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Über dieses Buch

Im Sommer 2018 standen die Autor/innen des Buches im Musée des Arts et Métiers in Paris. Sie bestaunten das Foucaultsche Pendel, das am langen Seil unter der Kuppel seine Kreisbewegungen vollzog. Die Autor/innen staunten und fragten sich wie Casaubon in Umberto Ecos Buch Das Foucaultsche Pendel , was am ideellen Ende des Fadenpendels wohl sein könnte. Der feste Punkt, der uns Halt und Sicherheit in einer unsicheren Welt und schwierigen Zeiten geben könnte? Um welche Unsicherheiten, welche Zeiten oder gar um welche Bedrohungen geht es eigentlich? Wo finden sich die festen Punkte, die sicheren Räume unseres Lebens? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigt sich das vorliegende Buch. Inspiration für das Buch haben die Autor/innen bei Umberto Eco gefunden. Und so ist es auch eine Hommage à Eco.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Einleitung: Das Foucaultsche Pendel und die Suche nach dem festen Punkt

Zusammenfassung
Im Sommer 2018 standen dann Autorin und Autor im Musée des Arts et Métiers in Paris. Das Pendel schwang am langen Seil unter der Kuppel der ehemaligen Klosterkirche Saint-Martin-des-Champs. Und uns ging es nun wie Casaubon in Umberto Ecos Buch Das Foucaultsche Pendel. Wir staunten und fragten uns, was am ideellen Ende des Fadenpendels wohl sein könnte. Der feste Punkt, der uns Halt und Sicherheit in einer unsicheren Welt und schwierigen Zeiten geben könnte? Um welche Unsicherheiten, welche Zeiten oder gar um welche Bedrohungen geht es eigentlich? Wo finden sich die festen Punkte, die sicheren Räume unseres Lebens? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigt sich das vorliegende Buch. Motivation und Inspiration für das Buch haben wir bei Umberto Eco gefunden. Und so ist es auch eine Hommage à Eco.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Von großen und kleinen Bedrohungen – Erinnerungen

Frontmatter

Kapitel 2. Vom Ende der Gemütlichkeit

Zusammenfassung
Mit dem Jahr 1989 begann das neue Zeitalter, in dem sich die tatsächlichen oder nur wahrgenommenen lokalen, nationalen und globalen Bedrohungen vervielfältigten und die großen Erzählungen öffentlich verabschiedet wurden. Nicht nur die „großen Erzählungen“ von der sozialistischen Utopie schienen mit dem Zusammenbruch des „real existierenden Sozialismus“ an ihr Ende gekommen zu sein, auch die Vorstellungen über die ständig prosperierende kapitalistische Gesellschaft gerieten angesichts der Risiken, die durch die hochentwickelten Industriegesellschaften weltweit produziert werden, ins Wanken.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Kapitel 3. Verunsicherungen: Vom Ende der DDR

Zusammenfassung
Der wirtschaftliche, politische und kulturelle Umbruch im Osten ist ein historisch einzigartiger Prozess. „Wohl nie in der Wirtschaftsgeschichte hat es in Friedenszeiten einen so massiven Einbruch gegeben“. Nicht nur in Bischofferode, dem ehemaligen Zentrum der Kaliproduktion in der DDR, wehrten sich Werktätige gegen Abwicklung und Betriebsschließungen. Protestaktionen gab es auch in Rostock, Suhl, Stralsund, Wolgast oder Zwickau. Zumindest die großen Mahner erinnern sich und äußern das auch. Volker Braun zum Beispiel: „Der Segen der letzten Volkskammer war das Ermächtigungsgesetz für das Kapital. Er bedeutete die größte Umverteilung von Eigentum seit dem Dreißigjährigen Krieg. […] Die Entlassung fast der ganzen Arbeiterklasse mit ihren technischen Fähigkeiten kam der Depravierung der geschlagenen Bauern im deutschen Bauernkrieg gleich. Davon hat sich der Osten nicht erholt…“, S. 297. Man kann es bezweifeln, wahr bleibt das Gefühl.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Kapitel 4. German Angst: Nach dem Honeymoon

Zusammenfassung
Transformation wurde in den 1990er Jahren zum wissenschaftlichen Begriff, um das Mittel für ein gutes Ende zu beschreiben und zu benennen. Transformation hieß einerseits einen Transfer von Institutionen, Eliten, Finanzen und rechtlichen Strukturen von West nach Ost; andererseits wanderten mehr als eine Millionen Menschen zwischen 1989 und 2012 von Ostdeutschland nach Westdeutschland. Aus Westdeutschland kamen die politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Berater und Beraterinnen, die den Ostdeutschen zu zeigen und zu sagen versuchten, wo und wie die o. g. Mittel für das gute Ende genutzt werden müssen. Ein Witz machte zu dieser Zeit die Runde im Osten Deutschlands: Der West-Hahn rollt ein riesiges Straußenei in den Ost-Hühnerstall und baut sich vor den Hennen auf: „Meine Damen, ich will ja nicht meckern, aber ich wollte Ihnen mal zeigen, wie bei uns gearbeitet wird!“.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Kapitel 5. “The Boys Are Back In Town”: Bedrohung der Demokratie

Zusammenfassung
Sie sind wieder da, die Rechtspopulisten, ihre Anhänger und die ganz besonderen Scharfmacher aus der rechtsextremen Ecke, nicht nur auf der Straße, auch in den Parlamenten. Sie greifen die Demokratie an und werden von rechten Mitmenschen in Ost und West unterstützt, aber auch von solchen, die sich noch immer Demokraten nennen. Auch der Rassismus gehört zum Alltag, in Deutschland und in manch anderen Ländern. Rassismus ist zur materiellen Gewalt geworden, in Sachsen, in Sachsen-Anhalt und in Thüringen, aber nicht nur dort und nicht nur als Deutungs- und Handlungsmuster von schreienden und wütenden männlichen Glatzköpfen. Rassismus kennzeichnet die Argumentationsstrategien von Politiker/innen im Bundestag, in den ost- und westdeutschen Landtagen, in den Talkshows und Feuilletons. Rassismus markiert die Sprache in manch alltäglichen Auseinandersetzungen.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Kapitel 6. Zeitenwende – „…the times they are a changing“ (Bob Dylan, 1964)

Zusammenfassung
Die zeitdiagnostischen Beschreibungen der Gegenwart fokussieren auf die unvorhersehbaren Wirklichkeiten, mit denen individuelle Akteure ebenso konfrontiert sind wie Gruppen, Organisationen, Staaten, global agierende Vereinigungen oder kulturelle Gemeinschaften. Die unvorhersehbaren Wirklichkeiten haben nicht nur mit Terrorgefahren und Migration zu tun, sondern auch mit Massenarbeitslosigkeit, Sozialabbau, Umweltzerstörung, Lebensmittelrisiken, Auflösung traditioneller Sozialbeziehungen, Fundamentalismus, wirtschaftlicher und digitaler Vernetzung, Klimawandel usw. Wobei nur wenige zu wissen scheinen, was sich mit der zunehmenden Digitalisierung der Welt alles verändern wird. Flugtaxis allein werden es wohl nicht sein. „Wir leben in einem Epochenumbruch, da kann man wählen, was und wen man will – die Welt, wie wir sie kannten, sie steht nicht mehr zur Wahl. Die Zeitläufte reißen uns mit wie ein Wasserfall. Wie aber geht man damit um?“ (Ulrich 2016). Wo sind da die festen Punkte?
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Bedrohungen 2.0: Postfaktische und faktische Geschichten

Frontmatter

Kapitel 7. Fake News und drei Geschichten

Zusammenfassung
Als Fake News werden lancierte und veröffentlichte vorgetäuschte Nachrichten bzw. Falschmeldungen bezeichnet, die sich überwiegend im Internet, insbesondere in sozialen Netzwerken um Teil viral verbreiten. In der Kommunikationswissenschaft wird zwischen Fake News als Etikett und als Genre unterschieden. Ein Etikett sind Fake News dann, wenn sie zur politischen Instrumentalisierung benutzt werden. Zum Beispiel, wenn der amtierende US-amerikanische Präsident behauptet: “…the news is fake, because so much of the news is fake”. Man muss sich diesen Satz ob seiner Logik einmal durch den Kopf gehen lassen: Nachrichten sind gefälscht, weil so viele Nachrichten gefälscht sind. Auch beim Schimpfen auf die „Lügenpresse“ wird ein Etikett zur politischen Instrumentalisierung und Diffamierung genutzt. Als Genre gehören Fake News zu den Desinformationen, also zu den Falschmeldungen. Fake News werden mittlerweile als Symptome einer postfaktischen Ära angesehen.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Kapitel 8. Im postfaktischen Zeitalter?

Zusammenfassung
Das postfaktische Zeitalter beginnt weder mit Donald Trump noch mit den aktuellen Zweifeln an wissenschaftlichen Wahrheiten oder den sozialen Medien. Propaganda und Desinformationen sind nichts Neues. Vielleicht haben die Menschen schon immer in einer Zeit des Postfaktischen gelebt oder vielleicht hat jede Epoche ihre postfaktische Zeit. Nicht nur aus historischer Perspektive scheint es deshalb kaum angemessen, das jetzige Zeitalter als Ära des Postfaktischen zu bezeichnen. Aus psychologischer Sicht dürfte die Erzählung über ein gegenwärtiges postfaktisches Zeitalter ebenfalls kaum haltbar zu sein. Menschen bilden die Welt, in der sie leben, nicht einfach ab. Alles Fühlen, Denken und Handeln von Menschen ist Ergebnis individueller und sozialer Konstruktionen, die vor dem Hintergrund selbstreferenzieller psychischer Prozesse in der sozialen Verständigung ausgehandelt werden. Die individuell und sozial geschaffenen Konstruktionen von Welt lassen sich durchaus als postfaktische Bilder von der Wirklichkeit bezeichnen.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Kapitel 9. Faktisches und Fake News zum Klimawandel

Zusammenfassung
Seit Ende Dezember 2018 formiert sich eine soziale Bewegung von Schülerinnen und Schülern unter dem Label „Fridays for Future“. Die Jugendlichen wollen mit ihrer Bewegung auf die klimapolitischen Missstände aufmerksam machen und fordern, sofort grundlegende Maßnahmen für den Klimaschutz zu verabschieden. Die Demonstrationen sind kreativ und friedlich. Die öffentlichen und politischen Reaktionen mehr als divers. Faktisch gehören die Probleme des Klimawandels zu den größten Herausforderungen und Risiken. Die weltweite Klimaveränderung und die globale Erderwärmung sind weitgehend menschengemacht und bedrohen die Menschheit in allen Teilen der Erde. Starkregenereignisse und Überschwemmungen in Europa, die Zunahme von Dürre nicht nur in Afrika, der Anstieg des Meeresspiegels im pazifischen Raum, die zunehmende Gletscherschmelze in der Antarktis oder in den Alpen, zerstörerische Hurrikans in Nordamerika – all das sind deutliche Hinweise auf die Gefahren.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Kapitel 10. „Play it again, Sam“: Vom Kampf der Kulturen

Zusammenfassung
Es scheint fast so, als habe Samuel Huntington (1996) die Semantik der Systemwidersprüche neu bestimmt und den „Westen“ und den „Islam“ zu den neuen Protagonisten im „Kampf der Kulturen“ auserkoren. Die Illusionen von der beginnenden Harmonie zwischen den Ländern, Nationen und politischen Interessengruppen würden durch die zahlreichen ethnischen Konflikte, durch das Wiedererstarken neokommunistischer und neofaschistischer Bewegungen sowie durch die Intensivierung religiöser Fundamentalismen enttäuscht. Vor allem der Konflikt zwischen dem Islam und dem Westen habe sich am Ende des 20. Jahrhunderts zugespitzt und führe zu einem Clash der Kulturen. Die Rede vom „Kampf der Kulturen“ dürfte indes kaum geeignet sein, um die globalen Verwerfungen und Konflikte zwischen dem „Westen“ und dem „Islam“ hinreichend beschreiben und erklären zu können. Es ist kein Kampf der Kulturen, der da stattfindet. Es ist eher ein Kampf um Einfluss, Macht und Deutungshoheit.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Kapitel 11. Medien und Vorurteile

Zusammenfassung
Seit dem Herbst 2014 nutzen vor allem die Aktivist/innen der PEGIDA-Bewegung und der AfD die Verschwörungstheorie von der Lügenpresse, um den Systemmedien oder der Systempresse und der offiziellen Politik in Deutschland eine konspirative Zusammenarbeit im Umgang mit den Migrant/innen und der Flüchtlingsproblematik zu unterstellen. Den Medien (vor allem dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen) und der Politik (namentlich der Bundesregierung) wird unter anderem vorgeworfen, sie hätten sich insgeheim darauf verständigt, Probleme der Migration und der Einwanderung von Muslimen nicht ernst zu nehmen und so eine zunehmende Islamisierung des Abendlandes zu unterstützen. So einfach ist es indes nicht.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Kapitel 12. Vom Impact der sozialen Medien

Zusammenfassung
Der Alltag im Internet und den sozialen Medien ist nicht besser, aber auch nicht schlechter als der Alltag traditioneller face-to-face Begegnungen in der realen Wirklichkeit. Nur mit den Berührungen klappt es im Internet noch nicht so richtig. Wenn wir den Untergang von Freiheit, Humanität und Normativität in den sozialen Medien beklagen wollen, so sollten wir vor allem die reale Wirklichkeit ändern. Betonen wir die Vorteile der computervermittelten Kommunikation, dann müssen diese Vorteile zuerst den Menschen in der realen Wirklichkeit zugutekommen. Diese digitalen Formen des sozialen Umgangs sind wirklich, weil sie wirken. Ob sie bedrohlich oder segensreich zu wirken vermögen, ob sie hilfreich sind und Halt und Sicherheit vermitteln können, liegt im Auge der Betrachter.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Die großen Erzählungen gibt es noch

Frontmatter

Kapitel 13. Erinnerung an die Metaerzählungen

Zusammenfassung
Welchen Wert hat das Reden von „dem Westen“, „dem Islam“ und dem „Clash of Civilization“ oder vom „Kampf der Kulturen“? Dieses Reden ist Teil einer Metaerzählung, mit der Redner/innen und Hörer/innen die Wirklichkeiten und ihren eigenen Platz in diesen Wirklichkeiten zu erklären und Halt zu finden versuchen. Neben dem Nationalismus, dem Antisemitismus und dem Kosmopolitismus werden gegenwärtig noch andere mehr oder weniger große Metaerzählungen über Zukünftiges vor dem Hintergrund des Gegenwärtigen und Vergangenen erzählt; etwa die Erzählung über den Neoliberalismus nach der Lehman-Pleite oder über das Ende der Europäischen Union, die Erzählung über den religiösen Fundamentalismus und seine Verlockungen oder die Erzählung über die christlich-jüdischen Wurzeln Europas etc. Dass uns die Metaerzählung über den Kosmopolitismus im Vergleich zu den anderen sympathischer ist, muss eigentlich nicht begründet werden.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Kapitel 14. Back to the roots: Fundamentalismen bieten Halt und bedrohen die Fundamente

Zusammenfassung
Nationalisten, Antisemiten und fundamentalistische Islamisten eint zumindest eins: Sie wollen zurück zu den Wurzeln, zu den aus ihrer Sicht festen Fundamenten, die menschliches Zusammenleben erst möglich machen. Die Nationalisten bedienen sich dabei des eigenen „Volks“, das in rassistischer Weise gegenüber anderen Völkern überhöht und stilisiert wird. Antisemiten greifen auf die scheinbar historisch gesicherten Auffassungen über die Juden als Christusmörder, Brunnenvergifter, Kinderschänder oder raffende Kapitalisten zurück. Und die Islamisten sehen im Koran und den Sprüchen des Propheten die einzig wahren Fundamente, auf denen Leben und Gesellschaft aufzubauen seien. In ihren fundamentalistischen Überzeugungen verknüpfen die Nationalisten, Antisemiten und Islamisten ihre radikal-konservativen, rassistischen und chauvinistischen Ideologien mit den technischen Entwicklungen der Moderne (hochmoderne Waffen und das Social Web) in effektiver Weise für Propaganda- und Kriegszwecke.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Kapitel 15. „Aber sonst aber sonst. Alles Lüge!“ (Rio Reiser, 1986) – vom Charme der Verschwörungstheorien

Zusammenfassung
Der Charme von Verschwörungstheorien liegt darin, dass sie Erklärungen anbieten, mit denen a) sich die Komplexität der Welt leicht (zum Beispiel in Gute und Böse) reduzieren lässt, b) der jeweiligen Umgang mit den guten und bösen Welten moralisch begründet werden kann, c) künftige Entwicklungen und künftige Ereignisse sowie deren Verursacher schon heute antizipiert werden können und d) sich das wohlige Gemeinschaftsgefühl erzeugen lässt, auch andere könnten die Welt in ähnlicher Weise sehen. Verschwörungstheorien offerieren all jenen, die daran glauben, die „charmante“ Möglichkeit, sich vom Mainstream, vermeintlichen Expert/innen oder wahlweise von politischen und kulturellen Eliten abzuheben und auf der Seite der besser Wissenden zu stehen. Vielleicht ist deshalb der Anteil der Menschen gar nicht so gering, die sich gern dem Charme von Verschwörungstheorien hingeben. Auch wir glauben ja hin und wieder, dass der Nachbar uns nicht grüßt, weil er etwas im Schilde führt.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Schutzräume, Halteplätze und andere psychologische Besonderheiten

Frontmatter

Kapitel 16. Von Miniröcken, Antisemiten und möglichen festen Punkten

Zusammenfassung
In diesem und den folgenden Kapiteln konkretisieren wir unsere sozialpsychologische Suche nach den Fixpunkten, den festen Punkten, den Möglichkeiten, Halt zu finden. Wir beginnen mit einer Geschichte, die uns helfen soll, unsere sozialpsychologische Suche ein wenig zu strukturieren. Es handelt sich um das Gerücht von Orléans, das sich im Jahre 1969 die ganze Stadt ergriff und antisemitische Züge trug. Am Beispiel dieses Gerüchts verweisen wir auf individuelle, gruppen- und gemeinschaftsspezifische sowie gesellschaftliche und Umwelt-bzw. Zeiträume, in denen es sich lohnt, nach Halt zu suchen.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Kapitel 17. Sinnräume, bedeutungsvolle Existenz und kognitive Dissonanzen

Zusammenfassung
Wir selbst sind die erste Instanz, der wir folgen, um Halt in unserem Leben zu finden. Das Wissen von uns selbst, die Gefühle, die uns selbst betreffen, die Handlungen, die wir ausführen, um Gewissheit über uns selbst zu erlangen, liefern die ersten Fundamente, auf denen unser Leben sich gründen lässt. Individuelle Sinnräume nennen wir diese Gesamtheit der psychischen Hintergründe. Und unter der Hand taucht der Sinnbegriff auf, der ganz gut passt, um die vermeintlich festen individuellen Punkte zu benennen.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Kapitel 18. Interaktions- und Gruppenräume: Von der Liebe und dem Gruppendenken

Zusammenfassung
Am spannendsten sind noch immer jene Formen menschlicher Beziehungen, in denen sich die Akteure von Angesicht zu Angesicht begegnen. Hier wird gelebt und geliebt, getötet und gestorben. Wir nennen diese unmittelbaren Formen menschlichen Umgangs Interaktionsraum. Auch Gruppen gehören zu unserem Interaktionsraum. Soziale Gruppen sind soziale Wirklichkeiten und sie konstruieren soziale Wirklichkeiten in eigendynamischer Weise. Eigendynamik und Selbstregulation schützen aber nicht vor Torheiten. Gelingt es den Mitgliedern sozialaer Gruppen nicht, die selbst geschaffenen Gruppengrenzen zu öffnen und mit den Gruppenumwelten (gruppenfremden Personen, anderen Gruppen und Institutionen) zu interagieren und zu kommunizieren, wächst die Gefahr von extremem Gruppendenken und zunehmenden Gruppenegoismen. Die eigene Gruppe wird auf diese Weise zum Echoraum, in dem sich die Gruppenmitglieder spiegeln und die wirkliche Wirklichkeit nicht mehr zur Kenntnis genommen wird.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Kapitel 19. Gemeinschaftsräume: Von Kaninchen, Wölfen, sozialen Identitäten und fremden Gruppen

Zusammenfassung
Soziale Gruppen und Gemeinschaften, mit denen sich Menschen identifizieren und vergleichen, können Halt geben. Keine Frage. Es muss sich dabei keinesfalls nur um die unmittelbaren Bezugsgruppen, die eigene Familie, die enge Freundesgruppe oder das hochgeschätzte Arbeitsteam handeln. Menschen können sich auch mit sozialen Gemeinschaften identifizieren, deren Mitglieder sie gar nicht alle kennen müssen. In Zeiten vielfältiger Bedrohungen drehen sich einige Menschen in einem Kreisel zwischen wahrgenommenen Bedrohungen, negativen Einstellungen gegenüber fremden Gruppen und nationalistischen Überhöhungen der eigenen Gruppe und Gemeinschaft. Wir wagen deshalb eine Vermutung: Nicht nur in kleinen Gruppen, auch in größeren Gemeinschaften, den Deutegemeinschaften, scheint die Gefahr von Gruppenegoismen zu wachsen und der Gemeinschaftsraum zum Echoraum der Selbstbestätigung zu werden. Die regionalen, nationalen und internationalen Bedrohungen werden dadurch nicht geringer. Im Gegenteil.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Kapitel 20. Gesellschaftliche Möglichkeiten: Helle Momente, finstere Zeiten, Ideologien und Religionen

Zusammenfassung
Menschen machen sich Sorgen angesichts der unberechenbaren politischen Verhältnisse in Europa und der Welt, wegen Gewalt und Kriminalität, der Pflege- und Rentensituation, der Schere zwischen Arm und Reich, des Klimawandels, unbezahlbarer Wohnungen. Der mögliche Einfluss des Islam in Deutschland, die Terrorgefahren, die Flüchtlingsproblematik, die Spaltungen in der Gesellschaft, die Altersarmut, die Angst vor lebensbedrohlichen Krankheiten usw. markieren ebenfalls die Wahrnehmungen in haltlosen Zeiten. Einige der Sorgen, die die Deutschen äußern, lassen sich nur vage begründen. Die Kriminalität ist rückläufig. Die Flüchtlingsproblematik hat sich im letzten Jahr entspannt. Auch die Terrorgefahren sind gegenwärtig in Deutschland nicht so offenkundig. Der Extremismus hingegen ist noch immer ein Problem, besonders, wenn er sich rechtspopulistisch äußert. Wer bietet in solchen Zeiten Halt und Sicherheit auf gesellschaftlicher Ebene – die Parteien, die Kirche oder andere Institutionen?
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Kapitel 21. Umwelt und Zeit: Von verlängerten Leibern und anderen Relativitäten

Zusammenfassung
Die unmittelbaren wie die mittelbaren Umwelten sind ambivalente feste Punkte für unseren Halt und unsere Sicherheit. Die mittelbaren Umwelten sicher noch mehr als die unmittelbaren; die nicht immer sichtbaren und sofort einsichtigen Bedrohungen unseres Klimas, der Fauna und der Flora machen das deutlich. Die steigenden Mieten oder der ausgetrocknete Gartenboden in den heißen Sommermonaten sind ebenfalls Beispiele dafür, dass die unmittelbaren Umwelten nicht nur Sicherheit zu bieten vermögen, sondern als Bedrohungen wahrgenommen werden können. Zeiträume sind aus psychologischer Sicht vor allem mit den Orientierungen in der Zeit verbunden. Wir suchen und finden Halt und Sicherheit in der Vergangenheit, in der Gegenwart oder in der Zukunft. Aber ähnlich wie die Umwelträume sind auch die Zeiträume, in denen wir nach Halt und festen Punkten suchen, ambivalent und nur relative Anker. Was uns heute Halt und Sicherheit gibt, kann sich morgen schon wieder in „Luft auflösen“.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Von der Suche nach der Insel

Frontmatter

Kapitel 22. Interludium (zum Durchatmen)

Zusammenfassung
Die festen Punkte sind wir selbst und unsere Verkettung mit den sozialen Gruppen, Gemeinschaften, gesellschaftlichen, natürlichen und zeitlichen Umständen, mit denen wir uns in der vermeintlichen Suche nach Halt identifizieren. Diese festen Punkte können allerdings schnell zu Echokammern oder Filterblasen werden, in denen wir uns wohl und bestätigt fühlen, weil wir keine kognitiven Dissonanzen zu befürchten haben, unsere Gruppenegoismen pflegen dürfen, Fakten und wirkliche Gefahren ignorieren können und nicht an Morgen denken müssen.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Kapitel 23. Ein Hauch von Wissenschaftstheorie und Vipassana Meditation

Zusammenfassung
Yuval Noah Harari plädiert für mehr Empathie im Umgang mit der Welt, den Menschen und uns selbst. Einen Weg, um Empathie entwickeln zu können, sieht er in der fokussierten, also bewussten Selbstwahrnehmung bzw. Selbstbeobachtung. Ein Freund schlug ihm vor, er, Harari, solle doch mal versuchen, einen Vipassana-Meditationkurs zu besuchen. Meditation sei ein Instrument, um den (eigenen) Geist direkt zu beobachten. Neurobiologische Studien belegen mittlerweile die tatsächlichen Effekte der Achtsamkeitsmeditation, so wie sie in den weltweit angebotenen Vipassana-Kursen gelehrt wird. Ob allerdings jene Menschen, die im Postfaktischen, im Nationalismus, im Fundamentalismus oder in anderen verkorksten Weltsichten ihr Heil und den Sinn des Lebens suchen, Hararis Lektion verstehen, wagen wir zu bezweifeln. Die Klimaveränderungen, die weltweiten Flüchtlingsbewegungen, die Terrorismusgefahren oder die Morde mit rechtsextremen Hintergründen können durch Meditation kaum verhindert werden.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Kapitel 24. Zukunftsvisionäre müssen nicht zum Arzt

Zusammenfassung
Menschen mit einer positiven Zukunftsorientierung, die also überzeugt sind, die Zukunft sei offen und vieles sei in der Zukunft möglich, sind optimistischer, zufriedener mit ihrem Leben, sozial aufgeschlossener (extravertierter), geben wenig depressive Symptome an und schätzen ihren Gesundheitszustand positiver ein. Das Umweltbewusstsein und die Sorge um die Biosphäre hängen ebenfalls mit einer offenen Zukunftsperspektive in positiver Weise zusammen. In die Zukunft zu blicken und positive Zukunftsvisionen zu entwickeln, ist nicht nur gesund, sondern lebensnotwendig und von gesellschaftlicher Relevanz und Dringlichkeit. Visionäre und Zukunftsoptimisten und -optimistinnen müssen nicht zum Arzt, sondern an die Macht.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Kapitel 25. Halt bei Utopia

Zusammenfassung
Gesellschaftliche Utopien sind mehr oder weniger wissenschaftlich elaborierte Wunsch- oder Furchtbilder von künftigen Zeiten. Reale Utopien könnten machbar und erfolgreich sein, wenn sie die Grenzen des bisher Gemachten überschreiten, an den Freiräumen des Gegenwärtigen ansetzen, Alternativen für eine bessere Zukunft formulieren und von innovativen Minderheiten ins rechte Licht gesetzt werden. Man muss sich nicht als „pausbäckigen Studienabbrecher“ beschimpfen lassen, wenn man den Kapitalismus kritisiert und ein Leben ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt einfordert. Man muss sich nicht für das eigene Asperger-Syndrom entschuldigen, wenn man den Klimawandel für eine existenzielle Krise hält. Man ist kein Anti-Demokrat, wenn man das Ende der nationalen Demokratien in Europa und eine europäisch verfasste Demokratie verlangt. Die Zeiten der großen realen Utopien von einer menschengerechten und friedlichen Zukunft sind nicht vorüber. Sie fangen jetzt erst richtig an.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

Kapitel 26. Schlag nach bei Eco – ein virtuelles Gespräch

Zusammenfassung
Beispiel: I. & W. Frindte: Erlauben Sie uns zum Schluss unseres virtuellen Treffens noch eine Frage nach den Motiven, die Sie um- und angetrieben haben, all die vielen, anregenden und spannenden Sachen zu schreiben. Umberto Eco: „… eine Flaschenpost zu hinterlassen, damit das, woran man geglaubt hat oder was man schön fand, auch von den Nachgeborenen geglaubt oder schön gefunden wird“. I. & W. Frindte: Verehrter Signor Eco, caro amico, wir danken von Herzen für die anregende Virtualität und wünschen Ihnen, nun ja, Ruhe, die gebührende Ehre und Frieden. Umberto Eco: „Aber das Ganze ist offensichtlich nicht mein Problem“. „Also kann ich ebenso gut hierbleiben, warten und den Hügel betrachten. Er ist so schön“.
Wolfgang Frindte, Ina Frindte

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