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Über dieses Buch

Wenig wurde bislang über die erkenntnistheoretische Fundierung der Grounded Theory in der pragmatischen Sozialphilosophie und die daraus resultierenden Konsequenzen für das Verständnis der methodologischen Konzeption wie der praktischen Verfahren geschrieben. Der Band schließt diese Lücke, indem das Erkenntnismodell, ausgehend von den Arbeiten von C.S. Peirce, J. Dewey, G.H. Mead und W. James, vorgestellt und den Spuren nachgegangen wird, die dieses Modell als Geltungsbegründung in der Methodologie der Grounded Theory hinterlassen hat. Dabei geht der Text auch auf die gravierenden methodologischen Unterschiede zwischen der von Anselm L. Strauss geprägten und der von Barney G. Glaser vertretenen Variante von Grounded Theory ein und beschäftigt sich mit wesentlichen Weiterentwicklungen einer pragmatistischen Grounded Theory im Kontext postmodernen Denkens. Die vorliegende, vierte Auflage schließt zudem den aktuellen Diskurs um die Etablierung ansatzübergreifender Gütekriterien qualitativen Forschens an die Grounded Theory-immanenten Strategien zur Qualitätssicherung an. Forschende erhalten damit eine wertvolle Argumentationshilfe für die Legitimation ihrer empirischen Designs.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Einleitung

Zusammenfassung
Die Grounded Theory, die 2017 ihren 50. Geburtstag gefeiert hat, ist ein Produkt der Rebellion. Sie erblickte das Licht der Welt nicht zufällig gerade zu einer Zeit als auch in den USA die jungen Studenten an den Universitäten gegen die Routinen und Verkrustungen des universitären Betriebs, den Muff der McCarthy-Ära und die imperiale Selbstgewissheit des American Way of Life aufbegehrten. Genau für diese junge Akademikergeneration, die „Kids“, wie Strauss sie an anderer Stelle nennt, haben Glaser und Strauss Mitte der 1960er-Jahre mit ihrem Buch The Discovery of Grounded Theory ein „Manifest der qualitativen Sozialforschung“ verfasst. Aus diesem noch rohen Entwurf hat sich ein Verfahren entwickelt, von dem heute mitunter behauptet wird, es habe mittlerweile den „Status einer allgemeinen Methodologie qualitativer Sozialforschung“ erlangt. Auch wenn man so weit nicht gehen mag, bleibt doch festzuhalten, dass die Grounded Theory in letzten vier Jahrzehnten zu einem der am weitesten verbreiteten Verfahren der qualitativ-interpretativen Sozialforschung geworden ist.
Jörg Strübing

Kapitel 2. Was ist Grounded Theory?

Zusammenfassung
Über epistemologische und methodologische Hintergründe der Grounded Theory lässt sich nicht gut reden, solange nicht auch die Begriffsbedeutung und die Grundzüge des Verfahrens noch einmal kurz rekapituliert werden. Dies geschieht im zweiten Kapitel, das Grundsätze, Prozesslogik und Verfahrensschritte der Grounded Theory unter Bezugnahme auf die einschlägigen Standardwerke kurz vorstellt. Auf die Darstellung in diesem Kapitel nimmt die Diskussion in den folgenden Kapiteln immer wieder Bezug. Das Kapitel verdeutlicht, was tatsächlich gemeint ist, wenn in der Grounded Theory etwa von „Kodieren“, „theoretischem Sampling“ oder „Konzepten“ die Rede ist. Missverständnisse wie etwa jenes, dass Kodieren in der Grounded Theory so etwas wie ein Bezeichnen von Textstellen mit einem Begriff sei, werden hier ausgeräumt. Allerdings kann dieses Kapitel nicht die Leistung einer systematischen Einführung in das ‚how to do‘ Grounded Theory orientierten Forschens übernehmen. Dies bleibt den von Strauss bzw. Strauss und Corbin vorgelegten Einführungen vorbehalten.
Jörg Strübing

Kapitel 3. Erkenntnismodell und Wirklichkeitsbegriff im Pragmatismus

Zusammenfassung
Methodologien und Methoden basieren auf erkenntnis-, wissenschafts- und sozialtheoretischen Annahmen, die – mal implizit und mal explizit – die Gestalt der Verfahren ebenso prägen wie sie ihrer Rechtfertigung die argumentative Basis geben. Ein beliebtes Muster in kontroversen Methodendiskussionen besteht im Ignorieren der Unterschiede der konkurrierenden methodischen Positionen in Bezug auf diese Vorannahmen – etwa im Fall der Universalisierung des kritischen Rationalismus. Mitunter machen es die Protagonisten bestimmter Methodologien ihren Kritikern allerdings auch leicht, indem sie ihre Vorannahmen nicht sorgfältig und konsequent genug explizieren oder gar indem sie, einem vermeintlichen Konformitätsdruck in den Wissenschaften nachgebend, ihre methodischen Vorschläge vorschnell einem dominierenden wissenschaftstheoretischen Paradigma unterordnen. Das vorliegende Kapitel stellt die für die Grounded Theory prägende wissenschafts- und erkenntnistheoretische Verankerung im klassischen Amerikanischen Pragmatismus dar.
Jörg Strübing

Kapitel 4. Theoriebegriff, Vorwissen und das Problem der Induktion

Zusammenfassung
Nicht zufällig taucht der Begriff der Theorie bereits im Etikett „Grounded Theory“ auf: Von Beginn an haben sowohl Glaser als auch Strauss die Formulierung erklärend-verstehender Theorien über den erforschten Gegenstandsbereich zum Ziel des von ihnen verfochtenen Verfahrens erkoren und dazu einen analytischen Prozess zur Voraussetzung erklärt. Von forschungsstrategischen Alternativen wie etwa einer „dichten Beschreibung“ setzen sie sich unter Hinweis auf ihren Anspruch an Systematik und konzeptuelle Dichte der angestrebten Forschungsergebnisse ab. Der vor allem von Strauss entwickelte und an den Pragmatismus anschließende prozessuale Theoriebegriff der Grounded Theory wird auf den folgenden Seiten dargestellt und auf seine Konsequenzen für den Forschungsstil befragt.
Jörg Strübing

Kapitel 5. Glasers Angriff auf Strauss und Corbin als Ausdruck fundamentaler sozialtheoretischer und erkenntnislogischer Differenzen

Zusammenfassung
Im Jahre 1992 veröffentlichte Barney G. Glaser im Eigenverlag ein kleines Buch mit dem Titel Emergence vs Forcing. Basics of Grounded Theory Analyses. Dieses Buch dokumentiert öffentlich den massiven Bruch, zu dem es 1990, zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung von Basics of Qualitative research, zwischen Strauss und Glaser gekommen ist. Dieses Kapitel geht der Argumentation Glasers nach, fragt nach den Hintergründen und überprüft die Kritik auf ihre Stichhaltigkeit und Konsequenz. Im Ergebnis wird Glasers Position als wissenschaftlich nicht haltbar zurückgewiesen.
Jörg Strübing

Kapitel 6. Was ist ‚gute‘ Grounded Theory? Konsequenzen einer pragmatistischen Epistemologie für Qualitätssicherung und Gütekriterien

Zusammenfassung
Qualitativ-interpretative Verfahren sind mittlerweile eine feste Größe im Kanon empirischer Methoden der Sozialwissenschaften. Ihre zunehmende und immer selbstverständlichere Verwendung in der Sozialforschung sowie ihre Vermittlung in der soziologischen und psychologischen Methodenausbildung werfen Fragen nach Standards und Gütekriterien qualitativer Verfahren auf, die nicht erst in jüngster Zeit Anlass zu einigen methodologischen Debatten und Diskussionsbeiträgen waren. Dabei stellt sich die Ausgangslage zumindest in einem Punkt deutlich anders dar als in der nomologisch-deduktiv orientierten, quantifizierenden Sozialforschung: Im Unterschied zu diesen standardisierten Verfahren ruhen viele der qualitativen Verfahren auf jeweils voneinander abweichenden Prämissen auf, verwenden also divergierende Legitimationen für die Gültigkeit und Angemessenheit ihrer jeweiligen Verfahrensregeln. Das Kapitel behandelt sowohl unterschiedliche Arten von Gütekriterien für Grounded Theory-basierte Studien, als auch einen Vorschlag für ansatzübergreifende Gütekriterien qualitativer Sozialforschung.
Jörg Strübing

Kapitel 7. Grounded Theory und Situationsanalyse: Zur Weiterentwicklung der Grounded Theory

Zusammenfassung
Wie jeder andere Forschungsstil auch unterliegt die Grounded Theory fortwährendem Wandel in dem Sinne, dass sowohl ihre Prämissen als auch ihre Verfahrsweisen immer wieder an sich wandelnde Forschungserfordernisse, aber auch an Fortschritte in der sozialtheoretischen und methodologischen Diskussion angepasst werden müssen. Daraus haben sich eine Reihe von Varianten zur traditionellen Grounded Theory ergeben, von denen in diesem Kapitel vor allem zwei, die kostruktivistische Grounded Theoy nach Charmaz und die Situationsanalyse nach Clarke diskutiert werden.
Jörg Strübing

Kapitel 8. Fazit und Ausblick

Zusammenfassung
Grounded Theory ist, wie ich über die verschiedenen Kapitel dieses Buches dargelegt habe, ein facettenreicher und für die deutsche Methodendiskussion und -praxis in manchen Aspekten gewöhnungsbedürftiger, aber auch ertragreicher und vielfältig einsetzbarer Forschungsstil. Stark geprägt sowohl von der hierzulande inzwischen stärker rezipierte erkenntnistheoretischen und sozialphilosophischen Tradition des amerikanischen Pragmatismus, aber auch von einer eher im nordamerikanischen Raum üblichen Pragmatik im Verständnis von Wissenschaft und Forschung (vgl. zu unterschiedlichen Wissenschaftskulturen Galtung, 1983), bedarf es einiger Übersetzungsarbeit, um nicht in einen plumpen Instrumentalismus des Anwendens methodischer Regeln und Imperative zu verfallen. Dieses abschließende Kapitel resümiert die entwickelten Argumente und gibt einen Ausblick auf künftige Perspektiven dieses überaus ertragreichen Forschungsstils.
Jörg Strübing

Backmatter

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