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2020 | Buch

Handbuch Krisenforschung

herausgegeben von: Prof. Dr. Frank Bösch, Prof. Dr. Nicole Deitelhoff, Dr. Stefan Kroll

Verlag: Springer Fachmedien Wiesbaden

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Über dieses Buch

Dieses Handbuch ist die erste deutschsprachige Publikation, die systematisch und multiperspektivisch den Forschungsstand zu ‘Krisen’ als politischen Situationen aufarbeitet und in der Verbindung seiner Beiträge die Krisenforschung als interdisziplinäres Unternehmen mit hohem Praxisbezug etabliert. Während die Erforschung einzelner Krisenereignisse und -phänomene in vielen Disziplinen zum Tagesgeschäft gehört, sind übergreifende Überlegungen zum Thema Krise meist auf organisatorische Aspekte des Krisenmanagements oder auf Krisendiskurse beschränkt. An diese Forschungsstände anknüpfend, aber über sie hinausweisend, bearbeitet das Handbuch ‚Krisenforschung‘ als umfassendes Themenfeld.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Zugänge zum Krisenbegriff

Frontmatter
Für eine reflexive Krisenforschung – zur Einführung
Zusammenfassung
Das Kapitel dient als Einführung in diesen Band und gibt einen Überblick über die einzelnen Teile und Beiträge. Zugleich plädiert es für eine reflexive Krisenforschung, die von den realen Bedrohungen ökologischer, ökonomischer, humanitärer oder politischer Bedrohungen ausgeht, die aber zugleich den konstruktivistischen Charakter von Krisendiagnosen und -dynamiken verdeutlicht. Anhand von politikwissenschaftlichen und zeithistorischen Betrachtungen wird verdeutlicht, dass sich im Begriff der Krise reale Probleme, deren Perzeption und eine Handlungsebene miteinander verbinden. Für zukünftige Forschungen wird empfohlen, Krise viel stärker als einen zu beobachtenden Begriff zu verstehen, denn als Analysekategorie.
Frank Bösch, Nicole Deitelhoff, Stefan Kroll, Thorsten Thiel
Zwischen Handlungsmotivation und Ohnmachtserfahrung – Der Wandel des Krisenbegriffs im 20. Jahrhundert
Zusammenfassung
Der Beitrag untersucht die Geschichte des Krisenbegriffs ausgehend von Reinhart Kosellecks Arbeiten zum 18. und 19. Jahrhundert, konzentriert sich aber auf den Wandel des Krisenbegriffs im 20. Jahrhundert. Anhand von zwei semantischen Tiefenbohrungen in den 1920er und 1970er Jahren wird ein begrifflicher Wandel festgestellt: Wurde der Krisenbegriff in den 1920er Jahren vor allem von den veränderungswilligen Zeitgenossen benutzt, um Handlungsdruck zu erzeugen und zu kollektiver Aktivität zu motivieren, dominierte in den 1970er Jahren ein pessimistisch-fatalistischeres Krisenverständnis. Dies lag vor allem daran, dass sowohl die Umwelt- als auch die Wirtschaftskrise bestehende Krisenreaktionsmechanismen auf nationaler oder internationaler Ebene zu überfordern schienen. Daher wird die Hypothese entwickelt, dass die Globalisierung der Krisendiagnosen zu einem semantischen Wandel des Krisenbegriffs führte.
Rüdiger Graf

Perspektivierungen von Krisen

Frontmatter
Zur Räumlichkeit von Krisen: Relationalität, Territorialität, Skalarität und Topologien
Zusammenfassung
Während die Dimension der Zeitlichkeit dem Begriff der Krise inhärent ist und dazu auch diverse Modelle vorliegen, ist die Räumlichkeit von Krisen bisher kaum explizit zum Gegenstand sozialwissenschaftlicher Konzeptionierungen gemacht worden. Ziel dieses Beitrags ist es, die bisher vernachlässigte Dimension der Räumlichkeit in den Vordergrund zu rücken, ohne dabei ein prozessuales Verständnis von Krisen zu vernachlässigen. Ausgehend von (häufig impliziten) Bezügen aus der Literatur, insbesondere in den Diskursen zu transboundary crisis (2.1) und crisis spillover (2.2), wird die Räumlichkeit von Krisen anhand von vier unterschiedlichen, aber sich wechselseitig beeinflussenden Perspektiven, nämlich Relationales Raumverständnis (3.1), Territorialität (3.2), Skalarität (3.3) sowie Topologie (3.4), erörtert und in Bezug auf ihr Analysepotenzial diskutiert.
Verena Brinks, Oliver Ibert
Die Interdependenz von Krisen
Zusammenfassung
Interdependenzen sind für moderne, arbeitsteilig organisierte Gesellschaften konstitutiv. Krisen wirken quasi wie Interdependenz-Detektoren, indem sie uns bewusst machen, dass unsere Welt von wechselseitigen Abhängigkeiten und gegenseitigen Beeinflussungen durchzogen ist. Eine Kernaussage des Beitrags lautet, dass in einer globalisierten Welt die Inter- und Multisektoralität und damit der systemische Charakter von Krisen von deren Transnationalität ergänzt werden. Aus einer primär politikwissenschaftlichen Perspektive wird der Zusammenhang zwischen dem Wandel in den Ausprägungen von Kriseninterdependenzen und dem Wandel in den Modi der Krisenbewältigung thematisiert.
Heiderose Kilper
Krisen in der Erinnerung – Erinnerung in Krisen: Die Bedeutung politischer Mythen für das Geschichtsbewusstsein und zur Krisenbewältigung
Zusammenfassung
Gerade säkulare Gesellschaften rekurrieren in ihren Erinnerungskulturen auf heroische Selbstzuschreibungen, die über politische Mythen erfolgen. Krisen und deren Überwindung eignen sich in besonderer Weise als Topoi: Wird „Krise“ als subjektive Kritik an einem (gegenwärtigen) Zustand verstanden, so berichten politische Mythen über eine für die Gesellschaft erfolgreiche Überweindung. Deswegen erleben politische Mythen gerade in Krisensituationen eine Konjunktur, da sie einer Gesellschaft Sinn und Orientierung vermitteln und politische Handlungen legitimieren.
Heidi Hein-Kircher
„Krisen“ als Seismografen gesellschaftlichen Wandels und Gegenstand schulischer Bildungsmedien
Zusammenfassung
Der vorliegende Beitrag erkundet die Potenziale einer diskursiven Krisenforschung anhand von Schulbüchern als einer besonderen Quellengattung. Denn Schulbücher lassen sich grundsätzlich als historische und gegenwartsbezogene Quellen und Medien gesellschaftlicher Praxis analysieren, in denen jeweils fächerspezifisch gerahmte gesellschaftliche Krisenverständnisse verhandelt werden. Dementsprechend lässt sich untersuchen, welche Rolle unterschiedliche Krisenverständnisse in gesellschaftlichen Selbstbeschreibungen spielen und welche Handlungsorientierungen für zukünftige Generationen damit vermittelt werden. Angesichts des medialen Wandels richten sich gesellschaftliche Krisendiagnosen zudem immer wieder auch auf das Medium des Schulbuchs selbst.
Marcus Otto, Steffen Sammler, Riem Spielhaus

Felder der Krisenbewältigung

Frontmatter
Demokratiekrisen
Zusammenfassung
Die Rede von der Krise der Demokratie ist so alt wie diese selbst. Von der antiken politischen Philosophie Griechenlands bis hin zur neomarxistischen Soziologie und der konservativen Politikwissenschaft der frühen siebziger Jahre blieb die Krise politischer Regime ein Dauerthema. Nach der Jahrtausendwende verstärkte sich erneut der Krisendiskurs über die Demokratie. Umso mehr verwundert es, dass zwar die Demokratie immer wieder definiert, ihre Krise aber im Jargon oder bestenfalls in der politischen Theorie diskutiert wurde. Bis heute ist aber die theoretische wie empirische Frage ungelöst, wann eine Krise beginnt und wann sie endet.
Wolfgang Merkel
Krise internationaler Institutionen
Zusammenfassung
Die liberalen internationalen Institutionen, die eigentlich Krisen lösen sollen, geraten derzeit häufiger selbst in die Krise. Sowohl Teile ihrer Mitgliedschaft als auch Teile der Bevölkerung stellen sie grundsätzlich infrage. Dieser Beitrag entwickelt die These, dass die Krise der Institutionen auf ihren Erfolg zurückzuführen ist, das heißt auf die Stärkung ihrer Kompetenzen und die Erweiterung ihrer Mitgliedschaft in den letzten Jahrzehnten. Er gibt einen Überblick über bisher in der Forschung erörterte Erklärungen der Krise und zeigt, dass die dort diskutierten Krisenursachen eng mit der Stärkung und Ausweitung internationaler Institutionen zusammenhängen.
Matthias Dembinski, Dirk Peters
Wirtschaftskrisen – Phänomenologie, Diagnose, Therapie im wirtschaftshistorischen Wandel
Zusammenfassung
Das Kapitel gibt einen zeithistorischen Überblick über das Feld der Wirtschaftskrisen und insbesondere deren Rationalisierung in der ökonomischen Literatur. Der Fokus liegt auf Beiträgen des 19. und 20. Jahrhunderts. In dieser Zeit wurden Wirtschaftskrisen zunehmend als ein immanenter Bestandteil des ökonomischen Geschehens verstanden, als Rhythmen, die einer eigenen Dynamik entsprangen und die nicht ausschließlich auf äußere Auslöser zurückzuführen waren. Wirtschaftskrisen galten gleichsam als unvermeidbar wir gestaltbar. Vor diesem Hintergrund waren auch die Möglichkeiten und Folgen staatlicher Interventionen ein zentrales Thema der ökonomischen Debatte.
Werner Plumpe
Umweltkrisen
Zusammenfassung
In Anbetracht einer bisher nur begrenzt wirksamen gesellschaftlichen Umweltvorsorge wird das Konzept „Krise“ als wissenschaftliche Perspektive untersucht. Dazu erfolgt zum einen eine Systematisierung grundlegender Mensch-Umwelt-Beziehungen. Zum anderen werden Merkmale von „Krise“ aus einem multidisziplinären Spektrum der Literatur recherchiert. Unter Anwendung der Merkmale auf die Mensch-Umwelt-Beziehungen wird eine Konzeptualisierbarkeit von „Umweltkrise“ exploriert. Dabei zeigt sich, dass einige Merkmale von „Krise“ sowohl für biophysische als auch für gesellschaftliche Phänomene von Mensch-Umwelt-Beziehungen relevant sein können. Insgesamt wird für das Konzept „Umweltkrise“ ein Potenzial zur Analyse und gegebenenfalls Bewältigung insbesondere von nicht intendierten anthropogenen Umweltveränderungen festgestellt und anhand dreier Beispiele der Umweltentwicklung illustriert. Für die weitere Forschung erfolgt daraus die Ableitung eines Bedarfs zur Schärfung des Konzepts sowie zu dessen Einsatz als Analyserahmen einschließlich der dazu notwendigen methodischen Entwicklungen. In den zu erwartenden Erkenntnissen werden für Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft Ansatzpunkte für eine weitergehende Erreichung von Zielen der Umweltvorsorge gesehen.
Jochen Schanze, Anna-Katharina Hornidge, Gérard Hutter, Andreas Macke, Daniel Osberghaus
Wann ist eine humanitäre Krise eine humanitäre Krise? Zur Definition und Auslegung eines vagen Begriffspaares
Zusammenfassung
Das Begriffspaar „humanitäre Krise“ verbindet zwei Worte, deren Bedeutung und Abgrenzung umstritten sind. Obwohl einige Disziplinen Wege zur Datensammlung und -analyse humanitärer Krisen entwickelt haben, sind sie doch mit dem Problem konfrontiert, diese genauer zu definieren. Das Kapitel analysiert Versuche unterschiedlicher Disziplinen und Experten sowie Expertinnen, humanitäre Krisen zu beschreiben und zu definieren (Humanitäres Völkerecht, Public Health und Humanitarian Studies). Der Beitrag untersucht unterschiedliche Herangehensweisen und Perspektiven, diskutiert aber auch die Defizite, die mit den jeweiligen Sichtweisen verbunden sind, die oft ein partielles und technokratisches Bild von Krisen zeichnen, das wenig kontextualisiert wird und den politischen Ursachen von Krisen und insbesondere der Rolle lokaler Akteure kaum gerecht wird. Schließlich plädiert das Kapitel für eine multiperspektivische und machtsensiblere Definition von Krisen und eine feinkörnigere Sprache, um die Diversität von Krisen adäquat zu fassen und schließlich allen Beteiligten gerecht zu werden.
Dennis Dijkzeul, Diana Griesinger

Techniken der Krisenbewältigung

Frontmatter
Internationales Krisenmanagement
Zusammenfassung
Beim internationalen Krisenmanagement liegt der Fokus auf der Rolle internationaler Akteure, die sich zur Lösung einer als Bedrohung der bestehenden Ordnung wahrgenommenen Krise engagieren. Nach einer grundlegenden Begriffsbestimmung stellt der Beitrag dar, in welchen Situationen Krisenmanagement angewendet wird, welche Formen es annehmen kann und durch welche Akteure es häufig Anwendung findet. Der Beitrag geht exemplarisch auf internationale Sanktionen als Zwangsmittel des internationalen Krisenmanagements sowie auf Mediation als freiwilliges Instrument ein, durch das internationale Akteure sich um eine Entschärfung oder Beilegung einer Krise bemühen. Dabei werden diese Instrumente, ihre Erfolgsbedingungen und insbesondere ihre nichtintendierten Folgen diskutiert.
Sandra Destradi, Christian von Soest
Krisenberatung: Sachliche und prozessuale Expertise in Krisen
Zusammenfassung
Im Zentrum des Beitrags steht die Frage, wie wissenschaftliche Expertise in Krisensituationen durch wissenschaftsbasierte Beratung in praktische Problemkontexte übertragen werden kann. Während die Einbringung von wissenschaftlicher Expertise in politische Entscheidungsprozesse ein breit diskutiertes Forschungsfeld ist, wird Beratung in Situationen von Krisen weit weniger thematisiert. Unter diesen Vorzeichen wird idealtypisch unterschieden zwischen „Expertise in Krisen“, verstanden als Beratung auf der Basis vertieften Wissens über das in der Krise befindliche (Teil-)system, und „Expertise für Krisen“, verstanden als Beratung auf der Basis von generischem Wissen über Krisen und Krisenmanagement. Krisenberatung, so unsere These, ist zu verstehen als das im Prozessverlauf situativ aufeinander bezogene, sich dynamisch verändernde Zusammenwirken dieser beiden Formen von Expertise.
Verena Brinks, Oliver Ibert
Metadaten
Titel
Handbuch Krisenforschung
herausgegeben von
Prof. Dr. Frank Bösch
Prof. Dr. Nicole Deitelhoff
Dr. Stefan Kroll
Copyright-Jahr
2020
Electronic ISBN
978-3-658-28571-5
Print ISBN
978-3-658-28570-8
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-28571-5

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