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Über dieses Buch

Das Handbuch bietet einen systematischen Überblick über den Stand der Geschlechterforschung. Disziplinäre und interdisziplinäre Zugänge werden verknüpft und vielfältige Sichtweisen auf das Forschungsfeld eröffnet. Die Beiträge der Geschlechterforscher_innen aus unterschiedlichen Fachdisziplinen spannen die Breite des Forschungs- und Wissenschaftsfeldes auf. Hierdurch werden die Debatten, Analysen und Entwicklungen der deutschsprachigen und internationalen Geschlechterforschung deutlich.
Das Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung ist in sieben Schwerpunkte gegliedert und besonders in Lehre und Forschung einsetzbar.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Debatten: hinterfragte Dualismen und neue Sichtweisen der Geschlechterforschung

Frontmatter

Mann – Frau: die konstitutive Differenz der Geschlechterforschung

Für die Geschlechterforschung markiert der Mann-Frau-Dualismus den Ausgangspunkt, seine Auflösung den aktuellen Endpunkt. Die historische Rekonstruktion vergegenwärtigt die traditionellen kulturellen Definitionen und die damit verbundenen gesellschaftlichen Funktionsanweisungen der Geschlechter und bildet die Basis für die kritisch-emanzipative Erforschung der gegenwärtigen Geschlechterverhältnisse als vielgestaltiger Macht- und Ungleichheitsverhältnisse. Die weitergehende Problematisierung von Geschlecht an sich und die Erforschung seiner kulturell-sozialen Herstellungsbedingungen fokussieren den Geschlechtsdualismus bis in seine natürlichen Voraussetzungen als eine gesellschaftliche Konstruktion mit normativen Implikationen.

Friederike Kuster

Natur – Kultur: ein Dualismus als Schibboleth der Gender- und Queer Studies?

Die Unterscheidung von Natur und Kultur stellt einen der zentralen Ausgangspunkte für die Frauenforschung und die feministische Wissenschaftskritik dar. Heute jedoch steht sie im Fokus der Kritik all jener Positionen der Gender- und Queer Studies, die im Zuge des material turn und der Allgegenwärtigkeit digitaler Technologien Dualismen überwinden und durch Vernetzung und Relationalität ersetzen wollen.

Astrid Deuber-Mankowsky

Sex – Gender: Ko-Konstitution statt Entgegensetzung

Spätestens seit dem Ende des 18. Jahrhunderts und bis heute prägend wird die eigentliche Wahrheit – die Ontologie – der Geschlechterdifferenz im natürlich gegebenen und damit vom Sozialen wesentlich unveränderbaren Körper vermutet. Dies wird seit den 1960er-Jahren in der sich entwickelnden wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Geschlecht und im Lichte der feministischen Kritik an problematischen Naturalisierungen als „Sex“ bezeichnet. Dies meint den im Prinzip sozial unveränderlichen, aber auch sozial nicht kausal determinierenden biologischen Rohstoff des Weiblichen/Männlichen. Davon wird seitdem „Gender“ unterschieden, die in Praxis gestaltbare, historisch variable, gleichermaßen identitätsrelevante wie sozialstrukturelle Dimension von Geschlechtlichkeit. Diese englischsprachige Unterscheidung von Sex und Gender wird international, aber auch im deutschsprachigen Raum verwendet, weil der Begriff ‚Geschlecht‘ hier nicht unterscheidet und damit zu unspezifisch ist.

Paula-Irene Villa

Leiblichkeit – Körper: neue Perspektiven auf Geschlechterdifferenzen

Geschlecht wird in diesem Beitrag mit Bezug auf die phänomenologischen Konzepte von Leib und Körper analysiert. Damit wird Geschlecht nicht nur als soziale Strukturkategorie erfasst, sondern auch dessen Materialität in den Blick genommen sowie seine Kontingenz, Veränderbarkeit und geschichtliche Gewordenheit.

Gesa Lindemann

Gleichheit – Differenz: die Debatten um Geschlechtergerechtigkeit in der Geschlechterforschung

Was ist der Maßstab kritischer Geschlechterforschung und was das Ziel von Gleichstellungspolitik? Über Geschlechtergerechtigkeit als Orientierungspunkt feministischen Denkens und Handelns gab und gibt es in der Frauenbewegung und der Geschlechterforschung unterschiedliche Vorstellungen, die lange Zeit von der Gleichheit-Differenz-Debatte geprägt waren. Werden Gleichheit und Differenz nicht als deskriptive, sondern als normative Kategorien verstanden, lassen sich Ansätze der Gleichheit, Differenz und Aufhebung zu einem mehrdimensionalen Verständnis von Geschlechtergerechtigkeit zusammenführen.

Irene Pimminger

Wandel – Kontinuität: Entwicklungsdynamiken im Geschlechterverhältnis

Die Gleichzeitigkeit von Wandel und Kontinuität ist ein Grundcharakteristikum gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse. Für die Geschlechterverhältnisse wird dies exemplarisch anhand der Felder der Erwerbsarbeit und der Familie verdeutlicht. Der Dualismus von Wandel und Kontinuität stellt sich für die gegenwärtigen Geschlechterverhältnisse als eine Vielzahl von Gegenläufigkeiten dar. Diese „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ ist eine wesentliche Triebkraft sozialen Wandels. Die gegenläufigen Tendenzen im Bereich der Geschlechterverhältnisse sind eine für moderne Gesellschaften typische Konstellation.

Michael Meuser

Produktion – Reproduktion: kontroverse Zugänge in der Geschlechterforschung zu einem verwickelten Begriffspaar

In gesellschaftlichen Reproduktionsprozessen sind zwei Erfordernisse einzulösen: die Aufrechterhaltung der Warenproduktion und die Erneuerung sowie Gesunderhaltung der Bevölkerung. Beide Konfliktfelder tragen zu geschlechtlichen Ungleichheitslagen bei. In einer internationalen Perspektive wird dargestellt, welche gesellschaftlichen Spannungen, Asymmetrien und Herrschaftsformen in der feministischen Forschung zutage treten, wenn die kapitalistische Organisation gesellschaftlicher Restitutionsprozesse zum Forschungsthema gemacht wird.

Regina Becker-Schmidt

Klasse – Geschlecht: kapitalistische Entwicklung und geschlechtsspezifische Arbeitsteilung

Klasse und Geschlecht sind gesellschaftliche Strukturkategorien. Die feministisch-marxistische Debatte, aus der die Kategorien stammen, führte zu Untersuchungen, inwiefern beide Kategorien vermittelt sind. In zentralen deutschsprachigen Studien konnte festgestellt werden, dass Frauen in Berufen abgewertet werden und dass sich gesellschaftliche Arbeitsteilung tradiert.

Stefanie Wöhl

Arbeit – Leben: wechselseitiges Verflechtungsverhältnis aus Sicht der Geschlechterforschung

Die Geschlechterforschung hat maßgeblich den Dualismus von Arbeit und Leben und die Verbindung zum kulturellen Zwangssystem der Zweigeschlechtlichkeit aufgedeckt. Studien zu Arbeits- und Lebensarrangements bieten Aufschluss darüber, ob und inwiefern ein Wandel in den Geschlechterarrangements stattfindet.

Lena Weber

Ökonomisierung – Privatisierung: die verdeckte Unterseite neoliberaler Restrukturierungen und ihre Implikationen für die Geschlechterforschung

Wenn im Zusammenhang mit Neoliberalismus von Privatisierung die Rede ist, dann ist damit meist die Überführung staatlicher Betriebe in die Privatwirtschaft gemeint. Neoliberalismus beinhaltet aber ebenso sehr einen Umbau der individuellen und sozialen Reproduktion, indem staatliche Aufgaben in die private Sphäre verschoben werden. Anders als zu erwarten ist diese Verschiebung aber nicht mit einer Retraditionalisierung der Geschlechterordnung verbunden, sondern steht im Dienste jenes Modernisierungsprojekts, das als Adult-Worker-Modell Frauen in durchaus ambivalenter Weise eine von Staat und männlichem Ernährer unabhängige Existenz verspricht. Das Begriffspaar Ökonomisierung/Privatisierung macht damit auf eine neue ideologische Konstellation aufmerksam, in der die Unmöglichkeit, eine nach wie vor bestehende kollektive Betroffenheitslage zu artikulieren, die Position von Frauen in der Gesellschaft bestimmt.

Tove Soiland

Tradition – Moderne: ein ethnozentrischer Dualismus in der westlich-europäischen Geschlechterforschung

Der Beitrag fokussiert auf die ideen- und kulturgeschichtliche Verankerung des Verständnisses von Modernisierung, auf die darin eingewobene Dichotomie von Tradition und Moderne und die damit verbundenen Vorstellungen über Geschlechterbeziehungen. Ziel des Beitrags ist eine Historisierung des Dualismus von traditionellen und modernen Geschlechterverhältnissen: das als traditionell geltende, dichotome Geschlechtermodell ist keine Beschreibung historischer Realität, sondern Ergebnis einer diskursiven Setzung. Im Hintergrund steht die soziologische Modernisierungstheorie und mit ihr ein hegemoniales Verständnis von westlicher Moderne. Im Verhältnis zu Gesellschaften des globalen Südens erweist sich das Begriffspaar folglich als normativ und ethnozentrisch.

Heidemarie Winkel

National – International: Transformation des Trennungsdispositivs des kapitalistischen Staates

Der Dualismus zwischen national und international entstand mit dem maskulinistischen Territorialstaat seit dem 17. Jahrhundert. Das zentrale Merkmal des Staates ist seine Souveränität auf einem begrenzten Territorium („innere Souveränität“) sowie seine Autonomie gegenüber anderen Staaten („äußere Souveränität“). Diese Trennungen sind geschlechtlich kodiert.

Birgit Sauer

Global – Lokal: Geschlechterforschung zu Globalisierung, Hybridität und lokalen Alltagswelten

Geschlechterforschung hat binäre und hierarchische Konstruktionen des Verhältnisses zwischen dem Globalen und dem Lokalen überwunden, kritisiert die Zuschreibungen des Lokalen als das „Andere“ und Rückständige und rückt Hybriditäten und die fortbestehende Eigenständigkeit des Lokalen sowie die Gestaltungsfähigkeit von Frauen ins Zentrum.

Christa Wichterich

Macht – Ohnmacht: umstrittene Gegensätze in der Geschlechterforschung

Der Dualismus von männlicher Macht und weiblicher Ohnmacht prägt frühe feministische Analysen der Geschlechterdifferenz. Geschlechter- und machtkritische Ansätze differenzieren und destabilisieren den Gegensatz und machen vielfältige vergeschlechtlichte Formen von Macht und Ohnmacht erkennbar.

Katrin Meyer, Stefanie Schälin

Opfer – Täter: zur Entwicklung der feministischen Gewaltdiskussion

Eine Nachverfolgung des Opferbegriffs in der feministischen Diskussion verdeutlicht, dass er vor allem zur Kritik innerhalb der Bewegung an der Idee einer durch Unterdrückung konstituierten kollektiven Identität aller Frauen diente. Frauen, denen Gewalt widerfahren war, wurden eher nicht als „Opfer“ bezeichnet. In dem Maße aber, wie praktische Frauenprojekte die Mechanismen aufdeckten, mit deren Hilfe männliche Gewalt entschuldigt und sanktionsfrei zugelassen wurde, wurden für die Auseinandersetzung um wirksame Intervention eindeutige Zuschreibungen notwendig. Sanktionen erfordern die Benennung eines Täters, Rechte auf Schutz und Wiedergutmachung die Möglichkeit, sich auf einen Opferstatus zu berufen. Problematisch blieb aber, dass dem Opferbegriff eine religiöse Tradition anhaftet, welche die Aufopferung adelt und vom wahren Opfer Reinheit verlangt.

Carol Hagemann-White

Parteilichkeit – Objektivität: Frauen- und Geschlechterforschung zwischen Politik und Wissenschaft

Das Spannungsverhältnis von Parteilichkeit und Objektivität ist zentrales wissenschaftstheoretisches und methodologisches Diskussionsfeld der sich in den 1980er-Jahren formierenden Frauenforschung. Die Diskussion über Stellenwert und Bedeutung von Politik wird auch heute in der Geschlechterforschung geführt.

Tanja Paulitz

Dualismenbildungen: dem Denken vorfindlich, unausweichlich und falsch

Von den ersten Anfängen bis in die Gegenwart prägen bi-polare Entgegensetzungen das westliche Denken. Die Strategie simpler dualer Rasterung zur Orientierung in Raum und Zeit trägt die Säulen komplexer hierarchischer Ordnungsgebäude von der platonischen Seelenlehre bis zu den binären Codes der Gegenwart. Diese Denkfigur zu kennen hilft, Unterschiede und Zusammenhänge zwischen spielerischen Differenzen und welthistorischen Herrschaftssystemen zu verstehen. Denn: „Some Differences are playful; some are poles of world historical Systems of Domination. Epistemology is about knowing the difference“ (Haraway 1991, S. 161, Hervorhebung C. K.).

Cornelia Klinger

Denkströmungen: theoretische und methodologische Grundlagen der Geschlechterforschung

Frontmatter

Geschlechterwissen: zur Vielfalt epistemischer Perspektiven auf Geschlechterdifferenz und -hierarchie in der sozialen Praxis

In der sozialen Praxis können vielfältige Typisierungen des Wissens über die vermeintlich natürliche und soziale Geschlechterdifferenz und die hierarchisierenden Geschlechterklassifikationen unterschieden werden. Im Beitrag werden einige sozialkonstruktivistische und wissenssoziologische Vorläufer sowie die zentralen theoretisch-konzeptionellen Ansätze dieses Geschlechterwissens erörtert.

Heike Kahlert

Geschlechtsdifferenzierung: Klassifikation und Kategorisierungen

Es werden diejenigen Prozesse auf Mikro-, Meso- und Makroebene erforscht, in denen zwei Geschlechtsklassen und -kategorien in alltäglichen, politischen oder wissenschaftlichen Grenzziehungen hergestellt werden, sowie die Mechanismen, welche uns glauben machen, diese Unterschiede seien vorsozial.

Katja Hericks

Geschlechtsstereotype: wie sie entstehen und sich auswirken

Geschlechtsstereotype beschreiben die Zuweisung bestimmter Merkmale und Eigenschaften zu Individuen nur aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Gruppe weiblicher bzw. männlicher Personen, ohne dass dabei berücksichtigt wird, dass Unterschiede innerhalb der Geschlechtsgruppen größer ausfallen können als Unterschiede zwischen ihnen. Zunächst definieren wir die Konstrukte „Stereotyp“ und „Geschlechtsstereotyp“. Im Anschluss erläutern wir die Entstehung von kulturübergreifend geltenden Geschlechtsstereotypen anhand der Sozialen Rollentheorie. Es folgt eine Darstellung, wie Menschen Geschlechtsstereotype erwerben. Schließlich werden die Mechanismen erläutert, über die sich Geschlechtsstereotype auf Selbst- und Fremdwahrnehmung auswirken: kognitive Schemata, selbsterfüllende Prophezeiungen, geschlechtstypisierte Identitäten und Bedrohung durch Geschlechtsstereotype.

Bettina Hannover, Ilka Wolter

Matriarchat: Metamorphosen einer Idee

Die Idee des Matriarchats hat seit ihrer Entwicklung im 19. Jahrhundert zahlreiche Metamorphosen durchlaufen. Der Beitrag stellt einige entscheidende Etappen und Facetten der Debatte dar und informiert über aktuelle Forschungsergebnisse. Auch wenn sich weder eine matriarchale Phase der Menschheitsgeschichte noch ein matriarchales Gesellschaftssystem belegen lassen, wie dies in den Anfängen der Matriarchatsforschung angenommen wurde, so ist die damit einhergehende Frage nach der Partizipation von Frauen an Macht und am gesellschaftlichen Reichtum nicht verschwunden. Nur wird sie inzwischen für alle Phasen der Geschichte gestellt.

Beate Wagner-Hasel

Patriarchat – Patriarchalismus: Kampfparole und analytisches Konzept

Für die Frauenbewegungen der 1970er-Jahre in den westlichen Industrieländern stand das Konzept Patriarchat für politische feministische Opposition und wurde zum Sammelbegriff für die alle Lebensbereiche prägenden Strukturen der Unterordnung, Diskriminierung und Ausbeutung der Frau sowie für alle Formen direkter und symbolischer Gewalt. In Auseinandersetzung mit Marxʼscher Kapitalismuskritik entwickelte die Frauen- und Geschlechterforschung eine Vielfalt feministischer Theorien, die die Ursachen der Vorrangstellung des Mannes in Geschichte und Gesellschaft, in Wirtschaft und Politik ebenso wie in Familie und Kultur als patriarchalisch kennzeichneten. Geprüft wird, ob die Begriffe Patriarchat bzw. Patriarchalismus lediglich eine politische Kampfparole waren oder als kritische historische Konzepte auch für die Gegenwartsanalyse taugen, um spezifische Formen institutionalisierter Machtausübung und Bevormundung im Geschlechterverhältnis als patriarchale Herrschaft zu identifizieren.

Ute Gerhard

Feminismus: Denkweisen, Differenzen, Debatten

Der Beitrag fasst die Entwicklung der Feminismen in historischer und globaler Sicht und ihre wechselseitigen Weiterführungen zusammen. Er zeigt die Vielfalt ihrer Geschlechter- und Herrschaftskritik auf und geht auf die neuen Entwicklungen (diskurstheoretischer, intersektionaler und strukturaler Feminismus) ein.

Ilse Lenz

Marxismus und Kritische Theorie: Gesellschaft als [vergeschlechtlichter] Vermittlungszusammenhang

Marx’ begriffliche Rekonstruktion der Strukturen der kapitalistischen Produktionsweise bietet trotz ihrer Grenzen und Leerstellen für die Geschlechterforschung nach wie vor ein hochaktuelles Instrumentarium der Gesellschaftsanalyse und -kritik. Interessant ist dabei die spezifische Methode, die Gesellschaft als Vermittlungszusammenhang erkennbar macht und den Blick auf eine (kapitalismusspezifische) herrschaftsförmige Versachlichung gesellschaftlicher Verhältnisse richtet.

Hanna Meißner

Feministische Ökonomiekritik: Arbeit, Zeit und Geld aus einer materialistischen Geschlechterperspektive

Bezahlte Erwerbs- und unbezahlte Sorgearbeit sichern die individuelle und die gesellschaftliche Reproduktion. Diese Arbeit ist nach Geschlecht und Ethnie hierarchisiert und strukturiert gesellschaftliche Machtverhältnisse. Die Soziale Reproduktion gilt symbolisch als weiblich und wird empirisch von Frauen verrichtet.

Christine Bauhardt

Feministische Demokratiekritik: Geschlechterforschung als Theorie der Demokratisierung

Die altehrwürdige Idee der Demokratie war stets begleitet von Kritiken der Exklusion, die von jenen formuliert wurden, die jeweils nicht zum Demos gehören durften. Heute streiten Theoretikerinnen wie Anne Phillips und Iris Marion Young für die weltweite gerechte Teilhabe von Frauen und anderen „Anderen“ an den Verfahren der verfassten Demokratie.

Barbara Holland-Cunz

Modernisierung und Individualisierung: Geschlechterverhältnisse in der zweiten Moderne

Das Theorem der institutionalisierten Individualisierung im Kontext reflexiver Modernisierung hat weitreichende Bedeutung für die Geschlechterforschung, indem es die Veränderungen der weiblichen „Normalbiographie“ als ein zentrales Element spätmoderner Gesellschaftstransformationen begreift.

Angelika Poferl

Poststrukturalismus: Geschlechterforschung und das Denken der Differenz

Vor dem Hintergrund des Linguistic Turn in den Geistes- und Sozialwissenschaften fordern poststrukturalistische Ansätze eine Vervielfältigung feministischer Wissenschaft und Praxis, da sie die normativen Grundlagen von zentralen Begriffen wie „Frau“, „Körper“ oder „Politik“ kritisieren. Der Beitrag zeigt aus einer (sprach-)philosophischen Perspektive, wie dieses Denken der Differenz entstand und illustriert anhand von ausgewählten Beispielen den herrschaftskritischen Impetus poststrukturalistischer Theorien für die Geschlechterforschung.

Katja Sabisch

Postkolonialismus: Geschlecht als koloniale Wissenskategorie und die weiße Geschlechterforschung

Postkolonialismus ist eine Denk- und Theorieströmung, die Herrschaftsbeziehungen im Kolonialismus rekonstruiert und zeigt, wie sich diese in postkolonialen Konstellationen in Form von Rassismus fortsetzen. Dies wird anhand der Frage vertieft, wie sich Geschlecht als koloniale Wissenskategorie ausdifferenziert hat und reproduziert wird. Neben der Bedeutung der Geschlechterfrage für den Kolonialismus wird auch die Kontinuierung kolonialer Denkmuster in der Geschlechterforschung kritisch reflektiert.

Heidemarie Winkel

Kulturkolonialismus und postkoloniale Kritik: Perspektiven der Geschlechterforschung

Die Geschlechterdynamiken der Anderen sind dem Westen seit der Kolonialzeit Symbol für die Attestierung der Barbarei der Kolonisierten. Die Gewalt an Frauen und ihre Unterdrückung in den kolonisierten Territorien stellen bereits zu Beginn der Kolonisierung eine wichtige Legitimation für die Etablierung imperialistischer Herrschaften dar. Dagegen können postkoloniale feministische Analysen als wichtige Interventionen verstanden werden, die Konzepte wie „Emanzipation“, „Geschlechtergerechtigkeit“ und „sexuelle Befreiung“ einer differenzierten Machtanalyse zuführen. Postkoloniale feministische Theorie ist mithin ein wichtiges politisch-theoretisches Projekt und verfolgt u. a. das Ziel, die historische Gewordenheit von genderspezifischen Positionierungen transparent zu machen, aber auch tragbare transnationale Widerstandsstrategien zu formulieren, die Dekolonisierungsprozesse vorantreiben.

Nikita Dhawan, María do Mar Castro Varela

Transkulturalität: ein neues Paradigma in den Kulturwissenschaften, der Geschlechterforschung und darüber hinaus

Das Konzept der Kultur, wie es sich in der europäischen Moderne im Wechselbezug zu Ethnie und Nation entwickelt hat, ist als Differenzkategorie gekennzeichnet durch Homogenisierung nach innen sowie Ab- und Ausgrenzung nach außen. Im Zeitalter der Globalisierung, Individualisierung und des permanenten Wandels kommt dagegen die tatsächliche Verfasstheit der Kultur zum Vorschein; sie ist geprägt von der wechselseitigen Durchdringung der Kulturen, durch Heterogenität, Offenheit und Hybridität, aus denen neues Wissen und veränderte kulturelle Praktiken hervorgehen können. Mit dem Konzept der Transkulturalität, wie es sich seit Anfang der 1990er-Jahre entwickelt hat und in den letzten Jahren zu einem viel gebrauchten Begriff geworden ist, soll diese tatsächliche hybride Verfasstheit in eine neue Kulturtheorie und kulturelle Praxis umgesetzt werden. Auch Gender ist eine Differenzkategorie, die in der Moderne im Wechselbezug zu Nation und Kultur konstruiert wurde. So wie durch Transkulturalität kulturelle Formationen und Praktiken zur Veränderung freigegeben werden können, strebt auch die transkulturelle Genderforschung die Freisetzung der differenten Individuen von der Bestimmungsmacht der kulturellen und sozialen Differenzsetzung durch Dichotomisierung, Ein- und Ausschließung und Hierarchisierung an. Nicht nur kulturelle, sondern auch Gendergrenzen werden durch die Prozesse der Begegnung, des Austausches, der Aushandlung, der Mobilität und der Hybridisierung durchlässig und veränderbar. Damit hängen Transkulturalität und freie Gendergestaltung eng zusammen und sind für die Genderforschung zukunftsweisend.

Michiko Mae

Heteronormativitätskritik: ein Konzept zur kritischen Erforschung der Normalisierung von Geschlecht und Sexualität

Der Beitrag schildert die Entstehung und Entwicklung des Begriffs der Heteronormativität, der die Normalisierung sexueller und geschlechtlicher Identitäten, Körper und Praxen, die hegemoniale Heterosexualität privilegieren und institutionalisieren, kritisch in den Blick nimmt. Allerdings wird dabei die Verwicklung von Heteronormativität mit anderen Herrschaftskategorien häufig vernachlässigt.

Volker Woltersdorff

Queer Theory: identitäts- und machtkritische Perspektiven auf Sexualität und Geschlecht

Der Beitrag behandelt Entstehungskontexte und Kristallisationspunkte queerer Theorien. Im Mittelpunkt stehen identitäts- und machtkritische Perspektiven. Sie nehmen Sexualität und Geschlecht als kulturelle Konstruktionen und soziale Verhältnisse in den Blick, die sich wechselseitig mit anderen hierarchisierten Differenzen entlang von Race, Klasse und Dis/Ability konstituieren.

Mike Laufenberg

Intersektionalität: Perspektiven der Geschlechterforschung

Dem von der US-amerikanischen Juristin Kimberlé Crenshaw geprägten Begriff der Intersektionalität zufolge wirken unterdrückende Institutionen und Machtverhältnisse nicht unabhängig voneinander, sondern werden in der Geschlechterforschung als zusammenwirkende Mechanismen untersucht.

Nina Degele

Habitus: Verkörperung des Sozialen – Verkörperung von Geschlecht

Der Beitrag stellt Pierre Bourdieus Soziologie und ihre Bedeutung für die interdisziplinäre Geschlechterforschung dar. Das Habitus-Konzept wird als Beispiel dafür angeführt, wie die Verkörperung von Geschlecht konzeptionell und empirisch gefasst werden kann. Nach einer Einführung in Prämissen und Forschungsfragen aus der Sicht Bourdieus werden seine Rezeption in der Geschlechterforschung und die Anwendung seiner Konzepte in diesem Forschungskontext skizziert.

Sandra Beaufaÿs

Systemtheorie: geschlechtliche Gleichheit und Diskriminierung in der funktional differenzierten Gesellschaft

Die systemtheoretische Geschlechtersoziologie verwendet Luhmanns Systemtheorie als analytischen Rahmen für ihre Einordnung geschlechtersoziologischer Fragestellungen. Im Vordergrund steht die analytische Durchdringung der paradoxen Gleichzeitigkeit geschlechtlicher Gleichheit und Diskriminierung.

Christine Weinbach

Diskurstheorie: zur kulturellen Konstruktion der Kategorie Geschlecht

Die feministische Diskursforschung rekonstruiert das Geschlecht aus einem Geflecht von diskursiven Praktiken und institutionellen Machttechnologien. Das System der Zweigeschlechtlichkeit erscheint als historisch kontingentes Konzept, das die Geschlechter naturalisiert und normalisiert.

Hannelore Bublitz

Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT): Potenziale für die Geschlechterforschung

Die Akteur-Netzwerk-Theorie, kurz ANT, ist ein revolutionärer Ansatz, der die etablierte Subjekt-Objekt-Trennung aufzulösen versucht und die Handlungsnetzwerke von Akteuren und Objekten, sog. Aktanten, fokussiert. Ihre vor allem empirische Bedeutung für die Frauen- und Geschlechterforschung wurde bisher kaum aufgegriffen. Die Bedeutung von Objekten für stereotypisierte Geschlechtszuschreibungen ebenso wie die Vergeschlechtlichung von Dingen selbst sind Themen, die in der Akteur-Netzwerk-Theorie bisher wenig Beachtung gefunden haben, jedoch neue Sichtweisen auf Geschlechterverhältnisse ermöglichen. Die Diskussion über den aktuellen Forschungsstand zeigt, in welchen Bereichen sich das Potenzial der Akteur-Netzwerk-Theorie weiter ausschöpfen lassen kann. Neben vorhandenen Ansätzen in den feministischen „Science and Technology Studies“ (STS) und der Debatte um technologischen Fortschritt besteht die Möglichkeit, mithilfe der Akteur-Netzwerk-Theorie Erkenntnisse vor allem über die geschlechtsspezifizierte Segregation auf Erwerbsarbeitsmärkten als auch auf der familiären, sozialen und politischen Ebene zu generieren.

Katrin Späte

Neoinstitutionalismus: Grundlagen und Anschlussfähigkeit an die Geschlechterforschung

Der Neoinstitutionalismus lenkt den Blick auf die Bedeutung von Institutionen für die Herausbildung organisationaler Strukturen und Prozesse. Die Erklärungskraft des Neoinstitutionalismus setzt dabei auf zwei Ebenen an: Er erklärt nicht nur die Wirkung institutioneller Normen wie Geschlechtergerechtigkeit an der Schnittstelle Organisation/Umwelt, sondern deckt auch innerorganisationale Mechanismen einer möglicherweise nur zeremoniellen Anpassung oder Entkopplung auf.

Melanie Roski

Zivilisations- und Prozesstheorie: Elias und die Geschlechterforschung

Die von Norbert Elias interdisziplinär angelegte Figurations- und Prozesstheorie bietet mit ihrem relationalen Konzept von Macht wertvolle Impulse dafür, die implizit in ihr angelegte Dimension einer Geschlechtersoziologie weiter zu explizieren. Die zwischen Engagement und Distanz sowie lang- und kurzfristigen Prozessen unterscheidende Sicht auf die komplexen und dynamischen Geflechte menschlicher Beziehungen kann somit die Beziehungen der Geschlechter zugleich in ihrer progressiven und regressiven Wandlungsfähigkeit par excellence analysieren.

Stefanie Ernst

Doing Gender: eine mikrotheoretische Annäherung an die Kategorie Geschlecht

Mit der Theoriefigur des „Doing Gender“ wird die Bedeutung der Interaktion für die Erzeugung und Reproduktion der Geschlechterunterscheidung herausgearbeitet. Grundlage dafür waren ethnomethodologische Studien zur Transsexualität. Die Figur wird zunehmend ergänzt durch das Theorem des „Undoing Gender“, mit dem Veränderungen auf der Interaktionsebene systematisch aufgenommen und in einen Bezug zu sozialem Wandel gestellt werden können.

Regine Gildemeister

Männlichkeitsforschung: die Hegemonie des Konzeptes „hegemoniale Männlichkeit“

Der Blick auf Männer und Männlichkeiten wird insbesondere durch das Konzept der hegemonialen Männlichkeit von Connell geleitet. Aus einer macht- und herrschaftskritischen Perspektive werden die Relationen zwischen Männlichkeiten und Weiblichkeiten in einer doppelten Dominanz- und Distinktionslogik betrachtet. Diskutiert werden die Vorteile dieser Perspektive, aber auch die kritischen Aspekte.

Sylka Scholz

Psychoanalytische Anerkennungstheorien: Intersubjektivität und Geschlecht in zwischenmenschlichen Beziehungen

Jessica Benjamin verknüpft in ihrer Anerkennungstheorie Hegels Philosophie mit Psychoanalyse und Geschlechterforschung. Sie zeigt auf, wie in der Entwicklung des Kleinkindes durch die Beziehungen zu den Eltern Muster wechselseitiger Anerkennung und Intersubjektivität erworben werden – oder in machtvolle und hierarchische Geschlechterverhältnisse auseinanderfallen. Sie legt damit eine theoretisch und normativ gehaltvolle Grundlage zur Analyse zwischenmenschlicher Beziehungen vor.

Anna Sieben

New Materialism: neue Materialitätskonzepte für die Gender Studies

Mit dem Stichwort New Materialism wird eine aktuelle, interdisziplinäre Strömung in den Gender Studies bezeichnet, die eine erneuerte Auseinandersetzung mit Konzepten wie Materialismus, Realismus, Ontologie und Posthumanismus anregt. Eine These dieser Forschungsrichtung lautet, dass Materie selbst über Agency verfügt, die ihrer jeweils eigenen Logik folgt. Ausgehend von dieser Prämisse wird eine Komplexifizierung von Natur-Kultur-Verhältnissen als Kontinuen vorgeschlagen, die von den Autor_innen des Feldes unterschiedlich entwickelt und für die Geschlechterforschung aufgearbeitet wird. Die Spannbreite der Ansätze reicht von einer quantentheoretisch gelesenen Performativitätstheorie (Karen Barad) über kritischen Posthumanismus (Rosi Braidotti) bis zu einem gender-theoretischen Interesse an Mikrobiologie und Evolutionstheorie (Myra Hird, Luciana Parisi). Der New Materialism bietet eine Vielzahl von Ansätzen für die Erforschung von Materialität und Körperlichkeit sowie gegenwärtige Natur-, Kultur- und Technikverhältnisse, jedoch weisen diese bislang eine ‚kritische Lücke‘ bei der Konzeptualisierung emanzipativ-politischer Handlungsmacht und dessen Subjekt auf.

Martin Kallmeyer

Technikverhältnisse: Methoden feministischer Technikforschung

Feministische Technikforschung untersucht die Verwobenheit von Geschlechterverhältnissen mit technologischer Forschung und Entwicklung. Ihre aktuelle Geschichte beginnt im Zusammenhang der sog. Zweiten Internationalen Frauenbewegungen in den 1970er-Jahren. In diesem Beitrag werden konzeptuelle Grundlagen und methodische Entwicklungen feministischer Erforschung von „Technikverhältnissen“ dargelegt. Das „Manifest für Cyborgs“ (Haraway) stellt die Basis für die Überwindung der Verknüpfung von Männlichkeit und Technik dar. Es wird gezeigt, wie auf dem Weg der Vervielfältigung von Interessensartikulation und technischen Sichtweisen in Designteams (Balsamo) eine gleichberechtigte Vielfalt zur kreativen Chance wird. Anschließend wird erörtert, wie die Erkenntnis der Dynamik des Mensch-Maschine-Verhältnisses (Suchman) zur Grundlage für die Möglichkeit feministischer Verschiebungen von Geschlechternormen in den Technowissenschaften wird. Vorschläge für empirische Anwendungen, wie z. B. Mind Scripting (Allhutter) und Diffractive Design (Bath) werden präsentiert. Die Chancen experimenteller Praktiken bei der Nutzung digitaler Medientechnologien und ihrer Erforschung, vielfältige und unvorhersehbare Subjektpositionen einzunehmen, werden ausgelotet.

Waltraud Ernst

Natur- und Geschlechterverhältnisse: ein kontroverses, stark politisiertes Feld innerhalb der Geschlechterforschung

Gesellschaften bedenken und bearbeiten ihre natürlichen Umwelten und sind über vielfältige materiale und diskursive Relationen mit ihnen verbunden. Dabei wird meist „die Natur“ in Bildern des Weiblichen vergeschlechtlicht und die Geschlechterherrschaft naturalisiert. Entsprechend strukturieren Patriarchalismen und deren scharfe Kritiken das Themenfeld.

Barbara Holland-Cunz

Ökofeminismus und Queer Ecologies: feministische Analyse gesellschaftlicher Naturverhältnisse

Ökofeminismus kritisiert die Ausbeutung menschlicher und natürlicher ReProduktivität im Kapitalismus. Der Nexus „Frau-Mutter-Natur“ und die Natur-Kultur-Dichotomie stehen im Fokus der Analyse gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse. Queer Ecologies erweitern die Perspektive um die Kritik an Heteronormativität.

Christine Bauhardt

Feministische Methoden- und Wissenschaftskritik: Kontroversen, Entwicklungen und Forschungsperspektiven in der Geschlechterforschung

Ausgehend von der Beobachtung, dass sich Epistemologie, Theorie und Methoden nicht trennen lassen, zeigt der Beitrag, welche Auswirkungen historisch gewachsene feministische theoretische und politische Debatten – namentlich die Frage nach Geschlecht als Ungleichheitskategorie, die Frage der Konstruktion und Dekonstruktion von Geschlecht sowie die Frage nach der Perspektivität der Forschenden und dem Subjekt-Objekt-Verhältnis – auf die Methoden- und Wissenschaftskritik haben. Es wird gezeigt, dass aufgrund ihres Theorieverständnisses die sehr heterogene feministische Forschung bis heute interpretative Verfahren, insbesondere die Ethnografie und qualitative Interviews, präferiert, aber sich auch anderer Instrumente etwa aus der standardisierten Forschung bedient, um etwa gesellschaftliche Strukturen aufzudecken. Diese Ansätze werden zunehmend in Mixed-Methods-Studien kombiniert. Da feministische Forschung von Anfang an gesellschaftliche Macht- und Hierarchieverhältnisse nicht nur analysieren, sondern auch politisch verändern will, gehören Ansätze wie die Aktions- und Evaluationsforschung zum bewährten methodologischen Programm.

Maria Norkus, Nina Baur

Feministische Methodologien: Erkenntnistheorie und Methoden der Geschlechterforschung

Geschlechterforschung bedient sich des gesamten Spektrums wissenschaftlicher Methoden. Sie reflektiert dabei, ausgehend von feministischen Erkenntnistheorien und Methodologien, die gesellschaftlichen Bedingungen von Erkenntnis und die durch Methoden produzierten Ausschlüsse.

Stephanie Bethmann

Dispositivanalyse: Effekte der Konstruktion, De-Konstruktion, Re-Konstruktion von Geschlechterverhältnissen

Die Dimension Geschlecht sowie damit zusammenhängend die Differenzierungen zwischen Geschlechtern und deren Verhältnisse zu- und untereinander werden als Effekte unterschiedlicher Konstruktions-, De-Konstruktions- und Re-Konstruktionsprozesse betrachtet. In den Blick gerät so nicht nur, in welchen Begriffen und mit welchen (diskurs-)strategischen Zielen bestimmte Geschlechterverhältnisse von wem diskursiv hervorgebracht worden sind. Vielmehr werden ausgehend von einer relationalen Machtanalyse die Verhältnisbestimmungen zwischen diskursiv vermitteltem Wissen über Geschlecht, Geschlechtszugehörigkeit sowie die Geschlechterdifferenzen und die damit verbundenen, oftmals institutionell vergegenständlichten Praktiken und Objektivationen, die daran geknüpften sozialen Normierungen, Normalisierungen und Hierarchisierungen sowie die (Selbst-)Wahrnehmung der vergeschlechtlichten und vergeschlechtlichenden Individuen zum Fokus umfassender Forschungsbemühungen gemacht.

Andrea Dorothea Bührmann

Praxeologie und Praxistheorie: Resonanzen und Debatten in der Geschlechterforschung

Der Beitrag zeigt methodologische Resonanzen zwischen Praxistheorien und Geschlechterforschung(en) am Beispiel der Wahlverwandtschaft zwischen Praxeologie und Doing-Gender-Ansätzen, der Nähen von Praxis- und Performativitätskonzepten und der Kritik eines kurzschlüssigen Objektivismus.

Susanne Völker

Disziplinen: fachspezifische Entwicklungen und fachkulturelle Perspektiven der Geschlechterforschung

Frontmatter

Geschichtswissenschaften: von einer Leitwissenschaft in der Frauen- und Geschlechterforschung zur institutionalisierten Disziplin

Die Frauen- und Geschlechtergeschichte ist ein zentraler Bereich der Frauen- und Geschlechterforschung, da sie sich per Definition der Gewordenheit und damit Veränderbarkeit von Geschlechterverhältnissen widmet. Ihre Institutionalisierung wurde von Diskussionen um die Wirkungsmacht der Kategorie Geschlecht in ihrer transnationalen Bedeutung für die Disziplin geprägt.

Gabriella Hauch

Archäologie: Geschlechterperspektiven für die Vergangenheit

Archäologische Geschlechterforschung untersucht das Geschlechterrollenverständnis vergangener Kulturen mittels der Verknüpfung materieller Hinterlassenschaften (Befunde, Bilder) mit Sozialgruppen. Dazu kommt die Wissenschaftsgeschichte, die Forschung zu Archäologinnen. Die Akzeptanz im Fach wächst, nicht zuletzt dank der Arbeit von „FemArc – Netzwerk archäologisch arbeitender Frauen e.V.“.

Julia Katharina Koch, Susanne Moraw, Ulrike Rambuscheck

(Europäische) Ethnologie: reflexive Ethnografien zu Geschlecht und Geschlechterverhältnissen

(Europäische) Ethnologie hat durch ethnografische (Feld-)Forschungen die Diversität, Situiertheit und Komplexität von Geschlechterkonzepten und -verhältnissen aufzeigen können. Durch die systematische Auseinandersetzung mit Gender als Analysekategorie seit den 1970er-Jahren wurden Konzepte der Positionalität, Repräsentation und engagierter Forschung entwickelt, die maßgeblich zur Reflexivierung ethnografischen Arbeitens beigetragen haben.

Beate Binder

Religionswissenschaft: Macht – Religion – Geschlecht. Perspektiven der Geschlechterforschung

Gendertheoretische Religionswissenschaft analysiert das Verhältnis von Religionen und Geschlechterordnungen mittels kultur- und sozialwissenschaftlicher Methoden als soziale Tatsache im Rahmen eines diskursiven Religionsverständnisses. Der Beitrag zeigt den Forschungsstand und die Desiderate der Disziplin auf.

Marita Günther, Verena Maske

Literaturwissenschaften: die neue Vielfalt in der Geschlechterforschung

Die literaturwissenschaftliche Frauen- und Geschlechterforschung hat seit den 1960er-Jahren eine Vielzahl an Forschungsgegenständen und Methoden ausgearbeitet, die ästhetisch, historisch und theoretisch fortlaufend in neue Relationen zueinander gesetzt werden. Restaurative Tendenzen wirken der neuen Unübersichtlichkeit derzeit verstärkt entgegen.

Sigrid Nieberle

Sprachwissenschaft und Geschlechterforschung: Übermittelt unsere Sprache ein androzentrisches Weltbild?

In den 1970er-Jahren entstand eine bis heute anhaltende Debatte um eine gendergerechte Sprache. Eine der Leitfragen in diesem Kontext lautet, ob und inwiefern Sprache eine männerzentrierte Wirklichkeitsperspektive reflektiert und untermauert. Die Genderlinguistik fokussiert dabei Fragen der sprachlichen Konstruktion von Geschlechterdifferenzen, genderspezifisches Kommunikationsverhalten und die Repräsentation der Geschlechter in der Sprache.

Susanne Günthner

Kommunikations- und Medienwissenschaft: Forschungsfelder und Fragestellungen der Gender Media Studies

Der Beitrag gibt einen Überblick über wesentliche nationale und internationale Fachdebatten zur Geschlechterforschung in der sozialwissenschaftlich verorteten Kommunikationswissenschaft, wobei auch Schnittstellen zur Medienwissenschaft und zur Film- und Fernsehwissenschaft in den Blick genommen werden.

Margreth Lünenborg, Tanja Maier

Fernsehwissenschaft: Geschlecht und Fernsehen in der kulturwissenschaftlichen Medienforschung

Der Beitrag skizziert die Geschlechtlichkeit des Fernsehens in medienökologischer und alltagstheoretischer Perspektive anhand der kulturwissenschaftlichen Fernsehforschung. Zentrale Fragestellungen feministischer Fernsehwissenschaft werden anhand wichtiger empirischer Studien aus den 1980er- bis zu den 2000er-Jahren erörtert.

Stephan Trinkaus

Musikwissenschaften: Geschlechterforschung und zentrale Arbeitsgebiete

Der Artikel beschreibt die Entwicklung und zentrale Arbeitsgebiete der Frauen- und Geschlechterforschung in der Historischen Musikwissenschaft, der Ethnomusikologie und der Popularmusikforschung.

Rosa Reitsamer

Kunstwissenschaft und Bildende Künste: von männlicher Dominanz, feministischen Interventionen und queeren Perspektiven in der Visuellen Kultur

Geschlechterforschung in der Kunstwissenschaft hat nicht nur zum Ziel, den Kanon zu revidieren, sondern dessen Prämissen zu hinterfragen. Sie versteht Kunst als Teil einer visuellen Kultur, in der wiederum Geschlecht ein entscheidender Faktor ist. Neben den strukturellen geschlechtsbedingten Bedingungen für Kunstproduktion und deren Rezeption sind bisher das Bild der Frau und der Körper die wichtigsten Forschungsobjekte. Judith Butlers performativer Ansatz hat hier entscheidende Impulse gesetzt, die von den Queer Studies fortgesetzt werden. Herausforderung ist es, die Intersektionalität von Geschlecht mit anderen Faktoren (Ethnie, sexuelle Orientierung) zu berücksichtigen und für die Kunstwissenschaft fruchtbar zu machen.

Änne Söll

Filmwissenschaft: feministische Theorie, Gender Media Studies und Affekt

Der Artikel stellt historische Debatten und aktuelle Entwicklungen im Verhältnis filmischer Medien und Gender dar, besonders die Bedeutung der Feministischen Filmtheorie und der Affekttheorie. Es lässt sich eine Verschiebung des Fokus der Darstellungen von Geschlechterstereotypen über die Medialität von Geschlecht hin zu Affekt und Mediengefügen verzeichnen.

Julia Bee

Rechtswissenschaft: Geschlechterforschung im Recht – Ambivalenzen zwischen Herrschafts- und Emanzipationsinstrument

Der Beitrag zeigt auf, wie Recht einerseits Herrschaftsverhältnisse reproduzieren und andererseits als Emanzipationsinstrument genutzt werden kann; er vollzieht die juristischen Diskurse zu Geschlechterfragen in ihrer historischen Entwicklung nach und erläutert einzelne Schwerpunkte der feministischen Rechtswissenschaft.

Ute Sacksofsky

Wirtschaftswissenschaften: Entwicklungen der feministischen Ökonomik

Geschlechterforschung in den Wirtschaftswissenschaften hat sich nur in Teilen etablieren können, obwohl heute eine international vernetzte feministische Ökonomik existiert. Auch in der wirtschaftswissenschaftlichen Lehre finden sich nur wenige Gender-Inhalte. Die feministische Ökonomik ist vielfältig in ihren theoretischen wie empirischen Fundierungen, aber in den Wirtschaftswissenschaften bleibt sie eher unberücksichtigt.

Friederike Maier

Soziologie: eine Leitwissenschaft der Frauen- und Geschlechterforschung mit fragmentarisch entnaturalisiertem Geschlechterwissen

Geschlechterbezogene Fragestellungen gehören konstitutiv zum Gegenstandsbereich der Soziologie. Insofern stellt ihre durch die Frauen- und Geschlechterforschung in der Disziplin erreichte Verankerung nur bedingt einen Erfolg dar. Die andauernde Vernachlässigung der kategorialen Bedeutung von Geschlecht in weiten Teilen der Soziologie wird in der Frauen- und Geschlechterforschung auf ein fortbestehendes alltagsweltlich naives und naturalisierendes Geschlechterwissen zurückgeführt.

Heike Kahlert

Politikwissenschaft: feministische Positionen, Debatten und aktuelle Entwicklungen

Feministische Politikwissenschaft begreift Geschlecht als ein konstituiertes (Macht-)Verhältnis und als einen politischen Prozess. Aus einer gesellschaftstheoretischen Perspektive werden Ermöglichungs- und Legitimitätsstrukturen geschlechtlicher Diskriminierungsverhältnisse durch politische Institutionen, Prozesse und Maßnahmen analysiert.

Gabriele Wilde, Christiane Bomert

Erziehungswissenschaft: Geschlecht als Kategorie für pädagogische Praxis und erziehungswissenschaftliche Forschung

Kann man sich eine Gesellschaft vorstellen, in der alle Geschlechter als gleichwertig anerkannt werden? In der keine Aufgaben, Rollen und Funktionen nach Geschlechtszugehörigkeiten verteilt und keine sozialen Erwartungen an Über- und Unterlegenheit des einen oder anderen Geschlechts gebunden sind? Erziehungsverhältnisse, Bildungs- und Ausbildungsbedingungen sowie Antizipationen, welche gesellschaftlichen Aufgaben und Arbeiten sich nach der Geschlechtszugehörigkeit in der Vergangenheit und Gegenwart erwarten ließen bzw. lassen, sind innerhalb der Erziehungswissenschaft zwar untersucht worden, aber sie standen nicht im Mainstream. Gleichwohl hat die Kategorie Geschlecht in der pädagogischen Praxis und über die Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft einen selbstverständlichen Anteil im Diskurs errungen.

Anne Schlüter

Psychologie: Geschlechterforschung – Paradigmen, Befunde und Institutionalisierung

Psychologische Geschlechterforschung ist ein Querschnittsthema in der Psychologie, das in Wechselwirkung mit anderen Faktoren auf Erleben und Verhalten untersucht wird. Paradigmenwechsel und Kontroversen sowie die Sicherung relevanter Wissensbestände werden vorgestellt.

Gisela Steins

Sportwissenschaften: Geschlechterforschung als konstitutiver Beitrag zur Analyse sozialer Ordnungen im Sport

Die sportwissenschaftliche Geschlechterforschung sieht sich zum einen herausgefordert, ihre Erkenntnisse nachhaltig in den Sportwissenschaften zu verankern, zum anderen muss sie bisherige intersektionale und heteronormativitätstheoretische Analysen des Sports erweitern und vertiefen.

Karolin Heckemeyer

Sozial verantwortliche Technikwissenschaften: der Beitrag der Geschlechterforschung für Forschung, Entwicklung und Ausbildung

Die Geschlechterforschung in den Technikwissenschaften hat in den letzten Jahrzehnten die vielfältigen Dimensionen vergeschlechtlichter Prozesse in Forschung und Entwicklung beschrieben. Diese Erkenntnisse finden allerdings bisher nur sehr marginal Eingang in den Diskurs einer sozial verantwortlichen Technikentwicklung innerhalb der Technikwissenschaften selbst. Gleichzeitig wird auf nationaler wie internationaler Ebene die Berücksichtigung von Genderperspektiven gefordert und in den Technikwissenschaften gibt es einen regen Diskurs über die Ausbildung von sozial verantwortlichen Ingenieur*innen. Der Beitrag zeigt auf, wie es gelingen kann, die beiden Diskurse zusammenzuführen, um so eine sozial verantwortliche Forschung, Entwicklung und Ausbildung in den Ingenieurwissenschaften umzusetzen.

Carmen Leicht-Scholten

Architektur und Raumplanung: zur Herausforderung der geschlechtergerechten Gestaltung eines Wissens- und Handlungsfeldes

Architektur und Raumplanung sind vorrangig auf das konkrete Handeln und Gestalten bezogen, nicht regelmäßig auch Gegenstand theoretischer Reflexionen. Die Geschlechterforschung hat hier einen Wissensfundus entstehen lassen, der infolge des Abbaus entsprechender Professuren wieder in Vergessenheit zu geraten droht.

Barbara Zibell

Mathematik: Geschlechterforschung in disziplinären Zwischenräumen

Fragen zur Relevanz der Kategorie Geschlecht für und innerhalb der Mathematik werden außerhalb des Faches verhandelt. Sie umfassen die Felder Geschichte, Soziologie, Didaktik und Wissenschaftstheorie und bewegen sich in disziplinären Zwischenräumen, da auch Philosophie, Bildungs- und Kulturwissenschaften sich kaum auf die Befassung mit Mathematik und mathematischer Fachkultur einlassen.

Mechthild Koreuber, Anina Mischau

Biologie: materielle Dimensionen von Geschlecht in biologisch-kritischer Perspektive

Der Beitrag charakterisiert zwei zentrale Perspektiven der biologiebezogenen Geschlechterforschung: die biologieimmanente, methodisch und inhaltlich intervenierende Ebene und die geistes- bzw. sozialwissenschaftlich ausgerichtete, genderreflexive Wissenschaftsforschung.

Kerstin Palm

Medizin: Gendermedizin im Spannungsfeld zwischen Zukunft und Tradition

Die Einführung der geschlechtssensiblen Medizin (GSM) führt nicht nur zu einem relevanten Paradigmenwechsel in der Medizin, sondern sie steigert auch die Sensibilität des medizinischen Handelns und fördert einen Fokus auf die Bedürfnisse der Patient_innen. Die Gendermedizin hat sich historisch aus der internationalen Frauengesundheitsbewegung entwickelt und sich in ihren Aktivitäten auf drei Kernbereiche fokussiert: die Wissenschaft und klinische Medizin, die Lehre und die strukturelle Arbeit zur Verankerung der Inhalte und zum Abbau der strukturellen Hürden. Die aktuellen Debatten im Rahmen der Gendermedizin fokussieren vor allem auf intradisziplinäre Herausforderungen, nichtsdestotrotz sollte die Rolle der Gendermedizin auch im Spannungsfeld mit den Gender Studies betrachtet werden. Insgesamt handelt es sich um eine junge Disziplin, die die Medizin zur Auseinandersetzung mit vernachlässigten Themen der Patient_innenzentriertheit animiert und die Praxis für die nächsten Jahre prägen wird.

Sabine Oertelt-Prigione, Sarah Hiltner

Ungleichheiten, Sozialstruktur, Gleichstellung: zentrale Fragen und empirische Zugänge der Geschlechterforschung

Frontmatter

Arbeit und Geschlecht: Erwerbsarbeit, Hausarbeit und Care

Aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven setzt sich die Geschlechterforschung mit Arbeit und der Vielfalt von Arbeitsverhältnissen auseinander. Gegenstand der Auseinandersetzung sind der Arbeitsbegriff, die Trennung von Produktion und Reproduktion und die damit verbundenen Vergeschlechtlichungsprozesse. Stärker empirisch orientierte sozialwissenschaftlichen Ansätze untersuchen Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt, in Arbeitsorganisationen und in Berufsverläufen, aber auch das konkrete Arbeitshandeln und die Herstellung von Differenzen und Hierarchien in Betrieben. Die feministische Kritik setzt sich mit verschiedenen gesellschaftstheoretischen, Perspektiven auf Arbeit auseinander und formuliert Alternativen und Utopien. In den Blick genommen werden die gesellschaftliche Relevanz von Sorge und Sorgearbeit, sowie Konflikte um und in der Arbeit.

Alexandra Scheele

Care, Care-Arbeit und Geschlecht: gesellschaftliche Veränderungen und theoretische Auseinandersetzungen

Care und Care-Arbeit waren von Anbeginn an zentrale Forschungsfelder in der Geschlechterforschung. Handlungsorientierungen, Tätigkeiten und Haltungen, die eng mit leiblicher und emotionaler Care und Care-Arbeit verknüpft sind, gelten gesellschaftshistorisch betrachtet seit der Industrialisierung als eng mit Weiblichkeitskonzeptionen verbunden. In den letzten Jahren steigt das Interesse an den Forschungserkenntnissen zu Care und Care-Arbeit, was zum einen auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse zurückzuführen ist. Zum anderen hat sich auch die Theoriedebatte in der Geschlechterforschung in einer Weise weiterentwickelt, dass die Relevanz für ein Verständnis der gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge unübersehbar wird. Der Artikel gibt einen Einblick in die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse, aber auch in die Entwicklung der Theoriedebatte zu Care und Care-Arbeit in der Geschlechterforschung.

Birgit Riegraf

Care: Ansätze und Perspektiven der international vergleichenden Geschlechterforschung

Mit dem Konzept „Care“ wurde eine nur wenig beachtete Praxis thematisiert, die bisher in aller Regel Frauen betrifft. Eingebettet in einen internationalen Diskurs fragte die nationale und international vergleichende Geschlechterforschung nach der Beschaffenheit von Care, deren gesellschaftliche Einbettung in Care-Regime und damit verbundene ungleichheitsrelevante Konsequenzen.

Hildegard Theobald

Prekarisierung von Arbeit: erweiterte Perspektiven der Geschlechterforschung

Mit Prekarisierung wird – eng gefasst – seit der Jahrtausendwende das sozialpolitisch forcierte Unsicherwerden von Erwerbsarbeit als gesellschaftliche Gefährdung beschrieben. Die Geschlechterforschung erweitert die aus der Arbeitssoziologie stammende Prekarisierungsdebatte um das Verhältnis von ‚Arbeit‘ und ‚Leben‘ und markiert die Ambivalenzen von Prekarisierungsprozessen.

Mona Motakef, Christine Wimbauer

Armut: verborgene Armutsrisiken im Blick der Geschlechterforschung

Menschen sind je nach Geschlecht in unterschiedlichem Maße und in differenter Weise mit ‚Armut‘ konfrontiert. In diesem Beitrag werden die Armutsrisiken in komplexen Wohlfahrtsstaaten skizziert, ausgewählte Analysekonzepte beleuchtet und empirische Befunde zu Armutsrisiken aus der Geschlechterperspektive interpretiert.

Brigitte Hasenjürgen

Migration und Geschlecht: die soziale Konstruktion von Differenzverhältnissen

In diesem Beitrag geht es um die Verhältnisbestimmung zwischen Geschlecht einerseits und den als ethnisch, kulturell oder national bezeichneten Grenzziehungen, die mit der Kategorie Migrant*in verknüpft sind. Dabei werden vor allem (internationale) Forschungen herangezogen, die seit den 1980er-Jahren gezeigt haben, dass Gender in Ko-Konstruktion mit Ethnizität, Kultur bzw. Nation betrachtet werden muss und vice versa.

Helma Lutz

Prekaritäten: internationale Forschung zu globalen Ungleichheiten, Ungleichzeitigkeiten und Geschlecht

Wie werden Prekarität, Ungleichzeitigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung und soziale Ungleichheiten in der Prekarisierungs-, Arbeits-, Care- und Geschlechterforschung international angesprochen? Darum geht es mit Blick auf den Diskurs und die Themen Arbeit, Sozialstaatlichkeit und Domestic Care.

Brigitte Aulenbacher, Fabienne Décieux

Globalisierung: Geschichte, Ansätze und Themen aus der Perspektive der Geschlechterforschung

Der Beitrag diskutiert die wissenschaftliche Auseinandersetzung der Geschlechterforschung mit den Auswirkungen von Globalisierungsprozessen und dem Globalisierungsdiskurs. Ebenso werden spezifische Herangehensweisen, Ansätze und Themen dargestellt, um die methodische und thematische Breite der Geschlechterforschung zu Globalisierung zu zeigen. In den letzten Jahren wurde insbesondere im akademischen Kontext immer weniger auf den Begriff der Globalisierung bzw. das Konzept verwiesen, da strukturkonservative Deutungen zunehmend den Diskurs dominieren.

Petra Dannecker

Gewalt: zentrale Studien und Befunde der geschlechterkritischen Gewaltforschung

Forschung zu Gewalt im Geschlechterverhältnis befasst sich mit Ausmaß, Ursachen und Prävention von Gewalt gegen Frauen und geschlechtsbezogener Gewalt. Sie ist interdisziplinär ausgerichtet und durch einen engen Wissenschafts-Praxis-Transfer geprägt.

Monika Schröttle

Prostitution und Sexarbeit: alte und neue Kontroversen aus dem Blick der Geschlechterforschung

Feministische Ansätze scheiden sich an der Frage, ob Zwangs- und Ausbeutungsverhältnisse der Prostitution inhärent sind oder ob man von einer marktförmigen Dienstleistungsarbeit bzw. Sexarbeit sprechen kann. Der Beitrag zeichnet zentrale theoretische Positionen und neue Kontroversen nach und stellt Bezüge zu Varianten der staatlichen Regulierung von Prostitution/Sexarbeit her, die daran anknüpfen.

Markus Tünte, Birgit Apitzsch, Karen Shire

Bildung: Geschlechterbildung und ihre Begrenztheiten

‚Bildung‘ fokussiert weit über Wissenserwerb, Schul- und Berufsbildung hinaus die Fähigkeit von Individuen, sich kritisch auf die Gesellschaft zu beziehen und selbstständig ihre Lebensgestaltung zu verantworten. In den Möglichkeiten zum Erwerb dieser Fähigkeiten waren und sind Frauen jedoch deutlich eingeschränkt.

Barbara Rendtorff

Eliten: geschlechtertheoretische Perspektiven

Der Beitrag kontrastiert Elitentheorien vor dem Hintergrund ihrer Grundannahmen über Gesellschaft und schließt Forschungslücken dieser Theorien aus der Perspektive der Gender Studies. Dabei geht es um die Geschlechtersegregation von Eliten, die Bedeutung des Zusammenhangs von Arbeits- und Lebensweisen der Eliten für die Ausarbeitung von Hegemonie sowie um geschlechtliche Machtpraxen.

Tomke König

Gender & Environment: Geschlechterforschung im Kontext Ökologie, Umwelt, Nachhaltigkeit

Die Forschung und Debatten zu Gender & Environment basieren auf der Ausgangsannahme, dass Umweltprobleme und ihre Lösungsansätze nicht geschlechtsneutral sind. Sie weisen zudem als weitere Grundannahme auf die Gleichursprünglichkeit von ökologischer und sozialer Krise hin. Der Beitrag stellt grundlegende konzeptionelle Überlegungen zu Gender & Environment zur Diskussion und wirft die Frage nach den Folgen der Konzepte und Maßnahmen, die zur Lösung von Umwelt- und Nachhaltigkeitsproblemen entwickelt werden, für geschlechterbezogene und soziale Un/Gleichheitslagen auf.

Ines Weller

Behinderung: Verortung einer sozialen Kategorie in der Geschlechterforschung und Intersektionalitätsforschung

Basierend auf theoretischen und empirischen Forschungsansätzen wird untersucht, ob Behinderung eine soziale Kategorie ist, die nicht nur einen festen Platz in der Frauen- und Geschlechterforschung einnimmt, sondern auch für die aus der Frauen- und Geschlechterforschung hervorgegangene Intersektionalitätsforschung als eigenständige Kategorie relevant ist.

Ulrike Schildmann, Sabrina Schramme

Militär und Krieg: der kämpfende Mann, die friedfertige Frau und ihre Folgen

Im Zentrum des Beitrags steht, welche Ursachen und Folgen der vermeintliche Geschlechterdualismus von kämpfendem Mann und friedfertiger, schutzbedürftiger Frau hat und was dabei aus dem Blick gerät. Betrachtet werden die sog. Neuen Kriege und ihre Folgen für die Geschlechter, das Verhältnis Männlichkeit und Militär bzw. das Verhältnis der hegemonialen zur militärischen Männlichkeit, die Situation der Soldatinnen als sog. Token und die verschiedenen Erklärungsmuster für sexuelle Gewalt in kriegerischen Auseinandersetzungen und deren Implikationen. Gezeigt wird auch, wie aktuelle diskurstheoretische und postkoloniale Ansätze zu einem besseren Verständnis der Ursachen sexueller Gewalt und ihrer Instrumentalisierung beitragen.

Maja Apelt

Internationale und transnationale Frauenbewegungen: Differenzen, Vernetzungen, Veränderungen

Frauenbewegungen entwickelten sich im Kontext der verflochtenen Moderne in einer postkolonialen Welt. Ab 1975 mobilisierten sie im Zusammenhang der „UN-Dekade der Frau“ verstärkt weltweit. Trotz ihrer Unterschiede konnten sie gemeinsame Ziele wie persönliche, auch sexuelle Selbstbestimmung, Gleichheit und gewaltfreies Zusammenleben formulieren und erreichen, dass Geschlechtergleichheit als globale Norm etabliert wurde.

Ilse Lenz

Frauenbewegungen im deutschsprachigen Raum: Geschlecht und soziale Bewegung

Die Frauenbewegungen stellen kollektive Handlungszusammenhänge dar, die für Gleichheit und Anerkennung von Frauen in der Gesellschaft eintreten. Sie haben eine historische Dimension und stehen in transnationalen Zusammenhängen. Ihre Anliegen werden kontrovers diskutiert und haben vielfältige Wirkungen gezeitigt.

Kristina Schulz

Institutionalisierte (Frauen-)bewegungen und -politiken: Gewerkschaften, Parteien, Christliche Kirchen

Bei den Forschungsarbeiten über soziale Bewegungen werden Frauenbewegungen oft vergessen. Institutionalisierte Frauenbewegungen spielen auch in der historischen Frauen- und Geschlechterforschung bisher eine marginale Rolle. Erst durch den Einfluss der „neuen Frauenbewegung“ der 1970er-Jahre wurden auch institutionalisierte (Frauen-)Bewegungen für die Frauenforschung interessant. Mit der Gründung des Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) als Dachverband der bürgerlichen Frauenbewegung 1894 beginnt die organisierte Frauenbewegung, die für bessere Aus- und Allgemeinbildung und das Recht auf Erwerbsarbeit kämpfte. Die Tatsache, dass bei der Gründung des BDF die proletarische Frauenbewegung nicht berücksichtigt wurde, führte zu Konflikten zwischen der proletarischen und bürgerlichen Frauenbewegung. Erst nach der Neugründung nach dem Zweiten Weltkrieg und der Gründung des Deutschen Frauenrats 1951 in Westdeutschland sind auch gewerkschaftliche und sozialdemokratische Frauenorganisationen in einem Dachverband zusammengeschlossen.

Gisela Notz

Feministische Öffentlichkeiten: Formen von Aktivismus als politische Intervention

Der Beitrag verweist entlang der Schlüsselkonzepte feministischer Öffentlichkeitstheorie auf verschiedene Formen von Aktivismus in historischen und aktuellen (queer-)feministischen Öffentlichkeiten. Ein verbindendes Ziel von theoretischen Auseinandersetzungen auf der einen Seite und politischen Interventionen auf der anderen besteht darin, in gesellschaftliche Prozesse einzugreifen und auf Macht- und Hierarchieverhältnisse aufmerksam zu machen. Deutlich wird dabei, dass die Theoriebildung und die verschiedenen Formen von Aktivismus in (queer-)feministischen Öffentlichkeiten eng miteinander verflochten waren und weiterhin ineinandergreifen.

Ricarda Drüeke, Elisabeth Klaus

Queer-feministischer Aktivismus: politisch-praktische Interventionen in heteronormative Verhältnisse

Der vorliegende Artikel stellt aktivistische Strategien aus queer-feministischen Strömungen vor allem im deutschsprachigen Raum vor. Dafür werden der Gegenstand von Queer-Aktivismus sowie theoretische und aktivistische Bezugspunkte verdeutlicht. Im Anschluss wird die Kritik an queer-feministischen Strategien aufgezeigt und im Fazit nach der Aktualität der Bewegung im Kontext des Erstarkens der Neuen Rechten gefragt.

Melanie Groß

Netzwerke: soziales Kapital und Macht(unterschiede) von Frauen und Männern

In diesem Beitrag wird die meso-strukturelle Perspektive von Netzwerken vor allem unter Berufs- und Geschlechteraspekten analysiert. Männer- und Frauennetzwerke, ihre Unterschiede sowie Ein- und Ausschlussprozesse zeigen geschlechtliche Machtunterschiede, insbesondere in Wissenschaft und Forschung.

Felizitas Sagebiel

Frauenprojekte im Fokus der Geschlechterforschung: vom feministischen Aufbruch zur Institutionalisierung

Die aus der Frauenbewegung hervorgegangenen Frauenprojekte haben sich zu mannigfaltigen Institutionen und Betrieben entwickelt und müssen sich als Teil des Sozialsystems und am Markt behaupten. Das hat zu Veränderungen feministischer Positionen geführt, die ein interessantes, wenig genutztes Forschungsfeld darstellen.

Margrit Brückner

Geschlechterreflexive Beratung: Entwicklungslinien, Positionen und Praxen von Sozialberatung und feministischer Beratung

Der folgende Beitrag befasst sich mit den historischen Entwicklungslinien und theoretischen Standortbestimmungen von geschlechterreflexiven Beratungsformaten. Am Beispiel der §-218-Beratung werden zentrale beratungswissenschaftliche Fragestellungen und Konfliktfelder um beraterische Freiheit, Funktion von Beratung, Gestaltung eines emanzipatorischen Beratungsprozesses und den institutionellen Hintergrund von Beratung vorgestellt. Herausgearbeitet wird dabei, dass Beratung sowohl reflexive und hermeneutische als gouvernementale Funktionen erfüllen kann und dass dieser für die Beratungswissenschaft zentrale Konflikt im Feld der geschlechterreflexiven Beratung stattgefunden hat.

Katharina Gröning

Gleichstellungspolitik: wo Geschlechterforschung ihre praktische Umsetzung erfährt

Der Beitrag beschäftigt sich mit Ebenen und Akteur_innen der Gleichstellungspolitik, geht auf Ergebnisse und Hintergründe von fehlender Geschlechtergleichstellung in Deutschland ein, stellt Ansätze zur Messung von Gleichstellung dar und diskutiert Anforderungen an eine zukünftige Gleichstellungspolitik.

Ute Klammer

Frauenquote: zwischen Legitimität, Effizienz und Macht

Nach einer Skizze der verfassungsrechtlichen Debatte werden zentrale Beiträge der Geschlechterforschung zu den Haupt-Anwendungsfeldern von Frauenquoten (öffentlicher Dienst, Wissenschaft, Privatwirtschaft, Politik) vorgestellt, bezogen auf die Situation in Deutschland. Abschließend werden Machtfragen und Veränderungspotenziale von Quoten diskutiert.

Ulla Hendrix

Gender Budgeting: Budgetgestaltung zwischen emanzipatorischem Anspruch und Public Finance Management

Gender Budgeting als Konzept und strategischer feministischer Ansatz in der Budgetpolitik wurde in den 1980er- und 1990er-Jahren an der Schnittstelle feministischer Forschungsansätze in der Ökonomie und transnationaler Vernetzung feministischer Bewegungen entwickelt. Der Beitrag skizziert die Ursprünge in theoretischen Ansätzen und praktischer budgetpolitischer Einmischung, gibt einen Überblick über konzeptionelle Arbeiten und stellt die aktuellen Entwicklungen und Debatten im Forschungsfeld und in der praktischen Umsetzung von Gender Budgeting dar.

Elisabeth Klatzer

Gender Pay Gap: von der gesellschaftlichen und finanziellen Abwertung von „Frauenberufen“

Seitdem Frauen auf den Arbeitsmarkt vorgedrungen sind, arbeiten sie in der Regel in den schlechter bezahlten Berufen und Branchen. Die horizontale Arbeitsmarktsegregation qua Geschlecht trägt damit seit jeher zum Gender Pay Gap bei. In der Geschlechterforschung wurden die geringeren Verdienste in „Frauenberufen“ von Beginn an mit gesellschaftlichen und finanziellen Abwertungen weiblicher Erwerbsarbeit in Zusammenhang gebracht und inzwischen unter den Stichworten der Devaluationshypothese und des Comparable-Worth-Konzepts diskutiert.

Sarah Lillemeier

Mentoring: Instrument einer gendergerechten akademischen Personalentwicklung?

Nach der Beschreibung der Ausgangssituation für die Einführung von Mentoring geht es in diesem Beitrag darum, den Stellenwert des Mentorings für die Organisation Hochschule, für Wissenschaftlerinnen sowie für die Fachkultur einzelner Fächer zu benennen. Dies geschieht auf der Grundlage bisheriger Konzepte und Einschätzungen zu Mentoring. Mentoring als Personalentwicklungsinstrument birgt viele Potenziale. Nicht alle sind ausgeschöpft. Qualitätsstandards für Mentoring in der Wissenschaft sind formuliert.

Anne Schlüter

Frauenhochschulbewegung: Selbstermächtigung und Wissenschaftskritik

Revoltierende Studentinnen und Wissenschaftlerinnen waren die Trägerinnen der Frauenhochschulbewegung der Nachkriegszeit. Sie kritisierten das androzentrische Wissenschaftsverständnis und die Universität als Ort der Diskriminierung von Frauen und forderten die Gleichstellung in einer veränderten Hochschule und Wissenschaftskultur.

Sigrid Metz-Göckel

Gender Studies: Geschichte, Etablierung und Praxisperspektiven des Studienfachs

Der Beitrag zeichnet die Institutionalisierung der Frauen- und Geschlechterforschung als Studienfach im deutschsprachigen Raum nach. Im Mittelpunkt stehen dabei die Chancen und Herausforderungen, die mit der programmatischen Interdisziplinarität der Gender Studies einhergehen. Zudem werden Berufsperspektiven in und mit den Gender Studies in den Blick genommen.

Maximiliane Brand, Katja Sabisch

Diversity Studies und Diversitystrategien: Plädoyer für eine Theoretisierung der Praxis und für eine Konzeptualisierung der Theorie

Im folgenden Überblick geht es zum einen um die unterschiedlichen Strategien im Umgang mit Diversity: Diversity Management, Diversity Mainstreaming und die Antidiskriminierungsarbeit. Zum anderen geht es um Diversity Studies. Dieses noch junge Forschungsfeld ist noch nicht ausreichend konzeptualisiert und sollte sich selbstreflexiv vor allem dem Kategorienverständnis widmen.

Uta Klein

Lebensphasen, Lebensführung, Körper: zentrale Fragen und empirische Zugänge der Geschlechterforschung

Frontmatter

Kindheit: Entwicklung und Sozialisation im Blick der Geschlechterforschung

Ausgehend von einem Überblick über Perspektiven der Geschlechterforschung im Kindesalter werden zentrale Ergebnisse empirischer Forschung sowie kontroverse Erklärungsansätze zur geschlechtsbezogenen Entwicklung und Sozialisation dargestellt. Dabei wird auch auf die Rolle von Bildungseinrichtungen eingegangen.

Tim Rohrmann

Adoleszenz: Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsensein

Adoleszenz (oft synonym für Jugend) bezeichnet in der Moderne die Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsenheit. Adoleszente Entwicklungen sind, so wird in diesem Beitrag ausgeführt, in hohem Maße geprägt von Geschlechterverhältnissen. Zugleich können in Umgestaltungsprozessen der Adoleszenz auch nichtkonventionelle Entwürfe von Geschlecht hervorgebracht werden.

Vera King, Susanne Benzel

Gefühle: Von der Geschlechter- und der Emotionsforschung zu den Affect Studies

Gefühle sind für die Veränderung ebenso wie für die Stabilisierung gesellschaftlicher Verhältnisse von zentraler Bedeutung. Geschlechterforschung untersucht die Normierung von Geschlecht durch Gefühle wie Scham und Liebe. Sie kritisiert die binäre Gegenüberstellung von Vernunft und Gefühl ebenso wie die einseitige Zuschreibung von Verletzbarkeit und emotional labor an nur ein Geschlecht. Die Emotions- und Geschlechterforschung teilt mit den Affect Studies die Kritik an der Auffassung der Privatheit der Gefühle.

Hilge Landweer

Liebe: historische Formen und theoretische Zugänge

Liebe kann als Gefühl, soziale Beziehung oder kulturelle Form (z. B. romantische Liebe) verstanden werden. Sie wurde im Feminismus als Mittel der Unterdrückung von Frauen und Stabilisierung der Heteronormativität kritisiert. Der Beitrag behandelt historische Formen und theoretische Ansätze und stellt die Frage nach dem zukünftigen Verhältnis von romantischer und partnerschaftlicher Liebe.

Günter Burkart

Paarbeziehungen: Paare und Ungleichheiten als Gegenstand der Geschlechterforschung

Paarbeziehungen sind ein zentraler Ort, an dem Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern re-/produziert oder verringert werden – im Sinne eines Doing Couple, Doing Gender und Doing Inequality. Der Beitrag stellt die Entstehung und zentrale Themen der Paarforschung sowie Forschungsdesiderata vor.

Christine Wimbauer, Mona Motakef

Schwangerschaft und Geburt: Perspektiven und Studien aus der Geschlechterforschung

Schwangerschaft und Geburt sind seit gut 15 Jahren vermehrt Gegenstand der Geschlechterforschung und der sich in Deutschland zunehmend etablierenden Hebammenwissenschaft. Beide weisen einen medizinisch-pathologisierenden Blick zurück und fokussieren auf die Perspektiven von Schwangeren und Gebärenden.

Ute Lange, Charlotte Ullrich

Reproduktionstechnologien: Herausforderungen für die feministische Geschlechterforschung

Reproduktionstechnologien sind inzwischen global verbreitet. Die damit verbundenen Fortpflanzungsregime tangieren und verändern Vorstellungen über Mutterschaft, Vaterschaft und Elternschaft. Zugleich sind sie eingebettet in strukturelle Formen sozialer Ungleichheit und beteiligt an transnationalen Wertschöpfungsketten, die mit der Kommodifizierung von Körpern und Körpersubstanzen einhergehen. Der Beitrag stellt Charakteristika der technowissenschaftlichen Entfaltung der Biowissenschaften und Humangenetik vor und kartiert das Terrain der interdisziplinären feministischen Forschungslandschaft zu Reproduktionstechnologien seit den 1980er-Jahren.

Eva Sänger

Vaterschaft: familiale Geschlechterordnung im Fokus

Im Fokus des Beitrags stehen Forschungen, die Vaterschaft mit Rekurs auf die Kategorie Geschlecht thematisieren. Vier Forschungsfelder werden hervorgehoben: Vaterschaft und Care, Vaterschaft im Machtfeld von Familie und Partnerschaft, Väter und Elternzeit sowie Vaterschaft und Männlichkeit.

Cornelia Behnke, Diana Lengersdorf, Michael Meuser

Mutterschaft: zwischen (Re-)Naturalisierung und Diskursivierung von Gender und Care

Der Beitrag greift mit einem Überblick über Forschungsarbeiten zu Mutterschaft einen zentralen Topos der Frauen- und Geschlechterforschung auf. Dabei werden sowohl die grundlegende Bedeutung der Konstruktion von Mutterschaft für historische Geschlechter- und Gesellschaftsverhältnisse deutlich als auch zentrale Begründungsmuster für Weiblichkeiten und Geschlechterkulturen.

Barbara Thiessen

Vereinbarkeit und Work-Life-Balance: Forschungen zu Erwerbsarbeit, Lebensführung und Geschlecht

Vereinbarkeit von Beruf und Familie und Work-Life-Balance werden als Themen gesellschaftlicher Debatten und als Forschungsfelder im Kontext der Geschlechterforschung diskutiert. Durch den Wandel von Erwerbsarbeit, Familie und Geschlecht kommt es zu neuen Wechselbeziehungen zwischen Arbeit und Privatleben und zu einem Nebeneinander von alten und neuen Ungleichheiten.

Annette von Alemann, Mechtild Oechsle

Zeit: Geschlechtsspezifika der Zeitverwendung und Zeitwahrnehmung

Fragen der Zeit, wie die in diesem Beitrag betrachtete Zeitverwendung und Zeitwahrnehmung, sind von großer individueller und gesellschaftlicher Bedeutung. Neben geschlechtsspezifischen Ausprägungen der Zeitverwendung und -wahrnehmung werden Erklärungsansätze für empirisch ermittelbare Geschlechterdifferenzen beim Umgang mit Zeit vorgestellt.

Nadine M. Schöneck

Demografie: Geschlecht als Effekt und Motor des demografischen Wandels

Die demografische Entwicklung und die strukturelle und kulturelle Dimension von Geschlecht befinden sich in einer engen Interdependenzbeziehung. Entlang der Phasen des Lebenslaufs zeigt der Beitrag wesentliche Beispiele, die diese These stützen. Genderfragen haben mithin eine erhebliche Bedeutung für das Verständnis demografischer Prozesse.

Norbert F. Schneider, Tim Aevermann

Alter(n): Doing Ageing and Doing Gender

Nach einigen Definitionen rund um das Thema Alter(n) (Alter, Ruhestand, junge Alte, Hochaltrigkeit, aktives Altern) werden in Anlehnung an die lebenslauforientierte Geschlechterforschung die unterschiedlichen Lebenslagen von Frauen und Männern im Alter in den Mittelpunkt gestellt. Dazu zählen die Einkommenssituation, die Tätigkeiten (Erwerbstätigkeit, Hausarbeit/Arbeitsteilung, Ehrenamt), die Lebensformen und die gesundheitliche Lage sowie die sozialen Kontakte und die gesellschaftliche Integration. Es wird davon ausgegangen, dass die geschlechtsspezifischen Unterschiede im Alter in hohem Maße auf die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und die ungleichen Positionen von Männern und Frauen im Erwerbsleben zurückzuführen sind. Die empirischen Befunde zeigen, dass das Alter und das Altern soziale Konstruktionen sind (Doing Ageing), die durch das Doing Gender mitgeprägt werden.

Diana Auth, Sigrid Leitner

Gesundheit, Krankheit und Geschlecht: ein gesundheitswissenschaftlicher Zugang zu Einflussfaktoren und Versorgungssystem

Die Einflussfaktoren auf Gesundheit und Krankheit, die Zugänge zum Versorgungssystem sowie die Versorgungbedürfnisse und -bedarfe variieren zwischen Männern und Frauen und erfordern eine individualisierte Ansprache und Behandlung durch die Gesundheitsprofessionen. Der Beitrag stellt diese Zusammenhänge bezugnehmend auf Erklärungsmodelle für geschlechtsbezogene Gesundheitsunterschiede in zentralen Public-Health-Bereichen dar.

Ivonne Wattenberg, Rebecca Lätzsch, Claudia Hornberg

Transgender/Transsexualität: Forschungsperspektiven und Herausforderungen

Ausgehend von einer grundlegenden Definition der Konzepte Transsexualität und Transgender zeichnet der Artikel die Auseinandersetzungen in der Geschlechterforschung mit diesen Konzepten nach und skizziert gegenwärtige zentrale Forschungsfelder.

Josch Hoenes, Utan Schirmer

Inter*: Geschichte, Diskurs und soziale Praxis aus Sicht der Geschlechterforschung

Ausgehend von der Wissenschaftsgeschichte des Hermaphroditismus beleuchtet der Artikel die neueren Entwicklungen in der deutschsprachigen Debatte über Inter*. Anhand medizinischer, rechtlicher und politischer Perspektiven wird dargelegt, wie die Infragestellung der sog. Optimal Gender Policy den gesellschaftlichen Diskurs über Inter* und Zweigeschlechtlichkeit veränderte.

Anike Krämer, Katja Sabisch

NeuroGenderings: zur Wissensproduktion geschlechterbezogener Hirnforschung

NeuroGenderings-Expert_innen untersuchen die Wissensproduktion geschlechterbezogener Hirnforschung und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen. Sie dekonstruieren Neurosexismen, entwickeln in den Feminist Neuroscience Ansätze für eine Sex/Gender-adäquate Forschung und analysieren Gendering in Neurokulturen.

Sigrid Schmitz

Selbstoptimierung und Enhancement: Begriffe, Befunde und Perspektiven für die Geschlechterforschung

Der Beitrag bietet Begriffsbestimmungen sowie eine Übersicht über exemplarische Praxis- und Forschungsfelder der Selbstoptimierung/des Enhancements. Das thematische Spektrum reicht von Ernährung, Fitness und Gesundheit über Schönheit, Sexualität, kognitive Leistungen, emotionale Fähigkeiten und soziale Kompetenzen bis hin zur Prothetisierung und Cyborgisierung des menschlichen Organismus.

Oswald Balandis, Jürgen Straub

Institutionen, Organisation, Kultur: zentrale Fragen und empirische Zugänge der Geschlechterforschung

Frontmatter

Politische Repräsentanz und Geschlecht: Political Gender Gap

Seit nahezu zwei Jahrzehnten stagniert die Repräsentation von Frauen in deutschen Parlamenten bei einem Drittel. Empirische Befunde auf Bundes-, Länder- und Kommunalebene zeigen, dass der Umgang der Parteien mit ihren Frauenquoten die Frauenrepräsentanz ebenso beeinflusst wie Wahlrechtssysteme. Allerdings lässt sich aus internationalen Beispielen lernen.

Elke Wiechmann

Recht und Justiz: Interventionen und Strategien zum Verfassungsauftrag Gleichstellung

Der Beitrag bietet einen Überblick über rechtliche Strategien zur Durchsetzung der Gleichberechtigung sowie zur Repräsentation von Frauen in Justiz und Ausbildung. Außerdem werden aktuelle Diskurse der Frauen- und Geschlechterforschung aus der Perspektive der Legal Gender Studies vorgestellt.

Maria Wersig

Religion und Glaubenspraxis: Konzepte und Positionen Theologischer Geschlechterforschung

Theologische Frauenforschung und Feministische Theologie haben sich unter dem Einfluss von Gender-Theorien zu Theologischer Geschlechterforschung transformiert, die in allen Feldern der Theologie vertreten ist und dabei dem hermeneutischen Kriterium der Geschlechtergerechtigkeit folgt.

Saskia Wendel

Wohlfahrtsstaat: feministische Aspekte zu wohlfahrtsstaatlichen Politiken

Die feministische Wohlfahrtsstaatsforschung analysiert traditionalisierende wie modernisierende Effekte wohlfahrtsstaatlicher Politiken auf die Geschlechterverhältnisse. Sie liefert Erkenntnisse über die Wechselwirkungen von Familien- und Geschlechterleitbildern mit staatlichen Politiken und deren Ungleichheitseffekte.

Annette Henninger

Familie: Wandel und Persistenz von Geschlecht in der Institution Familie

Der Beitrag beleuchtet die Institution Familie und nimmt dafür ausgewählte familienwissenschaftliche Diskurse wie den familialen Wandel, die Vielfalt familialer Lebensformen und die Arbeitsteilung von Erwerbs- und Care-Arbeit in den Blick. Dabei soll deutlich werden, wie untrennbar die Institution Familie grundsätzlich mit dem Faktor Geschlecht verbunden ist und wie die fehlende Passfähigkeit von Familie mit anderen zentralen Institutionen wie dem Staat und dem Arbeitsmarkt in Deutschland Beharrungstendenzen im Geschlechterverhältnis begünstigt.

Johanna Possinger

Sportsystem: Geschlechterforschung im Kontext von Sport und Bewegung

Der Sport ist seit seiner Ausdifferenzierung als eigenständiges gesellschaftliches Teilsystem eine Männerdomäne und trägt u. a. durch institutionelle Arrangements, materielle Artefakte, Deutungsstrukturen und Interaktionsmechanismen zu einer Reproduktion von Geschlechterstereotypen und einer Naturalisierung von Geschlechterdifferenzen bei.

Ilse Hartmann-Tews

Organisation und Geschlecht: wie Geschlechterasymmetrien (re)produziert und erklärt werden

Ausgehend vom US-amerikanischen Diskussionskontext wächst auch im deutschsprachigen Raum seit den 1980er-Jahren das Interesse an der Frage, wie über Organisationen Geschlechterasymmetrien (re)produziert werden und welche Handlungs- und Gestaltungsspielräume Organisationen bei der Herstellung von Geschlechtersymmetrien haben. Eine zentrale Ausgangsfrage der Debatte lautet, ob Organisationen als grundlegend vergeschlechtlicht anzusehen sind oder ob sie von ihren Grundstrukturen eher als geschlechtsneutral gelten können. Der Artikel gibt einen Einblick in die grundlegenden Entwicklungslinien und Weichenstellungen des Forschungsfeldes sowie einen Ausblick auf zukünftige Forschungsfelder.

Birgit Riegraf

Wirtschaft und Unternehmen: (Abbau von) Geschlechterungleichheiten

Trotz eines Rückgangs der sozialen Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt bei Erwerbsbeteiligung und Einkommen und trotz verstärkter Gleichstellungsaktivitäten in Unternehmen, unterstützt durch gesetzliche Vorgaben, bestehen weiterhin schlechtere Arbeitsmarktchancen für Frauen im Vergleich zu Männern. Auf der Ebene der Unternehmen wurden von der Geschlechterforschung vor allem vier personalpolitische Themen untersucht: Diskriminierung bei der Personalauswahl und -beurteilung, Barrieren für Frauen beim Aufstieg und in Führungspositionen, Entgeltdiskriminierung sowie Inhalte und Wirkungen von Gleichstellungsmaßnahmen. Daneben ist aber auch die Unternehmenskultur von Bedeutung für die Aufrechterhaltung von Ungleichheiten. Analysen zeigen, dass vor allem Stereotype und unbewusste Verzerrungseffekte benachteiligende Wirkungen haben, die durch formalisierte Prozesse umso besser abgeschwächt werden können, je nachdrücklicher diese Prozesse kontrolliert werden.

Daniela Rastetter, Anna Mucha

Schule: eine Bildungsinstitution im Fokus der Geschlechterforschung

Für die Sichtung und Einordnung der Geschlechterforschung im Bereich Schule wird Helmut Fends Schultheorie herangezogen. Auf diese Weise lässt sich verfolgen, wie Genderthemen auf den verschiedenen Ebenen des Bildungssystems rekontextualisiert werden. Die fünf Ebenen der Schule nach Fend dienen auch als Grundlage, um Leerstellen der Geschlechterforschung zu benennen.

Marita Kampshoff

Hochschule und Wissenschaft: zur Verwobenheit von Organisations-, Fach- und Geschlechterkultur

Einführend wird aus einer historisch-analytischen Perspektive gezeigt, wie sich im Hochschul- und Wissenschaftssystem vergeschlechtlichte Organisations- und Fachkulturen herausgebildet haben. Im Weiteren wird die Hochschulforschung als Schwerpunkt der Geschlechterforschung vorgestellt. Der Wandel von Organisationskulturen durch Gleichstellungspolitik vor dem Hintergrund aktueller Hochschulreformprozesse bildet den Abschluss.

Beate Kortendiek

Transnationalisierung: transnationale Unternehmen und Geschlecht

Die feministische Organisationsforschung widmet sich der Analyse von Geschlechterungleichheiten in multinationalen Konzernen und der Frage, inwiefern diese durch die Transnationalisierung verändert, abgebaut oder gar verstärkt werden.

Julia Gruhlich

Stadt-, Raum- und Geschlechterforschung: Theoretische Konzepte und empirische Befunde

Die Urban Gender Studies gehen davon aus, dass es einen wechselseitigen Konstitutionszusammenhang von Raum und Gender bzw. von Stadtentwicklung und Geschlechterbeziehungen gibt. Doing Space und Doing Gender sind somit auf das Engste miteinander verbunden.

Susanne Frank

Kunstpraxis von Frauen: künstlerische Praxis und genderspezifische Kunstforschung

Der Text skizziert das Zusammenspiel zwischen den Gender Studies und der Kunstpraxis von Frauen, insbesondere im Bereich der performativen Kunst. Er zeigt auf, wie sich die interdisziplinäre kunstbezogene Geschlechterforschung seit den 1970er-Jahren positioniert hat und in welcher Relation dies zur Kunst von Frauen steht.

Gabriele Klein

Medien und Körper: Ansätze der medienwissenschaftlichen Geschlechterforschung

Der Beitrag dient der Einführung in deutsch- und englischsprachige medienwissenschaftliche Geschlechterforschung seit den 1970er-Jahren und legt den Fokus auf das Verhältnis von Körpern und Medien. Die vorgestellten Ansätze problematisieren den Körper als Repräsentation, Medieneffekt und wirkmächtige Materialität.

Anja Michaelsen

Digitale Medien: affirmative Geschlechterordnungen und feministische Interventionen

Der Beitrag zeigt entlang von drei feministischen Forschungssträngen, die sich auf die Struktur- und Subjektebene sowie die soziale Ebene beziehen, die Erkenntnisse feministischer Internetforschung auf. Deutlich werden dabei sowohl in die Technik eingeschriebene Geschlechterverhältnisse als auch individuelle und kollektive Konstruktionen von Geschlecht sowie die Möglichkeiten feministischer Teilhabe und Interventionen.

Ricarda Drüeke

Mediatisierungs- und Domestizierungsansatz: Geschlecht im mediatisierten Zuhause

Der Beitrag erläutert die Grundzüge des Konzepts Mediatisierung und zeigt am Beispiel des Zuhauses und mit Bezug zum Domestizierungsansatz, wie sich Geschlechterordnungen in Mediatisierung einschreiben. Hierzu werden die Prozesse der Verhäuslichung des Radios sowie des Internets nachgezeichnet.

Ulrike Roth, Jutta Röser

Pop und Populärkultur: Arenen der (Re)Produktion und Irritation tradierter Geschlechternormen und -verhältnisse

Der Beitrag liefert einen Überblick über die Verwendungsweisen der Begriffe Populärkultur, Pop und Popfeminismus und präsentiert Traditionslinien sowie gegenwärtige Studien zu deren Potenzialen hinsichtlich einer Affirmation bzw. Irritation tradierter Geschlechternormen und -verhältnisse.

Tanja Thomas

Mode: ästhetische Praxis und Doing Gender

Mode als kulturelle ästhetische Praxis konsolidiert herrschende Geschlechterverhältnisse (Zweigeschlechtlichkeit, Heteronormativität), als performatives Handeln trägt sie zu deren Hervorbringung bei, kann sie aber auch unterlaufen (oder „queeren“). Darin liegen Schnittstellen von Doing Gender und Doing Fashion.

Gertrud Lehnert

Internationales: Geschlechterforschung weltweit

Frontmatter

Arabische Region: Orientalismuskritik und Transkulturalität

Die Frauen- und Geschlechterstudien zur arabischen Region haben sich seit den 1970er-Jahren zu einem eigenständigen Forschungsgebiet entwickelt. Insbesondere seit den 1990er-Jahren ist die Zahl der Veröffentlichungen stark angestiegen. Forschungen verbinden in der Regel übergreifende, theoriegeleitete Fragestellungen aus der Frauen- und Geschlechterforschung mit dezidiert kritischen regionalwissenschaftlichen Perspektiven. Der Beitrag umreisst die unterschiedlichen Entwicklungen zeitlich und thematisch. Auf die Darstellung zentraler konzeptioneller und methodischer Positionen folgen kurze Skizzen wichtiger Einzelbereiche wie Islam und Geschlechtergerechtigkeit, Frauenrechte und Feminismus, Geschichte und Literatur sowie Männlichkeit. Der Beitrag bezieht auch Forschungen in arabischer Sprache ein.

Sarah Farag, Bettina Dennerlein

Israel: Geschlechterforschung und Geschlechterverhältnisse aus intersektioneller Perspektive

Zentrale Themen, Konzepte und theoretische Ausrichtungen der israelischen Geschlechterforschung werden verdeutlicht. Es wird gezeigt, dass zur Analyse der Geschlechterverhältnisse in Israel eine intersektionelle Perspektive unabdingbar ist, die vor allem die Verwobenheit von Gender, Religion, Class, Ethnicity und Citizenship berücksichtigt.

Uta Klein

Südliches Afrika: empirisch fundierte, herrschafts- und gesellschaftskritisch orientierte Gender-Forschung

Die Frauen- und Gender-Forschung im südlichen Afrika konzentriert sich aufgrund politischer Entwicklungen vor allem auf Südafrika. Sie wird von Intellektuellen getragen, die teilweise bereits im Anti-Apartheidkampf aktiv waren. Schon Ende der 1980er-Jahre analysierten sie das spezifische Zusammenwirken von Race, Class und Gender in dieser früheren Siedlerkolonie und Sklavenhaltergesellschaft. Die wechselseitige Verstärkung der darauf basierenden Ungleichheiten galt als konzeptioneller Schlüssel, um multiple patriarchale Muster in der militarisierten und rassistischen Gesellschaft zu erfassen. Darauf bauen heutige Gender-Studien auf.

Rita Schäfer

USA: Geschlechterforschung von Women’s to Queer Studies

Die USA ist für die Geschlechterforschung ein wichtiger Ort; die Theoriebildung an US-amerikanischen Universitäten ist global sehr einflussreich. Dieser Beitrag zeigt, wie sich Gender Studies aus den amerikanischen Women’s Studies entwickelt hat, und unternimmt den Versuch einer Bestandsaufnahme.

Astrid M. Fellner

Lateinamerika und Genderforschung: von machismo und maternalismo zu Maskulinität und indigenem Feminismus

Frauen- und Genderforschung zu Lateinamerika entwickelte sich thematisch wie auch theoretisch-methodisch in weiten Teilen ähnlich wie in Europa oder den USA, allerdings mit einem stärkeren Fokus auf Geschlechtergerechtigkeit, Verschränkung von Ethnie, Klasse und Geschlecht sowie einer Kritik „westlicher“ Theorieansätze.

Barbara Potthast

Gender Studies in and on the Asia Pacific: Areas of Research and emerging knowledge

The Asia Pacific region comprises countries in the Pacific Ocean, Australia, New Zealand and the Malay Archipelago. This article examines the diversity of gender studies and research located in universities across the region and outlines key areas of gender research and scholarship. The article focuses on the importance of gender and development studies, feminist work in family formation and women’s employment, and indigenous and postcolonial gender scholarship throughout the region. These areas of gender research are central to gender studies pedagogies and knowledges. The need to diversify the voices that contribute to and define feminist scholarship drawing on the expertise of those in the Global South is an on-going and vital challenge both across the Asia Pacific and the world.

JaneMaree Maher

Türkei, Iran, Afghanistan: Geschlechterforschung und Geschlechterpolitik in transnationaler Perspektive

Ausgangspunkt der jüngeren Geschlechterforschung zum Mittleren Osten ist die Kritik an ahistorischen und kulturalistischen Diskursen über die Geschlechterverhältnisse in der Region. In transnationaler Perspektive wird gezeigt, wie unterschiedliche Geschlechtervorstellungen und Geschlechterordnungen diskursiv, gesellschaftlich und politisch ausgehandelt, geformt und umkämpft werden.

Renate Kreile

Japan: Gender Studies in Transnational Perspective

This article outlines the theoretical and institutional development of women’s history, women’s studies and gender studies since the beginning of the twentieth century in Japan. It places gender and sexuality studies within the Asian and global context, and introduces ethnic and other minority scholars and activists in Japan who are increasingly deconstructing Japanese ethno-national bias in scholarship and politics.

Andrea Germer, Reiko Ogawa

China: Entwicklungslinien und Fragestellungen einer interkulturell akzentuierten Frauen- und Geschlechterforschung

Der Beitrag skizziert Entwicklungslinien und Anliegen der chinabezogenen Frauen- und Geschlechterforschung im Westen und in China. Er nimmt die epistemologische Problematik des stark interkulturell akzentuierten Feldes auf und beleuchtet einige zentrale Forschungsdebatten.

Nicola Spakowski

Süd- und Südostasien: Entwicklungen, Themen und Herausforderungen der regionalspezifischen Frauen- und Geschlechterforschung

Die süd- und südostasiatische Frauen- und Geschlechterforschung entwickelte sich aus unterschiedlichen Motivationen und gesellschaftspolitischen Prozessen heraus. Die Institutionalisierung an (außer-)universitären Bildungseinrichtungen und Zentren erfolgte ungleichmäßig und ist weiterhin von Herausforderungen im Hinblick auf Autonomie, Agendasetzung, nachhaltiger Ressourcenausstattung und interdisziplinärem Wissenstransfer in den akademischen Male-/Mainstream gekennzeichnet. ‚Gender‘ wird oft in soziokulturellen als auch geopolitischen Verwerfungen, Interventionen und Konfliktkonfigurationen instrumentalisiert und führt zu einem gesellschaftspolitischen Othering von Frauenrechtlerinnen und Geschlechterforscherinnen.

Andrea Fleschenberg

Nordic Countries and the Nordic Region: Gender Research and Gender Studies in Northern Europe

Globally, the five countries of the Nordic region – Denmark, Finland, Iceland, Norway, and Sweden – are known to be among the most gender equal societies. However, gender segregation in labour market and education are persistent, and gender inequalities in academia and research show many patterns similar to elsewhere. Noteworthy for the region is a long tradition of Nordic regional collaboration through inter-governmental and inter-parliamentary organisations, as well as in research and non-governmental organisations; this has had a significant impact on the development of gender equality, gender research and Gender Studies on both regional and national levels.

Liisa Husu

Great Britain: Main Research Areas in UK Gender Studies

This text discusses the context in which gender research in the UK has emerged, arguing that it has a rich research infrastructure but in 2017 few actual independent courses and degrees. UK gender research has a series of major preoccupations, loosely grouped together. These are: 1) family, social policy, welfare, work, health; 2) gender and development, postcoloniality, migration, nationhood and sexual politics, globalization; 3) media, representation, literature, film; 4) body, sexuality, queer; 5) feminist science studies, biotechnology, human/animal relations, affect; 6) feminist geography, conflict, security, peace. The rise of right-wing populist nationalism may influence the directions and topics taken up in gender research for the foreseeable future.

Gabriele Griffin

Eastern Europe: Gender Research, Knowledge Production and Institutions

Gender research in Eastern Europe started with the transition to democracy and neoliberal market economy. The roots of this development, the pre-1989 research on social inequalities, and the import of English as a language of inquiry combined with intellectual reference points determined its institutions, outreach and impact. We can differentiate three phases of institutionalization: 1. before Eastern European countries joined the EU; 2. after the introduction of the Bologna process; 3. the post-2008 emergence of anti-gender movements that currently question the foundation, terminology, and politics of gender studies.

Andrea Pető

Southern Europe: Gender Studies and Institutions in the Euro-Mediterranean Region

This overview analyses the similarities and differences in the development of gender studies (research, curricula, third mission and internationalisation) in Southern European countries. Although each country under consideration belongs to the European Union, they have different cultural contexts, historical backgrounds and territorial positions. Thus, the analysis divides the countries into five geographical regions. The areas, as listed in the following, additionally denote different political traditions: I. Iberian Peninsula: Portugal, Spain; II. Central-Western Mediterranean region: France, Italy; III. North-Eastern Mediterranean part: Slovenia, Croatia; IV. South-Eastern Mediterranean area: Greece; V. Islands: Cyprus, Malta.

Marina Calloni

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