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Über dieses Buch

Das Handbuch bietet einen Überblick über den aktuellen Stand der Policy-Forschung, der in drei Teile gegliedert ist. Die Theorie-Beiträge präsentieren die Annahmen, Grundideen, Hauptargumente und Hypothesen der jeweiligen Theorieansätze zur Erklärung von Policies und diskutieren die empirische Eignung der Theorie durch einen Überblick über den Forschungsstand. Die Beiträge „Methoden der Policy-Forschung“ stellen Grundzüge, Stärken und Schwächen sowie Anwendungsfelder einschlägiger Methoden dar. Anhand ausgewählter Politikfelder werden Ergebnisse der Policy-Forschung in unterschiedlichen Bereichen der Staatstätigkeit aufgezeigt und Querverbindungen sowohl zu den unterschiedlichen theoretischen Zugängen als auch zu unterschiedlichen Methoden gezogen.​

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Konzepte und Begriffe in der Vergleichenden Policy-Forschung

Zusammenfassung
Das Kapitel führt in einige zentrale Konzepte und Begriffe der Vergleichenden Policyforschung ein. So wird erstens der Policy-Zyklus bestehend aus Problemdefinition, Agenda-Setting, Politikformulierung, Implementation, Evaluierung, Feedback und Terminierung erläutert sowie die Unterscheidung zwischen Output, Impact und Outcome eingeführt. Zweitens werden verschiedene Möglichkeiten zur Unterscheidung von Policies unterschieden, nämlich nach dem Politikfeld, nach dem Konfliktmuster im Sinne Lowis sowie nach Steuerungsprinzipien. Drittens werden Möglichkeiten diskutiert, wie die Reichweite von Politikwandel gemessen werden kann, wobei neben dem Längs- und dem Querschnitt auch die Konzeptionen von Hall, Sabatier/Jenkins-Smith und Knill et al. erörtert werden. Schließlich wird noch die kausale Nähe bzw. Ferne unterschiedlicher Erklärungsvariablen zum jeweiligen Untersuchungsgegenstand, einer staatlichen Politik, diskutiert und Überlegungen vorgestellt, wie unterschiedliche theoretische Ansätze verknüpft werden können.
Georg Wenzelburger, Reimut Zohlnhöfer

Teil I Theorien

Frontmatter

Funktionalismus

Zusammenfassung
Dieser Beitrag skizziert Kernelemente der ältesten Theorieschule der vergleichenden Staatstätigkeitsforschung, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturwandel als Hauptantriebskraft für Politikwandel identifiziert. Ähnlichkeiten zwischen Ländern in Bezug auf sozio-ökonomische Basisstrukturen werden als Ursache von Politikkonvergenz gesehen. Neben einer Diskussion der zentralen Bausteine dieses Theoriegebäudes wird anhand von Anschauungsbeispielen aus mehreren Politikfeldern die empirische Tragfähigkeit dieser Theorieschule untersucht. Der letzte Abschnitt diskutiert die Stärken und Schwächen dieses Theoriegebäudes.
Herbert Obinger

Machtressourcentheorie und Korporatismusansatz

Zusammenfassung
Inwiefern haben gesellschaftliche Interessengruppen einen Einfluss auf Politik und Wirtschaft? In modernen Industriegesellschaften stellt sich die Frage, welche politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Interessenkonflikt zwischen Arbeit und Kapital hat. Die Machtressourcentheorie untersucht die politischen und außerparlamentarischen Einflussmöglichkeiten sozialer Gruppen, insbesondere der Arbeiterbewegung (linke Parteien und Gewerkschaften). Sie nimmt an, dass gesellschaftliche Verteilungspolitik das Ergebnis der Machtverhältnisse sozialer Gruppen und ihres politischen Einflusses ist. Der Neo-Korporatismus-Ansatz konzentriert sich hingegen auf die Bedingungen und Auswirkungen von institutionalisierter Interessenvermittlung zwischen Staat und Verbänden. In korporatistischen Demokratien wird den Interessengruppen, insbesondere Gewerkschaften und Wirtschaftsverbänden, eine gesellschaftliche Partizipation an der Politikgestaltung und Implementierung in der Sozial- und Wirtschaftspolitik zugestanden. Indikatoren für die Machtressourcen umfassen einerseits den politischen Einfluss von linken und rechten Parteien und andererseits die Organisationsstärke von Gewerkschaften im Vergleich zu den Arbeitgebern. Indikatoren des Korporatismus messen sowohl die organisatorischen Dimensionen des Verbändesystems als auch das Ausmaß der Interessenvermittlung durch Kollektiverträge und Konzertierung. Die international vergleichende Forschung hat beide Ansätze verwendet, um den langfristigen Ausbau des Wohlfahrtsstaates zu untersuchen. In jüngster Zeit wird die Rolle von linken Parteien und Gewerkschaften sowie sozialer Pakte in Zeiten des Umbaus jedoch unterschiedlich bewertet.
Bernhard Ebbinghaus

Parteien

Zusammenfassung
Das Kapitel stellt mit der Parteiendifferenzthese einen der klassischen Ansätze zur Erklärung von Public Policies vor. Dazu werden in einem ersten Schritt die theoretischen Grundlagen des Theorieansatzes geklärt und dabei hinsichtlich der Motive der Parteien zwischen primär wiederwahlorientierten Parteien (vote-seeking) und primär policy-orientierten Parteien (entschieden). Diese Unterscheidung ermöglicht es, unterschiedliche Motive der Parteien genauer zu modellieren und die Implikationen für das Auftreten parteipolitischer Einflüsse zu untersuchen. Daneben diskutiert der erste Abschnitt des Kapitels, unter welchen Umständen parteipolitische Effekte auf Public Policies wahrscheinlich sind, welche Kontextfaktoren – seien es Institutionen, budgetäre Handlungsschranken oder internationale Rahmenbedingungen – also die Regierungen dabei behindern können ihre präferierte Policy durchzusetzen. Der zweite Teil des Kapitels diskutiert darauf aufbauend wie der Einfluss von Parteiendifferenz empirisch messbar gemacht werden kann. Er stellt dabei Ansätze, die auf der Messung von Parteipositionen beruhen, solchen Studien gegenüber, die auf der Einordnung von Parteien in Parteifamilien beruhen. Der Beitrag schließt mit einem kursorischen Überblick über den Forschungsstand und zeigt, dass ein Einfluss von Parteien auf Staatstätigkeit in ganz unterschiedlichen Politikfeldern nachgewiesen werden konnte. Allerdings zeigt der Forschungsstand auch, dass Parteieneffekte häufig von Veränderungen in der Wählerstruktur und im Parteienwettbewerb, von unterschiedlichen institutionellen Kontexten nationaler politischer Systeme und sich wandelnden internationale Rahmenbedingungen abhängen.
Georg Wenzelburger

Vetospieler und Institutionen

Zusammenfassung
Der Beitrag führt in die Grundlagen und wesentlichen Entwicklungslinien der Vetospielertheorie sowie von Vetopunkt-Ansätzen ein. Anhand von Beispielen werden die Potentiale der Theorien und Ansätze für die Policy-Forschung diskutiert und worauf bei ihrer Rezeption und Anwendung zu achten ist. Bei der Diskussion der Vetospielertheorie unterscheiden wir zwischen der reinen Theorie und ihrer Anwendung sowie ihrem Test. In Bezug auf die Vetopunkt-Literatur unterscheiden wir einen eindimensionalen und einen zweidimensionalen Entwicklungspfad. In der Gesamtschau zeigt sich, dass die Vetospielertheorie und Vetopunkt-Ansätze wichtige Beiträge zur Policy-Forschung liefern, aber aufgrund strittiger Annahmen keine umfassenden und einfachen Analyseansätze bereithalten.
Steffen Ganghof, Kai Schulze

Pfadabhängigkeit

Zusammenfassung
Der Beitrag erläutert das Konzept der Pfadabhängigkeit, das sich als Erklärungsansatz in mehreren wissenschaftlichen Disziplinen etabliert hat, so auch in der Policy-Forschung. Die Vielfalt der begrifflichen Vorstellungen wird dargelegt, es werden neuere Präzisierungsversuche vorgestellt und die Anwendung des Konzepts in der Policy-Forschung anhand der Politikfelder Soziales und Umwelt veranschaulicht.
Jürgen Beyer

Spielarten des Kapitalismus

Zusammenfassung
Der Beitrag stellt „Spielarten des Kapitalismus“ (engl.: varieties of capitalism) als in der Policy-Forschung einsetzbaren Theorieansatz vor. Der Theorieansatz wird in fünf Schritten vorgestellt. Dabei handelt es sich um die Unternehmenszentrierung, um die Koordination in institutionellen Sphären, um das Konzept der institutionellen Komplementarität, um die Unterscheidung nationaler Spielarten des Kapitalismus und um die Folgen für wirtschaftliche Effizienz und institutionellen Wandel. Zudem wird die Eignung des Theorieansatzes für die Policy-Forschung anhand von drei Beispielen vorgeführt: anhand der Debatten um Liberalisierungspolitik in Deutschland, um arbeitgeberzentrierte Erklärungen von Sozialpolitik und um die Globale Finanzkrise. Der Beitrag schließt mit einem Plädoyer für distinkte, schlanke Theoriekörper.
Martin Höpner

Globalisierung

Zusammenfassung
Das Kapitel gibt einen Überblick über die Forschung zu den Auswirkungen von Globalisierung auf die Staatstätigkeit. Dazu wird zunächst der Globalisierungsbegriff selbst problematisiert. Ausgehend von einem Verständnis von wirtschaftlicher Globalisierung werden die konkurrierenden Vorstellungen über die Auswirkung von Globalisierung auf die (wirtschafts- und sozialpolitische) Staatstätigkeit diskutiert, nämlich die Kompensationsthese und die Effizienzthese. Darüber hinaus werden Überlegungen vorgestellt, wie Globalisierung auf den politischen Prozess wirkt und eine Veränderung von Policies bewirkt. Anschließend werden Operationalisierungsmöglichkeiten für Globalisierung erörtert, die vor allem den jeweiligen theoretischen Überlegungen folgen sollten. Die Ergebnisse empirischer Überprüfungen der Auswirkung von Globalisierung auf die Staatstätigkeit sind keineswegs einheitlich: Weder die Kompensations- noch die Effizienzthese finden klare Bestätigung. Zumindest in der Finanzpolitik kann argumentieren werden, dass die Globalisierungswirkungen im Sinne der Effizienzthese umso deutlicher zu Tage treten, je gegenwartsnäher der Untersuchungszeitraum endet. Die Vorstellung, dass Globalisierung zu einer Art policy-analytischer Mastervariable geworden ist, die alle anderen Erklärungsfaktoren in ihrer Bedeutung einschränkt, kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt zurückgewiesen werden. Eher lässt sich insbesondere aus qualitativen Studien ablesen, dass innenpolitische Faktoren in erheblichem Umfang die Auswirkungen der Globalisierung filtern und damit moderieren.
Reimut Zohlnhöfer

Europäisierung

Zusammenfassung
Im Mittelpunkt der Europäisierungsforschung steht die Untersuchung von Wechselwirkungen zwischen der nationalstaatlichen und der supranationalen Ebene des Mehrebenensystems der Europäischen Union (EU). Der Beitrag beschäftigt sich maßgeblich mit der Frage, wie die Europäische Ebene Wandel in den Politikinhalten der Mitgliedstaaten induzieren kann. Hierzu wird die Theorie der top-down Europäisierung dargestellt. Diese stellt darauf ab, dass durch die Umsetzung von EU-Richtlinien oder Verordnungen sowie Urteilen des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), Entscheidungen der Europäischen Kommission und Maßgaben der Europäischen Zentralbank (EZB) dann Anpassungsbedarf entsteht, wenn die EU Regel, die Entscheidung oder das Urteil vom Status quo der im Staate bereits geltenden Regeln abweicht. Anpassungsbedarf ist allerdings nicht mit erfolgender top-down Europäisierung gleichzusetzen. Ob es tatsächlich zum EU-induzierten innerstaatlicher Wandel kommt, hängt laut Theorie von der Konstellation wandelverstärkender beziehungsweise -hemmender Faktoren (Institutionen, Vetospieler, Kosten-Nutzenkalküle innerstaatlicher Akteure, Identitäten, innerstaatliche Normen) ab.
Tanja A. Börzel, Diana Panke

Diffusion

Zusammenfassung
Die internationale Diffusion von Politiken hat in den letzten Jahrzehnten eine erhöhte Aufmerksamkeit in der Politikwissenschaft erhalten. Allerdings wird dabei oftmals die konzeptionelle und methodologische Voraussetzung einer Diffusionsanalyse wenig beachtet. In diesem Beitrag wird insbesondere auf diese Aspekte eingegangen, indem dargestellt wird, dass eine Diffusionsanalyse die etablierte funktionale Analyse durch eine relationale ergänzt. Dieser analytische Zugang fordert dann auch einen Perspektivwechsel in der methodologischen Behandlung von Diffusion. In der quantitativen Analyse wurden anhand von spatial lag und dyadischen Regressionen neue Analysetechniken entwickelt und in der qualitative Forschung verschiebt sich der Fokus auf die Erfassung von relationalen Kausalpfaden. Konzeptionelle Orientierung der Analyse von Diffusion wird anhand von Kausalmechanismen gegeben, die auch in diesem Beitrag dargestellt werden. Schließlich weist der Aufsatz auf Defizite und die mögliche weitere Entwicklung der Diffusionsforschung hin.
Detlef Jahn

Akteurzentrierter Institutionalismus

Zusammenfassung
Dieser Beitrag stellt den von Renate Mayntz und Fritz W. Scharpf entwickelten Akteurzentrierten Institutionalismus (AZI) vor. Er führt zunächst die wesentlichen theoretischen Elemente des Analyserahmens ein: Akteure, Akteurkonstellationen und Interaktionsformen. Danach gibt er einen Überblick über einige der wesentlichen empirischen Anwendungsfelder des AZI in der Forschung zu Politikgestaltungsprozessen auf der nationalen Ebene und im Rahmen des europäischen Mehrebenensystems. Abschließend diskutiert er die Vor- und Nachteile des AZI als Instrument zur Analyse von Policy-Entscheidungen. Zu den wesentlichen Leistungen des AZI zählt die analytische Vereinfachung von komplexen politischen Entscheidungssituationen durch die Nutzung leicht erhebbarer institutioneller Informationen für die Modellierung von Akteurspräferenzen und die Konzentration auf die Analyse von Kernkonflikten zwischen den wesentlichen Akteuren mit Hilfe einfacher spieltheoretischer Instrumente. Schwierigkeiten hat der AZI dagegen mit Situationen, in denen die politischen Auseinandersetzungen nicht zwischen, sondern innerhalb verschiedener Organisationen verlaufen. Zudem birgt die theoretische Offenheit des AZI den Nachteil, dass er theoretisch zu unbestimmt ist, um zur Ableitung klarer theoretischer Hypothesen herangezogen werden zu können.
Oliver Treib

Advocacy Coalition Framework

Zusammenfassung
Das Advocacy Coalition Framework (ACF) ist ein weit verbreiteter Analyserahmen der Policy-Analyse. Ursprünglich zielte es vor allem darauf, den Einfluss von Policy-Lernen auf Policy-Wandel zu erfassen. In Weiterentwicklungen wurden zunehmend andere Erklärungen für politische Veränderungen aufgenommen und spezifiziert. Entwickelt wurde das ACF zur Analyse von umweltpolitischen Prozessen in den USA. Die zentralen Grundlagen des Ansatzes gelten aber auch für viele Fallbeispiele aus parlamentarischen Regierungssystemen. Dies gilt insbesondere, wenn politische Prozesse in starkem Maß von Spezialisten dominiert werden, politische Konflikte wesentlich auf unterschiedlichen Überzeugungen basieren und Politikfelder einen Reifegrad erreicht haben, der zur Herausbildung konkurrierender Koalitionen auf Grundlage von unterschiedlichen Kernüberzeugungen geführt hat. Auch wissenschaftstheoretische oder normative Gründe können zur Anwendung des ACF oder einzelner Elemente des Analyserahmens motivieren. Jüngere Studien verbinden Anwendungen zunehmend mit standardisierten Netzwerkanalysen.
Nils C. Bandelow

Multiple Streams Ansatz

Zusammenfassung
Das vorliegende Kapitel fasst den Multiple Streams Ansatz (MSA) zusammen, würdigt diesen kritisch und präsentiert anschließend den Forschungsstand. Die Zusammenfassung des Ansatzes orientiert sich an dessen Grundannahmen, die lauten, dass politische Systeme als organisierte Anarchien konzeptualisiert werden können; dass Entscheidungssituationen über das Denken in Strömen erfasst werden können; und dass Agenda-Wandel davon abhängig ist, ob und wie sich die Ströme verbinden. Die daran anschließende kritische Würdigung konzentriert sich auf zwei zentrale Kritikpunkte, die Kritik an der Unabhängigkeit der Ströme und die an der Falsifizierbarkeit des Ansatzes, und fasst kleinere Kritikpunkte in einem weiteren Abschnitt zusammen. Die anschließende Darstellung des Forschungsstandes fokussiert auf Einzelbeiträge, da es kaum theorieimmanente Debatten gibt. Hierzu wird zunächst ein Überblick darüber geliefert, welche Methoden die Beiträge anwenden und welche Politikfelder sie analysieren. Anschließend werden Erweiterungen des Ansatzes vorgestellt, wobei der Fokus auf der Frage liegt, inwieweit, erstens, die Übertragung des MSA möglich ist (beispielsweise bezüglich der analysierten Regierungssysteme); zweitens, über das Agenda-Setting hinausgehende Politikprozesse erfasst werden können; und drittens, zentrale Konzepte modifiziert wurden. Mit der Übertragung des MSA auf parlamentarische Regierungssysteme und auf die Politikentscheidung werden zwei vergleichsweise häufig genutzte Erweiterungen ausführlicher dargestellt. Das Kapitel schließt mit einem kurzen Fazit.
Nicole Herweg

Die Punctuated-Equilibrium-Theorie

Zusammenfassung
Dieses Kapitel liefert einen Überblick über Theorie und Arbeitsweise der Punctuated Equilibrium Theorie (PET). PET umfasst ein Policy-Prozessmodell, in dem ein langer Zeitraum geringer Veränderungen in einem Politikfeld durch grundlegende Transformationen unterbrochen wird. Das PET-Modell geht von der Annahme aus, dass individuelle Entscheidungsfindung auf begrenzter Rationalität beruht. Auf der Ebene von Organisationen und Institutionen identifiziert PET zwei Phasen: Policy-Inkrementalismus und weitreichenden Wandel. Inkrementalismus ist durch beständige Institutionen, begrenzte Policy-Monopole und dominate Policy-Ideen gekennzeichnet. Weitreichender Wandel findet hingegen statt, wenn sich makropolitische Aufmerksamkeit verschiebt, es zu einer Institutionenverlagerung kommt und sich das Erscheinungsbild eines Themas verändert. Dieses ursprüngliche Modell wird dann in einer Weiterentwicklung zusammengefasst, die sich auf disproportionale Informationsverarbeitung und institutionelle Friktion konzentriert. Schließlich werden Arbeitsweisen und vergleichende empirische Untersuchungen von Policy-Agendas vorgestellt.
Daniela Beyer, Graeme Boushey, Christian Breunig

Teil II Methoden

Frontmatter

Experimentelle Methoden

Zusammenfassung
Die experimentelle Methode in der Policy-Forschung beruht auf den Prinzipien der Isolation des zentralen Zusammenhangs von Drittvariablen und der Identifikation durch systematische Variation des Untersuchungsdesign. Ihr Vorteil liegt vor allem in der Gültigkeit des Rückschluss von Beobachtung auf kausale Faktoren (interne Validität), während ein Ansatzpunkt für Bedenken in der Generalisierbarkeit der Ergebnisse liegt (externe Validität). Die experimentelle Methode steht damit vor einem Zielkonflikt zwischen Realitätsnähe und dem Grad der Kontrolle, der je nach Forschungsinteresse entlang verschiedener Experimenttypen – Labor-, Feld-, Umfrage- und natürliches Experiment – unterschiedlich gelöst wird. Der Schwerpunkt von für die Policy-Forschung relevanten Experimenten liegt auf der Prüfung von Theorien zu kollektiven Handlungssituationen, Verhandlungen, Gremienentscheidungen und deliberativen Verfahren. In einer politikberatenden Rolle können Experimente Rückschlüsse auf die Auswirkungen und Implikationen von Politikmaßnahmen geben. An Hand von Beispielen zum Design von Märkten und Auktionen, der Umweltpolitik, der Gesundheitspolitik und der Sozialpolitik werden für die Policy-Forschung relevante Experimente vorgestellt.
Georg Kanitsar, Bernhard Kittel

Makro-quantitative Methoden

Zusammenfassung
In der Politikwissenschaft werden seit mehr als 100 Jahren quantitative Methoden angewandt. Aber erst seit den 1960er Jahren gehören statistische Verfahren zum methodischen Grundkanon der Politikwissenschaft. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über makroquantitative Methoden in der Policy-Forschung. Spätestens seit Mitte der 1990er Jahre haben sich Panel oder sogenannte Time Series Cross Section Modelle durchgesetzt. Im Unterschied zu Querschnittsanalysen werden die Länder über die Zeit hinweg beobachtet. Daher werden in diesem Beitrag zunächst die Grundlagen von Panelverfahren sowie die verschiedenen Modellierungsvarianten vorgestellt. Im Anschluss diskutiere ich, welche Stärken und Schwächen mit diesem Instrumentarium einhergehen und für welche Fragestellungen es geeignet ist. Beispielstudien veranschaulichen im Folgenden, wie Panelverfahren in der Forschungspraxis der vergleichenden Policy-Forschung zum Einsatz kommen. Anhand einer in der Policy-Forschung breit untersuchten Forschungsfrage zeige ich darüber hinaus, wie sich methodische Entscheidungen auf die Ergebnisse von Analysen auswirken können. Abschließend werden mit dem Maximum Likelihood Verfahren und den Modellen räumlicher Ökonometrie weiterführende Methoden vorgestellt.
Carina Schmitt

Qualitative Comparative Analysis

Zusammenfassung
Der Beitrag stellt „Qualitative Comparative Analysis“ (QCA) vor. Dabei handelt es sich um eine Systematisierung der Logik der vergleichenden Fallstudien, die mengentheoretische Verfahren auf die Sozialwissenschaften anwendet. Nach einer grundlegenden Einführung in die Logik des Vorgehens wird der besondere Beitrag von QCA zu einer Kausalanalyse herausgearbeitet. Anschließend werden die einzelnen Schritte der Analyse notwendiger bzw. hinreichender Bedingungen besprochen. Die Nutzbarkeit von QCA in der Policy-Forschung wird vor allem im Blick auf Äquifinalität, Kombinationen von Bedingungen und asymmetrische Kausalität untersucht und auf die spezifischen Notwendigkeiten der Policy-Analyse bezogen. Dabei wird auch auf methodische Probleme vergleichender Forschung, insbesondere von QCA-gestützten Analysen, eingegangen. Abschließend werden vier Beispiele aus unterschiedlichen Bereichen der Policy-Analyse vorgestellt, die QCA in ihren Studien anwenden; diese werden hinsichtlich der verschiedenen Aspekte von QCA verglichen.
Claudius Wagemann

Prozessanalyse

Zusammenfassung
Prozessanalyse (engl. process tracing) ist eine Untersuchungsmethode zur kausalen Erklärung, bei der vielfältige empirische Beobachtungen innerhalb eines oder mehrerer Fälle als potenzielle Implikationen theoretischer Kausalmechanismen verstanden werden. Die möglichst vollständige empirische Rekonstruktion kausaler Prozesse durch Fallstudien erlaubt Schlussfolgerungen über (alternative) theoretische Erklärungen. Der Beitrag stellt die wichtigsten Merkmale der Methode, Beispiele aus der Policy-Forschung, Stärken, Schwächen sowie methodische Gütekriterien vor.
Peter Starke

Methodentriangulation

Zusammenfassung
Methodentriangulierende Policy-Forschung erlebt seit einiger Zeit eine gewisse Konjunktur. Der vorliegende Beitrag schildert das große Potenzial solcher Forschungsdesigns, spart aber auch einige wissenschaftsphilosophische und -praxeologische Caveats nicht aus. Besondere Aufmerksamkeit erfährt die Konstruktion des Nexus zwischen den einzelnen Methoden. Die Diskussion einiger besonders gelungener Manifestationen soll zu triangulativer Policy-Forschung ermutigen und zeigt auf, wo die Teildisziplin sich noch steigern könnte.
Frieder Wolf

Teil III Politikfelder

Frontmatter

Öffentliche Finanzen

Zusammenfassung
Der Beitrag untersucht vier zentrale Teilbereiche der öffentlichen Finanzen: Staatseinnahmen, Staatsausgaben, Staatsverschuldung sowie die Haushaltskonsolidierung. Im Zentrum stehen dabei Erklärungsansätze, die aus der vergleichenden Staatstätigkeitsforschung sowie der politischen Ökonomie stammen. Zusätzlich werden aus einer international vergleichenden Perspektive die wichtigsten deskriptiven Besonderheiten der jeweiligen Variablen dargestellt. Insgesamt zeigt sich in allen Teilbereichen eine hohe Bedeutung sozioökonomischer Erklärungsfaktoren.
Uwe Wagschal

Wirtschaftspolitische Performanz

Zusammenfassung
Unter politischer Performanz versteht man die Ergebnisse und Leistungen der staatlichen Politik in verschiedenen Bereichen. Der Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, wie sich Unter-schiede in der wirtschaftspolitischen Performanz demokratischer Industrieländer mit Hilfe politikwissenschaftlicher Variablen erklären lassen. Exemplarisch werden dazu Arbeitslosen- und Beschäftigungsquoten behandelt. Als zentrale Determinanten diskutiert der Beitrag die theoretische Argumentation und den Forschungsstand für den Einfluss politischer Parteien, korporatistischer Arrangements sowie institutioneller Beschränkungen des wirtschaftspolitischen Handlungsspielraums der Regierung. Darüber hinaus wird auf grundlegende theoretische und methodische Herausforderungen der politikwissenschaftlichen Analyse ökonomischer Phänomene eingegangen. Abschließend wird dargestellt, welche Erkenntnisse aus der Analyse der Arbeitsmarktperformanz sich auch auf andere Indikatoren wie das Wirtschaftswachstum oder die Inflation übertragen lassen.
Kathrin Dümig

Wirtschaftspolitik

Zusammenfassung
Das Kapitel widmet sich dem Stand der Forschung zur Wirtschaftspolitik aus der Perspektive der Policyforschung am Beispiel von staatlichen Interventionen. Zentrale Instrumente sind dabei staatliches Unternehmertum, Subventionierung von Unternehmen und die Regulierung von Märkten. Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Indikatoren, mit denen das Ausmaß staatlicher Intervention gemessen wird, wobei aber jeweils spezifische Schwächen zu beachten sind. Am Beispiel öffentlicher Unternehmen wird die Entstehung des Interventionsstaates seit dem 19. Jahrhundert nachgezeichnet und gezeigt, dass eine Vielzahl von Motiven für Eingriffe in die Wirtschaft existiert. Seit den 1980er Jahren kam es zu einem Rückzug und Wandel des Interventionsstaates. Dabei können allerdings immer noch deutliche Unterschiede zwischen den Ländern festgestellt werden. Die Gründe für diesen Wandel und die (fortbestehenden) Unterschiede zwischen den Ländern sind vielfältig. Als Antriebskräfte werden hauptsächlich Globalisierung, Europäisierung und die Diffusion liberaler wirtschaftspolitischer Ideen angeführt, während nationale Unterschiede auf Parteien, Institutionen oder Gewerkschaften zurückgeführt werden. Allerdings ist der Forschungsstand teilweise widersprüchlich. Das liegt in vielen Fällen an unterschiedlichen abhängigen Variablen, Unterschieden bei den berücksichtigten unabhängigen Variablen und den benutzten Analysemethoden. Zudem wirken zwischen den einzelnen Politikfeldern (Privatisierung, Subventionierung, Regulierung) und sogar zwischen einzelnen Subpolitikfeldern unterschiedliche Dynamiken. Künftige Forschung sollte die Ursachen dieser unterschiedlichen Dynamiken, aber auch Ansteckungs- und Substitutionseffekte zwischen Sektoren und Politikfeldern stärker thematisieren.
Reimut Zohlnhöfer, Carina Schmitt, Herbert Obinger

Sozialpolitik

Zusammenfassung
Welche Risiken sind sozial und welche privat? Wer hat Anspruch auf welche Leistungen? Ist ein umfassender Sozialstaat überhaupt noch finanzierbar? Und warum werden diese Fragen in verschiedenen Ländern so unterschiedlich beantwortet? Diese und ähnliche Fragen – durchwegs zentral für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in kapitalistischen Demokratien – machen die Analyse von Sozialpolitik seit Jahrzehnten zu einem der sowohl theoretisch als auch methodisch dynamischsten und vielfältigsten Felder politikwissenschaftlicher Staatstätigkeitsforschung. Nach einer Übersicht über die komparative Entwicklung und schwierige Messung von Sozialstaaten liegt der Fokus dieses Beitrages auf einer kritischen Diskussion der wichtigsten Theoriedebatten über die Zeit: Parteien- und Machtressourcenzentrierte Ansätze und ihre Kritiken; konkurrierende Regime-Theorien; institutionenzentrierte Zugänge zur Erklärung von Sozialstaatsab- und umbau, sowie die Bedeutung von mehrdimensionalen Verteilungswirkungen in der Sozialpolitikanalyse. Der Beitrag schließt mit einer Diskussion dreier neuerer Debatten: zur Wichtigkeit von öffentlicher Meinung und individueller Präferenzen für die Sozialstaatsentwicklung; zur Interaktion von Sozialpolitik und Parteisystemwandel; und zur zunehmenden Relevanz von Sozialer Investitionspolitik. Da sich nicht nur die Theoriebildung und die methodischen Möglichkeiten schnell entwickeln, sondern vor allem auch das Untersuchungsobjekt der Sozialstaaten selbst vor stetig neuen Herausforderungen steht, geht von diesem Feld auf nicht absehbare Zeit ein großer politischer und wissenschaftlicher Bedarf an innovativer politikwissenschaftlicher Forschung aus.
Silja Häusermann

Bildungspolitik

Zusammenfassung
Bildungspolitik war lange Zeit ein vernachlässigtes Feld der vergleichenden Policy-Forschung. In den letzten Jahren sind allerdings viele neue Forschungsarbeiten entstanden, die diese Lücke zum Teil schließen und – zusammen mit den Klassikern dieses Forschungsfelds – in diesem Überblickskapitel vorgestellt werden. Zunächst zeichnet das Kapitel jedoch anhand von ausgewählten Daten die Konturen des Politikfeldes Bildung im internationalen Vergleich nach. Es folgt eine kritische Würdigung und Diskussion der einschlägigen Forschung entlang dreier Themenbereiche: erstens, Beiträge zur Erklärung der Varianz von bildungspolitischem Output mit einem Schwerpunkt auf der Bildungsausgabenforschung; zweitens, neuere Arbeiten zur Analyse von Konvergenz- und Diffusionsprozessionen in der Steuerung (Governance) von Bildungssystemen, die mit der Internationalisierung von Bildungspolitik zusammenhängen; und drittens, Forschungsansätze, die Bildung aus der Perspektive der vergleichenden politischen Ökonomie analysieren.
Marius R. Busemeyer

Umweltpolitik

Zusammenfassung
Die Vermeidung und Behebung von Umweltverschmutzung stellt ein wichtiges politisches Handlungsfeld dar. Auch wenn heute fast alle Staaten Umweltpolitik betreiben, variieren die ihr zugrundeliegenden handlungsleitenden Prinzipien, Steuerungskonzepte, Ziele, Instrumente und die konkrete Ausgestaltung der Instrumente. Die unterschiedliche inhaltliche Ausgestaltung nationaler Umweltpolitik manifestiert sich in einer variierenden Umweltperformanz. Dieser Beitrag geht der Frage nach, wie Umweltpolitik empirisch erfasst werden kann und welche Faktoren die inhaltliche Ausgestaltung nationaler Umweltpolitik sowie die Umweltperformanz von Staaten erklären können.
Jale Tosun

Die Politik der Inneren Sicherheit

Zusammenfassung
Das Kapitel gibt einen Überblick über die Forschungen zur Politik der Inneren Sicherheit. Dazu wird zunächst die Schwierigkeit diskutiert, die Politik der Inneren Sicherheit begrifflich einzugrenzen und für eine empirische Analyse greifbar zu machen. In einem zweiten Schritt zeigt der Beitrag für unterschiedliche Indikatoren der Politik der Inneren Sicherheit, dass erstens eine erhebliche Varianz zwischen den entwickelten Industriestaaten besteht und dass sich zweitens in einer Clusteranalyse bestimmte Ländergruppenabzeichnen, die bekannten Konzepten aus der Vergleichenden Policy-Forschung ähneln – etwa den „Families of Nations“ oder Wohlfahrtsstaatsregimes. Im letzten Schritt stellt der Beitrag unterschiedliche Erklärungsansätze für die internationale Varianz der Politik der Inneren Sicherheit dar und diskutiert darauf aufbauend die Ergebnisse empirischer Untersuchungen. Dabei wird deutlich, dass die Politik der Inneren Sicherheit nicht ausschließlich durch stärkere Kriminalität, einer punitiveren Einstellung der Bevölkerung oder Globalisierungstrends determiniert wird, sondern dass institutionelle und politische Faktoren eine gewichtige Rolle bei der Erklärung zwischenstaatlicher Unterschiede spielen. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass in dem jungen Untersuchungsfeld noch viel Forschungsbedarf besteht – insbesondere mit Blick auf die Frage, wie die einzelnen Erklärungen miteinander in Verbindung stehen und die Policies der Inneren Sicherheit beeinflussen.
Georg Wenzelburger

Moralpolitik

Zusammenfassung
Dieser Beitrag führt in die Analyse moralpolitischer Entwicklungen aus Sicht der Policy-Analyse ein. Zunächst werden unterschiedliche definitorische Zugänge zum Feld der Moralpolitik kontrastiert sowie häufig untersuchte abhängige Variablen vorgestellt. Im Anschluss folgt eine vergleichende Deskription ausgewählter moralpolitischer Entwicklungen. Konkret fokussiert der Beitrag hier auf die Regulierungsentwicklungen in den Bereichen Schwangerschaftsabbruch, Sterbehilfe und Prostitution. Bevor der Beitrag mit einem kurzen Fazit endet, wird noch die Erklärungskraft unterschiedlicher Faktoren für diese – und andere – moralpolitische Entwicklungen diskutiert.
Christian Adam, Stephan Heichel, Christoph Knill

Außenpolitik

Zusammenfassung
In den vergangenen sechs Dekaden hat sich die vergleichende Außenpolitikanalyse als eigenständiger Forschungsbereich fest etabliert. Seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes hat sie wichtige Impulse durch die IB-Großtheorien sowie Anleihen aus anderen Disziplinen (Ökonomie, Geschichte, Psychologie) erhalten, sodass sie theoretisch und methodisch stärker an die vergleichende Policyanalyse herangerückt ist. Diese Entwicklung zeigt sich im Vergleich des Außenverhaltens unterschiedlicher Regimetypen und Subtypen als auch in einer komparativen Betrachtung von Politikfeldern. Die Hauptaufgabe der Forschung liegt deshalb weniger in der Bewahrung einer Sonderstellung der Außenpolitik- unter den Policyanalyse, sondern vielmehr in der Ausweitung und Integration ihrer Befunde in die Komparatistik und die Internationalen Beziehungen.
Sebastian Harnisch

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