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Über dieses Buch

Die Vielfalt kultursoziologischer Ansätze, Diskurse, Arbeitsfelder und Methoden wird in diesem Handbuch kompakt dargestellt. Geboten wird damit die Möglichkeit zur Orientierung innerhalb des heterogenen Feldes der Kultursoziologie. Unterschiedliche Positionen und das mit ihnen jeweils verbundene Verständnis von ‚Kultur‘ werden sichtbar gemacht und die Leser_innen zur weiterführenden Auseinandersetzung mit diesem Forschungsfeld eingeladen.

Band 2 gibt Einblick in theoretische und methodische Ansätze der Kultursoziologie und präsentiert den derzeitigen Stand kultursoziologischer Forschung zu ausgewählten Gegenstandsbereichen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Theoretische Zugänge in der Kultursoziologie

Frontmatter

Ethnomethodologie als Kultursoziologie

Der Text stellt die Kulturtheorie der Ethnomethodologie dar, wie sie von Harold Garfinkel und später Harvey Sacks entwickelt wurde. Dazu geht der Text zunächst auf die theoretischen Ansätze der zwei wichtigsten Referenzautoren Garfinkels ein: Talcott Parsons und Alfred Schütz. Im Anschluss daran diskutiert er zuerst das für die Ethnomethodologie zentrale Konzept des Ethnos, um dann die wichtigsten Dimensionen des ethnomethodologischen Kulturbegriffs vorzustellen. Sie bestehen in den sechs Aspekten (1) der Wiedererkennbarkeit, (2) der Kognitivität, Normativität und Kooperativität, (3) der Vertrautheit und des Vertrauens, (4) der Indexikalität und Vagheit, (5) der Praxis und (6) der Fraktalität und Fragmentiertheit.

Christian Meyer

Der Neo-Institutionalismus als Kultursoziologie

Die enorme Verbreitung sowohl der Organisationsform als auch bestimmter Organisationsstrukturen und -praktiken in modernen Gesellschaften wurde in der Organisationssoziologie lange Zeit vor allem mit ihrer Effizienz erklärt. Die kulturelle Bedingtheit von Organisationen wurde cum grano salis hierüber weitgehend vernachlässigt. In diesem Kontext ist ein wesentlicher Beitrag des soziologischen Neo-Institutionalismus (NI), dass er effizienzbasierten Erklärungen in der Organisationssoziologie eine dezidiert kultursoziologische Erklärungsstrategie entgegenstellt. Statt mit ihrer Effizienz erklärt der NI die Verbreitung der Organisationsform sowie einzelner Organisationselemente mit ihrer Legitimität als rationale Formen des Organisierens in modernen Gesellschaften. Ziel dieses Beitrages ist es, die kultursoziologische Erklärungsstrategie des NIs darzustellen und ihre Entwicklung in den Kontext des cultural turns der US-amerikanischen Soziologie einzuordnen. Zu diesem Zweck zeigen wir erstens, wie Peter Bergers und Thomas Luckmanns Wissenssoziologie vom NI aufgegriffen wurde. Zweitens rekonstruieren wir das spezifische Kulturverständnis der wesentlichen Varianten des NIs, des organisationssoziologischen NIs und der World-Polity-Forschung. Abschließend stellen wir zwei neuere Entwicklungen im NI vor. Erstens zeigen wir, wie der ursprünglich rein wissenssoziologische Kulturbegriff des NI auf Emotionen ausgeweitet wurde. Zweitens argumentieren wir, dass der Kulturbegriff des NI seit den 1990er-Jahren mit der Debatte um institutional logics durch ein Verständnis von Kultur als heterogene soziale Strukturen erweitert wurde.

Konstanze Senge, Simon Dombrowski

Postkonstruktivismus in der Kultursoziologie

In unterschiedlichen Forschungsgebieten und Theoriedebatten der Sozial- und Kulturwissenschaften ist seit einigen Jahren ein Unbehagen am Konstruktivismus zu beobachten, das häufig mit einer Kritik an der Dominanz des Linguistic sowie des Cultural Turns einhergeht. Als Oberbegriff dieser Tendenz bietet sich die Bezeichnung Postkonstruktivismus an, die in der bisherigen Debatte jedoch noch nicht genauer bestimmt wurde. Der Text versucht zu klären, worin die Merkmale einer postkonstruktivistischen Sozial- und Kulturtheorie bestehen und wodurch sich diese Kritik am Konstruktivismus genau auszeichnet. Den Ausgangspunkt bilden dabei sozialwissenschaftliche und philosophische Kritiken an der Hegemonie des Konstruktivismus, wie man sie in paradigmatischer Form etwa bei Ian Hacking und Maurizio Ferraris findet. Im Anschluss an die Rekonstruktion des allgemeinen Unbehagens am Konstruktivismus widmet sich der Text sechs jüngeren Forschungs- und Themenfeldern der Sozial- und Kulturwissenschaften, an denen sich die Tendenz zur Kritik und Reformulierung des konstruktivistischen Forschungs- und Theorieprogramms beobachten lässt. Aus den Überschneidungen dieser Themengebiete lassen sich die Besonderheiten einer postkonstruktivistischen Kritik am Konstruktivismus extrapolieren, die hier stellvertretend an Bruno Latour und Karen Barad skizziert werden. Dadurch wird nicht nur sichtbar, was den Postkonstruktivismus von der zumindest thematisch verwandten Forderung nach einem Neuen Realismus unterscheidet. Darüber hinaus kann abschließend auch danach gefragt werden, welche Herausforderungen sich aus dieser Entwicklung für die Kultursoziologie ergeben.

Lars Gertenbach

Poststrukturalistische Kultursoziologien

Seit Ende der 1960er-Jahre ist eine enorme Bandbreite poststrukturalistischer Ansätze entstanden, von denen an dieser Stelle die für die gegenwärtige Kultursoziologie relevantesten vorgestellt werden: Michel Foucaults Analytik der Wissen-Macht-Subjekt-Komplexe, Jacques Derridas dekonstruktive Kulturtheorie, Judith Butlers Kulturtheorie der Performativität, Ernesto Laclaus und Chantal Mouffes Kulturtheorie der Hegemonie sowie neuere, poststrukturalistisch inspirierte Kulturforschungen der studies. In der deutschsprachigen Kultursoziologie werden diese Ansätze gegenwärtig mit praxistheoretischen und pragmatistischen Ansätzen zu einer neuen kultursoziologischen Analytik verknüpft.

Stephan Moebius

Praxistheorie als Kultursoziologie

Die Praxistheorie bietet einen kultursoziologischen Ansatz, das sinnhafte menschliche Tun in seiner Alltäglichkeit und Vielfältigkeit zu analysieren und dabei Fehlschlüsse anderer sozialtheoretischer Perspektiven zu vermeiden, indem insbesondere die Relationalität, Zeitlichkeit, Räumlichkeit, Körperlichkeit und Materialität des Sozialen anerkannt werden. Der Beitrag zeichnet die Entwicklung der Praxistheorie und ihre Konstitution als Theoriebewegung nach, fasst einzelne praxeologische Positionen zusammen und arbeitet die Charakteristika der Praxistheorie systematisch heraus. Abschließend wird auf aktuelle Debatten und Forschungsfelder verwiesen. Ein Schwerpunkt liegt dabei jeweils auf den Bezügen zur Kultursoziologie.

Hilmar Schäfer

Rational Choice-Theorie in der Kultursoziologie

Der vorliegende Beitrag zielt darauf ab zu zeigen, dass die Theorie des rationalen Handelns (RCT) – entgegen weit verbreiteter Einschätzungen – in einem engen Verhältnis mit kultursoziologischen Fragestellungen steht. Grundlage dieses Unterfangens ist eine Definition von Kultur als Verteilung von deskriptiven und evaluativen Überzeugungen in der Bevölkerung, deren individuelle mentale Repräsentationen es ermöglichen, Objekte in der Welt mit Sinn bzw. Bedeutung zu versehen. Da die RCT darauf ausgerichtet ist, soziales Handeln im Allgemeinen unter Rückgriff auf individuelle Ziele (Präferenzen), Handlungseinschränkungen (Restriktionen) und Erwartungen über Handlungsfolgen zu erklären, müssen diese Elemente bei der Anwendung auf einen konkreten Erklärungsgegenstand durch die evaluativen (Präferenzen) bzw. deskriptiven (Restriktionen, Erwartungen) Überzeugungen von sozio-kulturell eingebetteten Akteuren spezifiziert werden. Insofern spielen kulturelle Phänomene innerhalb der RCT eine zentrale Rolle als Antezedenzbedingung des Handelns. Dies ist besonders der Fall, wenn man die Situationsgebundenheit menschlichen Handelns im Modell der Frame-Selektion – als realistische Modifikation der RCT – explizit modelliert und zusätzlich deskriptive Überzeugungen von Situationsdefinitionen (Frames) und evaluative Überzeugungen von Handlungsvorschriften (Skripte) miteinbezieht. Darüber hinaus können kulturelle Phänomene auch als Explananda von Handlungen im Sinne der RCT verstanden werden, wenn man das Erlernen und Anpassen von deskriptiven und evaluativen Überzeugungen als Entscheidung konzeptualisiert.

Jörg Rössel, Sebastian Weingartner

Kultursoziologie zwischen Spätmoderne und Postmoderne

Den Schwerpunkt bilden die kultursoziologischen Theorien innerhalb der postmodernen Problematik, die als dynamisches Ensemble von Problemen konstruiert wird. Diese Theorien können noch am ehesten im Zusammenhang mit den spätmodernen Soziologien verstanden werden, die kritisch und selbstkritisch die modernen philosophischen und soziologischen Entwicklungen reflektieren. Anders als die modernen und spätmodernen Kultursoziologien, die einen vorwiegend universalistischen Charakter haben, betonen die postmodernen Ansätze das Partikulare im Kontext eines neuartigen Pluralismus.

Peter V. Zima

Wissenssoziologische Ansätze in der Kultursoziologie

Wissens- und Kultursoziologie sind kaum zu trennen. Dies gilt auch für die soziologischen Konzepte des „Wissens“ und der „Kultur“, wird doch einerseits „Wissen“ immer als elementare Komponente von Kultur(en) begriffen und andererseits aber auch als kulturell geformt und differenziert bestimmt. In diesem Beitrag werden deshalb wichtige Positionen einer kultursoziologischen Analyse des Wissens und einer wissenssoziologischen Analyse von Kultur systematisch entfaltet.

Rainer Schützeichel

Methoden der kultursoziologischen Forschung

Frontmatter

Biographical Research in Cultural Sociology

This chapter examines and reflects on the value, history and role of biographical research methods for Cultural Sociology, defines what the concept ‘Culture’ means for Cultural Sociology. In sharing two examples that illustrate the practical application of biographical research as a method for Cultural Sociology I suggest that these examples reveal the importance of connecting individual lived experience with societal relationships and structures in order to facilitate the sociological imagination as well as highlighting the way that cultural analysis ‘involves the making, contestation and remaking of meaning’ but also culture as collective, lived experience.

Maggie O’Neill

Diskursforschung in der Kultursoziologie

Begreift man „Kultur“ als Bedeutungsgewebe und je spezifische, relativ stabile und veränderliche Verflechtung von Deutungs- und Handlungspraxis in sozialen Kollektiven, und betreibt man Diskursforschung als Erkundung gesellschaftlicher Konflikte, Stabilisierungen und Transformationen symbolischer Ordnungen, dann ist unmittelbar einsichtig, dass Diskursforschung als eine Form der Kulturanalyse verstanden werden kann. Allerdings muss von unterschiedlichen Ansätzen und Gebrauchsweisen des Diskursbegriffs ausgegangen werden, die mit unterschiedlichen Erkenntnisinteressen und methodischen Umsetzungen einhergehen. Der Beitrag stellt dazu die für die Kultursoziologie wichtigsten Positionen vor, erläutert die jeweiligen Diskursverständnisse sowie Analyseinteressen und diskutiert methodische Vorgehensweisen.

Reiner Keller

Ethnographische Ansätze in der Kultursoziologie

Nach einer kurzen Einführung in die disziplinären, insbesondere soziologischen und ethnologischen, Hintergründe ethnografischer Ansätze, einem Überblick über die gegenwärtige Fachliteratur zur Ethnografie in der deutschsprachigen Soziologie sowie einer Darstellung des kultursoziologischen Verständnisses der Ethnografie, bietet der Beitrag eine Zusammenschau der wesentlichen methodischen Merkmale der Ethnografie, die dem soziologischen und ethnologischen Zugang gemeinsam sind.Anschließend werden die disziplinären Spezifika in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt: Das Erkenntnisinteresse der ethnologischen Ethnografie geht auf die Ursprünge der modernen Feldforschung zurück und besteht im Wesentlichen in der methodischen Anstrengung, Fremdes zu verstehen. Für die Soziologie wurde mit der Chicago School die Feststellung von Fremdheit in der eigenen Gesellschaft zum markanten Bezugspunkt ethnografischer Ansätze. Im Anschluss an die Soziologie des Alltags von Alfred Schütz ist es insbesondere die Ethnomethodologie, die eine Reihe an Techniken der Verfremdung und Distanzierung entwickelte, die für eine ethnografische Erschließung sozialer Mikrokosmen genutzt werden kann.

Gerlinde Malli

Grounded Theory in der Kultursoziologie

Die Grounded-Theory-Methodologie (GTM) gehört zu den prominenten qualitativen Forschungsstilen innerhalb wie außerhalb der Soziologie. Jedoch weist sie innerhalb der Kultursoziologie keine vergleichbare Verbreitung wie in anderen Teilbereichen der Soziologie auf. Der vorliegende Beitrag umreißt die Entstehungsgeschichte der GTM, führt in ihre Essentials ein und zeigt an exemplarischen Studien mögliche Anwendungen der GTM im Rahmen kultursoziologischer Forschung auf. Abschließend werden Potenziale zur wechselseitigen Weiterentwicklung von GTM und Kultursoziologie diskutiert.

Günter Mey, Oliver Berli

Quantitative Kultursoziologie

In der aktuellen Kultursoziologie spielen quantitative Zugänge nur eine marginale Rolle. Eine Ausnahme bildet die Lebensstilforschung in der Traditionslinie von Pierre Bourdieu und Gerhard Schulze. Für die kultursoziologische Analyse des Zusammenhangs zwischen sozialstrukturellen und kulturellen Entwicklungen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene sind auch Studien zum Wertewandel von Interesse, selbst wenn der methodologische Ansatz dieser Forschung dem herkömmlichen Erkenntnisideal der Kultursoziologie nicht entspricht.

Franz Höllinger

Felder, Phänomene, Prozesse kultursoziologischer Forschung

Frontmatter

Architektur aus kultursoziologischer Perspektive

Felder, Phänomene, Prozesse kultursoziologischer Forschung

Jede Gesellschaft, jedes Kollektiv besitzt in seinen architektonischen Artefakten eine je eigene, unumgängliche, räumlich-visuelle Gestalt; in jedem Kollektiv durchdringen architektonische Artefakte und Aktivitäten das soziale Leben, die Interaktionen permanent, und dies meist in vorbewusster, und stets nichtsprachlicher Weise. Kultursoziologien können sich auf diese materielle Kultur sowohl methodisch als auch methodologisch-gesellschaftstheoretisch in sehr verschiedener Weise beziehen (Architektur als Spiegel der Kollektive oder als deren aktiven Part verstehend); sich auf differente Aspekte konzentrieren (Artefakte, Wissens-, Praxisformen), als empirisch interessierte Subdisziplin oder gesellschaftstheoretisch und -analytisch angelegt sein, ethnografisch, in historischer oder in synchron kulturvergleichender Perspektive forschend.

Heike Delitz

Design aus kultursoziologischer Perspektive

Während viele Designer_innen der Jahrhundertwende ganz selbstverständlich voraussetzten, dass die Form einer Gesellschaft mit den Formen ihrer Artefakte korreliert, hat die Kultursoziologie die soziale Relevanz von Gestaltung lange Zeit unterschätzt. Im Zuge des jüngsten ‚Material Turn‘ wurde zwar die traditionelle ‚Objektblindheit‘ der Soziologie ein Stück weit aufgebrochen, aber die Frage des Designs spielt auch in diesem Diskussionszusammenhang kaum eine Rolle. Zu der zentralen Herausforderung einer Kultursoziologie des Designs gehört demnach, neben der Zeichenhaftigkeit und Materialität der Artefakte auch die Ordnung der sinnlich wahrnehmbaren Formen als konstitutiven Bestandteil von Gesellschaft theoretisch und empirisch greifbar zu machen.

Sophia Prinz

Emotion aus kultursoziologischer Perspektive

Emotionen sind zentrale Bindeglieder zwischen Akteuren, Kultur und Gesellschaftsstruktur und rücken als spezifische Art des ‚Weltbezugs‘ in den Mittelpunkt (kultur-)soziologischer Forschung. Die Soziologie der Emotionen hat seit den 1970er-Jahren strukturalistische, behavioristische, sozialkonstruktivistische und phänomenologische Emotionstheorien hervorgebracht, deren Verschränkung für eine soziologisch angemessene Untersuchung von Gefühlen unerlässlich ist. Emotionen sind wesentlich mit habituellen, inkorporierten Dispositionen verknüpft, die aus der sozialstrukturellen, kulturellen und historisch stets spezifischen gesellschaftlichen Einbettung von Akteuren resultieren. Methodologisch bieten sich daher vor allem Forschungsstrategien an, die in der Lage sind, Alltagswirklichkeiten möglichst genau zu erfassen.Einer Kultursoziologie der Gefühle kommt insbesondere in der Gesellschaftsdiagnose eine Schlüsselposition zu: Moderne westliche Gegenwartsgesellschaften lassen sich durch einen kulturellen Wandel der Emotionalisierung – der expliziten Thematisierung, Förderung, Steuerung und In-Wert-Setzung von Emotionen – charakterisieren. Gefühle sind nicht mehr allein Objekte subjektiver und sozialer Kontrolle, sondern werden zu Gegenständen zahlreicher Sozialtechniken, die auf eine Optimierung des emotionalen Erlebens, Handelns und Darstellens abzielen. Damit gehen paradoxe Effekte einher, deren Erforschung ein zentrales Thema der Kultursoziologie der Gefühle in der Gegenwart ist.

Sighard Neckel, Sarah Miriam Pritz

Ernährung aus kultursoziologischer Perspektive

Essen und Ernährung werden im Rahmen des vorliegenden Beitrags als kulturelles Phänomen und Resultat kultureller Prozesse verstanden. Der kultursoziologische Blick auf Ernährung richtet sich damit immer auf Essen in Relation zu Prozessen der Produktion Regulierung, Repräsentation, Identitäts-/Subjektkonstitution und des Konsums sowie auf das Zusammenspiel materieller und symbolischer Aspekte, die beim Essen zusammenkommen. Quer zu verschiedenen Dimensionen liegen im Bereich der Ernährung verschiedene Formen sozialer Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Neben einer kultursoziologischen Gegenstandsbeschreibung von Essen und Ernährung orientiert sich dieser Artikel an zentralen Zugriffspunkten kultursoziologischer Ernährungsforschung: der Mahlzeit als sozialer Institution der Essensaufnahme und -zubereitung, den Lebensmitteln und ihrer symbolischen und materiellen Dimension und am Verhältnis von Ernährung und Körper.

Tanja Paulitz, Martin Winter

Gedächtnis aus kultursoziologischer Perspektive

Im Anschluss an Überlegungen zum Verhältnis von Kultursoziologie und Gedächtnisforschung (Abschn. 1) stellt der Beitrag klassische Arbeiten (Maurice Halbwachs, Jan und Aleida Assmann, Harald Welzer und Alfred Schütz) sowie begriffliche Differenzierungen vor, die um vier Formen des Gedächtnisses (kollektives, kulturelles, kommunikatives und soziales) kreisen (Abschn. 2). In einem dritten Teil geht der Text exemplarisch genauer auf einige aktuelle Studien ein, bei denen kultursoziologische Momente eine wichtige Rolle spielen. Diese Studien werden den folgenden Themenblöcken zugeordnet: „Erinnerungskulturen“, „Generationengedächtnis und Biografie“, „Soziologie des Vergessens“, „Körper und Gedächtnis“ sowie „Social and Cultural Memory Studies“ (Abschn. 3). Abschließend werden zentrale Punkte aufgegriffen und Desiderate weiterer Forschung angeführt (Abschn. 4).

Dietmar Wetzel

Geschlecht aus kultursoziologischer Perspektive

Ausgehend von der Annahme, dass kultur- und geschlechtersoziologische Interessen in der Theoretisierung von Kontingenz, Historizität und Praxis konvergieren, skizziert dieser Beitrag, inwiefern sich die Thematisierung von Geschlecht und Geschlechterverhältnissen im Kontext kultursoziologischer Forschung gewandelt hat. Dabei stehen im ersten Teil die heute als klassisch geltenden Theoretiker und die Kritiken und Konzepte zeitgenössischer Denkerinnen im Mittelpunkt. Im zweiten Teil wird darauf eingegangen, wie konstruktivistische und poststrukturalistische Perspektiven dazu verhelfen, die Frage nach Geschlechterdifferenzen und -verhältnissen zu reformulieren. Die Analysen von Macht- und Herrschaftsverhältnissen erhält in geschlechtersoziologischen Studien besondere Aufmerksamkeit. Historische Kontinuitäten zeigen sich dabei in den von frauenbewegter/feministischer und geschlechterforschender Seite geäußerten Kritik an der Naturalisierung von Geschlecht, Geschlechterdifferenz und Heterosexualität sowie an verschiedenen Erscheinungen von Androzentrismus, die lebensweltliche und kultursoziologische Wissensordnungen prägen.

Sonja Engel

Gewalt und Krieg aus kultursoziologischer Perspektive

Dieser Beitrag betrachtet „Gewalt“ und „Krieg“ aus einer kultursoziologischen Perspektive und verwendet dabei folgende thematische Gliederung: Zunächst werden kurz die unterschiedlichen Bedeutungselemente und Anwendungsebenen des Begriffs der „Gewalt“ vorgestellt. Mithilfe von Heinrich Popitz’ Analyse der vier anthropologischen Grundformen von Macht und dessen „engem“ Verständnis von „Gewalt“ als „Aktionsmacht“ sowie anhand der von Peter Imbusch formulierten sieben Fragen rund um den Gewaltbegriff („wer“, „was“, „wie“, „wem“, „worum“, „wozu“, „weshalb“) wird das Spektrum unterschiedlicher Gewaltverständnisse skizziert und damit korrespondierende kultursoziologische Perspektiven herausgearbeitet. Anschließend wird das Verhältnis von Moderne und Gewalt unter Bezugnahme exemplarischer Autoren diskutiert und Kriege als spezifische Formen kollektiver Gewaltausübung im Hinblick auf einige mögliche kultursoziologische Fragestellungen behandelt.

Sabine A. Haring

Globalisierung aus kultursoziologischer Perspektive

Globalisierung ist eine der beherrschenden Tendenzen unserer Zeit. Sie spielt sich nicht nur über den Köpfen der Menschen ab, sondern dringt auch in deren Lebensalltag ein. Während eine gewisse Neigung besteht, Globalisierung als Sache der Konzerne und der Wirtschaftsverflechtungen, der Kommunikationsnetze, des Tourismus und der geopolitischen Strategien zu sehen, ist doch die kulturelle Globalisierung eines jener Phänomene, die nicht nur im eigentlich kulturellen Bereich wirksam sind, sondern auch andere Teilsysteme – wie Wirtschaft und Politik – durchwirken. Wenn man allerdings die einzelnen Befunde näher betrachtet, so findet man ganz unterschiedliche Verhältnisse: Synkretismen ebenso wie Segmentierungen, Konvergenzen ebenso wie Abgrenzungen, Ideen und Praktiken, Ideologien und technische Wirkkräfte. In der allseitigen Interdependenz mag schon so etwas wie eine Weltgesellschaft entstehen, doch diese ist intern differenziert, heterogen, konflikthaft.

Manfred Prisching

Kommunikation aus kultursoziologischer Perspektive

Der Beitrag konkretisiert den Begriff der Kommunikation zunächst aus der Perspektive verschiedener Teildisziplinen, leitet ihn auf dieser Basis her und berücksichtigt dabei kommunikationswissenschaftliche, psychologische und soziologische Erkenntnisse und Ansätze. Die theoretischen Konzeptionen von Kommunikation dienen als Grundgerüst für die näheren Fundierungen des Kommunikationsbegriffes, dessen Veränderungen im Zuge des Medienwandels diskutiert werden. Die kultursoziologische Perspektive stellt dabei den grundsätzlichen Rahmen dar, der das Verständnis von Kommunikation als komplexem reflexivem Prozess symbolischer Interaktion verortet.

Katrin Döveling, Denise Sommer

Konsum – eine Kultur der Abwechslung

Konsum mit einer Kultur der Abwechslung in Verbindung zu bringen, ist das Ziel des Beitrags. Es soll gezeigt werden, dass das ständige Spiel mit den Rahmenbedingungen – sei es z. B. im Bereich der Mode oder der Ernährung – ein Grundmuster ist. Selbst die Aufforderung zum Verzicht lebt von Originalität, ethischer Konsum kommt ohne die Variation der Angebote nicht aus. Dieses Muster ist nicht neu, sondern Teil einer Steigerungslogik, die sich bereits in klassischen Texten der Konsumforschung widerspiegelt. Daher geht es in der Analyse nicht so sehr um Detailbeschreibungen neuer Trends, sondern um verbindende Linien vermeintlich disparater Phänomene.

Michael Jäckel

Kulturen und Praktiken des Körpers

Eine soziologische Thematisierung des Körpers ist anders als in kultursoziologischer Perspektive nicht möglich. Gegenstand der Körpersoziologie ist der kulturell geformte, in kulturellen Bezügen agierende und soziale Einbindungen wie individuelle Besonderheiten anzeigende Körper. In Rekurs auf kultursoziologisch relevante Thematisierungen des Körpers in unterschiedlichen soziologischen Theoriesträngen wird das thematische Spektrum einer (kultur-)soziologischen Befassung mit dem Körper dargelegt. Des Weiteren werden methodologische Fragen einer auf den Körper gerichteten empirischen Forschung diskutiert.

Michael Meuser, Nicole Kirchhoff

Language in a Cultural Sociological Perspective

In this chapter I intend briefly to reconstruct the ways in which we can consider language as a cultural resource that people use to share their social world, organize their social life, and attribute values and meanings to their experiences. In particular, I consider the familiar question of the context needed to understand the facts of language in use. In order to understand language in terms other than the internal logic of the system, I show the importance of considering language as it is concretely exercised and practiced by people in concrete situations of use. As regards what should be considered an appropriate context for the exercise of language, I present different solutions given to the issue according to different academic styles and theoretical approaches. These solutions range from considering the context as a structural array of social characteristics that affect individual behaviour in society, through seeing it as the actual situation of talking together, or as the community in which a language is spoken, or as the cognitive-institutional frame of activities, to the constraints in terms of turns and meanings imposed by the sequential development of a joint activity like a conversation. I draw some conclusions on the importance of detailed practice for the study of language in a cultural sociological perspective.

Giolo Fele

Medien und Visualität aus kultursoziologischer Perspektive

Der Beitrag thematisiert eine kultursoziologische Perspektive auf Media Culture und Visual Culture. Zentrale theoretische Konzeptionen sind Medienpraxis, Mediatisierung und Medienimmanenz. Anhand der Gender Media Studies werden gesellschaftliche Machtverhältnisse im Kontext von Media Culture und Visual Culture hinterfragt. Für die Analyse von visueller Kommunikation und darin eingeschriebenen Botschaften und Machtverhältnissen wird für eine analytische Unterscheidung von Diskurs und Viskurs argumentiert.

Eva Flicker

Mode aus kultursoziologischer Perspektive

Unterschiedliche soziologische Zugänge zu Moden (Georg Simmel, René König, Eduard Fuchs, Valerie Steele) werden behandelt, desgleichen die empirischen Bestandsaufnahmen des Sinus-Instituts, die sich als grundlegend für die Beschreibung gegenwärtiger Tendenzen erweisen. Da Kleidungsstile sowohl die äußere ästhetische Erscheinung als auch das Körpergefühl eines Menschen betreffen, ist ein sozialgeschichtlicher Zugang erforderlich, denn nur auf diesem Weg lassen sich gesellschaftliche Funktionen unterschiedlicher Tendenzen erschließen. Die Ausprägung der Moden des höfischen Adels sowie der frühbürgerlichen Stadtkulturen korrespondieren mit unterschiedlichen Lebenspraktiken. Seit dem 19. Jahrhundert, also in der bürgerlich-kapitalistischen Welt, erweisen sich Moden als Kommunikationsmedien, die – wie andere Medien – sowohl Phasen stabiler Herrschaftsverhältnisse als auch emanzipatorische Bewegungen begleiten und deren Ziele zum Ausdruck bringen können.

Lutz Hieber

Nationalismus und kulturelle Differenz aus kultursoziologischer Perspektive

Die soziologische Erforschung von Nation und Nationalismus greift in vielfältiger Weise auf das Konzept von „Kultur“ zurück. Dabei stehen sich objektivistische und subjektivistische Forschungstraditionen gegenüber. Außerdem lässt sich die Perspektive von Kultur im Nationalismus von der des Nationalismus als Kultur unterscheiden.

Dieter Reicher

Objekte aus kultursoziologischer Perspektive

Im vorliegenden Aufsatz geht es um die Rolle der Dinge für menschliche Kultur sowie für Gesellschaften. Die Weltoffenheit des Menschen bedingt die Notwendigkeit der Ergänzung seines Körperleibes durch kulturell geschaffene Objekte. Die Dinge eröffnen, anthropologisch betrachtet, Weltzugänge und Handlungsmöglichkeiten. Sie sind von grundlegender soziologischer Bedeutung, da sie physische und psychische Kontingenzen aller Art reduzieren und kollektive wie auch individuelle Identitäten aufbauen und stabilisieren. Sie repräsentieren gesellschaftliche Ordnungen, Denk- und Wertstrukturen auf eine unspektakuläre, durch ihre erfahrbare Präsenz selbstverständliche Weise. Doch in der Moderne, in der sich die kulturellen Objekte quantitativ und qualitativ enorm weiterentwickelt haben, wird die grundlegende Rolle der Dinge in der Regel verkannt. Ihre Zahl wächst, und gleichzeitig schwindet die Wertschätzung des einzelnen Dinges. Die Dinge werden nun primär in den Dienst genommen für wirtschaftliche (Wachstum) und politische Zwecke (Integration), indem sie emotional aufgeladen werden für den hedonistischen Konsum, der jedoch weniger dem Objekt selbst als vielmehr dem emotional und erlebnishaft stimulierten Kaufakt sowie der sozialen Positionierung des Käufers gilt, und deshalb in psychologischer, sozialer wie in ökologischer Hinsicht wenig nachhaltig ist.

Aida Bosch

Ökonomie als Kultur

Dieser Aufsatz analysiert zwei historische Momente der kultursoziologischen Betrachtung von Ökonomie: die von den Klassikern der Soziologie entfaltete Perspektive von Ökonomie als Kultur auf der einen Seite und die gegenwärtigen Debatten, die unter dem Stichwort der Cultural Economy zusammengefasst werden, auf der anderen Seite. In beiden Fällen wird eine für die Moderne konstitutive Gegenüberstellung von Kultur und Ökonomie unterminiert. In dieser Gegenüberstellung wird Ökonomie oftmals mit Materialität, Natürlichkeit und Gesetzmäßigkeit assoziiert, während Kultur als „bloßes“ Epiphänomen behandelt wird. Der Aufsatz zeigt auf, dass die erfolgreiche Aushöhlung der Binarität von Kultur und Ökonomie in den gegenwärtigen Debatten einen begrifflichen und wissensgeschichtlichen Reflexionshorizont braucht, damit die innovative und erhellende Perspektive der Kultursoziologie auf Ökonomie weiter entwickelt werden kann.

Ute Tellmann

Politik aus kultursoziologischer Perspektive

In diesem Beitrag werden unterschiedliche Ansätze und Perspektiven der kultursoziologischen Politikforschung vorgestellt und diskutiert. Ausgangspunkt ist eine Unterscheidung von klassischen Perspektiven, die Kultur stärker als Einflussfaktor auf Politik auffassen und neueren kultursoziologischen Ansätzen, die die vielfältige kulturelle Prägung von Politik stärker in den Mittelpunkt rücken. Der Beitrag ist insgesamt in drei Teile gegliedert und stellt die Entwicklung der kultursoziologischen Politikforschung im Wesentlichen chronologisch dar. Den Abschluss bildet die Darstellung aktueller Entwicklungen und Forschungsthemen in der kultursoziologischen Politikforschung.

Sebastian M. Büttner

Raum aus kultursoziologischer Perspektive

Der Beitrag zeigt die enge Beziehung zwischen Kultur und Raum, kulturellen und räumlichen Praktiken in mehreren Schritten auf. Der gebaute Raum als primäre Kulturleistung wird ebenso thematisiert wie die städtische Kultur im urbanen Raum und die De- und Reterritorialisierungsprozesse im Zuge der Globalisierung. Der Beitrag schließt mit Überlegungen zur Entstehung neuer Geografien und vielfältiger Geopraktiken, die mithilfe einer kultursoziologisch ausgerichteten Geosoziologie systematisch zu untersuchen wären.

Markus Schroer

Religion aus kultursoziologischer Perspektive

Der Beitrag zeigt am Beispiel ausgewählter Ansätze und Autor_innen auf, welche Perspektiven durch eine kultursoziologische Herangehensweise für das soziologische Forschen und Nachdenken über Religion eröffnet werden. Nach einer Einleitung, die aufzeigt, wie stark bei vielen der soziologischen Klassiker religions- und kulturanalytische Zugänge miteinander verwoben sind, wird die Bedeutung der Definition von Religion und Kultur im Hinblick auf deren mehr oder weniger trennscharfe Abgrenzung voneinander thematisiert. Dies bereitet die Diskussion der Frage vor, wie sich die Positionen kultursoziologisch arbeitender Religionssoziolog_innen vor dem Hintergrund der Säkularisierungs- bzw. Resakralisierungsthese gestalten. Als beide Tendenzen aufgreifende Synthese wird das Konzept der „Populären Religion“ vorgestellt. Im Sinne eines Ausblicks auf neue Themenfelder der Religionssoziologie wird abschließend ein kultursoziologisch angeleiteter Blick auf religiöse Emotionen präsentiert.

Regine Herbrik, Meike Haken

Technik aus kultursoziologischer Perspektive

Kultursoziologische Technikforschung analysiert die relationale Verflechtung von Technik, Kultur und Gesellschaft. Der Beitrag begibt sich diesbezüglich auf Spurensuche zunächst bei den Klassikern der Soziologie, dann bei klassischen Arbeiten der Techniksoziologie und folgt schließlich zwei Diskussionssträngen, die einerseits Technik als Teil der Alltagskultur und andererseits Technik in ihrer wissenschaftlichen Entwicklung thematisieren. Die kulturelle Perspektive auf Technikentwicklung und Technikgebrauch stellt die Materialität der Kultur in ihrer Verbindung mit menschlichem Eigensinn und sozialen Machtverhältnissen heraus.

Matthias Wieser

Wissenschaft aus kultursoziologischer Perspektive

Die hier vorgestellte kultursoziologische Perspektive innerhalb der soziologischen Wissenschaftsforschung versteht Kultur als kulturelle Praxis, das heißt als über einen geteilten Wissensvorrat gesteuerten Handlungsvollzug. Im Beitrag werden zunächst die sogenannten Laborstudien diskutiert, in denen über die empirische Rekonstruktion wissenschaftlicher Praktiken eine kritische Alternative zu traditionellen wissenschaftstheoretischen Positionen erarbeitet wurde. Darauf aufbauend wird anhand von exemplarischen Studien gezeigt, wie wissenschaftliche Praktiken mit gesamtgesellschaftlichen Phänomenen zusammenhängen. Der Artikel schließt mit der Beschreibung wissenschaftstheoretischer Konsequenzen der kultursoziologischen Perspektive auf Wissenschaft, die, bei aller Heterogenität des Feldes, den gemeinsamen Kern der kultursoziologischen Wissenschaftsforschung darstellen.

Werner Reichmann

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