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Über dieses Buch

Diese Festschrift zu Ehren Steffen M. Kühnels versammelt eine Vielzahl von Beiträgen zu verschiedenen Themengebieten, mit denen sich der renommierte Soziologe in den vergangenen Jahrzehnten beschäftigt hat. In rund 35 Artikeln diskutieren deutsche und internationale Expertinnen und Experten zentrale Fragen der empirischen Sozialforschung. Die inhaltliche Vielfalt der Beiträge spiegelt dabei das breite Forschungsinteresse und langjährige Schaffen von Steffen M. Kühnel wider. Der erste Teil der Festschrift setzt sich mit der (Weiter-)Entwicklung von statistischen Verfahren und empirischen Forschungsmethoden auseinander. Hierbei wird auch wissenschaftstheoretischen Fragestellungen nachgegangen. Der zweite Teil behandelt Themen der angewandten Sozialforschung und untersucht aktuelle Fragen, insbesondere aus den Bereichen der politischen Wahlen und Partizipation sowie der Einstellungs- und Vorurteilsforschung.

Dr. Anja Mays, Institut für Soziologie, TU Darmstadt.

Dr. André Dingelstedt, Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG), Berlin.

Verena Hambauer, Methodenzentrum Sozialwissenschaften, Universität Göttingen.

Stephan Schlosser, Methodenzentrum Sozialwissenschaften, Universität Göttingen.

Florian Berens, Methodenzentrum Sozialwissenschaften, Universität Göttingen.

Dr. Jürgen Leibold, Methodenzentrum Sozialwissenschaften, Universität Göttingen.

Jan-Karem Höhne, Universität Mannheim.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Statistische Grundlagen

Frontmatter

Notes on Comparative and Causal Analyses Using Loglinear, Logit, Logistic, and Other Effect Coefficients

Der Vergleich von Koeffizienten aus logistischen Regressionsmodellen zwischen verschiedenen Stichproben oder zwischen verschachtelten Gleichungen innerhalb einer Stichprobe ist aufgrund der Skalierungsproblematik der Koeffizienten bzw. der Aggregierung der Daten über einzelne Variablen schwierig. Die Ursprünge der Schwierigkeiten werden ebenso diskutiert wie einige Lösungen, und zwar getrennt für logistische Regressionsmodelle, die als LVM – latente Variablenmodelle interpretiert werden, und für logistische Regressionsmodelle, die als DRM – diskrete Responsemodelle interpretiert werden. Besonderes Augenmerk wird auf die mögliche kausale Interpretation der logistischen Koeffizienten gelegt.

Jacques Hagenaars, Hans-Jürgen Andreß

Panel Conditioning or SOCRATIC EFFECT REVISITED: 99 Citations, but is there Theoretical Progress?

In a paper published as early as 1987 by Jagodzinski, Kühnel and Schmidt on attitude measurement in a three wave panel study, we established empirically a general orientation toward foreign employees in Western Germany called “Gastarbeiter”. These items have been continuously used from 1980 till now in the ALLBUS studies (Wasmer and Hochman 2019). In this paper, we have analyzed how the citation, explanation and modeling of the Socratic effect for explaining changes in panel data developed over time starting with the original paper of Jagodzinski et al. (1987). According to Google Scholar retrieved at 24.1.2019, 99 citations were found, which are all listed in the Online Supplementary. From the beginning on, there were discussions on eight different alternative model specifications derived from varying theoretical backgrounds, which all fitted the data (Jagodzinski et al. 1987, 1988, 1990; Steyer and Schmitt 1990; Saris and van der Putte 1988; Saris and Hartmann 1990). Till 2018, these authors continued with their model specifications in their publications, whereas the other authors citing the Socratic effect completely ignored the issue of the most adequate model specification. They used just the standard autoregressive model and in most cases did not discuss in a detailed way how the Socratic effect should guide the parameter restrictions in the model. In this paper, we take into account the criticism of Hamaker et al. (2015) of the autoregressive and the autoregressive cross-lagged model and their proposal of an random intercept autoregressive model as a more adequate alternative to separate within and between variance. We have used the attitude toward foreigners module of the GESIS ACCESS panel (Wagner et al. 2014) to specify and test how the Socratic effect can be taken into account in this model. The differences between the results of the autoregressive model and the random intercept model are substantial. Those differences refer to the sign, the strength and the significance of the coefficients and are similar to those found by Hamaker et al. (2015) and Kühnel and Mays (2019).

Peter Schmidt, Maria-Therese Friehs, Daniel Gloris, Hannah Grote

Mixture Models in Longitudinal Research Designs

Latent growth curve models as structural equation models are extensively discussed in various research fields. Further methodological and statistical developments regarding mixture models are able to consider unobserved heterogeneity in developmental processes. Muthén (2001a, b) extended the classic structural equation approach by mixture components in terms of categorical latent classes resulting into the concept of growth mixture models. The paper discusses applications of growth mixture models with data on delinquent behavior of adolescents from the German panel study Crime in the modern City (CrimoC). Special attention is given to the distributions of the time-variant outcome variable (delinquency) as a count variable. The application of a mixture model assumes a negative binomial distributed count variable and discuss seven classes regarding different developments of delinquency. The mixture model is extended by a multinomial regression model containing five different exogenous variables explaining the latent class distributions. The concept of three-step latent class modeling (Vermunt 2010) is introduced and advantages of the conditional growth mixture model is discussed by an empirical example.

Jost Reinecke

Der Mythos von der „gefährlichen“ Multikollinearität bei der Schätzung von Interaktionseffekten

Der Beitrag thematisiert den weit verbreiteten Mythos von der Gefährlichkeit kovariierender unabhängiger Variablen bei der Schätzung und Interpretation von Interaktionseffekten in linearen Regressionsmodellen. Es wird argumentiert, dass durch die multiplikative Konstruktion von Interaktionsvariablen zwar notwendigerweise eine hohe Multikollinearität zwischen den einzelnen Prädiktoren und der Interaktionsvariablen entsteht, diese Multikollinearität aber kein zu behebendes Problem darstellt und auch die Mittelwertzentrierung entgegen anderslautender Aussagen die Multikollinearität bei Interaktionseffekten nicht korrigieren kann.

Jochen Mayerl, Dieter Urban

Mit Thomas Müller in die statistische Bildung: Grundvorstellungen und Begriffsbildung am Beispiel der Lagemaße

Statistische Bildung ist in vielen Studiengängen verpflichtender Teil der fachlichen Grundausbildung. Studierende begegnen diesem Teil ihres Studiums oft mit Abneigung und einer mangelnden Einsicht in dessen Notwendigkeit und praktische Relevanz. Lehrende schwanken in ihren Kursvorbereitungen zwischen geforderter formaler Präzision und dem Wunsch nach einfacher und anwendungsbezogener Darstellung. Am Beispiel der Lagemaße (arithmetisches Mittel, Median und Modus) entwickelt dieser Beitrag einen theoriegeleiteten Vorschlag zu einer umfänglichen Bildung eines statistischen Begriffsverständnisses. Es wird dazu eine Konzeption von Grundvorstellungen für Lagemaße vorgelegt und der idealtypische Begriffsbildungsprozess am Beispiel diskutiert. Konkrete Empfehlungen für die Lehre schließen den Beitrag ab. Insgesamt verfolgt dieser Beitrag damit drei Ziele: Erstens versucht er eine Einführung in die mathematikdidaktischen Grundlagen zu Grundvorstellungen und Begriffsbildung für Lehrende zu geben, zweitens legt er eine Neukonzeption von Grundvorstellungen der Lagemaße vor und drittens macht er konkrete Vorschläge zur Gestaltung von Lehrveranstaltungen zu Lagemaßen.

Florian Berens

Methoden

Frontmatter

Soziologisches Erklären

Steffen Kühnels Beitrag zu kausalanalytischen Auswertungsverfahren

Ausgehend von der Beobachtung, dass ein wesentliches Ziel sozialwissenschaftlicher Modellbildung das Aufklären von Kausalbeziehungen ist, zeigt der Beitrag, dass sich die Geschichte der quantitativen Auswertungsverfahren teilweise durch den Versuch erklären lässt, durch methodologische Weiterentwicklungen von Auswertungsverfahren sukzessive Probleme der Kausalität zu lösen. Im Rahmen dieser Debatte hat Steffen Kühnel einen wichtigen Beitrag geleistet. Zu diesen Problemen gehören das Drittvariablen-Problem, unrealistische Modellannahmen, die Zeitlichkeit sozialer Phänomene, die Raum- und Kontextabhängigkeit sozialer Phänomene, die Identifikation von komplexen Kausalbedingungen (INUS-Bedingungen) sowie das Problem der Handlungsträgerschaft. Dabei wird gezeigt, dass Datenerhebung, -auswahl und -analyse systematisch zusammengedacht werden müssen, weil Fehler bei Datenerhebung und -auswahl die kausalanalytische Datenanalyse beeinträchtigen.

Nina Baur

Ein zweistufiges Modell zur Erklärung sozialen Handelns – Methodologische Grundlagen, statistische Modellierung und Anwendung auf kriminelles Handeln

Das Ziel der vorliegenden Studie besteht darin, innerhalb des Bezugsrahmens der analytischen Soziologie und ausgehend von einem Rational Choice-Ansatz Entscheidungen für kriminelles Handeln als einen zweistufigen Prozess zu konzeptualisieren und diesen anhand eines Discrete Choice Models (Hensher et al. 2005) konsequent statistisch zu modellieren. Für die empirische Analyse werden Daten einer postalischen Befragung (n = 2383) mit disproportional geschichteter Zufallsstichprobe von Bewohnern einer ostdeutschen Großstadt herangezogen. Gelegenheiten zu Fundunterschlagungen werden über Vignetten operationalisiert. Die Datenanalyse erfolgt mittels eines sequenziellen Logit-Modells, das erlaubt, beide Stufen des Entscheidungsprozesses simultan abzubilden und zu analysieren (Buis 2011, 2017). Die Ergebnisse der Studie werden unter methodologischen, theoretischen und statistischen Gesichtspunkten interpretiert und mit Blick auf das Potenzial des gewählten Vorgehens für weitere Studien diskutiert.

Stefanie Eifler, Heinz Leitgöb

Die Renaissance der „Unobtrusive Methods“ im digitalen Zeitalter

„Unobtrusive measures“ wurden in den sechziger Jahren von Webb et al. (1966) propagiert und im deutschsprachigen Raum auch als „nicht-reaktive“ Methoden der Sozialforschung bekannt (Bungard und Lück 1974). Dazu zählten Feldexperimente mit aktiver Intervention des Forschers ebenso wie die „passive“ Registrierung von Verhaltensspuren und amtliche Registerdaten. Als Webb et al. über diese Techniken geschrieben hatten, konnten sie nicht ahnen, dass ein halbes Jahrhundert später gigantische Mengen aller Arten von Spuren menschlichen Verhaltens auf Datenträgern aufgezeichnet werden. Nicht nur in der Online-Welt, sondern auch offline durch Unmengen von Geräten und Sensoren im Alltag der hochtechnisierten Gesellschaft. Videokameras auf öffentlichen Plätzen, Scannerkassen und Kundenkarten, Kreditkarten und Mobilfondaten sind nur einige Beispiele. Mit dem „Internet der Dinge“ werden diese Informationen in einem enormen Ausmaß weiter zunehmen (Helbing 2015). Neue Disziplinen wie „Data Science“ und „Computational Social Science“ (CSS) sind entstanden, an denen die Soziologie heute noch zu wenig Anteil hat. Die Digitalisierung bietet der theoretisch orientierten und empirisch forschenden Soziologie enorme Chancen der Erkenntnisgewinnung. Lehre und Forschung in der Soziologie müssen sich umorientieren und auf diese Herausforderungen reagieren.

Andreas Diekmann

Mixed Methods und die Qualität standardisierter Daten

In dem Beitrag wird die „Skala zur Erfassung kosmologischer Überzeugungen“ des ALLBUS 2012 unter Verwendung eines sequenziellen Mixed-Methods-Designs hinsichtlich ihrer Qualität untersucht. Der quantitative Forschungsstrang besteht aus einer statistischen Item- und Skalenanalyse sowie der Betrachtung von Antwortverteilungen nach Subgruppen mit unterschiedlicher religiöser Praxis und Überzeugung. Hierbei ergeben sich statistische Auffälligkeiten und (vermeintliche) Inkonsistenzen im Antwortverhalten der Befragten. Mittels kognitiver Interviews, die an die quantitativen Befunde anschließen, können im qualitativen Forschungsstrang Validitätsbedrohungen durch die gezielte Rekonstruktion von Deutungsmustern eingegrenzt und bearbeitet werden. Der Mixed-Methods-Ansatz legt offen, dass die Befragten in Abhängigkeit vom Grad der eigenen institutionellen religiösen Einbindung sowie dem Maß der Vertrautheit mit biblischen Inhalten die Items unterschiedlich gut (im intendierten Sinne) verstehen und interpretieren.

Bettina Langfeldt, Udo Kelle, Brigitte Metje

‚Quanti‘ und ‚Quali‘ – zwei unversöhnliche Lager oder sich ergänzende Perspektiven? Zur Relevanz des selten und des häufig auftretenden Falls für die Forschung

In diesem Beitrag geht es um die Betonung der zwischen Steffen Kühnel und den Autorinnen geteilten Vorstellung über die Berechtigung oder Sinnhaftigkeit unterschiedlicher methodischer Zugänge zur Erforschung sozialer Phänomene und die (An-)Erkennung der grundlagentheoretisch fundierten Unterschiede zwischen einem quantitativen und einem qualitativen bzw., um es genauer zu formulieren, einem interpretativen Forschungsvorgehen. Dies wird beispielhaft an den unterschiedlichen Verfahren des Samplings für interpretative versus quantifizierende Forschungsverfahren gezeigt; besondere Berücksichtigung finden dabei der ‚seltene Fall‘ und seine Bedeutung für theoretische Verallgemeinerungen.

Gabriele Rosenthal, Nicole Witte

Fälschungen von Umfragedaten

Fälschungen von Umfragen sind in der empirischen Sozialforschung noch immer ein seltenes Thema. Auch wenn sie inzwischen zumindest ab und zu diskutiert werden, so wird fast immer davon ausgegangen, dass es diese nicht gibt bzw. dass die Erhebungsinstitute diese finden und sie vor der Weitergabe aus dem Datensatz entfernen. Statt sich des Themas Fälschungen anzunehmen konzentriert sich die Forschung darauf, wie die Fragebögen optimiert, die Ausfallquoten minimiert und wie die Interviewer besser geschult werden können. Dies ist zwar sinnvoll, hilft aber nur partiell die Qualität der Umfragen zu verbessern, da in wesentlich mehr Fällen als gedacht Interviews gefälscht werden, in der Regel nicht total, diese sind von den Erhebungsinstituten zu einfach zu entdecken, sondern nur in Teilen, z. B. von einzelnen Fragebatterien. Fälschungen von Fragebatterien manifestieren sich u. a. in einfachen, stereotypen Antwortmustern, die in der Literatur oft als Satisficing (Krosnick 1991) bezeichnet werden. Aber vielfach sind es gar nicht die Befragten die derart vereinfachte Antworten geben, es sind Interviewer, die diese Antworten ohne die Fragen gestellt zu haben in die Erhebungsbögen eintragen. Im Zentrum dieses Aufsatzes steht der ALLBUS 2008 und Interviewer, die zumindest Teile ihrer Interviews gefälscht haben.

Jörg Blasius

Antwortskalenrichtung und Umfragemodus

Der Einfluss der Antwortskalenrichtung auf das Antwortverhalten ist ein bekanntes Phänomen in der quantitativen empirischen Sozialforschung. Es existieren verschiedene theoretische Erklärungsansätze für das Auftreten solcher Effekte, so dass die Literatur unterschiedliche empirische Befunde berichtet. Allerdings hat die Umfrageforschung gezeigt, dass das Antwortverhalten von Befragungspersonen insbesondere vom jeweiligen Umfragemodus abhängt. Aus diesem Grund vergleichen wir in dieser Studie das Auftreten von Effekten der Antwortskalenrichtung in zwei unterschiedlichen selbstadministrierten Umfragemodi: „Paper/Pencil (PaPi)“ und Web. Zu diesem Zweck haben wir ein Umfrageexperiment (n = 657) mit vier Gruppen durchgeführt indem sowohl die Antwortskalenrichtung (absteigend vs. aufsteigend) als auch der Umfragemodus (PaPi vs. Web) variiert wurden. Die Ergebnisse liefern Anhaltspunkte für Richtungseffekte im PaPi Modus. Für den Web Modus sind hingegen keinerlei Anhaltspunkte für Richtungseffekte zu finden. Darüber hinaus zeigen die Untersuchungen, dass bei gleichbleibender Skalenrichtung keine Messinvarianz zwischen den zwei Umfragemodi (PaPi und Web) besteht.

Dagmar Krebs, Jan Karem Höhne

Interest in Science: Response Order Effects in an Adaptive Survey Design

The chapter covers a survey experiment on two kinds of response effects. Response order is analysed against the background of the prominent primacy/recency hypothesis in survey methodology. Since this hypothesis refers to unordered scales, a modified version is suggested for the case of ordinal scales. The use of four vs. five response categories represents a second experimental factor. The probit regression analysis confirms both the “modified primacy-effect hypothesis” and the “missing-equivalence hypothesis” on the use of four vs. five response categories. The experiment is embedded in an adaptive survey design. The data come from the “Bremen City-of-Science Survey” which was conducted in mixed – web and telephone – mode in the spring of 2016. For this survey, a probability sample of residents aged 18 + was drawn from the population register of the city of Bremen.

Uwe Engel

Endgerätespezifische und darstellungsabhängige Bearbeitungszeit- und Antwortverhaltensunterschiede in Webbefragungen

In der Regel können Befragte bei der Teilnahme an Webbefragungen selbst wählen, mit welchem Endgerät sie an der Befragung teilnehmen möchten. Aufgrund des technischen Fortschritts und der zunehmenden Netzabdeckung entscheiden sich immer mehr Personen an Webbefragungen mittels Smartphones teilzunehmen, während in der Regel weiterhin die größere Zahl der Befragten mit ihrem PC antworten. Unsere Studie untersucht, auf der Basis von zwei Studierendenbefragungen, Unterschiede im Hinblick auf die Bearbeitungszeit sowie das Antwortverhalten zwischen PC und Smartphonenutzenden. Des Weiteren untersuchen wir Unterschiede zwischen optimiertem und nicht optimiertem visuellem Fragedesign. Unsere Untersuchung zeigt, dass Befragte auf Smartphones längere Bearbeitungszeiten als Befragte auf PCs aufweisen, dies aber kaum Auswirkungen auf das Antwortverhalten hat. Bei der Gegenüberstellung von optimiertem und nicht optimiertem Fragebogendesign konnte eine signifikant höhere Abbruchrate unter Verwendung eines Smartphones mit nicht optimiertem Design festgestellt werden. Die Ergebnisse unserer Studie deuten darauf hin, dass eine Datenerhebung mit Smartphones eine echte Alternative zu traditionellen Webbefragungen mittels PCs darstellt – gerade, wenn man in Betracht zieht, dass die Erhebung mit Smartphones auch die Möglichkeit einer Auswertung von zusätzlichen Daten (z. B. Sensor- oder GPS-Daten) bietet.

Stephan Schlosser, Henning Silber

Verwendung von Zensus-Paradaten unter besonderer Berücksichtigung von Namensverteilungen

Bei der Durchführung von Zensen werden Daten durch den Erhebungs- und Verarbeitungsprozess selbst generiert. Solche Daten werden in der neueren Literatur als Paradaten bezeichnet. Paradaten sind für die statistische Beurteilung der Qualität jeder Datenerhebung unverzichtbar. Daneben werden durch einen Zensus Hilfsdateien erzeugt, die für zahlreiche Fragestellungen und administrative Aufgaben von eigenem Interesse sind, so z. B. Straßen- und Geburtsorteverzeichnisse. Schließlich werden durch einen Zensus Namensverteilungen generiert, die sowohl für die Migrationsforschung als auch für die Verbesserung der Verfahren der amtlichen Statistik und anwendungsbezogenen Informatik von erheblicher Bedeutung sind. Dieses Papier beschreibt stichwortartig nur die aus Sicht des Verfassers wichtigsten Verwendungsmöglichkeiten dieser Daten.

Rainer Schnell

Harmonisierung von sozio-demografischen Hintergrundvariablen, dargestellt am Beispiel des „privaten Haushalts“

In Umfragen sind die sozio-demografischen Fragen in der Regel die unabhängigen Variablen. Will man mehrere Umfragen miteinander vergleichen, benötigt man für die sozio-demografischen Fragen im nationalen Kontext eine Standardisierung, im internationalen Kontext eine Harmonisierung der Fragen hinsichtlich Fragentext und Antwortkategorien.Im Artikel wird anhand des Beispiels der Variable „privater Haushalt“ aufgezeigt, wie die Harmonisierung für den internationalen Vergleich in vier Schritten, beginnend mit dem Herausarbeiten dessen, was mit der Variable erfasst werden soll, stattfinden muss. Im zweiten Schritt folgt die Auseinandersetzung mit den nationalen Konzepten und Strukturen der an der Umfrage beteiligten Länder, im dritten Schritt wird das Instrument erstellt und im vierten Schritt wird die Art der Harmonisierung gewählt bevor am Ende das Befragungsinstrument einsatzbereit ist.

Jürgen H. P. Hoffmeyer-Zlotnik, Uwe Warner

Funktionale Äquivalenz von Messinstrumenten in heterogenen Gesellschaften – Eine Prüfung der Stabilität der Big-Five-Messung im Sozio-oekonomischen Panel

Fehlende funktionale Äquivalenz ist im nationalen Kontext eine selten thematisierte Beeinträchtigung der Validität von Erhebungsdaten. Im Anschluss an kulturtheoretische Erwägungen von Swidler und Bourdieu wurde die strukturelle Äquivalenz einer Persönlichkeitsmessung im Sozio-oekonomischen Panel an sechs ausgewählten Subgruppen getestet. In vier von sechs Subgruppen ergaben die Faktorenanalysen nicht die theoretisch postulierte Faktorenstruktur. Die Befunde können als Beleg dafür gewertet werden, dass die Heterogenität der Gesellschaft noch nicht hinreichend bei der Entwicklung und Prüfung von Messinstrumenten Berücksichtigung findet.

Jürgen Leibold, Julia Lischewski, Stefan Kanis, Antje Rosebrock

Antisemitismus und Autoritarismus − Eine traditionell stabile Beziehung? Eine empirische Studie unter Berücksichtigung von Messinvarianz anhand der ALLBUS − Daten 1996/2006/2012/2016

Zahlreiche Studien haben mehrheitlich in Querschnitt-Analysen die starke empirische Beziehung von Autoritarismus und Antisemitismus bestätigt. Die ALLBUS-Daten 1996, 2006, 2012 sowie 2016 bieten nun die seltene Gelegenheit, die Stabilität dieses empirischen Zusammenhangs über einen Zeitraum von 20 Jahren und somit vier Erhebungszeitpunkten im Längsschnitt strengen statistischen Tests zu unterziehen. Die Items zur Erhebung der beiden bzw. drei latenten Konstrukte (klassischer und sekundärer Antisemitismus) wurden in diesen Jahren repliziert, was auch eine Überprüfung der Messinvarianz erlaubt.Die vorliegende Studie untersucht unter Anwendung von Strukturgleichungsmodellen (multiple Gruppenvergleiche) zum einen die Stabilität des Zusammenhangs (Strukturkoeffizienten) sowie die Invarianz der jeweiligen Messmodelle der latenten Konstrukte (konfigurale, metrische sowie skalare Invarianz). Zusätzlich widmet sich der Beitrag einer kleinen Untersuchung zur Unterscheidung von klassischem, sekundärem sowie des sogenannten Israelbezogenen Antisemitismus und einer nicht antisemitischen Israelkritik. Die beiden zuletzt genannten Konstrukte wurden zwar nicht anhand multipler Indikatoren operationalisiert, der ALLBUS 2016 enthält aber zumindest jeweils ein Item zur Messung dieser beiden Konstrukte, was bedingt auch einen Vergleich mit der erstmaligen empirischen Umsetzung dieser Einstellungsvarianten anhand des GMF-Survey 2004 zulässt.

Aribert Heyder, Marcus Eisentraut

Der Protest diktiert die Mittel. Über Methoden zur Erforschung neuer Protestformationen in liberalen Demokratien

Für die Analyse von sozialen Bewegungen stehen zahlreiche Ansätze und Methoden zur Verfügung. Wenn jedoch neue kollektive Mobilisierungszusammenhänge spontan die Straßen erobern, widersprechen sich die Deutungen über die Ursachen der Demonstrationen und Motive der Protestierenden oftmals. Die einander widersprechenden Interpretationen sind auch ein Hinweis darauf, dass sich das Verhältnis zwischen Demonstrierenden und Gesellschaft – entgegen der herkömmlichen Deutungen – verschoben haben. Dies wiederum fordert die Sozialwissenschaft heraus, mit pragmatischen Methoden, deren Möglichkeiten und Grenzen hier am Beispiel der Demonstrationsbefragung und Fokusgruppen diskutiert werden, über die Mobilisierung und ihre Akteure Daten zu erfassen, um erste datenbasierte Erklärungen für das Phänomen anbieten zu können.

Stine Marg

Demokratie und Gesellschaftswandel. Zur Bedeutung von Partizipationsforderungen und ihrer Analyse

Bisherige politikwissenschaftliche Perspektiven auf die Bedeutung von Partizipation in der Demokratie haben Vertrauensverluste und den Wandel von Legitimationsstrukturen entweder quantitativ und komparativ oder aber theoretisch argumentierend systematisiert. Um die unterschiedlichen Implikationen von Partizipationsforderungen vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Wandels verstehen und analysieren zu können, wird hier für eine stärker qualitativ-interpretative Perspektive plädiert, welche bisherige Beschränkungen der empirischen Demokratieforschung wie der Demokratietheorie ergänzen helfen soll. Die oft völlig diversen Sinnzusammenhänge, Bedeutungsgehalte und Durchsetzungsbedingungen von Partizipationsforderungen können so in einer Analyse voneinander getrennt und in ihren jeweils verschiedenen demokratietheoretischen Implikationen betrachtet werden.

Felix Butzlaff

Anwendungen

Frontmatter

Eindeutige Ergebnisse? Methodische Überlegungen und Untersuchungen zur Rolle der Komplexität der Zustandsdefinition in der Sequenzdatenanalyse

In der Forschungsliteratur zur Sequenzdatenanalyse wird intensiv über die Auswahl und Konfiguration der Maßzahl zur Bestimmung der Unterschiedlichkeit von Lebensläufen diskutiert; es gibt in jüngerer Zeit immer mehr Vergleiche unterschiedlicher Maßzahlen. Der Einfluss der Komplexität der Zustandsdefinition (also die Anzahl der berücksichtigten Lebenslaufaspekte) auf die Ergebnisse wurde bisher hingegen nicht erforscht, obwohl empirische Analysen gezeigt haben, dass unterschiedliche inhaltliche Dimensionen sich ganz unterschiedlich entwickeln. Die Analysen dieses Beitrages mit Daten des NEPS zeigen, dass die Ergebnisse stark von der Komplexität der Zustandsdefinition abhängen. Es wird die Empfehlung abgeleitet, zukünftige Analysen theoretisch fundiert mit einer Zustandsdefinition von geringer Komplexität (wenige, zentrale Dimensionen) zu beginnen. Dies wird damit begründet, dass beim Einbezug von mehr Dimensionen in der beispielhaften Analyse die Unterschiede verschwimmen. Nach und nach können dann weitere Dimensionen einbezogen werden, um in vergleichender Analyse den Einfluss dieser Dimensionen zu testen. In den beispielhaften Analysen hat sich ergeben, dass die Unterscheidung zwischen (Aus/Weiter)Bildung und Berufstätigkeit zentral ist und die Ergebnisse maßgeblich beeinflusst; die anderen Unterscheidungen sind weniger relevant in Bezug auf Destandardisierung.

Okka Zimmermann

Zwischen Heuristik und ideologischer Konzeptualisierungsfähigkeit: die Links-Rechts-Dimension und politisches Faktenwissen

Die politische Links-Rechts-Symbolik wird häufig als Meta-Dimension für drei große politische Konfliktlinien (sozioökonomisch, libertär-autoritär und ökologisch) und Heuristik zur Positionierung von Parteien und WählerInnen betrachtet, die Issuekenntnisse ersparen kann. Gleichzeitig gilt die ideologische Konzeptualisierungsfähigkeit, d. h. die Fähigkeit zur Verknüpfung solchen Wissens mit den Richtungsbegriffen als schwierig. Vor dem Hintergrund dieses Widerspruchs fragt der Beitrag danach, inwieweit die Links-Rechts-Symbolik in Deutschland heute generell und auch bei geringen Faktenkenntnissen als Heuristik fungiert. Die Analysen zeigen, dass zwar eine große Mehrheit der Bevölkerung sich selbst und die sechs größten Parteien auf der Links-Rechts-Dimension positioniert, jedoch nur eine Minderheit fünf bis sechs Parteien zutreffend verortet. Die inhaltlichen Vorstellungen zu diesen Positionen passen nur bei unter einem Drittel der Befragten und bei nur unter einem Prozent für alle 18 Kombinationen von Parteien mit Konfliktdimensionen. Die kompetente Anwendung der Links-Rechts-Symbolik ist zudem deutlich mit politischem Faktenwissen verbunden. Dies alles stellt den ihr zugeschriebenen Nutzen als egalisierende Heuristik in Frage und gibt Anlass zur Aufforderung an Parteien und Medien, inhaltliche Positionen entlang von „links bis rechts“ besser zu vermitteln.

Bettina Westle

Are Individuals Utility Maximizers? Empirical Evidence and Possible Alternative Decision Algorithms

One of the controversial issues of rational choice theory is whether individual actors maximize their utility. Answering this question first requires to make clear what is meant by “utility maximization” (UM). There are different definitions in the literature. In this essay, “utility” refers to anything that realizes or thwarts individual goals. “Maximization” means that actors do what they think is best for them in the given situation, i.e. what realizes their goals in the subjectively best way. It is argued that this definition is theoretically fruitful as a concept in a wide version of rational choice theory that seems superior to other versions. After a brief outline of this theory several possible problems of the UM hypothesis are discussed. (1) It is shown that the UM hypothesis is falsifiable. (2) It is illustrated with examples that existing social psychological theories, the work of classical social scientists and theories of the middle range implicitly assume UM. (3) It is argued that a “reason-based” approach is not a convincing alternative to UM. (4) Several possible falsifications of the UM hypothesis are rejected. The conclusion of this essay is that the UM hypothesis is widely applied implicitly and confirmed in empirical research. It is further argued that there is so far no clearly superior alternative decision algorithm.

Karl-Dieter Opp

Kommunikation von Religion und der Einfluss der Opportunitätsstruktur Eine empirische Analyse der Fidesnachrichten des Vatikans

In dem Beitrag wird innerhalb eines Rational Choice-Rahmens zu erklären versucht, auf welche Weltregionen sich die öffentliche Kommunikation des Vatikans konzentriert und welche Regionen im Vergleich dazu eher wenig Aufmerksamkeit finden. Anhand der Fidesnachrichten für das Jahr 2008 wird mittels einer logistischen Regressionsanalyse für 150 Länder gezeigt, dass Merkmale der Opportunitätsstruktur wie etwa die Wettbewerbssituation im religiösen Markt eines Landes die (regionale) Schwerpunktsetzung in der öffentlichen Kommunikation des Vatikans maßgeblich beeinflussen.

Dieter Ohr

Enttäuschte Aufstiegshoffnungen? Eine Untersuchung zur Einkommensentwicklung in Deutschland 1995–2015

Vor dem Hintergrund der in Deutschland in jüngerer Zeit gestiegenen Einkommensungleichheit fragen wir, ob dieser Trend mit einer Stagnation oder Abstiegen im Einkommen bestimmter Bevölkerungsgruppen einhergeht oder ob er primär auf eine veränderte Zusammensetzung der Bevölkerung zurückzuführen ist. Hierzu analysieren wir auf Basis von Daten des Sozio-oekonomischen Panels die Einkommensverläufe von Haushalten in den Jahren 1995–2015. Unsere Studie zeigt, dass die erhöhte Einkommensungleichheit nicht allein aus einer veränderten Zusammensetzung der Bevölkerung resultiert, sondern dass Haushalte, die sich in vergleichsweise schlechter Arbeitsmarktposition befinden (mit maximal beruflichem Ausbildungsabschluss bzw. als Arbeiter oder als Angestellte mit Routinetätigkeiten), im Laufe der Jahre im Durchschnitt kleinere prozentuale Steigerungen im verfügbaren Haushaltseinkommen erfahren haben als andere Haushalte. Für Haushalte mit türkischem Migrationshintergrund war die Einkommensentwicklung dabei ungünstiger als für einheimische Haushalte. Diese Befunde lassen vermuten, dass es in den genannten Bevölkerungsgruppen in den letzten Jahren in der Tat vermehrt zu enttäuschten Aufstiegshoffnungen gekommen ist.

Karin Kurz, Jörg Hartmann, Wolfgang Knöbl

Einstellungsfunktionen zum freiwilligen Engagement bei den „jungen Alten“ am Beispiel von drei Modellregionen in Niedersachsen

Bei der Frage danach, warum sich Menschen in Deutschland freiwillig engagieren, herrscht bislang wenig Klarheit. Es wird angenommen, dass das Engagement multimotiviert ist – gleichzeitig lassen sich aber auch Zusammenhänge mit den für die jeweiligen Altersgruppen spezifischen Lebenssituationen feststellen. Gerade im Alter scheinen weniger der situative Kontext als personale Faktoren einen starken Einfluss auf das Engagementverhalten zu haben; in der Ausübung nehmen Regelmäßigkeit und Dauerhaftigkeit zu. Bereits für die Gruppe der „jungen Alten“ bietet es sich daher an, Engagementmotive nicht als Handlungsdisposition zu verstehen, sondern als internale Zustände. Das Anliegen dieser Untersuchung ist es daher, einen Einblick in mögliche Strukturen der Einstellungsfunktionen zum Engagement bei den „jungen Alten“ zu geben. Vor dem Hintergrund des Funktionalen Ansatzes der Einstellungsforschung werden im Rahmen einer explorativen Analyse entsprechende Cluster gebildet und anhand soziodemografischer Merkmale sowie dem Engagementverhalten profiliert. Die Ergebnisse lassen für die Zielgruppe solche Strukturen der Einstellungsfunktionen zum Engagement erkennen, die mit bestimmten soziodemografischen Merkmalen einhergehen. In wie weit solche Strukturen jedoch tatsächlich für die „jungen Alten“ in Deutschland typisch sind bzw. sich tatsächlich im Verlauf des Lebens verändern, muss durch weitere Untersuchungen überprüft werden.

Johannes Laukamp, Elisabeth Leicht-Eckardt, Cornelius Frömmel

Wird man im Alter konservativer? Bundestagswahlen einer Kohorte ehemaliger Gymnasiasten bis zum 56. Lebensjahr

Geprüft wird die Hypothese eines im Lebenslauf zunehmenden politischen Konservatismus. Angenommen wird, dass politische Einstellungen durch das Elternhaus geprägt sind und in der Jugend stärker auf Wertansprüchen basieren, sich im Lebenslauf aber aufgrund zunehmender Erfahrungen und Investitionen in Beruf und Familie hin zu einer stärkeren Anerkennung von Sachzwängen verschieben und sich dies auch im Wahlverhalten zeigt. Datenbasis ist das Kölner Gymnasiastenpanel (KGP), eine Kohorte ehemaliger nordrheinwestfälischer Gymnasiasten. Neben der Parteineigung der Eltern 1969/1970 und dem Wahlverhalten der Befragten bei den Bundestagswahlen zwischen 1972 und 2009 sowie deren politischen Einstellungen im Alter von 30, 43 und 56 Jahren enthält das KGP auch detaillierte Informationen zur sozialen Herkunft und den privaten beruflichen Lebensläufen der Befragten. Neben einer überwiegenden Stabilität im Wahlverhalten zeigen die Analysen, dass ein Wechsel von links nach rechts häufiger ist als umgekehrt.

Klaus Birkelbach, Heiner Meulemann

Der Einfluss der physischen Attraktivität der Wahlkreiskandidaten bei den Bundestagswahlen 2005, 2009 und 2013 auf das Zweitstimmen-Wahlkreisergebnis ihrer Partei

Es gehört zu den gut dokumentierten Befunden der empirischen Wahlforschung, dass die physische Attraktivität des politischen Personals den Wahlerfolg beeinflusst. Insbesondere für die Bundesrepublik Deutschland liegen zahlreiche Studien vor, die dies auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene belegen. Umso erstaunlicher ist, dass bisher keine dieser Untersuchungen mögliche Zusammenhänge zwischen der physischen Attraktivität von Direktkandidatinnen und -kandidaten einerseits und dem für die Zusammensetzung des Bundestags entscheidenden Zweitstimmenanteilen ihrer Parteien bei den nationalen Parlamentswahlen andererseits thematisiert hat. Mit dem vorgelegten Beitrag wird diese Forschungslücke zumindest ein Stück weit geschlossen. Am Beispiel der Bundestagswahlen 2005, 2009 und 2013 wird nachgewiesen, dass die äußere Anmutung des politischen Personals auf Wahlkreisebene die Bewertung und den Zweitstimmenerfolg der Parteien beeinflusst. Der Einfluss auf den Zweitstimmenanteil schwankt dabei zwar zwischen den betrachteten Bundestagswahlen, ist jedoch stets signifikant und substanziell.

Ulrich Rosar, Markus Klein

Soziale und emotionale Dispositionen der AfD-Anhängerschaft

Viele Studien zur Anhängerschaft der AfD befassen sich mit dem sozioökonomischen Profil, den ideologischen Positionen, den Einstellungen zur Demokratie und/oder zum System von AfD-SympathisantInnen. Die vorliegende Studie nimmt neben sozioökonomischen und demografischen Merkmalen auch die soziale und emotionale Situation von AfD-AnhängerInnen in den Blick. Unter Verwendung der Daten des sozio-ökonomischen Panels aus den Jahren 2015 und 2016 ergibt sich, dass AfD-SympathisantInnen auch nach Kontrolle wichtiger soziodemografischer Merkmale im Durchschnitt über weniger Sozialkapital verfügen. Auch scheinen sie ein höheres allgemeines Frustrationsniveau und Vergeltungsbedürfnis zu besitzen als die AnhängerInnen der anderen Parteien, was auf eine besondere emotionale Disposition von AfD-SympathisantInnen jenseits der politischen Verdrossenheit hindeutet.

Anja Mays, Verena Hambauer, Valentin Gold

Einstellungen und Verhalten gegenüber geflüchteten Menschen: Ist die räumliche Distanz von Bedeutung?

Die klassische Kontakthypothese aus der Forschung zu Fremdenfeindlichkeit postuliert einen negativen Zusammenhang: Je mehr und intensivere Kontakte zu einer ethnischen Minorität bestehen, desto eher werden Vorurteile reduziert und desto geringer sind fremdenfeindliche Einstellungen. Empirisch konnte dieser Effekt vielfach bestätigt werden. In unserem Beitrag untersuchen wir eine Erweiterung dieser „sozialen“ Kontakthypothese hin zu einer „räumlichen“ bzw. „geografischen“ Kontakthypothese. Konkret geht es um die Frage, ob Einstellungen gegenüber geflüchteten Menschen davon abhängen, inwieweit Befragte durch ihren Wohnstandort Kontakt bzw. eine räumliche Nähe zu Flüchtlingsunterkünften haben. Die geografische Kontakthypothese vermutet, dass sich Personen umso weniger ablehnend gegenüber Flüchtlingen äußern, je näher sie an einer Flüchtlingsunterkunft wohnen. Wir präsentieren Ergebnisse einer postalischen Befragung (N = 580) in Mainz, in welcher der Wohnort der Befragten sowie die Lage der Flüchtlingsunterkünfte im Stadtgebiet georeferenziert wurden. Die abhängigen Variablen bilden Einstellungen und selbstberichtete Protesthandlungen gegenüber geflüchteten Menschen. Im Ergebnis zeigt sich in der Tat ein Effekt für die Einstellungsindikatoren: Je größer die geografische Distanz der Befragten zu Flüchtlingsunterkünften, desto ablehnender äußern sie sich bezüglich geflüchteter Menschen. Zwischen räumlicher Distanz und Protesthandlungen finden wir keinen signifikanten Zusammenhang. Weiterhin zeigt sich der Tendenz nach, dass ein Teil, aber nicht der gesamte Distanzeffekt über soziale Kontakte mit Flüchtlingen zustande kommt.

Felix Wolter, Jürgen Schiener, Peter Preisendörfer

Ein großer Unterschied mit kleinen Folgen? Einwanderungsskeptische Einstellungen von Frauen und Männern im Zeitverlauf

Seit dem Höhepunkt der Flüchtlingsmigration im Jahr 2015 hat die gesellschaftliche Debatte über Zuwanderung an Schärfe gewonnen. Insbesondere nach der „Silvesternacht“ in Köln 2015/2016 stand dabei die Frage im Vordergrund, ob die in Deutschland lebenden Muslime eine Bedrohung westlicher Normen der Gleichberechtigung der Geschlechter darstellen. Ausgehend von dieser Beobachtung und dem theoretischen Konzept des „cultural threat“ untersuchen wir, ob sich Einstellungen gegenüber Muslimen geschlechterspezifisch gewandelt haben. Auf Grundlage des ALLBUS (1996, 2006 und 2016) betrachten wir die Einstellungen zu verschiedenen Migrantengruppen im Zeitverlauf und analysieren, ob sich diese für Frauen und Männer unterschiedlich verändert haben. Unsere Ergebnisse zeigen, dass solche Einstellungen im Zeitverlauf relativ stabil geblieben sind und sich weiterhin keine bedeutsamen Unterschiede zwischen den Geschlechtern identifizieren lassen. Insgesamt sind Asylbewerber allerdings deutlich unbeliebter als andere Herkunftsgruppen, während soziale Distanzen auch gegenüber Türkeistämmigen abgenommen haben.

Claudia Diehl, Michael Blohm, Daniel Degen

Trendumkehr oder unvermeidlicher Niedergang? Sozialdemokratische Reformprozesse und Krisenerscheinungen in Deutschland, Österreich und Schweden

Für die Sozialdemokratie stellt sich mittlerweile die Existenzfrage. Die Erosion setzt nicht mehr nur an ihren Rändern an, was vielleicht verschmerzbar wäre, sie betrifft ihren Kern – auch bei den einstigen sozialdemokratischen Musterparteien in Deutschland, Österreich und Schweden. Im Zuge des Niedergangs sind aus den vormaligen politischen Sprachrohren der Arbeiterbewegung Parteien der öffentlich Bediensteten und der Rentner geworden. War der Niedergang in den letzten Jahrzehnten ein kontinuierlicher? Verlief er länderübergreifend parallel? Und zeichnen sich Möglichkeiten einer Trendumkehr ab, sind die sich häufenden Reformdebatten über Jugendquoten und Mitgliederpartizipation, die Diskussionen über Zielgruppenkonzepte und Entwürfe von „Zukunftsparteien“ also bloß ein Ausdruck der tief greifenden Identitätskrise – oder doch ein Ausweg aus derselben?

Jens Gmeiner, Matthias Micus
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