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Über dieses Buch

Dieses Handbuch bietet einen verlässlichen, systematischen und umfassenden Zugang einerseits zu Leben und Werk Karl Poppers, andererseits zur breiten Wirkung des Philosophen in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Karl Poppers Leben und Werk

Frontmatter

Karl Poppers intellektuelle Biographie

Die intellektuelle Entwicklung Karl Raimund Poppers vollzog sich vor dem Hintergrund sowohl der metaphysikkritischen Erneuerung der Philosophie als auch der politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts. Sozialisiert im Umkreis der Wiener Moderne entstand in der Auseinandersetzung mit dem Wiener Kreis Poppers kritisch rationale Theorie des Wissens. Nach einem mehrjährigen Exil in Neuseeland, wo er seine Theorie der offenen Gesellschaft entwickelte, wurde Popper nach dem Krieg in Großbritannien zu einem international renommierten Denker, der sich in seiner Spätphase metaphysischen Themen zuwandte.

Robert Zimmer

Karl Poppers „Frühe Schriften“ und „Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie“

Viele von Karl Poppers Ideen wurzeln in Gedankengängen aus seiner frühen Jugendzeit und seinen ersten Forschungsjahren. Das hat er selber oft betont, und es wurde ihm mitunter als Eitelkeit ausgelegt. Doch hinter dem Zurückgehen auf die Wurzeln von Ideen steckt die Einsicht, dass neue Ideen immer etwas Seltenes und Wertvolles sind, und dass es sich lohnt zu erforschen, wie sie tatsächlich zustande gekommen sind. Nur das schriftlich Hinterlassene kann dazu dienlich sein. Was davon überdauert hat, wurde zu diesem Zweck seit den 1970er-Jahren in den beiden ersten Bänden der Gesammelten Werke in deutscher Sprache des Verlags Mohr Siebeck herausgegeben. Der folgende Beitrag behandelt nur sehr kurz den Inhalt dieser über 1000 Seiten und konzentriert sich darauf zu zeigen, wie es möglich wurde, Poppers frühe Manuskripte zu Erziehung, Psychologie, Geometrie, Quantenmechanik und Erkenntnistheorie der Forschung und interessierten Lesern zugänglich zu machen.

Troels Eggers Hansen

Karl Poppers „Logik der Forschung“

Die Logik der Forschung ist Poppers Hauptwerk. Sie entstand in der Auseinandersetzung mit dem Neopositivismus des Wiener Kreises. Sein Abgrenzungskriterium löste Wittgensteins Sinnkriterium ab und seine Lösung des Basisproblems beendete die Protokollsatzdebatte. Er zeigt, dass Theorien nicht beweisbar, sondern fehlbare Vermutungen sind. Die Erkenntnistheorie versteht er als Methodologie. Sie soll die Prüfbarkeit unserer Theorien sichern, damit wir aus Versuch und Irrtum lernen können.

Herbert Keuth

Karl Poppers „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“

Mit der Offenen Gesellschaft und ihre Feinde betritt der kritische Rationalismus den Bereich der politischen Philosophie. Das Werk verdankt seine Entstehung Poppers Auseinandersetzung mit dem Marxismus und dem Faschismus, den beiden maßgeblichen totalitären Ideologien seiner Zeit. Es verarbeitet sowohl Poppers frühe politische Erfahrungen als auch seine wissenschaftsmethodische Kritik am Historizismus. Mit dem Begriff der „offenen Gesellschaft“ entwirft es eine liberale Ordnungsidee, die Raum für Freiheit, problemorientierte Reformen und institutionalisierte Machtkontrolle lässt. Geschrieben in der Zeit des neuseeländischen Exils, entfaltete das Werk nach dem Zweiten Weltkrieg seine eigentliche Wirkung als ein philosophisches Plädoyer für die westliche Demokratie.

Robert Zimmer

Karl Poppers drei Postskript-Bände zur Logik der Forschung

Ein Überblick über die wichtigsten Probleme in Karl Poppers drei Postskript-Bänden zur Logik der Forschung zeigt: Sie sind keine Anhänge zur Logik, sondern originelle, selbständige Werke. In ihnen werden Spielarten des Subjektivismus, Determinismus und Idealismus angegriffen und zugunsten von Realismus, Objektivismus und Offenheit der Zukunft verworfen. Erstmals werden hier Poppers ‚Propensitäten‘ als objektive Wahrscheinlichkeiten eingeführt. Sie sind der Grund für unvorhersagbar Neues im Universum und in der Zukunft des Menschen; auf ihnen beruht die menschliche Freiheit.

Hans-Joachim Niemann

Karl Poppers Spätwerk und seine „Welt 3“

Karl Popper ist 92 Jahre alt geworden. Zehn seiner Werke entstanden in seinem letzten Lebensdrittel. Das originellste dieser Spätwerke ist die in zwei Monografien und Dutzenden von Artikeln und Vorträgen abgehandelte Welt 3-Lehre. Sie hat schon zu seinen Lebzeiten fast nur Ablehnung erfahren. Um Platz für Poppers Anliegen zu gewinnen, gehe ich hier auf seine Kritiker nicht ein und konzentriere mich darauf, seine Welt 3-Lehre möglichst einleuchtend und leicht verständlich darzustellen.

Hans-Joachim Niemann

Karl Popper und der Umkreis seines Denkens

Frontmatter

Karl Poppers Entwicklung als Wissenschaftler und der Wiener Kreis

Poppers philosophische Position ist durch seine Auseinandersetzung mit dem Wiener Kreis bestimmt, die er in der „Die Logik der Fo+rschung“ durchführt. Mit seiner Version der „Evolutionären Erkenntnistheorie“ knüpft er an Ernst Mach an. Seine Auffassung des Induktionsproblems ist durch eine Kritik an der induktiven Methode, wie sie vom Wiener Kreis verstanden worden ist, bestimmt. In seiner letzten Entwicklungsphase kommt er mit seinem „konjekturalen Apriorismus“ zur schärfsten Ablehnung des Positivismus des Wiener Kreises und dessen Metaphysikkritik.

Erhard Oeser

Karl Popper und Immanuel Kant

Popper schätzt Kant als Erkenntnistheoretiker, Aufklärer und Moralphilosophen. Er teilt Kants kritischen Realismus und rückt dessen ‚kopernikanische Wende‘ ins Zentrum der Erkenntnistheorie, deutet sie aber im Sinne der denkpsychologischen These, dass wir empirische Theorien nicht anhand von Beobachtungen bilden, sondern frei erfinden. Er glaubt, der kritische Rationalismus könne als Vervollständigung der kritischen Philosophie Kants gelten. Auch bei den Themen Ethik und Aufklärung geht seine Interpretation über das hinaus, was sich mit dem Wortlaut der Texte Kants vereinbaren lässt.

Herbert Keuth

Karl Popper, Albert Einstein und die Quantenmechanik

Karl Popper hat sich in vielen Schriften immer wieder mit der Quantenmechanik auseinandergesetzt. Eine Reihe dieser Arbeiten sind in physikalischen Zeitschriften erschienen und viele Physiker nahmen darauf Bezug. Selbst wenn Popper Experimente vorschlug, ging es ihm aber nicht um die Weiterentwicklung der Physik, sondern um die Interpretation der Quantentheorie, d. h. um methodologische, erkenntnistheoretische und metaphysische Fragen, die durch sie aufgeworfen werden.Über solche Interpretationsfragen gab es von Anfang an unterschiedliche Auffassungen, die vor allem durch die sog. Bohr-Einstein-Debatte bekannt geworden sind. In dieser Auseinandersetzung hat sich Karl Popper mit seiner erkenntnistheoretischen Kritik an der Kopenhagener Interpretation auf die Seite Einsteins gestellt, eine Teilcheninterpretation der Quantenobjekte favorisiert und in diesem Zusammenhang seine Propensitätsinterpretation der Wahrscheinlichkeit entwickelt.Der Beitrag diskutiert Poppers Ideen zur Quantentheorie, vor allem die, die mit Einsteins Themen zu tun haben. Ausgespart bleiben Poppers Überlegungen zur Quantenlogik (Popper 1968, siehe dazu Scheibe 1974) und zur Nicht-Lokalität der Quantentheorie, wie sie bei verschränkten Zuständen sichtbar wird. Er untersucht die philosophischen Motive für Poppers Kritik an der damaligen Standardauffassung und die Bedeutung, die Albert Einstein für die Entwicklung von Poppers eigener Position hatte. In einem weiteren Schritt wird skizziert, wie Poppers Vorschläge aus der Sicht der gegenwärtigen Philosophie der Physik bewertet werden. Dabei zeigt sich, dass Poppers spezielle physikalische Vorschläge zur Quantenmechanik und ihrer Interpretation heute eher kritisch gesehen werden, seine philosophischen Motive dagegen in neueren Entwicklungen der Interpretationsdebatte weitgehend erfüllt worden sind, wenn auch auf anderen Wegen als er dachte.

Manfred Stöckler

Bühler und Gomperz: Zwei wichtige Denker im Hintergrund von Poppers früher Forschung

Karl Bühler hat zur Entwicklung von Karl Poppers Forschungsgebieten drei wichtige Beiträge geleistet. Erstens hat er Popper in die laufende Forschung der Mitglieder der Würzburger Schule eingeführt, und die Richtung dieser Forschung hat in wichtigen Punkten Popper ein Leben lang beeinflusst. Dabei hatte er sich zunächst die nicht-assoziative Psychologie der Schule zu eigen gemacht. Dann griff er auf die Denkpsychologie von Otto Selz zurück und entwickelte davon ausgehend sein eigenes Forschungsgebiet der Methodologie. Zweitens betrafen die damals behandelten Probleme auch methodologische Fragen: Wie ist die Beziehung zwischen Logik und Psychologie? Wie ist eine deduktivistische Methodologie möglich? Drittens hat Bühler ihn eine Zwei-Welten-Theorie gelehrt. Heinrich Gomperz war der erste, der Popper darauf hinwies, dass er bereits davon ausgegangen war, dass Ideen unabhängige Entitäten sind. Diese Entitäten hat er dann viel später mit John Eccles als Teile der dritten Welt bezeichnet. Auch als Gesprächspartner war Gomperz für Popper wichtig, insofern als Popper versuchte, eine klare Theorie über die Beziehungen zwischen Psychologie und Logik und danach zwischen Psychologie und Methodologie zu finden. Und Gomperz war es auch, der Poppers Augenmerk auf die Geschichte der griechischen Philosophie lenkte und ihm den großen Unterschied zwischen Platon und Sokrates klarmachte.

John Wettersten

Karl Poppers philosophische Anfänge

Seine Auseinandersetzung mit der theoretischen und politischen Philosophie Leonard Nelsons

Seit etwa 20 Jahren hat sich mit der Erschließung des Nachlasses von Karl Popper ein neues Forschungsfeld aufgetan: seine frühe Philosophie. Popper selbst hat für diese Schaffensphase in seiner Autobiografie auf den Einfluss des Göttinger Philosophen Leonard Nelson und seiner Schule hingewiesen. Im vorliegenden Beitrag wird zunächst eine Kurzcharakteristik der Lehren und auch der politischen Aktivitäten der Nelsonianer gegeben, einschließlich des (gescheiterten) Versuchs, Popper als politischen Mitstreiter zu gewinnen. Dann werden in weiteren Abschnitten die Wissenschaftstheorie und die politische Philosophie Poppers auf Spuren dieses Einflusses untersucht. Dabei zeigt sich, dass den bisher in der Sekundärliteratur erzielten Ergebnissen hinsichtlich der Wissenschaftstheorie Poppers noch weitere wichtige Resultate (nämlich hinsichtlich des Abgrenzungsproblems von Wissenschaft und Pseudowissenschaft sowie des Abgrenzungskriteriums, also der Falsifizierbarkeit) hinzuzufügen sind. Die politische Philosophie Poppers ist noch kaum auf Einflüsse durch Nelson untersucht worden. Sie sind ebenso erheblich, weil Poppers Verteidigung der Demokratie eine direkte Antwort auf die von Nelson entdeckte „Paradoxie der Demokratie“, das von ihm als „Lösung“ propagierte „Führerschaftsprinzip“ und die damit verbundene Ablehnung der Demokratie gewesen ist. In beiden Fällen zeigt sich, dass Popper sich an Paradoxien abgearbeitet hat, die von Nelson sozusagen erfunden wurden, nämlich der „Unmöglichkeit der Erkenntnistheorie“ in der theoretischen Philosophie und eben dem Paradox der Demokratie in der praktischen. Popper hat die Beweise für diese Paradoxien anerkannt, aber Nelsons Lösungen für diese Probleme nicht akzeptiert, sondern ihnen eigene entgegengestellt. Die Gegenüberstellung der Philosophie Poppers mit der Nelsons gestattet auch eine Neubewertung des Verhältnisses von Übernahmen einerseits und originalen Ansätzen andererseits in der frühen Philosophie Poppers.

Hans-Joachim Dahms

Karl Popper und Viktor Kraft

Der Beitrag untersucht, in welchem Verhältnis Karl Popper (1902–1994) und Victor (oder Viktor) Kraft (1880–1975) zueinander standen. Dabei wird hauptsächlich auf das Frühwerk Poppers und Krafts eingegangen und auf die dabei bestehenden Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede beider philosophischer Ansichten hingewiesen. Wo es sich anbietet, werden auch unveröffentlichte Schriften hinzugezogen.

Jan Radler

Karl Popper und Ludwig Wittgensteins analytische Philosophie

Nach Poppers Überzeugung gibt es durchaus handfeste philosophische Probleme. Der kritische Rationalismus soll ja gerade eine Antwort auf beispielsweise erkenntnistheoretische, wahrheitstheoretische und sozialphilosophische Fragestellungen sein. Wittgenstein aber löst dasjenige, was traditionell als philosophische Fragestellung erscheint, in subversiver Weise auf. Was bleibt, sei Sprachanalyse.

Michael Zimmermann

Wie viel hat Karl Popper von Carl Menger gelernt?

Poppers Studien der Methodologie und der politischen Konsequenzen der Sozialwissenschaften begannen innerhalb des Rahmens der Österreichischen Schule der Ökonomie, deren Begründer Carl Menger war. Am Anfang von Poppers Forschung in den Sozialwissenschaften war seine Deutung des Inhalts dieser Schule vor allem von Friedrich von Hayek bestimmt. Die Ergebnisse dieser Studien werden fast überall als eine erfolgreiche Vereinigung von Hayeks Ansichten über Ökonomie mit Poppers fallibilistischer Methodologie betrachtet. Popper und Hayek haben diese Deutung verteidigt. Sie ist aber falsch: Poppers Theorie des unvollkommenen Wissens und die daraus entstandene Theorie von ‚piecemeal social engineering‘ widersprechen Hayeks Idealisierung der freien Markwirtschaft.

John Wettersten

Karl Popper und Friedrich August von Hayek

Die frühe Forschung zu Popper und Hayek legte ihr Augenmerk auf Überlappungen und Ähnlichkeiten in den Ideensystemen der befreundeten Denker. In jüngerer Zeit ist das Forschungsinteresse an den Unterschieden gewachsen. Trotz dessen Berechtigung dominieren die Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten. Was Popper und Hayek eint, ist der Negativismus – wie beide übereinstimmend in ihrem Briefwechsel bekundet haben. Was die Korrespondenz ebenfalls offenbart, ist, dass Popper Hayeks Wunsch, die ihm wichtigen philosophischen Grundfragen intensiver zu diskutieren, nicht nachkam.

Hardy Bouillon

Wissenschaftstheoretische Grundlagen

Frontmatter

Das Abgrenzungskriterium

Das Problem der Bestimmung wissenschaftlicher Erkenntnis

Karl Popper versucht, das Problem zu lösen, wie erfahrungswissenschaftliche Aussagenzusammenhänge durch ein ihnen eigenes charakteristisches Merkmal von anderen Aussagenzusammenhängen, die dieses Merkmal nicht aufweisen, abgegrenzt werden können, ohne dass dabei für die Erfahrungswissenschaft wesentliche Teile mit ausgegrenzt werden. Als ein hierfür geeignetes Kriterium sieht er die Eigenschaft der empirischen Widerlegbarkeit, der Falsifizierbarkeit wissenschaftlicher Aussagen an. Sie könne als Kriterium dienen, diese von metaphysischen und pseudowissenschaftlichen Aussagen zu unterscheiden, ohne sie zugleich für sinnlos zu erklären. Genauer besehen weist das Abgrenzungskriterium jedoch eine komplexere, zweidimensionale Struktur auf, die als Reformulierung und zugleich als Reform der Kantischen Unterscheidung zwischen dem Erkenntniswert von Aussagen und deren Geltungsgrundlage angesehen werden kann und es aufgrund dieser Zweidimensionalität ermöglicht, auch die Eigenart metaphysischer und pseudowissenschaftlicher Behauptungen verständlich zu machen.

Hans Jürgen Wendel

Karl Poppers Lösungsvorschlag für das Induktionsproblem

Poppers Lösungsschlag für das Induktionsproblem besteht darin, die Idee der Induktion fallen zu lassen. Weder begründen die Forschenden induktiv ihre Theorien, noch gewinnen sie Theorien, indem sie Erfahrungen sammeln und verallgemeinern. Hypothesen und Theorien sind vielmehr Erfindungen, die einer strengen Prüfung unterzogen werden. Der Anti-Induktivismus Poppers hängt mit anderen Problemen seiner Philosophie zusammen, insbesondere mit der Frage, wie Erkenntnisfortschritte zu Stande kommen. In späteren Werken bettet Popper seine Induktionskritik in eine evolutionäre Theorie des Wissens.

Jürgen August Alt

Karl Poppers Basissätze und Bewährung

Zur Prüfung von Theorien müssen Beobachtungen vorgenommen werden. Deren Ergebnisse werden durch Basissätze beschrieben, die hierzu eine bestimmte logische Form aufweisen müssen. Zu der Frage, ob Basissätze eine Begründung benötigen und worin diese bestehen könnte, gibt es auch innerhalb des kritischen Rationalismus verschiedene Auffassungen.Wenn eine Theorie kritischer Prüfung standhält, gilt sie als bewährt. Bewährung ist von Wahrheit zu unterscheiden, und sie ist auch nicht als eine Wahrscheinlichkeit zu interpretieren. In diesem Zusammenhang stellt sich die schwierige Frage, ob es als rational gerechtfertigt gelten soll, eine gut bewährte Theorie eher für wahr zu halten als eine weniger bewährte.

Volker Gadenne

Karl Popper und die Verfassung der Wissenschaft

Poppers Logik der Forschung steht für eine erhebliche Problemverschiebung in der Wissenschaftstheorie, von der Logik der Forschung zur Verfassung der Wissenschaft. Popper sieht die Methodologie als eine Institution, als ein Regelsystem für die Akzeptanz oder Verwerfung von Theorien und Beobachtungsaussagen. Dieser immer noch wenig beachtete institutionelle Aspekt von Poppers kritischem Rationalismus ist zum einen für die Interpretation der methodologischen Regeln von Bedeutung. Zum anderen wirft er ein neues Problem auf: Kann sich eine solche Methodologie als Verfassung der Wissenschaft etablieren? Eine institutionenökonomische Analyse des wissenschaftlichen Wettbewerbs zeigt, dass eine notwendige Bedingung dafür erfüllt ist: die Methodologie des kritischen Rationalismus ist anreizkompatibel, das heißt, es liegt im Interesse eines Forschers, diese Methodologie zu beachten, wenn er erwartet, dass die anderen Forscher ebenso verfahren.

Max Albert

Karl Popper und die hermeneutische Wende in der Wissenschaftstheorie

Karl Popper hat für das erkenntnistheoretische Denken und die wissenschaftliche Praxis historische und hermeneutische Gesichtspunkte herausgearbeitet und viele Probleme gelöst, die man als ‚hermeneutisch‘ bezeichnen kann. Er zeigte, dass es eine voraussetzungslose Wissenschaft nicht geben kann, und räumte präanalytischen Komponenten und heuristischen Aspekten der wissenschaftlichen Erkenntnis viel Platz ein, ohne dabei relativistischen Positionen zu verfallen. Traditionen und Vorurteile, Hintergrundwissen und Situationsanalyse, Voraussetzungen und metaphysische Erkenntnisprogramme haben bei Popper die Funktion, sich auf solche Fragestellungen zu konzentrieren, die hohe Relevanz haben und eine Untersuchung wert sind. Damit werden Forscher und Wissenschaftler auf solche Probleme und Aspekte der Wirklichkeit gelenkt, die es wert sind, zu Forschungsthemen erhoben zu werden. Mit diesen Arbeiten hat Popper eine Verbindung zwischen Entdeckungs- und Rechtfertigungszusammenhang hergestellt.

Giuseppe Franco

Metaphysik, Erkenntnistheorie und Biophilosophie

Frontmatter

Popper, Darwin und die Biologie

Karl Poppers Hauptthesen zur Evolution werden erläutert und diskutiert: (1) Nicht die natürliche Selektion, sondern Präferenzen und Neugier der Organismen bestimmen die Kreativität und Richtung der Evolution. (2) Das Rätsel des Lebens besteht weniger darin, wie es entstand, als wie es sich anpassen konnte. (3) Anpassung ist Wissenserwerb über die Umwelt, und alle Organismen enthalten Wissen. (4) Wir erben nicht nur tote DNA-Moleküle, sondern auch die Zelle; sie trägt das Leben weiter und weiß, was man mit der DNA macht. Diese vier Thesen sind mit Darwins Theorie voll verträglich.

Hans-Joachim Niemann

Karl Popper und das Leib-Seele-Problem

Poppers Theorie zum Leib-Seele-Problem ist ein Dualismus (bzw. Pluralismus) und Interaktionismus. Er beruht auf seiner Auffassung über die Evolution des Kosmos (Emergenz) sowie auf seiner Lehre von den drei Welten (1) des Physischen, (2) des Psychischen und (3) der Produkte des menschlichen Geistes. Zwischen den drei Welten gibt es eine Interaktion. Welt 1 ist offen für Einflüsse aus den Welten 2 und 3. Popper kritisiert und verwirft den Materialismus in seinen verschiedenen Formen. Er verwirft auch den physikalischen Determinismus. Jeder Mensch ist ein Ich und besitzt Handlungsfreiheit.

Volker Gadenne

Karl Poppers Welt 3 und die Philosophie der Mathematik

Vielleicht die zentrale Frage über die Natur mathematischer Objekte betrifft das Zustandekommen abstrakter Terme. Gedankendinge wie Zahlen, Mengen, Relationen und Klassen hängen in einer schwer durchschaubaren Weise mit der konkreten Dingwelt zusammen, sie werden unvermeidbar für deren Erkenntnis gebraucht, bilden aber auch den eigenständigen Gegenstandsbereich der Formalwissenschaften. In einer fortgeschrittenen Phase seiner philosophischen Entwicklung wagt Karl Popper eine neue Hypothese über diese Gegenstandswelt der Vernunft, die in einer Weise an den realistischen platonischen Denkstil anschließt und sich damit in Gegensatz zur weithin dominierenden nominalistischen Tradition setzt. Im Folgenden wird untersucht, wie sich sein Vorschlag in die herkömmlichen Deutungen von Abstrakta einfügt und wie sein Vorschlag aus der heutigen Sicht der Philosophie der Mathematik zu werten ist. Einiges Gewicht wird dabei dem aristotelischen Ansatz zugemessen, der Zahlen als das numerische Moment der Dinge betrachtet.

Bernulf Kanitscheider

Karl Popper und das Forschungsprogramm der Evolutionären Erkenntnistheorie

Die Evolutionäre Erkenntnistheorie beantwortet Fragen aus der Philosophie mit Hilfe der Evolutionstheorie: Wir können die Welt erkennen, weil sich unsere Vorfahren im Laufe der Evolution an diese Welt angepasst haben. Poppers Kritischer Rationalismus schließt sich diesem Ansatz an. Es gibt dabei zwei mögliche Schwerpunkte, was aus den einschlägigen Texten, etwa von Popper oder von Konrad Lorenz nicht immer deutlich wird: Der eine Schwerpunkt betrifft mehr die biologische Frage, wie sich Erkenntnisorgane und Erkenntnisfähigkeiten entwickelt haben, der andere mehr die methodologische Frage, wie wir unser wissenschaftliches Wissen gewinnen und erweitern können. Zu beiden Fragen kann man auf weitere Antworten hoffen.

Gerhard Vollmer

Karl Poppers Rehabilitierung der Metaphysik und die metaphysischen Forschungsprogramme

Popper distanzierte sich bereits in der frühen Phase seines Denkens von der logisch-positivistischen Ablehnung der Metaphysik als sinnlos. Nichtsdestoweniger grenzte er mit Hilfe des Kriteriums der Falsifizierbarkeit empirische Wissenschaft und Metaphysik voneinander ab. Später gelangte er zu der Überzeugung, dass metaphysische Theorien, obwohl nicht falsifizierbar, dennoch rational diskutierbar sind, und er argumentierte z. B. für den metaphysischen Realismus. Weiterhin verwies er auf die wichtige Rolle, die metaphysische Forschungsprogramme für die Wissenschaft spielen. Er lieferte Beiträge zur Diskussion solcher Programme, und er entwickelte selbst metaphysische Theorien (z. B. die Drei-Welten-Lehre).

Volker Gadenne

Sozialphilosophie und politische Philosophie

Frontmatter

Der methodologische Individualismus

In diesem Beitrag wird der Methodologische Individualismus als eine sozialwissenschaftliche Methodologie erklärt. Die Wurzeln dieser Methodologie, insbesondere in der Österreichischen Schule der Nationalökonomie und der Soziologie von Max Weber, werden dargestellt. Die Beiträge Karl Poppers und anderer Autoren, die dem Kritischen Rationalismus verpflichtet sind, werden gewürdigt. Der Methodologische Rationalismus und die Theorien rationalen Verhaltens werden im Überblick und beispielhaft erörtert. Wir sehen den Methodologischen Individualismus als ein erfolgreiches und auch in Zukunft entwicklungsfähiges Konzept an.

Reinhard Neck

Karl Poppers Kritik an Platons totalitärer Staatstheorie

Gegenstand dieses Kapitels ist die Auseinandersetzung Karl Poppers mit der Staatsphilosophie Platons. Dazu wird zuerst die Ideenlehre Platons als Grundlage seiner politischen Philosophie kurz dargestellt und darauf aufbauend seine Staatsphilosophie nach der Politeia. Anschließend werden die wichtigsten Argumente Poppers gegen diese Staatsphilosophie und seine Theorie der offenen Gesellschaft im Gegensatz zur geschlossenen Gesellschaft bei Platon erörtert. Der Vorwurf Poppers, die Philosophie Platons rechtfertige den Totalitarismus, ist weitgehend berechtigt; für den Zusammenhang mit dem Historizismus wird dagegen von Popper nur schwach argumentiert.

Reinhard Neck

Karl Poppers Kritik an Karl Marx und dem Marxismus

Obwohl Popper positive Seiten an Marx würdigt (humanitäres Engagement, Anti-Psychologismus) zählt er ihn zusammen mit Plato und Hegel zu den Feinden einer offenen, demokratischen Gesellschaft. Er begründet dies mit vielen Argumenten: Verkennung der Aufgabe der Sozialwissenschaft, Ignoranz gegenüber dem „Ödipus-Effekt“ des sozialen Handelns, holistisches, kollektives „Ganzheits“-Denken im Gegensatz zum methodologischen Individualismus, Verwechslung von historischer Prophezeiung mit wissenschaftlicher Prognose, Fixierung auf den Bezugsrahmen von Hegels teleologischer Geschichtsmetaphysik, Übertreibung des Einflusses ökonomischer Faktoren auf die Gesellschaftsentwicklung usw.

Kurt Salamun

Karl Poppers Idee der Demokratie

In Abgrenzung zu anderen Ansätzen der Demokratietheorie wird in diesem Beitrag Karl Poppers Idee der Demokratie herausgearbeitet. Diese lässt sich als eine Theorie der Kontrolle von Macht verstehen, vor allem in Abgrenzung zu autoritären Herrschaftssystemen. Popper hat in diesem Zusammenhang mehrere Paradoxien (Toleranz, Freiheit, Demokratie und Souveränität) herausgearbeitet. Daneben findet sich bei ihm eine starke Betonung der Abwahl der politischen Führung. Insgesamt ist Poppers Demokratiekonzeption stark auf den institutionellen Rahmen, basierend auf Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit, ausgerichtet. Sie weist dabei eine hohe Reformorientierung auf, was sich auch in Poppers Betonung einer kritischen Partizipation der Bürger am politischen Gemeinwesen widerspiegelt. Zugleich zeigt ein nähre Betrachtung, dass es sich bei der Demokratie um ein Mittel handelt, welches den Werten einer offenen Gesellschaft, vor allem der individuellen Freiheit, zum Durchbruch verhelfen soll.

Harald Stelzer

Karl Poppers Auffassungen über Religion und den Glauben an Gott

Dieser Artikel beginnt mit der Frage, ob es für Karl Poppers Denken kohärent ist, einerseits an einem epistemologischen kritischen Realismus festzuhalten, was voraussetzt, dass metaphysische Fragen rational analysiert werden können, und andererseits am Agnostizismus. Auf der Grundlage der Hypothese, dass Glaube als Fiducia nicht notwendigerweise Glauben als Doxa impliziert, zeigt der Autor anhand von Aussagen über die Natur des christlichen Glaubens, dass es Popper möglich war, sowohl am Agnostizismus (in doxastischer Hinsicht) als auch an Glaubensfragen (in religiöser Hinsicht) festzuhalten. So leitet sich zum Beispiel Poppers Einschätzung, dass es unmöglich ist, in der Geschichte von Offenbarung zu sprechen, von Barth und Kierkegaard her, während er seine Meinung, dass religiöse Lehren nicht am weltlichen Erfolg gemessen werden können, auch als im Einklang mit der christlichen Selbstinterpretation versteht. Die grundsätzliche Frage, ob Popper entweder nur hypothetisch über die Lehren des Christentums spricht oder ob er entgegen seinem ausdrücklichen Bekenntnis zum Agnostizismus tatsächlich Theist oder Atheist ist, bleibt absichtlich unbeantwortet. Dennoch schließt der Artikel mit der Einschätzung, dass Popper als ein Denker gesehen werden kann, der Argumente auch im Rahmen bestimmter christlicher Denkmuster verwendet. Letztendlich kann Popper als ein nur halbherziger Agnostiker betrachtet werden, der möglicherweise implizit einer spezifischen Form des deistischen Theismus zuneigte.

Dragan Jakovljević

Subjektive Werte im Kritischen Rationalismus

Karl Poppers Kritischer Rationalismus bietet eine wichtige Lösung für das Dilemma zwischen dem ethischen Subjektivismus und der objektiven Normbegründung. Darüber hinaus weisen seine Auffassungen eine besondere Nähe zur christlichen Sozialethik und zum christlichen Menschenrechtsverständnis auf. Poppers Auffassungen sind aktuell in Bezug auf die Wertproblematik und den normativen Gehalt der Menschenrechte sowie der bleibenden und haltbaren Bedeutung des Naturrechtes.

Giuseppe Franco, Christian Müller

Der Kritische Rationalismus in den Wissenschaften

Frontmatter

Karl Poppers drei theoretische Ethiken

Karl Popper hat viele bedeutende Beiträge zur theoretischen Ethik und praktischen Moral geleistet. Sie finden sich verstreut in seinen Werken und im Nachlass. Hier werden Poppers drei theoretische Ethiken herausgearbeitet: (1) Sein Neg-Utilitarismus: Er richtet sich hauptsächlich an Politiker und fordert statt Glücksmaximierung die Leidminimierung. (2) Seine Problemlösungsethik: Sie knüpft an die rationale Methode der Wissenschaft an und sucht nach der adäquaten Problemlösung für alle Betroffenen. (3) Seine epistemologische Ethik: Sie empfiehlt, bei moralischen Konflikten immer zuerst die mit ihnen verknüpften Sachprobleme zu lösen.

Hans-Joachim Niemann

Die Bedeutung des Kritischen Rationalismus für die Wirtschaftswissenschaften

Die Bedeutung des kritischen Rationalismus für die Entwicklung vornehmlich der deutschsprachigen Nachkriegswirtschaftswissenschaften wird diskutiert. Die kritisch-rationalistische These von der einheitlichen nomologischen Ausrichtung aller Realwissenschaften wird mit Reinhard Seltens „methodologischem Dualismus“ einerseits und der Rolle unrealistischer Annahmen in der mathematischen Ökonomik andrerseits konfrontiert. Ungeachtet aller Bewunderung die Seltens „mathematische Praxeologie“ als Formalwissenschaft verdient, haftet dieser doch so viel des Misesschen Apriorismus an, dass sie aus Sicht des kritischen Rationalismus als Teil der empirischen Wissenschaft ebenso zurückgewiesen werden muss wie weite Teile der mathematischen „reinen“ Ökonomik.

Hartmut Kliemt

Wirtschaftsethik im Lichte des Kritischen Rationalismus von Karl Popper

Das Werk von Karl Popper bietet für die Wirtschaftsethik, die sich erst in den letzten Jahrzehnten als Teil der angewandten Ethik etabliert hat, trotz der zeitlichen Distanz interessante und anschlussfähige Ansätze. Poppers Beitrag lässt sich zum einen auf Elemente seiner Grundkonzeption einer offenen Gesellschaft zurückführen, wobei sich hier eine Fokussierung auf grundlegende Fragen der Wirtschaftsordnung und der sozialen Gerechtigkeit findet. Zum anderen ist es möglich, aus seinen Aussagen auch eine Position gegenüber Fragen des wirtschaftlichen Handelns zu entwickeln, die stark auf die individuelle Verantwortung abzielt und sich auch mit seiner Sichtweise des Lebens als Problemlösen verbinden lässt.

Harald Stelzer

Kritischer Rationalismus und Psychologie

Als sich Popper in seinen Grundproblemen der Erkenntnistheorie in den frühen 1930er-Jahren gegen den Induktivismus gewendet hat, tat er dies durch die Erbringung des Nachweises, dass eine deduktivistische Psychologie möglich ist. Seine lebenslange Beschäftigung mit der Erkenntnistheorie und dem Wissenserwerb brachte ihn dazu, traditionelle induktivistische und behavioristische Theorien zu kritisieren und durch eine logisch vertretbare Theorie des Problemlösens mittels der Verfahren von Versuch und Irrtum oder Handeln und Auswählen zu ersetzen. Er weitete seine Kritik und seine Ideen zudem auch auf die animalische Kommunikation und die menschliche Sprache, menschliches Verhalten und Handeln und deren Funktionen in seinem „aktiven Darwinismus“ – Poppers Fassung der Evolutionstheorie – aus. Und um in die Psychologie und die ihr verwandten Disziplinen ein wenig logische Ordnung hineinzubringen, führte er schließlich auch noch ein kantisches „Übertragungsprinzip“ ein, um der wissenschaftlichen Methodologie bei der Umgehung induktiver Verfahren und anderer Fallstricke zu helfen.

Arne Friemuth Petersen

Karl Popper und die Erziehungswissenschaft

In diesem Aufsatz werden acht Grundprinzipien kritisch-rationalen Denkens von Karl Popper aufgelistet und ihre Anwendung auf verschiedene Themen der Erziehungswissenschaft beschrieben: Begriff der Erziehung, Aufgabe der Erziehungswissenschaft, Gedanken zum Lehrenden, zum Lernenden, zu Schuladministration und Schulpolitik. Einige Kommentare dazu bilden den Abschluss des Überblicks.

Gerhard Zecha

Die Rolle der Fehleranalyse und die Methodologie der Medizin im Lichte des Kritischen Rationalismus

Über medizinische Fragen hat sich Popper nur sehr wenig geäußert. Aber es liegt nahe, seine erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Grundprinzipien auf die Medizin und ihre Methodologie anzuwenden. Auch das Wissen in der Medizin ist zunächst in der Hauptsache nur Vermutungswissen, welches einer ständigen Verbesserung und Korrektur bedarf. Auch in der Medizin passieren Fehler. Die Fehler gilt es zu erkennen, zu analysieren und in Zukunft zu vermeiden. Arzt und Patient wollen Sicherheit – in der Diagnose und in der Therapie. Absolute Sicherheit kann es aber nicht geben. Die kritische Fehleranalyse und die darauf beruhende Fehlerkorrektur helfen allerdings, den Sicherheitsgrad beständig zu steigern. Daraus ergeben sich auch entscheidende Konsequenzen für die medizinische Ethik.

Franz Wuketits

Ernst Gombrich, Karl Popper und die Kunsttheorie

Der Kunsthistoriker Ernst Hans Josef Gombrich (1909–2001) hat einen „wissenschaftlichen“ oder kognitiven Ansatz zur Erforschung der Geschichte und Psychologie der Künste entwickelt, der sehr maßgeblich von der Wissenschaftstheorie seines engen Freundes Karl Popper beeinflusst worden ist. Die geistige Nähe zwischen beiden wird in Gombrichs zentraler Arbeit zur Wiederentdeckung der Repräsentation in der Renaissance und zur Historiografie der Kunst deutlich. Ihre Differenzen verdienen allerdings ebenfalls Beachtung. Gombrichs Ansicht zufolge verändern sich Geschmack und Stil entsprechend der von ihm so genannten „Logik der Mode“. Gombrich hat dargelegt, auf welch vielfältige Weise Veränderungen in der Kunst sich vollziehen. Während sich die Moden in der Kunst auf unvorhersehbare, launenhafte Weise wandeln, tauchen technische Veränderungen als Lösungen für technische Probleme auf und werden im Modus von Versuch und Irrtum ermittelt. Auf diese Weise stieß Gombrich auf eine Antinomie in der Kunsttheorie: Handwerkliche Fähigkeiten und Können wandeln sich durch rationalen Fortschritt, während sich Stile durch den irrationalen Mitläufereffekt verändern. In der Kunst ist der relativistische Pluralismus zur Mode geworden, und diese Mode hat seine Antinomie ignoriert – und zwar, sofern er richtig liegt, recht willkürlich.

Sheldon Richmond, Ian Jarvie, Joseph Agassi

Zwischen Fallibilismus und Dogmatismus

Kritischer Rationalismus und die Wissenschaftlichkeit der Theologie

Ob Theologie auf wissenschaftliche Weise betrieben werden kann, hängt vom jeweiligen Verständnis von Wissenschaft ab. Weitgehend wird heute davon ausgegangen, dass Wissenschaft auf der Basis eines methodologischen Naturalismus zu betreiben ist. Demzufolge wäre Theologie per definitionem keine Wissenschaft. Dem wissenschaftstheoretischen Regelwerk des Kritischen Rationalismus scheinen zwar keine naturalistischen Annahmen zugrunde zu liegen. Trotzdem bleibt der Wissenschaftscharakter der Theologie auch im Rahmen dieses Regelwerks fraglich.

Armin Kreiner

Zur Wirkungsgeschichte des Kritischen Rationalismus

Frontmatter

Karl Popper und der Positivismusstreit. Neue Ansichten einer alten Kontroverse

Die Erregung, mit der in den 1960er-Jahren der von Theodor Adorno und anderen so genannte „Positivismusstreit“ ausgetragen wurde, hat sich in den fast 50 Jahren, die vergangen sind, seit 1969 der Sammelband zur Debatte veröffentlicht wurde, weitgehend gelegt. Das macht es möglich, von der Parteinahme für die eine oder andere Seite Abstand zu nehmen und noch einmal präziser die Argumente von damals zu durchdenken. Es zeigt sich, dass in der Diskussion zwischen Karl Popper und Theodor Adorno in Tübingen 1961 die Gemeinsamkeiten die Divergenzen bei weitem überwogen (sowohl hinsichtlich der Einschätzung des Positivismus als auch der Wissenssoziologie und der Werturteilsfrage). Erst mit dem Eintritt on Jürgen Habermas und Hans Albert in die Debatte kam eine polemische Schärfe in die Diskussion, zum Teil durch die Etikettierung der Position Poppers als „Positivismus“ durch Habermas und dann auch Adorno. Zusätzlich wird hier versucht, die Debatte der 1960er-Jahre dadurch zu historisieren, dass sie in einen weiteren Zeitrahmen eingebettet wird, der einerseits die weit in die 1920er- und 1930er-Jahre reichende Vorgeschichte des Streits sowie andererseits die Folgen der Auseinandersetzung seit den späten 1960er-Jahren einbezieht.Die Darstellung beruht auf früheren Arbeiten des Verfassers. Zusätzlich werden einige neue Archivfunde (wie z. B. ein Brief Adornos nach der Tübinger Tagung an Popper) präsentiert und inzwischen erschienene Autobiografien bzw. Biografien der Beteiligten des Positivismusstreits ausgewertet. Es bleibt zu hoffen, dass sich in Zukunft die bislang nicht zugänglichen Teile des Briefwechsels zwischen Adorno und Popper noch auffinden lassen.

Hans-Joachim Dahms

Karl Popper und seine Kritiker: Kuhn, Feyerabend und Lakatos

Thomas Kuhn, Paul Feyerabend und Imre Lakatos kritisieren Poppers Wissenschaftsauffassung mit den Argumenten, dass die Erfahrung keine sichere Grundlage für Falsifikationen von Theorien gibt, und dass falsifizierte Theorien in der Wissenschaftsgeschichte selten vollständig aufgegeben werden. Es wird gezeigt, dass eine kritische Diskussion von fehlbaren Prüfsätzen möglich ist, und dass es nicht notwendig ist, falsifizierte Theorien vollständig aufzugeben. Mit diesen Argumenten kann Kuhns, Feyerabends und Lakatos’ Kritik zurückgewiesen werden.

Gunnar Andersson

Hans Albert und die Kritik am Modell-Platonismus in den Wirtschaftswissenschaften

Der vorliegende Beitrag widmet sich einer wissenschaftstheoretischen Betrachtung neoklassischer Ökonomie, die das konzeptionelle Fundament für große Teile des praktizierenden „Mainstreams“ ökonomischer Forschung stellt. Dieses Fundament wurde durch Hans Albert im Besonderen mit dem von ihm formulierten „Modell-Platonismus“-Vorwurf einer kritisch-rationalen Kritik unterzogen. Im Folgenden wird diese Kritik rekonstruiert und hinsichtlich ihrer Rezeption und Aktualität neu evaluiert.

Jakob Kapeller, Benjamin Ferschli

Karl Poppers kritischer Rationalismus heute

Was ist der bleibende Beitrag des kritischen Rationalismus? Sind Poppers Ideen noch von aktueller Bedeutung? Der Fallibilismus und die Lehre von der offenen Gesellschaft werden weithin anerkannt. Die Falsifikationsmethodologie und die Theorie der Annäherung an die Wahrheit sind umstritten. Manche Einwände beruhen auf Missverständnissen, andere zeigen jedoch echte Probleme auf, denen sich der kritische Rationalismus stellen muss, indem er einige seiner Annahmen modifiziert bzw. weiterentwickelt. Anhand von drei Beispielen wird angedeutet, wie aktuelle Forschung auf kritisch-rationaler Grundlage möglich ist.

Volker Gadenne

Kritischer Rationalismus und sein Einfluss auf Medien und Politik

Der Einfluss Popperscher Gesellschaftsphilosophie auf Politik und Medien ist – trotz einer gewissen Popularität seiner Ideen insbesondere in der Bundesrepublik der 1970er-Jahre – vernachlässigbar geblieben. Gründe dafür sind ihre meist nur oberflächliche Rezeption, aber teilweise auch Poppers eigene Darstellung. Dieser fehlen z. T. entscheidende Details, Popper wendet Ideen aus anderen Teilen seiner Philosophie nicht konsequent an, und diese Ideen können im Rahmen eines gestärkten Kritischen Rationalismus deutlich erweitert werden. Besonders zu betonen sind die Kontinuität mit der Aufklärung, zu deren Komplettierung Poppers Wissenstheorie entscheidend beiträgt; eine Konkretisierung des „piecemeal engineering“; und das Aufzeigen von direkt aus Popperschen Ideen ableitbaren Anforderungen für zwei zentrale Institutionen der Offenen Gesellschaft: Bildung und Medien.

Peter Monnerjahn

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