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Über dieses Buch

Die Vielfalt kultursoziologischer Ansätze, Diskurse, Arbeitsfelder und Methoden wird in diesem Handbuch kompakt dargestellt. Geboten wird damit die Möglichkeit zur Orientierung innerhalb des heterogenen Feldes der Kultursoziologie. Unterschiedliche Positionen und das mit ihnen jeweils verbundene Verständnis von ‚Kultur‘ werden sichtbar gemacht und die Leser_innen zur weiterführenden Auseinandersetzung mit diesem Forschungsfeld eingeladen.

Band 1 des Handbuchs widmet sich dem Begriff der Kultur, der Kontextualisierung des Themenfeldes ‚Kultursoziologie‘ im interdisziplinären Umfeld, seiner Entwicklung und gegenwärtigen Ausformung in unterschiedlichen Weltregionen sowie zentralen kultursoziologischen Autor_innen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Der Begriff der Kultur

Frontmatter

Kultur – Gesellschaft

Das Verhältnis von Kultur und Gesellschaft ist geprägt vom Gegensatz zwischen einem dualistischen Modell, welches die beiden Elemente getrennt sieht und nach wechselseitigen Einflüssen Ausschau hält, und einem monistischen Modell, welches die beiden Kategorien als bloße Perspektivierungen desselben Phänomens ansieht. Der letzteren Auffassung zufolge gibt es keine Gesellschaft ohne kulturelle Durchwirkung und keine Kultur ohne gesellschaftliche Grundlage. Charakteristiken der kulturellen Sphäre umschreiben das Wesen der Kultur in Bezug auf Wissen und Nichtwissen, Bewusstheit und Unterbewusstheit, Kommunikation und Institution, Innovation und Beharrung, Praktiken und Objekte – womit die Kompliziertheit des Verhältnisses von Gesellschaft und Kultur deutlich wird. Eine zentrale Frage jeder einschlägigen sozialwissenschaftlichen Diskussion ist die nach den positiven Ressourcen und nach den Gefährdungen für die Integration einer Gesellschaft – seinerzeit, in der klassischen Perspektive, wurden gesellschaftliche Kräfte eher für Desintegrationsprozesse verantwortlich gemacht, kulturelle Bestände als Mittel der Integration erörtert; aber auch dieses Verhältnis ist neu zu fassen. Etliche Phänomene, die schon lange in den Sozialwissenschaften diskutiert worden sind, erhalten schließlich in der Spätmoderne eine neue Gestalt: durch das Wiederaufleben romantischer Potenziale, durch Individualisierung und Säkularisierung, Beschleunigung, Globalisierung und Liquidisierung der Gesellschaft. Bei entsprechenden Diskussionen wird immer wieder die Frage angesprochen, welches die letzten Endes auslösenden Kräfte und was die Folgen solcher Veränderungen sind.

Manfred Prisching

Kultur – Natur

Die Unterscheidung von Natur und Kultur dient Kulturen dazu, sich selbst in epistemischer, ontologischer, normativer und pragmatischer Hinsicht von dem, was als Natur bezeichnet wird, zu differenzieren und sich gerade dadurch selbst zu beschreiben. Der Beitrag reflektiert diese Unterscheidung in ihrer soziologischen Relevanz und unternimmt es, die vielfältigen theoretischen Dispositionen, die mit dieser Unterscheidung verbunden sind, zu verorten.

Rainer Schützeichel

Kultursoziologie im internationalen Kontext

Frontmatter

Kultursoziologie im deutschsprachigen Raum

Der „Beitrag“ behandelt die Kultursoziologie im deutschsprachigen Raum ausgehend von den „klassischen“ Anfängen um 1900 bei Max Weber und Georg Simmel über die Zwischenkriegszeit, die Revitalisierung Ende der 1970er-Jahre bis hin zu Verläufen und Ausdifferenzierungen im beginnenden 21. Jahrhundert. Die Soziologie im deutschsprachigen Raum war von Beginn an Kultursoziologie. Da in ihren Augen jegliches Soziale immer schon kulturell codiert ist, verstand sich die deutschsprachige Kultursoziologie nie als bloße Bindestrichsoziologie, sondern als allgemeine Soziologie.

Stephan Moebius

Kultursoziologie in Frankreich

Die französische Kultursoziologie ist vielfältig. In diesem Beitrag werden ihre vier wichtigsten Orientierungsmuster vorgestellt, nämlich: die Kultursoziologie als die Untersuchung des Marktes der kulturellen Güter, als Analyse des Alltagslebens, als Beschreibung der Kommunikation ohne und anhand von Medien und als Forschung über das Wissen. Von diesen vier Mustern tragen die zwei ersten seit den sechziger Jahren am meisten zur Profilierung der französischen Kultursoziologie bei. Die zwei letzten sind eher an der Peripherie der französischen Kultursoziologie zu finden. Wieso stellt sich die Kultursoziologie in Frankreich so fragmentarisch dar? Einen wichtigen Grund dafür bildet die starke Wende zur empirischen Forschungspraxis, die in Frankreich ab den sechziger Jahren stattfand. Dennoch bildet diese Wende keinen Bruch mit dem französischen soziologischen Programm, sondern sie spiegelt die Kontinuität der französischen Tradition wider, deren Symbol die Kultursoziologie ist.

Christian Papilloud

Cultural Analysis in Greece

In Search of a Cultural Sociology

The chapter presents an overview of cultural analysis in Greece during the last three decades, accounting for its institutional determinants. The “cultural turn” promoted a notably rich but no less scattered discussion. We showcase this using Diana Crane’s concept of “free-floating paradigm” which fits well enough to the cultural analysis in Greece as an open-ended set of theoretical and methodological settings shared by different social science disciplines. We also employ Wendy Griswold’s “cultural diamond” as a heuristic tool to classify a corpus of more than 250 theoretical and empirical studies. Greek scholars preferred qualitative media content analysis (mainly TV and cinema), focusing on issues of general interest like national identity, immigration, and city life. They are less interested in the sociology of cultural producers, the consumption of cultural goods and the shaping of cultural policy, while just a few of them are self-defined as cultural sociologists. Most of the studies are individual-centered desk research projects.

Nicolas Demertzis, Nicos Souliotis, George Markatas

Kultursoziologie in Großbritannien

Im Beitrag wird zunächst die Vorgeschichte der Britischen Kultursoziologie rekonstruiert, mit besonderer Berücksichtigung des viktorianischen Kulturbegriffs und der britischen Soziologiegeschichte. Die Darstellung der gegenwärtigen Situation setzt mit einer Erläuterung der Verbindungen zwischen Cultural Studies und Kultursoziologie ein, aus welcher ihre kulturtheoretische Fundierung hervorgeht. Anschließend werden zentrale Themenfelder dieser Forschungsrichtung vorgestellt: empirische Forschungsmethoden, kultursoziologische Ungleichheitsforschung, Kultur und Technik, Kultur und Subjekt.

Boris Traue

Cultural Sociology in India

This chapter delineates the growth and development of cultural sociology in India. While offering an historical outline of the place of culture and cultural analysis in Indian sociology, it presents changes in the disciplinary practices in Indian sociology after the cultural turn. It takes into account the increasing employment of sociological frameworks, perspectives, concepts, and methods to further and enhance our understanding of the cultural phenomenon. In substantive terms, it considers themes such as advertising, media, fashion, the shopping malls, credit cards, and consumption and the making of the middle classes. It also looks at some of the implications of the growing centrality of cultural sociology for the contemporary understanding of cultural production, identities and lifestyle. It concludes with the argument that culture is no longer being read off social structure as has been the case till very recently.

Manish Thakur

Kultursoziologie in Italien

Ziel dieses Beitrages ist es, einen Überblick über die Kultursoziologie in Italien zu verschaffen. Obwohl die Institutionalisierung der Kultursoziologie in Italien in den 1980er-Jahre startete, gehen die Anfänge dieser Disziplin auf den Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Es werden drei markante Forschungsbereiche und deren Autoren sowie die angewendeten theoretischen Perspektiven vorgestellt, die sich innerhalb der Kultursoziologie bis heute herauskristallisiert haben: Theoretische Schriften über die vielseitigen Aspekte der Kultursoziologie, die Produktion und die Übertragung von immaterieller Kultur und, zuletzt, der Konsum materieller Kultur.

Silvana Greco

Kultursoziologie in Japan

Das reflexive Erkenntnisinteresse an „Kultur“ als Ursprung der Kultursoziologie lässt sich in Japan in der Taishô-Zeit (1911–1925) verorten, in der die modernen massenmedialen und -kulturellen Phänomene entstanden sind. Nach dem Scheitern der völkischen „Soziologie der japanischen Kultur“ mit dem Zusammenbruch des totalitären Regimes – damit ist das Regime nach dem Inkrafttreten des Gesetzes zur nationalen Generalmobilmachung von 1938 bis zur bedingungslosen Kapitulation des Großkaiserreichs Japan von 1945 gemeint – erfolgte die Erforschung der Massenkultur zuerst als „Sozialpsychologie“ nach dem US-amerikanischen Vorbild bis in die 1980er-Jahre. Die gegenwärtige Kultursoziologie in Japan fußt auf Denktraditionen der ersten Generation der Frankfurter Schule in Westdeutschland, dem Kulturmarxismus und den Cultural Studies in Großbritannien sowie dem Poststrukturalismus in Frankreich. Seit der Rezeption der Diskurse zur Postmoderne und Globalisierung sowie angesichts einer immer stärker globalisierten Weltwirtschaft und des damit einhergehenden Kulturwandels haben sich Konsumgesellschaft, Mediengesellschaft und Globalisierung als Leitthemen in der kultursoziologischen Forschung etabliert.

Takemitsu Morikawa

Kultursoziologie in Lateinamerika

Da die Kultursoziologie in den Ländern Lateinamerikas aus verschiedenen kulturellen und akademischen Kontexten hervorging, musste hier eine Auswahl getroffen werden. Am Beispiel Brasiliens werden zwei gegensätzliche Strömungen herausgearbeitet. Die vom Modernismo inspirierte Kultursoziologie hebt die Rolle der Intellektuellen für die Entwicklung der multiethnisch geprägten nationalen Identität hervor. Die lateinamerikanischen cultural studies hingegen betrachten die kulturelle Hybridität Lateinamerikas im Kontext der Globalisierung und betonen die Auflösung der Grenzen zwischen Hoch-, Volks- und Massenkultur.

Rocha Maria Eduarda da Mota

Kultursoziologie in Nordamerika

Der Beitrag beschreibt die theoriegeschichtliche Entwicklung der Kultursoziologie in Nordamerika. Dabei wird neben einer Einordnung der gesellschaftlichen Entwicklungen und der darauf reagierenden theoretischen Debatten in der Kultursoziologie auch auf die Einflüsse des Cultural Turn und der Cultural Theory eingegangen. Der Beitrag nimmt dabei seinen Ausgang von einer Begriffsbestimmung und der sich daraus ableitenden Unterscheidung zwischen einer Sociology of Culture und einer Cultural Sociology.

Annika Arnold

Cultural Sociology in Poland

The following outline of the history and achievements of Polish cultural sociology is merely a sketch of the developmental path of sociology in Poland, rather than a comprehensive picture. It shows that culturally oriented sociological research has a long tradition in Poland, upheld despite unfavorable factors that disrupted its continuity during World War II and the post-war period of communist rule, which ended in 1989. The article discusses the presence of the cultural approach in Polish sociology as a whole and the reasons for treating sociology of culture as a distinct subdiscipline from the 1960s onwards, as well as the complementary character and mutual influence of these two approaches.

Elżbieta Hałas

Cultural Sociology in Scandinavia

In this chapter, we emphasize the diversity and complexity of cultural sociology in Scandinavia. We begin with brief ‘entries’ that narrate our own encounters with cultural sociology and illustrate the multiplicity of theories, methods, and areas of research. We then briefly sketch accounts of cultural sociology in Scandinavia (Sweden, Norway and Denmark), highlighting the main debates and issues. Institutional contexts and cultural politics influence the conditions for, and emergence of, cultural sociologists. Our accounts of the three countries are not comprehensive and do not do full justice to their particular national research traditions. Our aim is to highlight bits and pieces that appear to be characteristic of each country. Together, these aspects construct a mosaic of traditions and new trends that we find represented in all three countries. In the conclusion, we sum up and broaden the scope to place Scandinavian cultural sociology in an international context.

Tora Holmberg, Anna Lund, Åsa Wettergren

Kultursoziologie im südasiatischen Raum

Soziologie wurde in Südostasien erst nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert. Das Fach ist stark politisiert und steht im Schatten der Politikwissenschaften. Aktuelle Themen, die mit dem Ausbau des Nationalstaats verknüpft sind, bilden den Kern der Disziplin. Hierzu zählt auch der Bereich der Kultur. Aus dieser Perspektive können zahlreiche Wissenschaftler als Kultursoziologen bezeichnet werden, auch wenn eine derartige Selbsteinordnung nicht vorliegt.

Boike Rehbein

Kultursoziologie in interdisziplinärer Perspektive

Frontmatter

Cultural Studies als kulturwissenschaftliches Theorieprojekt

Die Cultural Studies haben sich als multi- und transdisziplinäres Theorieprojekt in den Kulturwissenschaften einen festen Platz errungen, der von unterschiedlichen Entwicklungslinien geprägt ist. Der Beitrag gibt einen Überblick über wesentliche Entwicklungsschritte und fragt nach den Herausforderungen, vor die kulturwissenschaftliche Forschung angesichts ihrer immer rascheren Ausdifferenzierung gestellt ist.

Udo Göttlich

Kultursoziologie und Global Studies

Der Artikel vergleicht die Herausbildung der Kultursoziologie an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert mit der Entstehung der Global Studies seit den 1990er-Jahren. Heutige Globalisierungsforschung vollzieht sich sowohl in zahlreichen Einzeldisziplinen, in denen unterschiedliche Aspekte globaler Verflechtungen und politischer Reaktionen darauf fokussiert werden, als auch in dem langsam zur Disziplin heranwachsenden Feld der Global Studies. Hieraus ergeben sich Gemeinsamkeiten in den Interessen, theoretischen Grundlegungen und Methoden zwischen Kultursoziologie und Global Studies, aber auch Unterschiede, deren Gewicht von gegenwärtig laufenden Entwicklungen in beiden Fächern abhängt.

Matthias Middell

Kultursoziologie und Kultur- und Sozialanthropologie

Trotz der anthropologischen Grundierung kultursoziologischer Theorien lassen disziplinen-übergreifende Kooperationen zwischen den Fächern zu wünschen übrig. Der Beitrag nimmt einen historischen und interdisziplinären Ländervergleich zwischen Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den USA vor und arbeitet die These heraus, dass diese Situation auf die traditionelle Abwehr der neukantianischen Kultursoziologie von naturwissenschaftlichen und empirischen Erkenntnisverfahren zurückzuführen ist. Die aktuellen Debatten um das Ende des Soziozentrismus und um die erkenntnistheoretische wie methodologische Neuformatierung globaler Natur/-Kultur-Beziehungen lassen hingegen auf neue forschungspraktische Allianzen hoffen.

Tanja Bogusz

Kultursoziologie und Kulturtransfer

Der Artikel behandelt die Entwicklung der sich seit den 1980er-Jahren vor allem in der Literatur- und Geschichtswissenschaft entwickelnden Kulturtransferforschung. Kulturtransferforschung und Kultursoziologie stehen vor ähnlichen Problemen und methodologischen Herausforderungen, welche in knapper Form skizziert werden. Ebenso wird der Frage nach der bisher geringen wechselseitigen expliziten Bezugnahme der beiden Forschungstraditionen aufeinander nachgegangen. Überlegungen, in welchen Bereichen eine Zusammenarbeit stattfinden könnte, runden den Beitrag ab.

Katharina Scherke

Kultursoziologie und Kunstwissenschaften

Kultursoziologie und Kunstwissenschaften pflegen ein enges Verhältnis. Ihre Vertreter nutzen Begriffe und Theorien gegenseitig als Sprungbrett für eigene Ansätze. Dabei möchten Kultursoziologen mehr über die Gesellschaft und Kunstwissenschaftler mehr über die Kunst erfahren. Die unterschiedlichen Blickwinkel auf denselben Forschungsgegenstand führen so auch immer wieder zu Missverständnissen. Dennoch ist ihr Austausch notwendig und ergiebig.

Dagmar Danko

Kultursoziologisch relevante Autor_innen

Frontmatter

Theodor W. Adorno und die Kultursoziologie

Kultur als eigenständige Sphäre des Geistigen, der das authentische Kunstwerk angehört, ist eine historische Errungenschaft der bürgerlichen Gesellschaft und transformiert sich mit dieser im Zuge der Industrialisierung und Kapitalisierung. Kultur wird in der universalen Tauschgesellschaft zur Ware und zugleich Gegenstand der Administration. Adornos Analyse der kulturindustriellen Massenproduktion deckt auf, dass der Kulturkonsum ausschließlich dem Amüsement dient: „Was man den Gebrauchswert in der Rezeption der Kulturgüter nennen könnte, wird durch den Tauschwert ersetzt, anstelle des Genusses tritt Dabeisein und Bescheidwissen, Prestigegewinn anstelle der Kennerschaft. Der Konsument wird zur Ideologie der Vergnügungsindustrie, deren Institutionen er nicht entrinnen kann.“ (Adorno 1997d, GS Bd. 3, S. 181).

Stefan Müller-Doohm

Jeffrey Alexander und die Kultursoziologie

Dieser Aufsatz bietet eine Einführung in die Kultursoziologie Jeffrey Alexanders. Im ersten Teil wird das frühe theoretische Werk Alexanders kurz beleuchtet. Es bildet die Grundlage seiner Kultursoziologie. Im zweiten Teil stehen der Kulturbegriff und die Autonomie des kulturellen Systems im Zentrum. Im dritten Teil richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Strukturen des kulturellen Systems.

Thomas Kern

Margaret S. Archer und die Kultursoziologie

In der Tradition des Kritischen Realismus vertritt Margaret S. Archer eine soziologische Kulturtheorie, die Kultur als eine gegenüber sozialen Strukturen und Beziehungen autonome Sphäre auffasst. Der Beitrag stellt die argumentativen Begründungen für diese Position dar und verortet diese im Kontext zeitgenössischer kultursoziologischer Forschung. Von besonderer Relevanz ist diesbezüglich die Kritik von Archer an solchen Theorien, die der Kultur die Funktion sozialer Integration zusprechen.

Rainer Schützeichel

Zygmunt Bauman und die Kultursoziologie

Der Text untersucht das Konzept der Kultur in den Schriften Zygmunt Baumans. Nach der Beschäftigung mit Baumans frühen Schriften, in denen sein praxeologisches Verständnis konflikthafter Ordnungsbildung erste Formen annimmt, skizziert er das von Bauman beschriebene Verhältnis von Kultur und Ordnung und hebt hervor, dass jegliche einer kulturellen Praxis folgende Ordnung ambivalent ist. In historischer Perspektive rekonstruiert der Text Bauman folgend zwei Phasen der Moderne, in denen sich das Verhältnis von Kultur, Ordnung und Ambivalenz unterschiedlich zeigt. Betont wird der kritische Blick auf Ordnungsbildung und die diesem Prozess eingeschriebenen Versuche, Ambivalenzen in eine Eindeutigkeit zu überführen. Deutlich wird Baumans Werk als eine unermüdliche Kritik von Macht und Herrschaft.

Markus Baum, Thomas Kron

Ulrich Beck und die Kultursoziologie

Das Werk von Ulrich Beck lässt sich mit Gewinn aus einem kultursoziologischen Blickwinkel lesen. Hierbei zählen folgende Bereiche zu den tragenden Elementen der von Beck vorgelegten Diagnose einer im Umbruch befindlichen Moderne: das Theoriekonzept reflexiver Modernisierung, die damit verknüpften Begriffe der Individualisierung und der Kosmopolitisierung, das Ringen um die Entwicklung eines ‚anderen‘ Beobachterstandpunktes und nicht zuletzt die Frage der „Metamorphose“ (Ulrich Beck 2017 [2016] „Die Metamorphose der Welt.“ Berlin: Suhrkamp), der Verwandlung der Welt und des menschlichen In-der-Welt-Seins im Zuge struktureller Transformationsprozesse.

Angelika Poferl

Walter Benjamin und die Kultursoziologie

Walter Benjamin beschäftigt sich mit der Veränderung des menschlichen Wahrnehmungsapparats durch den technisch-industriellen Wandel. Die filmische Montage, die physische Schockwirkung haben kann, bringt er mit den Erfahrungen von Passanten im Großstadtverkehr in Verbindung. Da die Reproduktionstechniken den Verfall der Aura von Kunstwerken bewirken, verliert zum einen die kontemplative Haltung ihre Bedeutung, zum anderen eröffnen sich neue Freiheiten im Umgang mit dem Überlieferten. Die Fotografie kann, sofern sie Bestandteil der Massenmedien wird, für die Realisierung progressiver Ziele nützlich sein. Die Mode ist ebenfalls ein Medium, dem in der gesellschaftlichen Kommunikation eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zukommt. Schließlich lehnt Benjamin als dialektischer Denker auch Reklame nicht kategorisch ab, denn er erkennt in ihr eine Artikulation von Wünschen und Bedürfnissen.

Lutz Hieber

Pierre Bourdieu und die Kultursoziologie

Der Beitrag gibt einen Überblick über die kultursoziologischen Grundannahmen der Soziologie Pierre Bourdieus. Im Mittelpunkt steht das Konzept der symbolischen Herrschaft.

Stephan Moebius

Judith Butler und die Kultursoziologie

Der Beitrag skizziert drei zentrale Themenfelder im Werk der Philosophin und Sozialtheoretikerin Judith Butler und beschreibt quer dazu die spezifischen Perspektiven der Autorin als Diskurstheoretikerin und hinsichtlich ihrer Normalisierungskritik: Erstens, Performativität von Geschlecht und Sexualität sowie deren queerness, zweitens Subjektivierungsprozesse, drittens schließlich Politik, Ethik und Anerkennung. Die jeweiligen Argumente und Perspektiven werden hinsichtlich ihrer Impulse für die Kultursoziologie dargestellt.

Paula-Irene Villa

Die Durkheim-Schule und die Kultursoziologie

Im Mittelpunkt der Kultursoziologie Émile Durkheims und seiner Schüler (Marcel Mauss, Robert Hertz, Maurice Halbwachs) stehen die den kulturellen und den sozialen Zusammenhalt gewährleistenden Dimensionen des Symbolischen, des Sakralen, des Ergriffen-Seins und des Rituell-Performativen. Die Fragen nach den Bedingungen sozialer Kohäsion, der Entstehung von Religion und der kulturellen Dimension der Körperlichkeit führen bei den durkheimiens zu innovativen kultursoziologischen Konzepten, die noch heute in der Kultursoziologie und den Kulturwissenschaften nichts an Aktualität eingebüßt haben. Man denke etwa an die Analysen zur Entstehung des Sakralen und der Religion, zu Vergemeinschaftungsprozessen, zum Zusammenhang zwischen symbolischer Ordnung und Ritualen, zur Soziologie des Erinnerns, der Gabe oder des Körpers.

Stephan Moebius

Norbert Elias und die Kultursoziologie

Norbert Elias’ kultursoziologisches Werk ist von der Überwindung der großen Kluft zwischen Naturwissenschaft und der philosophischen Behandlung von Geist und Bewusstsein bestimmt, die er als unüberbrückten Dualismus wahrnahm. Seine zentralen historisch-soziologischen, zivilisationstheoretischen Arbeiten wollten nicht mehr als „Kultur“-Soziologie, sondern als Soziologie schlechthin verstanden werden, in welcher der „kulturelle“ Aspekt untrennbar mit den politischen, ökonomischen und allen übrigen Aspekten gesellschaftlicher Prozesse zusammenfällt. Außerdem hat Elias eine ganze Reihe von Arbeiten verfasst, die sich theoretisch wie empirisch mit „kulturellen“ Erscheinungen im engeren Sinne befassen, von der Beschäftigung mit Malerei, Literatur bis zur Musik. Dieser Artikel beinhaltet demzufolge werkgeschichtliche Anmerkungen zur Soziologie von Elias als Kultursoziologie, insbesondere seiner Zivilisationstheorie, und behandelt Eliasʼ Wissenssoziologie im Hinblick auf das Verhältnis von Natur und Kultur sowie seine kultursoziologischen Arbeiten im engeren Sinn. Besondere Würdigung erfährt ferner die Beziehung der Elias’schen Soziologie zu ausgewählten kultursoziologischen Schulen. Das Fazit schließt weiterführende Arbeiten von Soziologen aus dem figurations- und prozesssoziologischen Umkreis ein.

Helmut Kuzmics

Michel Foucault und die Kultursoziologie

Das Werk von Michel Foucault liefert international den wichtigsten Impuls zur Erneuerung der Kultursoziologie seit den 1980er-Jahren. Im Zentrum seines ‚Werkzeugkastens‘ befinden sich die Begriffe des Diskurses, des Macht-/Wissens, des Dispositivs, der Subjektivierung und des Regierens.

Andreas Reckwitz

Harold Garfinkel und die Kultursoziologie

Harold Garfinkel war ein amerikanischer Soziologe, der als Begründer der Ethnomethodologie bekannt geworden ist. Die Ethnomethodologie bietet eine eigenständige Herangehensweise an die soziologische Frage nach der Möglichkeit ‚sozialer Ordnung‘ an, in deren Mittelpunkt die Handlungen der Teilnehmer in der sozialen Welt stehen. Garfinkel argumentiert, dass es die Aufgabe des Ethnomethodologen ist herauszuarbeiten, wie Akteure die Organisation der sozialen Welt analysieren und auf Basis dieser Analyse die soziale Welt praktisch hervorbringen. Der Ethnomethodologe betrachtet Kultur also nicht als den normativen Rahmen, der soziale Ordnung sicherstellt, sondern als Produkt und Ressource für Handlungen. Ethnomethodologen analysieren daher die reflexive Beziehung zwischen Kultur und Handlungen und sind daran interessiert, wie sich Teilnehmer durch ihre Handlungen zu und an Kultur orientieren und ihre Bedeutung und Relevanz für die Handlungen immer wieder neu herstellen.

Dirk vom Lehn

Arnold Gehlen und die Kultursoziologie

Der vorliegende Beitrag stellt die kultursoziologische Relevanz Arnold Gehlens in drei Schritten heraus. Zunächst wird nachvollzogen, inwiefern es sich bei „Kultur“ für Gehlen um eine anthropobiologische Basisbestimmung handelt. Daraufhin werden in Gehlens Werk handlungstheoretische und funktionsanalytische Zugänge zu einem spezifischeren Kulturverständnis freigelegt, das in der Emanzipation von vorgängigen Zweckbindungen die entscheidenden kulturellen Fortschrittsmotive erblickt. Die abschließenden Ausführungen gelten dann Gehlens einflussreicher (Krisen-)Diagnose der „kulturellen Kristallisation“, vor deren Hintergrund sich zugleich neuartige Möglichkeiten kultureller Aneignungschancen abzeichnen.

Patrick Wöhrle

Erving Goffman und die Kultursoziologie

Erving Goffman ist nicht nur ein Theoretiker der strategischen Selbstdarstellung. Gerade seine (auch selbstkritische) Dezentrierung des Akteurs ist kultursoziologisch fruchtbar. Sie hilft, genauer zu erfassen, wie kulturelle Muster soziale Wirkung erlangen oder verlieren, und auf welche Weisen – d. h. auch: durch welche Machteffekte – bestimmte Formen von Subjektivität sozial hervorgebracht werden. Um diese Möglichkeiten wirklich zu nutzen, ist es aber notwendig, Goffmans Argumente von ihrer engen Bindung an einen spezifischen Modellfall hierarchischer Ordnung wie auch von den Resten einer konventionellen Theorie normativer Integration zu lösen.

Andreas Pettenkofer

Antonio Gramsci’s Theory of the Civil Society

This article focuses on one relatively under-researched notion in Gramsci’s cultural theory, namely the notion of civil society. Civil society is a direct expression of hegemony, which Gramsci famously theorised as a pattern of established power relations among social groups in a given historical political situation. In Gramsci’s view, hegemony is not simply a matter of domination because it also requires “direction”, that is, headship or consensual leadership. With Gramsci, hegemony stretches beyond the pure “economic-corporative” level, being supplemented by a veritable “ethical-political” layer. In this context, the civil society features simultaneously an object of conquest, a battlefield among different social and political groups, and the outcome of a given configuration of forces in a specific historic context. Civil society is also intimately linked to the production, circulation and consumption of discourses and myths; its constitution, in other words, is ideological. Gramsci took ideology seriously arguing that, to become operative, critical ideas must make their way into in people’s everyday existence. As a consequence, common sense – the domain of ideas and discourses as they exist in the everyday – emerges as the real battlefield for any political project.

Andrea Mubi Brighenti

Jürgen Habermas und die Kultursoziologie

Öffentlichkeit und Sprache bezeichnen die beiden zentralen Elemente in der Sozialtheorie von Jürgen Habermas, die für die Konzeptualisierung der Kultursoziologie von Bedeutung sind. Öffentlichkeit ist eine Sphäre, die in der Lebenswelt situiert ist und von kommunizierenden Handlungsakteuren gebildet wird. Die Bedingung der Möglichkeit von öffentlicher Kommunikation ist die Sprache: sie ist das, „was uns aus Natur heraushebt“ (Habermas 1968, S. 163). Sprache hat eine transzendentale Stellung; ihr wohnt das Telos der Verständigung inne. Sie hat nicht nur Darstellungsfunktionen als Mittel der Welterschließung, vielmehr zeichnet sie sich dadurch aus, dass sie Kommunikationspraxis, ein Medium intersubjektiver Verständigung ist. Als solches hat sie die dreifache Funktion, Sachverhalte darzustellen, interpersonale Beziehungen herzustellen und subjektive Erlebnisse auszudrücken.

Stefan Müller-Doohm

René König und die Kultursoziologie

Der Beitrag behandelt kultursoziologische Dimensionen des Wegbereiters der bundesrepublikanischen Soziologie, René König. Königs Kultursoziologie nimmt ihren Ausgang von frühen literatursoziologischen Studien und reicht von Forschungen über Subkulturen, Popularkultur und Mode bis hin zur Ethnografie und Kulturanthropologie.

Stephan Moebius

Siegfried Kracauer und die Kultursoziologie

Während Siegfried Kracauer meist als Kritiker und Theoretiker des Kinos und des Films Erwähnung findet, wollen wir sein Werk im Hinblick auf dessen Relevanz für die Kultursoziologie darstellen. Wir konzentrieren uns dabei auf seine journalistischen Arbeiten und auf die Art des Beobachtens, auf die Bedeutung, die dem Raum und „dem Konkreten“ beigemessen wird, auf das soziologische Schreiben, die Diagnose der Moderne, die Haltung des Intellektuellen, auf das undogmatische Denken Kracauers sowie auf die Position eines Autors gegenüber der Politik und der Theorie. Schließlich betonen wir das Potenzial seiner Schriften für eine Soziologie, die anspruchsvoll und empirisch, dabei aber zugleich originell und kurzweilig sein will.

Barbara Thériault, Thomas Schmidt-Lux

Bruno Latour und die Kultursoziologie

Der Text taxiert Bruno Latours neuere Beiträge zur Kultursoziologie. Ausgehend von einem bedeutungsorientierten Kulturbegriff erfolgt zunächst eine Rekonstruktion seiner Kritik an den Widersprüchen der Moderne und ihrer emanzipatorischen Fortschrittserzählung. Anschließend werden die zentralen Konzepte der „Spirale“ und der „Existenzweise“ vorgestellt, um auf dieser Basis Latours jüngste Umarbeitung des Kultur- und Sinnbegriffs zu erläutern. Vor dem Hintergrund eines „operativen Sinnbegriffs“ erfolgt ein kurzer Ausblick, in dem Latours Beschreibung der westlichen Lebenswelt als „Multiversum“ genauer beleuchtet wird.

Henning Laux

Thomas Luckmann und die Kultursoziologie

Das Werk Thomas Luckmanns verknüpft das Programm einer handlungstheoretisch fundierten, an die Verstehende Soziologie Webers und die Mundanphänomenologie von Schütz anknüpfenden interpretativen soziologischen Theorie konzeptuell mit den strukturtheoretischen Grundlegungen der Disziplin in durkheimianischer Prägung. Dabei enthalten die Arbeiten Luckmanns sowohl wesentliche Impulse für die soziologische Theorie als auch für die empirische soziologische Forschung. Es können drei systematisch getrennte Ebenen im Werk von Luckmann voneinander unterschieden werden. Sie reichen (1) von Arbeiten zur protosoziologischen Grundlegung der Sozialwissenschaften über (2) spezifische Theoriebeiträge zu sozialtheoretischen und gesellschaftstheoretischen Fragen einer Allgemeinen Soziologie (Handeln, Kommunikation, Wissen) bis hin zu (3) Analysen der besonderen Ausprägung von Sinnphänomenen in der Gegenwart (Religion, Identität, Moral), die zeitdiagnostisch lesbare Beiträge zu zentralen Aspekten der modernen Gesellschaft liefern.

Bernt Schnettler

Niklas Luhmann und die Kultursoziologie

Der Beitrag verfolgt die Arbeit Niklas Luhmanns am Kulturbegriff von seiner Auseinandersetzung mit Talcott Parsons’ Begriff einer normativen Kultur über die Bestimmung des modernen Kulturbegriffs bis zur gesellschaftstheoretischen Formulierung der Kultur als Gedächtnis der Gesellschaft. Luhmanns Kultursoziologie blieb Fragment, doch lassen sich aus ihr Anregungen für eine medientheoretische Ableitung von Kulturformen der Gesellschaft sowie für eine Gesellschaftstheorie der Werte gewinnen. Luhmann blieb Zeit seines Lebens gegenüber dem Kulturbegriff skeptisch, da jeder Versuch, ein soziales Phänomen „als Kultur zu registrieren“, Gefahr läuft, den Latenzschutz dieses Phänomens zu missachten.

Dirk Baecker

Georg Lukàcs und die Kultursoziologie

Der Artikel gibt einen Überblick über die Entwicklung der Kultur- und Ideologiekritik von Georg Lukács, der versuchte, Theorie und Methode von Marx und Engels systematisch auf die Analyse kultureller Phänomene anzuwenden. Im Mittelpunkt stehen dabei Werke wie „Geschichte und Klassenbewußtsein“, die umfangreichen literatursoziologischen Arbeiten namentlich über den literarischen Realismus des 19. Jahrhunderts, „Die Zerstörung der Vernunft“ und eine großangelegte „Ästhetik“. Lukács hat gesellschaftskritische und zeitdiagnostische Diskurse bis in die Gegenwart hinein beeinflusst.

Lothar Peter

Karl Mannheim und die Kultursoziologie

Karl Mannheims Beiträge zur Grundlegung einer kultursoziologischen Forschungsperspektive fußen auf seinen methodologischen und materialen Beiträgen zur Wissenssoziologie. Der für sein Soziologieverständnis kennzeichnende methodologische Relationismus ist ebenso für Mannheims kultursoziologische Analytik grundlegend und führt ihn zu einer Verzahnung von konstitutiver, komparativer und kontextueller Perspektive. Zentrale Untersuchungsgegenstände sind für Mannheim unter kultursoziologischen Gesichtspunkten Weltanschauungstypen und Denkstile, politische Bewusstseinsformen und die Konturen moderner Lebensführung.

Martin Endreß

George Herbert Mead und die Kultursoziologie

Der Aufsatz arbeitet die kultursoziologische Relevanz von George Herbert Meads pragmatistischer Sozialtheorie heraus. Diese zeigt sich auf drei Ebenen: Erstens entwickelt Mead zentrale Argumente zu einer ‚Kultur-Anthropologie‘, d. h. zu einer Erklärung von Kulturalität anhand von menschlichen Alleinstellungsmerkmalen. Zweitens präsentiert er grundlegende Einsichten in die Vermittlung kultureller Bestände im Zuge der Sozialisation. Drittens skizziert Mead wichtige geschichtstheoretische Argumente zur kulturellen Voraussetzungshaftigkeit wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Reflexivität. Meads Überlegungen, so wird abschließend gezeigt, sind nach wie vor auf vielfältige Weise relevant und empirisch anschlussfähig.

Frithjof Nungesser

Robert Merton und die Kultursoziologie

Robert K. Merton (1910–2003) war nach eigenem Bekunden kein Kultursoziologe, aber er veröffentlichte Studien, die man mit gutem Grund auch zur Kultursoziologie rechnen kann, und sein umfangreiches Werk enthält eine Vielzahl von Begriffen und Theorieskizzen, die von Kultursoziologen aufgegriffen werden können. Zu Ersteren gehören die Monografien Mass Persuasion: The Social Psychology of a War Bond Drive (1946), On the Shoulders of Giants: A Shandean Postscript (1965) und The Travels and Adventures of Serendipity: A Study in Sociological Semantics and the Sociology of Science (2004); zu Letzteren u. a. die Begriffe Matthäus-Effekt, Thomas-Theorem, selbsterfüllende Prognose, Ethos der Wissenschaften oder socially expected durations.

Christian Fleck

Robert Park und die Kultursoziologie

Robert Ezra Park, der spiritus rector der Stadtsoziologie, hat als Kultursoziologe der Moderne einen Blick für hybride Kulturen entwickelt, die er als Folge räumlicher und sozialer Mobilität begriff. Paradigmatisch steht für diesen Prozess die Figur des marginal man, der, verstanden als cultural hybrid, am Rande zweier Kulturen steht, gerade deshalb aber über einen weiteren Horizont und einen unvoreingenommenen Standpunkt verfügt. Mit seiner kultursoziologischen Perspektive auf Gesellschaft hat Park nicht nur einen bedeutsamen Beitrag zur Wissenssoziologie geleistet, sondern auch aktuelle Themen wie Globalisierung, Kosmopolitismus und Multikulturalismus vorweggenommen.

Rolf Lindner

Talcott Parsons und die Kultursoziologie

Talcott Parsons’ begrifflich hoch-differenzierter Theorierahmen ist motiviert vom Versuch der Erarbeitung einer nicht-reduktionistischen Handlungstheorie. Es geht ihm um die Darlegung und Berücksichtigung der Eigenlogik der „Subsysteme des Handelns“, deren Beziehungen untereinander und der Klärung der Bedeutung von Umwelten des Handlungssystems, wie etwa der biologischen Voraussetzungen menschlichen Handelns.Für die Kultursoziologie hatte dies die Erarbeitung eines klaren nicht-reduktionistischen Kulturbegriffes und darauf aufbauend eine Klärung des Verhältnisses von Kultur zu sozialen, ökonomischen oder individuell-persönlichen Fragen zur Konsequenz. In einer seiner bedeutendsten angewandten Kulturstudien über das amerikanische Universitätswesen ist dies umfassend für den kognitiv-rationalen Teil der Kultur dargestellt. Einige von Parsons’ Schülern, wie Robert Bellah oder Clifford Geertz, wurden zu Hauptvertretern der Kultursoziologie bzw. der Cultural Sociology.

Helmut Staubmann

Helmuth Plessner und die Kultursoziologie

Helmuth Plessners Ansatz innerhalb der Philosophischen Anthropologie – entfaltet in Die Stufen des Organischen und der Mensch – führt direkt in eine kultursoziologische Perspektive, insofern Plessner den Menschen hier als das von Natur aus künstliche Lebewesen versteht: als dasjenige, das zugleich Subjekt und Objekt der Kultur, wie auch Subjekt und Objekt der Natur ist. Diese Perspektive prägt auch Plessners historisch-soziologische Analyse der eigenen Gegenwartsgesellschaft – die berühmte Deutschlandstudie Die verspätete Nation. Parallel entfaltet Plessner in Macht und menschliche Natur eine Gesellschaftstheorie als Theorie der politischen Konstitution kollektiver Identitäten. Ihr sozialtheoretisches Pendant liegt in Grenzen der Gemeinschaft vor. Grundlegend führt der Ansatz Plessners, welcher das körperliche Leben im Menschen ernst nimmt, schließlich in eine Analyse der differenten Medien oder kulturellen Formen, in denen das menschliche Leben seinen Welt-, Sozial- und Selbstbezug erzeugt – von Sprache, Musik, Architektur usw. in ihrer Art, den Körper zu affizieren (Einheit der Sinne).

Heike Delitz

Helmut Schelsky und die Kultursoziologie

Der vorliegende Beitrag arbeitet nach einer institutionentheoretisch-kulturanthropologischen Einführung (1) die genaueren Konturen der Kultursoziologie Schelskys heraus. Deren Besonderheit liegt darin, dass sie (heutige) Kulturerscheinungen als „unwahrscheinliche“ Stabilisierungen begreift, die formschöpferisch zwischen heterogenen und teils gar widersprüchlichen Anforderungen vermitteln müssen (2). Abschließend wird anhand von zwei religions- bzw. bildungssoziologischen Studien dargestellt, welche spezifischen „stabilisierten Spannungen“ Schelsky für kirchliche (3) und universitäre Kontexte (4) ausmacht.

Patrick Wöhrle

Alfred Schütz und die Kultursoziologie

Alfred Schütz wird nicht durchgängig und regelmäßig zu den Klassikern der Kultursoziologie gezählt. Gleichwohl stellen seine grundlagentheoretischen Beiträge wie auch seine Einzelstudien zu den Kunstformen Musik und Literatur in methodologischer wie methodischer Hinsicht die Grundzüge einer phänomenologisch fundierten Kultursoziologie bereit. Mit seiner Betonung des Charakters von Kunstwerken als sozialen Produkten entfaltet Schütz zudem eine Alternative zu den in den 1920er-Jahren prominenten kultursoziologischen Grundlegungen von Alfred Weber und Karl Mannheim, indem er im Gegenzug zum geläufigen Augenmerk auf die sozio-historische Bedingtheit von Kunst-Stilen auf die Identifizierung der allgemeinen „Sinngesetze der Kunst“ zielt.

Martin Endreß

Georg Simmel und die Kultursoziologie

Georg Simmel (1858–1918) gilt heute als einer der „Klassiker“ der Soziologie, dessen fachgeschichtliche Bedeutung darin begründet liegt, dass er einerseits das Programm einer „formalen“ oder „reinen“ Soziologie formulierte, in der die sozialen Wechselwirkungen als „Formen der Vergesellschaftung“ untersucht werden, und andererseits mit großer Sensibilität und Subtilität die Spezifika moderner, vor allem großstädtisch geprägter Gesellschaften zu erfassen in der Lage war und damit zum ersten soziologischen „Theoretiker der Moderne“ avancierte. Aus systematischer Perspektive ist daher abzuklären, in welchem Verhältnis Simmels formale Soziologie zu seinen in neuerer Zeit als Theorie der Moderne etikettierten Kulturanalysen steht. Nach einer Kurzcharakterisierung der formalen Soziologie und einem Blick auf Simmels Verständnis von Kultur soll daher die spezifische kulturanalytische Denkweise Simmels (die er selbst nicht als soziologisch ansah) in den Grundzügen rekonstruiert werden. Wirkungsgeschichtlich betrachtet ist in jüngerer Zeit gerade dieser Teil des Simmel’schen Werkes in der Soziologie verstärkt rezipiert worden, weil er zahlreiche Elemente enthält, die für eine Theorie der Moderne (oder auch der Postmoderne) anschlussfähig erschienen. So konnte sich auch eine Kultursoziologie auf Simmel beziehen, die weder sein Konzept der formalen Soziologie aufgriff, noch die Prämissen seiner Kulturphilosophie teilte.

Gerald Mozetič

Werner Sombart und die Kultursoziologie

Werner Sombarts Werk ist eine Brücke von der Geistes- und Sozialwissenschaft des 19. zu jener des 20. Jahrhunderts: Es spiegelt die methodischen und zeitdiagnostischen Diskussionen der Jahrhundertwende, etwa die Überlegungen von Schmoller, Wagner, Weber, Scheler, Simmel, aber auch Marx und Schumpeter. Sombart darf als Pionier einer „verstehenden Sozialwissenschaft“ (und Ökonomie) betrachtet werden, also einer Wirtschaftslehre als Kulturwissenschaft. Seine Wirtschaftsgeschichte will einen theoretischen Rahmen, der insbesondere mit seinem Modell einer „Gestaltidee“ der Epochen („Wirtschaftsstil“) entwickelt wird, mit einer Unmenge von historischem Material füllen; eine zunehmend unmögliche Aufgabe, die Max Weber mit seiner Konzeption des „Idealtypus“ zu lösen versuchte. Sombart bewegt sich in seinen Schriften von einer historisch-psychologischen Orientierung zu einer „geistwissenschaftlichen“, d. h. kulturwissenschaftlichen Betrachtung. Darüber hinaus aber hat er auch einige Aufsätze zur Soziologie, insbesondere zu ihren methodischen Fragen, etwa der Verstehenslehre, anzubieten, und er hat schließlich ein großes philosophisch-soziologisches Werk über den Menschen publiziert, in dem seine Vorliebe zur Verarbeitung jedes nur erdenklichen Materials zum Ausdruck kommt, zugleich aber die klare Linienführung zu wünschen übrig lässt.

Manfred Prisching

Kultursoziologie als allgemeine Soziologie

Friedrich H. Tenbruck

Tenbrucks Kultursoziologie nimmt Theoriediskussionen vorweg, die heute das Durkheim’sche Konzept einer durch Strukturen geprägten Nationalgesellschaft verabschieden. Sie ist handlungstheoretisch begründet, verengt die Sinnmuster jedoch nicht einseitig rational, sondern bettet sie in einen historischen Kontext ein. Im Fokus steht dabei die Frage nach den Wechselbeziehungen zwischen sozialer Struktur und Kultur, wobei die moderne Wissenschaft eine spezifische historische Variante der Deutung sozialer Wirklichkeit ist, die in ihrer Rückwirkung auf menschliches Handeln und Institutionenbildung selbst reflektiert werden sollte. Insofern steht im Zentrum der Tenbruck’schen Kultursoziologie die Überlegung, welche Kulturbedeutung soziologische Reflexion in der Gegenwartsgesellschaft hat.

Clemens Albrecht

Thorstein Veblen and Cultural Sociology

The Norwegian-American thinker, Thorstein Veblen, has been hailed as America’s foremost social critic by C. Wright Mills, but is neglected in contemporary academia. More than a critic or economist, Veblen should be regarded as a cultural sociologist whose theories are applicable historically and internationally. Elaborating on Darwin, Veblen depicts all societies as existing in a tension between what he calls barbaric versus peaceable traits. These traits co-exist in an open-ended social evolution. In contrast to pre-Darwinian or optimistic theories of progress such as Hegel’s or Marx’s, for Veblen, so-called civilized, modern societies carry barbarism into the future in new forms of fraud, force, and waste. Veblen’s profoundly pessimistic and radical understanding of social evolution informs all of his writings, which cover a plethora of cultural topics from business and consumption to the role of women, from war and peace to education.

Stjepan G. Mestrovic

Alfred Weber und die Kultursoziologie

Vor dem Hintergrund der Geschichtstheorien des 19. Jahrhunderts stellt Alfred Weber ab 1911 die Frage, wie es zu kultureller, insbesondere künstlerischer Produktivität kommt. Im Gegensatz zu dem kumulativen Fortschritt in Wissenschaft und Technik und zu der Machtakkumulation in Herrschaftsverbänden sieht er in der kulturellen Kreativität eine nichtrationale spontane Bewegung, mit der Menschen sich neue Daseinsbedingungen anverwandeln. Darzustellen sind die geistesgeschichtlichen Hintergründe, aber auch die Aporien des Konzepts. Bleibend ist Webers Entdeckung der Spontaneität, mit der Menschen in Lebenslagen, die sie als entfremdend wahrnehmen, ihre eigene symbolische Welt aufbauen.

Roland Eckert

Max Weber und die Kultursoziologie

Max Webers Forschungsergebnisse bilden bis heute einen wesentlichen Kernbestand kultursoziologischer Forschung, vor allem bei der Beschäftigung mit Religionen als „Systeme der Lebensreglementierung“ (Weber 1989 [1915/1920], S. 83). Die folgende Darstellung verdeutlicht, dass das Werk Max Webers allerdings sehr viel breiter angelegt ist und im Wesentlichen dominiert war von der Frage nach Entstehung und Auswirkungen des modernen, rationalen bürgerlichen (Betriebs-)Kapitalismus und der damit einhergehenden universalen gesellschaftlichen „Rationalisierung“. Kritisch wird die Leistung Max Webers eingeordnet als zeitgebundenes Dokument einer ethnozentrischen Sichtweise der Überlegenheit des Okzidents, die durch die künftig notwendige Betonung einer Weltgeschichte („Global History“) und von Weltkultur(en) überwunden werden sollte.

Dirk Kaesler

Backmatter

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