Nachhaltigkeit wird zur Steuerungsgröße
- 08.12.2025
- Green IT
- Gastbeitrag
- Online-Artikel
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Die Nachhaltigkeitsberichterstattung nach der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) wird für immer mehr Unternehmen zur Pflicht. Sie stehen unter Zugzwang, umfassende Nachhaltigkeitsberichte vorlegen zu können. Das muss nicht unbedingt kompliziert sein und kann ihnen sogar klare Wettbewerbsvorteile bringen.
ESG-Reporting: Wer stets den vollumfänglichen Überblick darüber hat, welche Prozesse, Produkte oder Lieferanten die größten Emissionen verursachen, kann gezielt an Stellschrauben drehen.
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Besonders der Mittelstand steht mit der geforderten Umsetzung von Nachhaltigkeitsberichten vor neuen Herausforderungen: Viele Unternehmen fallen ab 2027 unter die erweiterten Berichtspflichten. Doch auch kleinere Unternehmen geraten zunehmend unter Druck, etwa durch Anforderungen von Kunden, Banken oder Investoren.
Der Grund: Großunternehmen und Finanzdienstleister müssen umfassende Nachhaltigkeitsberichte vorlegen und sind deshalb verpflichtet, Environmental-Social-und-Governance-Informationen (ESG) von ihren Geschäftspartnern und Zulieferern einzufordern. Unternehmen, die diese Nachweise nicht oder nur unzureichend liefern können, laufen Gefahr, von Aufträgen ausgeschlossen zu werden, schlechtere Finanzierungskonditionen zu erhalten oder als weniger vertrauenswürdig eingestuft zu werden. Nachhaltigkeit entwickelt sich so vom freiwilligen Engagement zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor.
Die systematische Erfassung von Emissionen stellt viele Unternehmen vor große Hürden. Ein Grund dafür ist die Komplexität der Datenlage: CO₂e, also Kohlenstoffdioxidäquivalente, umfassen nicht nur CO₂, sondern auch andere Treibhausgase, die auf den Klimawirkungsfaktor von CO₂ umgerechnet werden. Um eine vollständige Emissionsbilanz zu erstellen, müssen Daten aus unterschiedlichsten Quellen zusammengeführt werden: Materialstammdaten, Lieferantendaten, Transportwege, Produktionsprozesse und externe Emissionsfaktoren. Diese Informationen sind in der Praxis häufig über verschiedene Systeme verstreut oder liegen sogar noch in Excel-Tabellen und E-Mails vor.
Besonders anspruchsvoll ist die Erfassung der sogenannten Scope-3-Emissionen, also jener Emissionen, die in vor- und nachgelagerten Prozessen der Lieferkette entstehen und meist außerhalb des eigenen Unternehmens anfallen. Hier fehlt es oft an Transparenz und strukturierter Erfassung. Oft müssen Unternehmen diese Daten mühsam bei ihren Zulieferern anfragen oder mit Durchschnittswerten und Schätzungen arbeiten, was die Genauigkeit und Glaubwürdigkeit der Berichte weiter erschwert.
Hinzu kommt: Die meisten Unternehmen haben keine Prozesse etabliert, um Emissionsdaten so zu dokumentieren, dass sie auch von Dritten, etwa im Rahmen eines Audits, nachvollzogen und geprüft werden können. Auditierbarkeit bedeutet, dass sämtliche Angaben und Berechnungen transparent, lückenlos und konsistent dokumentiert sind. Fehlt diese Nachvollziehbarkeit, drohen nicht nur Schwierigkeiten bei der externen Prüfung, sondern auch Unsicherheiten, wenn es um unternehmensinterne Steuerung und Planung geht. Gerade im internationalen Wettbewerb kann die Fähigkeit, auditierbare Daten vorzulegen, darüber entscheiden, ob ein Unternehmen als verlässlicher Partner wahrgenommen wird.
Die Integration der Emissionsdatenerfassung in bestehende Enterprise-Resource-Planning-Systeme (ERP) bietet einen entscheidenden Lösungsweg. Durch die Erweiterung um ein "grünes Hauptbuch" werden CO₂e-Werte direkt an Geschäftsvorfälle geknüpft: Jede Materialbewegung, jeder Einkauf und jeder Transport erhält neben dem finanziellen Wert auch einen Emissionswert. Dadurch entsteht eine konsistente, aktuelle und auditierbare Datenbasis, die sowohl für die Berichterstattung als auch für die Steuerung nutzbar ist. Emissionsfaktoren können zentral gepflegt, aktualisiert und automatisch in die Berechnung einbezogen werden. Das reduziert Fehlerquellen und erhöht die Effizienz. Zudem entfällt der aufwendige Abgleich verschiedenster Datenquellen, was Zeit spart und die Gefahr von Übertragungsfehlern deutlich verringert.
Ein Beispiel aus der Verpackungsindustrie zeigt sehr anschaulich, wie dieser Ansatz in der Praxis funktioniert: Ein mittelständisches Unternehmen mit rund 1.000 Mitarbeitern und internationaler Lieferkette stand vor der Herausforderung, erstmals eine prüfbare CO₂e-Bilanz zu erstellen. Während Material-, Lieferanten- und Gewichtsdaten bereits im ERP-System gepflegt waren, lagen Emissionsfaktoren und Herkunftsinformationen bislang außerhalb des Systems. Durch die Erweiterung der ERP-Strukturen konnten alle relevanten Daten automatisiert erfasst und zusammengeführt werden.
Die Erstellung des Nachhaltigkeitsberichts, die zuvor tage- oder sogar wochenlang dauerte, wurde dadurch auf wenige Stunden reduziert, bei voller Nachvollziehbarkeit bis zur Einzeltransaktion. Das Unternehmen gewann so die Möglichkeit, gezielt nachzuvollziehen, welche Produkte oder Prozesse besonders emissionsintensiv sind und konnte mit konkreten Maßnahmen zur Reduktion ansetzen.
Die Lieferkette wird endlich transparent
Gerade Scope-3-Emissionen sind ein kritischer Punkt für das ESG-Reporting. Sie machen oftmals den größten Teil der Gesamtemissionen aus, sind aber traditionell schwer zu erfassen. Mit einer systematischen, integrierten Datenbasis wird es möglich, auch Lieferantendaten und externe Emissionsfaktoren einzubinden, regelmäßig zu aktualisieren und Veränderungen unmittelbar abzubilden. Unternehmen gewinnen so die nötige Transparenz, um regulatorische Anforderungen zu erfüllen und ihre Lieferketten nachhaltig zu steuern. Zudem lassen sich Risiken frühzeitig erkennen: Steigen etwa die Emissionen eines Zulieferers, kann das Unternehmen gezielt reagieren oder Alternativen prüfen.
Ein weiterer Vorteil integrierter Systeme liegt in der Erschließung von Optimierungspotenzialen. Wer weiß, welche Prozesse, Produkte oder Lieferanten die größten Emissionen verursachen, kann gezielt an Stellschrauben drehen – etwa durch Prozessoptimierung, Lieferantenwechsel oder Investitionen in nachhaltige Technologien. So wird Nachhaltigkeit nicht nur zur Pflicht, sondern zu einer echten Chance für Innovation, Effizienzsteigerung und Kostensenkung. Darüber hinaus ermöglicht eine solide Datenbasis die Entwicklung neuer, nachhaltiger Geschäftsmodelle: Unternehmen können so beispielsweise CO₂e-arme Produkte gezielt bewerben oder Kunden umfassende Transparenz über die Klimawirkung ihrer Einkäufe bieten.
Die hohe Datenqualität fördert die Glaubwürdigkeit gegenüber Geschäftspartnern, Investoren und Behörden. Unternehmen, die fundierte und auditierbare Nachhaltigkeitsdaten vorlegen können, verbessern ihre Position bei Finanzierung, Ausschreibungen und Kundenbeziehungen. Auch die Integration neuer regulatorischer Anforderungen oder zusätzlicher ESG-Kennzahlen lässt sich mit einer flexiblen Systemarchitektur problemlos umsetzen. So bleiben Unternehmen weiter handlungsfähig, selbst wenn sich die gesetzlichen Vorgaben kurzfristig ändern.
Die systematische Integration von CO₂e- und ESG-Daten in Geschäftsprozesse ist für mittelständische wie große Unternehmen der Schlüssel zu zuverlässig prüfbaren, aktuellen und steuerbaren Nachhaltigkeitsinformationen. So werden nicht nur gesetzliche Anforderungen erfüllt, sondern auch echte Mehrwerte für Transparenz, Effizienz und Zukunftsfähigkeit geschaffen. Nachhaltigkeit wird damit zur klaren Steuerungsgröße und zum strategischen Vorteil im Wettbewerb.