft Wissen und damit Wirkung.
Wie lassen sich Technologie und Kreislaufwirtschaft konkret verbinden?
Technologie und Kreislaufwirtschaft lassen sich in Form eines echten Kreislaufdenkens verbinden, also an der Schnittstelle von Daten, Materialien und Prozessen. Digitale Technologien wie KI, Sensorik oder Datenplattformen schaffen Transparenz, indem sie sichtbar machen, wo Abfälle entstehen, welche Materialien sie enthalten und wie sie wiederverwertet werden können. So lassen sich Materialströme besser steuern, Recyclingprozesse optimieren und Materialien länger im Umlauf halten. Gleichzeitig hilft Technologie dabei, Abfall bereits an der Quelle, also im Produktionsprozess und in den Lieferketten, zu vermeiden. Dies kann beispielsweise durch intelligentes Produktdesign oder den Einsatz von Prozessoptimierungs-Software in Form von digitalen Zwillingen oder Rückverfolgungssystemen über den gesamten Lebenszyklus hinweg erfolgen. Die Kreislaufwirtschaft gibt also die Richtung vor, Technologie liefert die entsprechenden Daten. Gemeinsam ermöglichen sie Systeme, in denen Ressourcen nicht verloren gehen, sondern immer wieder neu genutzt werden können. Selbst dort, wo das Prinzip des Recyclings an seine Grenzen stößt, können innovative Verfahren der thermischen Verwertung sicherstellen, dass nicht verwertbare Abfälle kontrolliert und umweltverträglich verarbeitet werden. So bleibt der ökologische Kreislauf geschlossen, auch wenn der Materialkreislauf endet.
Welche Rolle spielen Plastic Credits für eine neue Form der Kreislaufwirtschaft?
Mit Plastic Credits können Kreisläufe geschaffen werden, wo heute keine Systeme vorhanden sind oder lineare Systeme dominieren. Damit spielen sie eine wichtige Rolle bei der Umsetzung einer neuen globalen Kreislaufwirtschaft. Plastic Credits schaffen einen messbaren wirtschaftlichen Wert für Abfall, der sonst keinerlei Marktwert hätte, beispielsweise für Misch- oder Weichkunststoffe, die sich nicht recyceln lassen und häufig in der Umwelt landen. Durch die Finanzierung einer neuen Infrastruktur für das Sammeln, Sortieren und die lokale Weiterverarbeitung entstehen Kreisläufe in Regionen, in denen bisher keinerlei Müllsysteme existieren. Gleichzeitig schaffen wir damit Arbeitsplätze vor Ort. Unternehmen können mit Plastic Credits Verantwortung für ihren Müllfußabdruck übernehmen – auch in Bereichen, in denen Vermeidung oder Recycling technisch (noch) nicht möglich ist. Das schafft Bewusstsein, lenkt Kapital in funktionierende Abfallmanagement-Systeme und kann langfristig dazu führen, dass der Plastikverbrauch nicht nur kompensiert, sondern aktiv reduziert wird. So entsteht ein funktionierendes System auf globaler Ebene.
Inwieweit "schmücken" sich IT-Unternehmen mit Umweltzertifikaten wie Plastic Credits?
Der Begriff "Schmücken" greift zu kurz: IT-Unternehmen haben tatsächlich einen großen Bedarf an glaubwürdigen Nachhaltigkeitsmaßnahmen. Auf den ersten Blick wirkt die Branche digital und ressourcenschonend, doch dieser Eindruck täuscht: Rechenzentren zählen zu den größten industriellen Energieverbrauchern und auch die Herstellung von Hardware und Infrastruktur – von Servern über Kühltechnik bis hin zu Verpackungen – verursacht erhebliche Mengen an CO₂ und Plastikabfällen. Hier bieten Plastic Credits einen pragmatischen Ansatz, um Verantwortung zu übernehmen – vor allem dort, wo der Plastikverbrauch oder die Plastikvermeidung technisch noch nicht vollständig gelöst ist. Durch die Finanzierung von Projekten, die Plastik aus der Umwelt entfernen und lokale Recyclingstrukturen aufbauen, leisten IT-Unternehmen einen messbaren und zertifizierten Beitrag zur Kreislaufwirtschaft. Zugleich stärken Plastic Credits die Transparenz und Glaubwürdigkeit der ESG- und CSRD-Berichterstattung, was für Kunden, Investoren und Mitarbeiter ein zunehmend wichtiger Faktor ist. Es geht nicht ums Schönreden, sondern ums Handeln – gerade IT-Unternehmen können mit datengetriebenen Lösungen und gezieltem Engagement den Wandel hin zu einer echten Kreislaufwirtschaft aktiv mitgestalten.