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Großgussteile am Beispiel des Tesla Model Y

  • Zur Zeit gratis
  • 01.05.2025
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Großgussteile, die komplette Strukturbaugruppen ersetzen, sind aktuell im Tesla Model Y und in einigen chinesischen Modellen zu finden. Um einen eventuellen negativen Einfluss dieser Technologie auf die Versicherungsprämie zu prüfen und aus technischer und ökonomischer Sicht zu bewerten, hat das Allianz Zentrum für Technik (AZT) die Thematik zusammen mit Thatcham Research näher untersucht.
Großgussteile sind große, aus Aluminium oder Stahl gefertigte Komponenten, die in der Fahrzeugproduktion eingesetzt werden. Die Idee ist, Fahrzeugstrukturen, die traditionell aus mehreren miteinander verbundenen Einzelteilen bestehen, durch ein großes Gussteil zu ersetzen. Dies bietet Herstellern Vorteile in der Produktion. So wird die Anzahl der nötigen Komponenten deutlich reduziert, was in Folge die Produktionsprozesse vereinfacht. Wenn die Großgussteile aus Aluminium gefertigt sind, führt dies zudem zu einer Reduktion des Fahrzeuggewichts.
Die Technologie als solche ist nicht neu. So wurden größere Gussteile bereits im Porsche 911 (991) im Hinterwagen oder in der Mercedes S-Klasse (W 222) im Vorderwagen seit den 2010er-Jahren eingesetzt. Der Unterschied zu dem in diesem Artikel behandelten Großgussteil ist, dass die damaligen Varianten im Vergleich kleiner waren.
Aktuell ist das Großgussteil in großen Stückzahlen in Deutschland nur im Tesla Model Y zu finden. Allerdings ist in einigen chinesischen Modellen, die derzeit auf den Markt kommen, die Technologie ebenfalls im Einsatz. Etablierte Hersteller wie Volkswagen, Toyota und Volvo haben bereits Studien zu möglichen Großgussteilen in ihren Fahrzeugen vorgestellt.
Tesla bezeichnet die Technologie als Gigacasting, bei anderen Herstellern ist auch von Mega-, Uni- oder Monocasting die Rede. Im Tesla Model Y können je nach Baujahr, Antriebsvariante oder Produktionsstandort mehrere Varianten verbaut sein. Es gibt eine Gussbodengruppe sowohl vorne als auch hinten, wobei es hinten zusätzlich zwei Ausführungsvarianten gibt, Bild 1. Die ersten Fahrzeuge wurden mit einer längs geteilten Bodengruppe hinten ausgeliefert. Diese wurde im weiteren Verlauf durch die deutlich größere einteilige Gussbodengruppe hinten ersetzt. Das vordere Großgussteil ist in Deutschland heute nur vereinzelt zu finden. Tesla gibt keine allgemeingültige Auskunft, welche Fahrzeuge genau welches Gussteil enthalten.
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Bild 1
Gussbodengruppe: Varianten (© Tesla, Service Handbook 2024)
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Einfluss auf das Schadengeschehen

Da von den Fahrzeugen mit Großgussteil aktuell nur der Tesla Model Y einen relevanten Marktanteil in Deutschland besitzt, wurde diese Konstruktion als Basis für die Untersuchungen verwendet. Betrachtet man die im Model Y verbauten Großgussteile, zeigt sich, dass diese - allein durch die Positionierung - nur bei einer hohen Schadenintensität und Intrusion beschädigt werden können.
Die generische Analyse von Vollkasko(VK)-Kollisionsereignissen zeigt folglich, dass derart geschützt verbaute Großgussteile nur in einer geringen Anzahl von Schadenfällen betroffen werden. Bei der Untersuchung von circa 2000 Vollkasko-Kollisionsschäden mit Elektro(E-)fahrzeugen aus dem Jahr 2022 wurden weniger als 100 relevante Schadenfälle identifiziert, was weniger als 5 % der Fälle entspricht. Die meisten Fahrzeuge in diesen Fällen waren bei dem Unfall so schwer beschädigt worden, dass auch ohne Berücksichtigung der Großgussteil-Äquivalente in der Reparaturkalkulation bereits ein wirtschaftlicher Totalschaden eingetreten war. Damit sinkt der Anteil relevanter Fälle, in denen eine Reparatur oder Erneuerung eines Großgussteil erforderlich wäre, weiter: Nur in weniger als 1,5 % der Schadenfälle würde sich der Schadenaufwand aufgrund der Erneuerung eines Großgussteils real erhöhen. Mögliche Reparaturlösungen sind hier nicht berücksichtigt, Bild 2.
Bild 2
Großgussteil-relevante Schadenfälle in Vollkasko-Kollisionen (© Allianz Versicherungs AG)
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Die Analyse von Krafthaftpflicht(KH)-Schäden, bei denen ein Model Y als Unfallgegner beschädigt wurde, zeigt ein ähnliches Bild. Hier wurde tatsächlich nur in 1,3 % der Schäden eine Beschädigung des Gussteils festgestellt. In jedem dieser Fälle konnte das Großgussteil durch einen Teilersatz repariert werden. Ein Ersatz des gesamten Großgussteils war in keinem der untersuchten Schadenfälle nötig, Bild 3.
Bild 3
Großgussteil-relevante Schadenfälle in Krafthaftpflicht-Sach- und -Personenschäden (© Allianz Versicherungs AG)
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Crashversuch

In einem gemeinsamen Projekt mit Thatcham Research wurden in deren Versuchszentrum Crashtests durchgeführt, um die Relevanz noch besser bewerten zu können. Es war bereits bekannt, dass die Crashintensität des klassischen Strukturcrashtests zur Typklasseneinstufung gemäß RCAR-Standard nicht ausreicht, um das Großgussteil signifikant zu beschädigen. Bei diesem Strukturcrashtest [1] fährt eine Schlittenbarriere mit einer Masse von 1400 kg, einer Geschwindigkeit von rund 15 km/h, einem Winkel von 10° und einer Überdeckung von 40 % auf das Heck eines stehenden Pkws auf. Diese Crashintensität entspricht in etwa einem Auffahrunfall eines Pkws auf einen stehenden Pkw je nach Massenverhältnis zwischen 20 und 30 km/h.
Im gemeinsamen Projekt mit Thatcham Research sollte jene Grenze der Unfallschwere ermittelt werden, ab der das Gussteil beschädigt wird. Zunächst wurde ein Versuch durchgeführt, in dem die Schlittenbarriere wie beim Standardtest mit rund 15 km/h gegen das Heck des Tesla Model Y fährt. Es wurde lediglich der Aufprallwinkel vergrößert. Durch den größeren Aufprallwinkel von 40° wirken weniger längsachsenparallele und mehr seitliche Kräfte auf die Fahrzeugkarosserie ein. Dieses Szenario ist für eine Fahrzeugstruktur eine größere Herausforderung, da längs verbaute Strukturelemente die eingeleitete Energie nicht mehr gezielt abbauen können. Es zeigt sich jedoch, dass auch bei diesem ungünstigeren Anprallwinkel das Großgussteil nicht beschädigt wurde, Bild 4.
Bild 4
Versuchsanordnung für den Crash des Tesla Model Y bei Thatcham Research (© Thatcham Research)
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Erst bei einem weiteren Crashversuch mit drei Mal höherem Energieeintrag, erzeugt durch eine Geschwindigkeit der Schlittenbarriere von 25 km/h bei weiterhin ungünstigerem Winkel von 40° wurde das Großgussteil signifikant beschädigt, Titelbild. Nach diesem Versuch war ein vollständiger Ersatz des Castings aufgrund von Materialbruch erforderlich. Pkw-Pkw-Unfälle in dieser Unfallschwere und Konstellation sind im Schadengeschehen jedoch selten und kommen im innerstädtischen Bereich kaum vor, da weder solche Kollisionsgeschwindigkeiten bei Einhaltung der zulässigen Geschwindigkeit noch ein solcher Winkel bei normalen Fahrmanövern inklusive Abbiegevorgängen zwischen den Fahrzeugen erreicht werden. Die Crashversuche haben somit das Ergebnis der Datenanalyse und die geringe Relevanz der Fälle bestätigt, bei denen das Casting beschädigt wird [1].

Reparaturmöglichkeiten

Die Reparatur von Großgussteilen erfordert spezielle Qualifikationen und Geräte, insbesondere für das Schweißen von Aluminiumguss. Sie ist jedoch nicht unmöglich. Dabei variieren die technischen Reparaturmöglichkeiten je nach Lage und Umfang des Schadens. Für das Tesla Model Y werden verschiedene Reparaturlösungen für ein- und zweiteilige Großgussteile angeboten. Im Tesla-Servicehandbuch ist folgende Darstellung zu finden, Bild 5. Je nach Farbeinteilung sind gewisse Reparaturen möglich. Im grünen Bereich ist beispielsweise das Schweißen von Beschädigungen bis 50 mm möglich. Zudem können gebrochene Bolzen ersetzt oder verbogene Bereiche mit kalten Verfahren gerichtet werden. Am relevantesten für das übliche Schadengeschehen ist jedoch die Möglichkeit, die Endstücke des hinteren Großgussteils im Model Y zu ersetzen, Bild 6.
Bild 5
Reparaturmöglichkeit Gussbodengruppe hinten (einteilig) (© Tesla, Service Handbook 2024)
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Bild 6
Reparaturlösung für den Tausch des Endstücks (© Thatcham Research)
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Hierfür wird das beschädigte Endstück an einer gekennzeichneten Linie abgetrennt und im Anschluss durch ein neues Teil ersetzt. Dies ist mit der etablierten Reparaturmethode „Längsträgerteilersatz“ vergleichbar. In einem dem AZT vorliegenden Schadenfall wurde diese Reparatur in Deutschland bereits durchgeführt. Die Mitarbeitenden von Thatcham Research in England konnten das Endstück in ihrer Werkstatt ebenfalls erfolgreich ersetzen.
Um die Kosten für diesen Teilersatz bewerten zu können, wurde eine Phantomkalkulation in Silver-DAT erstellt. Hierbei wurde ein typischer Heckschaden simuliert und das Tesla Model Y mit einem VW ID.4 (ohne Großgussteil) verglichen. Es zeigt sich, dass die Reparaturlösung des Model Y nur minimal teurer ist als der Längsträgerteilersatz im ID.4. Betrachtet man den kompletten simulierten Schaden, besteht am Ende nur eine Differenz von wenigen Hundert Euro, die die Reparatur des Model Y teurer ist.
Untersuchungen von Thatcham führten zu einem ähnlichen Ergebnis. Es wurden die Reparaturkosten für eine teilweise Reparatur sowie für den kompletten Tausch des Großgussteils im Model Y mit anderen Fahrzeugmodellen und gleichem Beschädigungsgrad verglichen. Hieraus geht hervor, dass die Reparatur eines Tesla Model Y vergleichbar beziehungsweise günstiger als bei einem Tesla Model 3 ist, das in konventioneller Stahlbauweise gefertigt wird. Dasselbe gilt für den Vergleich mit Fahrzeugen anderer Marken.

Zusammenfassung

Der Einfluss von Großgussteilen auf den Schadenaufwand der Versicherung kann als gering eingeschätzt werden, wenn das Casting sich nicht auf die äußeren Fahrzeugbereiche erstreckt sowie Reparaturlösungen verfügbar und Reparaturwerkstätten ausreichend geschult sind. Tatsächlich ist die Typklasse des Tesla Model Y, als erstes Fahrzeug mit einem Gussteil dieser Größe, derzeit nicht auffällig.

Literaturhinweis

[1]
Research Council for Automobile Repairs (RCAR): Low-speed structural crash test protocol (Issue 2.5). November 2024. Online: https://www.rcar.org/papers/, aufgerufen: 18. Dezember 2024
 

Danke

Die Autoren bedanken sich bei den Kollegen von Thatcham Research für die Unterstützung bei der Erstellung dieses Beitrags.

Melanie Kreutner

ist Referentin Sicherheitsforschung bei der AZT Automotive GmbH in Ismaning.

David Unger

ist Referent Unfallforschung bei der AZT Automotive GmbH in Ismaning.

Carsten Reinkemeyer

ist Leiter Fahrzeugtechnik & Sicherheitsforschung bei der AZT Automotive GmbH in Ismaning.

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Titel
Großgussteile am Beispiel des Tesla Model Y
Verfasst von
Melanie Kreutner
David Unger
Carsten Reinkemeyer
Publikationsdatum
01.05.2025
Verlag
Springer Fachmedien Wiesbaden
Erschienen in
ATZ - Automobiltechnische Zeitschrift / Ausgabe 5/2025
Print ISSN: 0001-2785
Elektronische ISSN: 2192-8800
DOI
https://doi.org/10.1007/s35148-025-2232-0
    Bildnachweise
    Großgussteile /© Thatcham Research, AVL List GmbH/© AVL List GmbH, dSpace, BorgWarner, Smalley, FEV, Xometry Europe GmbH/© Xometry Europe GmbH, The MathWorks Deutschland GmbH/© The MathWorks Deutschland GmbH, IPG Automotive GmbH/© IPG Automotive GmbH, HORIBA/© HORIBA, Outokumpu/© Outokumpu, Head acoustics GmbH/© Head acoustics GmbH, Gentex GmbH/© Gentex GmbH, Ansys, Yokogawa GmbH/© Yokogawa GmbH, Softing Automotive Electronics GmbH/© Softing Automotive Electronics GmbH, measX GmbH & Co. KG