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Handbuch Sorgearbeit, Sorgebeziehungen und das Recht

Caring and the Law

  • Open Access
  • 2026
  • Open Access
  • Buch

Über dieses Buch

Dieses Open-Access-Handbuch umfasst rechtswissenschaftliche und interdisziplinäre Beiträge zu einem Recht der Sorgetätigkeiten und -beziehungen (caring and the law). Bezahlte und unbezahlte Sorgearbeit, sei es Betreuung von Kindern, Pflege oder die Unterstützung von Menschen mit Care-Bedarfen, ist ein aktuelles und umstrittenes Thema auch der Rechts- und Sozialstaatsreform, im nationalen und globalen Kontext. Das Handbuch leistet einen wichtigen Beitrag zur Debatte durch theoretische Grundlegung und Bestandsaufnahme des Status quo der rechtlichen Regulierung von Sorgetätigkeiten und -beziehungen in ausgewählten Rechtsgebieten und Sozialpolitikfeldern. Es eröffnet ein neues rechtswissenschaftliches und interdisziplinäres Forschungsfeld ‚Sorgebeziehungen und Recht‘ mit Bezügen zu Sozialethik, Rechtsphilosophie, den Sozialwissenschaften, Gender Studies und Law in Context-Ansätzen. Ziel ist eine rechtsbereichsübergreifende und interdisziplinäre Analyse im Hinblick auf die Überwindung der fragmentierten Perspektiven auf Care in Teilgebieten des Rechts und der Sozialpolitik.

Inhaltsverzeichnis

  1. 1. Recht, Sorgearbeit und Sorgebeziehungen – eine Einleitung

    • Open Access
    Kirsten Scheiwe, Michelle Cottier, Caroline Voithofer
    Dieses Kapitel führt in das neue Forschungsfeld „Recht der Sorgearbeit und Sorgebeziehungen“ ein und legt den Grundstein für eine interdisziplinäre Debatte. Es beleuchtet zunächst die gesellschaftliche Bedeutung von Care-Tätigkeiten – sowohl bezahlter als auch unbezahlter Sorgearbeit – und zeigt auf, wie diese während der Corona-Pandemie als „systemrelevant“ sichtbar wurden, ohne dass dies zu nachhaltigen Verbesserungen in der Anerkennung oder rechtlichen Absicherung führte. Der Text analysiert die theoretischen und ethischen Grundlagen von Care, insbesondere die Care-Ethik und das Konzept der relationalen Autonomie, und diskutiert die Herausforderungen einer interdisziplinären Definition des Care-Begriffs. Ein zentraler Fokus liegt auf der rechtlichen Regulierung von Sorgebeziehungen in verschiedenen Rechtsbereichen, darunter Familienrecht, Sozialrecht, Arbeitsrecht und Verfassungsrecht. Dabei werden die aktuellen Regelungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz verglichen, um Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Widersprüche herauszuarbeiten. Besonders kritisch wird die fragmentierte und oft widersprüchliche Ausgestaltung des Rechts analysiert, die Care-Arbeit entweder unsichtbar macht oder in prekären Beschäftigungsverhältnissen belässt. Das Kapitel zeigt auf, wie rechtliche Prinzipien wie Solidarität, soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde neu gedacht werden müssen, um Care-Tätigkeiten angemessen anzuerkennen. Zudem werden empirische Daten zur Verteilung von Sorgearbeit – insbesondere der ungleichen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung – einbezogen, um die Diskrepanz zwischen rechtlichen Ansprüchen und gesellschaftlicher Realität zu verdeutlichen. Abschließend wird die Notwendigkeit einer Querschnittsmaterie „Recht der Sorgearbeit und Sorgebeziehungen“ betont, die Care als zentrale gesellschaftliche Aufgabe sichtbar macht und rechtlich neu organisiert. Das Kapitel bietet damit nicht nur eine fundierte Einführung in ein innovatives Forschungsfeld, sondern liefert auch zentrale Impulse für rechtspolitische Reformen, um Care-Arbeit nachhaltig aufzuwerten.
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  2. Multiple Perspektiven auf Sorgearbeit, caring and the law: Begriffe, Theorien, Sozialethik, Empirie, Recht und Gerechtigkeit

    1. 2. Caring and Justice: Towards a Model of Careful Justice and Just Care

      • Open Access
      Jonathan Herring
      Das Kapitel beleuchtet die komplexe Beziehung zwischen sozialer Gerechtigkeit und Fürsorge und zeigt auf, warum beide Konzepte nur gemeinsam funktionieren können. Zunächst wird die historische Entwicklung der Verbindung zwischen Gerechtigkeit und Care nachgezeichnet, beginnend mit Carol Gilligans Unterscheidung zwischen einer Ethik der Gerechtigkeit und einer Ethik der Fürsorge. Dabei wird deutlich, dass diese Trennung heute weitgehend überwunden ist und Care zunehmend als zentraler Bestandteil sozialer Gerechtigkeit verstanden wird. Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf der Analyse von Gerechtigkeitskonzepten wie dem von John Rawls oder der Capabilities-Theorie von Martha Nussbaum, die um die Perspektive der Fürsorge erweitert werden müssen. Besonders relevant ist die Diskussion um universelle Verletzlichkeit, die zeigt, dass Care keine individuelle, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe ist. Das Kapitel geht auch auf die Herausforderungen ein, die sich aus der Integration von Care in Gerechtigkeitstheorien ergeben, insbesondere die Unmöglichkeit, Care vollständig zu kommodifizieren oder gleichmäßig zu verteilen. Abschließend wird betont, dass eine gerechte Gesellschaft nur dann entstehen kann, wenn Care als grundlegendes Prinzip anerkannt und strukturell unterstützt wird. Leser:innen erfahren, wie Care und Justice zusammenhängen, welche theoretischen Grundlagen es gibt und warum eine rein individualistische oder marktorientierte Perspektive auf Gerechtigkeit unzureichend ist. Das Kapitel bietet damit eine fundierte Grundlage für die Entwicklung gerechterer sozialer Systeme.
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    2. 3. Care: A Review of the Literature

      • Open Access
      Mary Daly
      Das Kapitel führt in die vielschichtige Geschichte des Care-Begriffs ein, der sowohl als moralische Haltung als auch als gesellschaftliche Praxis verstanden wird. Es zeigt, wie der Begriff seit den 1980er-Jahren aus feministischer und ethischer Perspektive geprägt wurde und sich von einer rein geschlechtsspezifischen Analyse hin zu einem umfassenden Konzept sozialer Verantwortung entwickelte. Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf der Rolle von Care in der europäischen Sozialpolitik, insbesondere in der Unterscheidung zwischen familialisierten und defamilialisierten Care-Strukturen. Das Kapitel analysiert, wie Care in verschiedenen Ländern institutionalisiert ist – von skandinavischen Wohlfahrtsstaaten mit starker staatlicher Fürsorge bis hin zu südeuropäischen Modellen, die auf familiäre Netzwerke setzen. Besonders kritisch wird dabei die Spannung zwischen Care als Ausdruck von Solidarität und Care als ökonomischer Belastung diskutiert, etwa im Kontext von „Cash-for-Care“-Modellen oder der Kommerzialisierung von Care-Dienstleistungen. Abschließend werden aktuelle Herausforderungen wie die Intersektionalität von Care-Unterversorgung oder die transnationalen Care-Ketten analysiert. Leser:innen erhalten so einen fundierten Überblick über die theoretischen Grundlagen, politischen Implikationen und zukünftigen Forschungsfragen rund um das Thema Care.
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    3. 4. Care-Ethik

      • Open Access
      Marianne Heimbach-Steins
      Das Kapitel führt in die Care-Ethik als sozialethischen Ansatz ein und strukturiert das Thema entlang dreier zentraler Diskursebenen: Sorgepraxen, normative Erwartungen an diese Praxen sowie das zugrundeliegende Ethik-Verständnis. Zunächst wird das semantische Feld um die Begriffe Fürsorge, Sorge und Care skizziert, wobei die historische und ideologische Belastung des Fürsorgebegriffs sowie die sprachliche Funktion des Care-Begriffs als „Bypass“ diskutiert werden. Anschließend analysiert der Text Sorgearbeit als gesellschaftlich unterbewertete, oft prekäre Tätigkeit, die traditionell Frauen zugewiesen wird und in unterschiedlichen institutionellen Kontexten – von der familiären Pflege bis zu professionellen Settings – geleistet wird. Dabei werden intersektionale Ungleichheiten und strukturelle Benachteiligungen, etwa durch migrantische Live-In-Betreuungskräfte, besonders in den Blick genommen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Care-Ethik als relationaler, erfahrungsbasierter und kontextgebundener Praxis, die individuelle Akteur*innen, soziale Interaktionszusammenhänge und institutionelle Rahmenbedingungen gleichermaßen reflektiert. Das Kapitel erläutert zentrale Konzepte wie das Phasen-Modell von Tronto und Fisher, das Care als kooperative Praxis zwischen Gebenden und Empfangenden beschreibt, und diskutiert die Spannung zwischen Asymmetrie und Reziprozität in Sorgebeziehungen. Abschließend werden Impulse für eine Care-sensible Rechtspolitik entwickelt, die auf die Anerkennung von Sorgeverantwortung, die Stärkung von Sorgekooperationen und die Überwindung struktureller Ungerechtigkeiten abzielt. Besonders relevant ist die Forderung nach einer „sorgenden Gesellschaft“, die Care als zentrale Dimension sozialer und ökonomischer Entwicklung begreift und durch politische Steuerung gerechter gestaltet.
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    4. 5. Care Gap und Care Krise: empirische Daten und Vergleich Deutschland, Österreich und die Schweiz

      • Open Access
      Michelle Beyeler
      Das Kapitel beleuchtet die Care Gap und Care Krise in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus einer empirischen Perspektive und vergleicht die Situation mit ausgewählten europäischen Ländern. Im Fokus stehen dabei vier zentrale Themenbereiche: Zunächst wird die unbezahlte Care-Arbeit in Haushalten analysiert, insbesondere die geschlechtsspezifischen Unterschiede, die sich im sogenannten Gender Care Gap widerspiegeln. Anschließend wird untersucht, wie staatliche Unterstützungssysteme – wie Elternzeitmodelle und Kinderbetreuungsangebote – die familiäre Sorgearbeit entlasten und welche Rolle informelle Betreuungsnetzwerke spielen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Care-Arbeitsmarkt: Hier wird der Frage nachgegangen, ob die Auslagerung unbezahlter Care-Arbeit in bezahlte Beschäftigungsverhältnisse zu prekären Arbeitsbedingungen führt, insbesondere für Frauen und Migrant:innen. Abschließend werden die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Care Gap diskutiert, darunter der Gender Pay Gap und die langfristigen Einkommensnachteile von Müttern. Das Kapitel zeigt auf, dass trotz Fortschritten in der Gleichstellung die Care-Arbeit weiterhin ungleich verteilt ist und die Care Krise durch die Pandemie weiter verschärft wurde. Es wird deutlich, dass eine nachhaltige Lösung nur durch eine Kombination aus besserer Datengrundlage, politischen Reformen und gesellschaftlichem Wandel möglich ist.
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    5. 6. Verschränkte Freiheit: Sorgebeziehungen und Autonomie als Herausforderungen für Recht und Gerechtigkeit

      • Open Access
      Elisabeth Holzleithner, Lisa Chi
      Das Kapitel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen Autonomie, Gerechtigkeit und Sorgebeziehungen und zeigt, warum diese Trias für eine liberale Demokratie unverzichtbar ist. Zunächst wird der Begriff des Sorgens als zentraler Gegenstand der Care-Ethik eingeführt und von traditionellen Fürsorgekonzepten abgegrenzt. Anschließend analysiert der Text, wie individuelle Autonomie stets an soziale Ermöglichungsbedingungen gebunden ist – insbesondere an Sorgeleistungen, die entweder selbst erbracht oder von anderen empfangen werden. Dabei wird deutlich, dass Autonomie ohne Care nicht denkbar ist, gleichzeitig aber auch die Position der Sorgenden selbst autonomiegewährleistend gestaltet sein muss, um dem Anspruch gleicher Freiheit gerecht zu werden. Ein zentraler Fokus liegt auf den Machtverhältnissen in Sorgebeziehungen, die durch intersektionale Achsen wie Geschlecht, Klasse, Ethnizität und Migration geprägt sind. Der Text zeigt, wie Care-Arbeit historisch und strukturell abgewertet wird, insbesondere wenn sie von Frauen oder marginalisierten Gruppen erbracht wird, und wie dies zu prekären Arbeitsbedingungen und sozialer Ungleichheit führt. Anhand von Beispielen wie der COVID-19-Pandemie oder globalen Sorgeketten wird illustriert, wie Care-Krisen systematisch externalisiert und an schwächere Gruppen weitergegeben werden. Im zweiten Teil des Kapitels wird das Konzept der Care-Ethik vorgestellt, das traditionelle Gerechtigkeitstheorien herausfordert, indem es die Qualität von Sorgebeziehungen und die damit verbundenen Tugenden wie Empathie und Verantwortung in den Mittelpunkt stellt. Dabei wird kritisch diskutiert, inwiefern Care-Ethik selbst in Gefahr steht, Geschlechterstereotype zu reproduzieren, und wie eine queere oder intersektionale Perspektive diese Blindstellen überwinden kann. Abschließend wird ein Modell des 'dem Sorgen zugewandten Rechts' entwickelt, das rechtliche Rahmenbedingungen schafft, um Autonomie in Sorgebeziehungen zu stärken – sei es in intimen Nahbeziehungen, der Eltern-Kind-Beziehung oder entgeltlichen Care-Verhältnissen. Das Kapitel endet mit der These, dass Autonomie und Gerechtigkeit in Sorgebeziehungen untrennbar miteinander verwoben sind und dass eine gerechte Gesellschaft nur dann möglich ist, wenn Care-Leistungen sichtbar gemacht, anerkannt und gleichberechtigt verteilt werden.
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  3. Multiple Perspektiven auf Sorgearbeit, caring and the law: menschenrechtlich, interdisziplinär

    1. Frontmatter

    2. 7. Care und Menschenrechtsübereinkommen

      • Open Access
      Judith Wyttenbach
      Dieser Fachbeitrag bietet einen umfassenden Überblick über die menschenrechtliche Absicherung von Care-Arbeit – verstanden als bezahlte und unbezahlte Sorgearbeit, von der Pflege über Haushaltsführung bis hin zur Betreuung von Angehörigen. Im Zentrum steht die Analyse, wie zentrale Menschenrechtsübereinkommen wie der UN-Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (CESCR), die Kinderrechtskonvention (KRK) oder die Behindertenrechtskonvention (BRK) die Rechte von Sorgeleistenden und Sorgeempfangenden schützen. Dabei wird deutlich, dass Care nicht nur eine Frage der sozialen Absicherung ist, sondern tief in die Menschenrechtsarchitektur eingebettet ist – von Freiheitsrechten wie dem Schutz des Privat- und Familienlebens bis zu sozialen Rechten wie dem Zugang zu Gesundheitsversorgung und sozialer Sicherheit. Ein besonderer Fokus liegt auf der Genderdimension: Der Beitrag zeigt auf, wie die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit zwischen den Geschlechtern zu struktureller Diskriminierung führt und welche menschenrechtlichen Verpflichtungen Staaten haben, um diese Benachteiligungen zu überwinden. Zudem werden aktuelle Entwicklungen wie die Anerkennung eines eigenständigen Rechts auf Care durch den Inter-Amerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte oder die Diskussion um ein right not to care diskutiert. Der Text beleuchtet auch die Herausforderungen im Umgang mit Care-Migration und die Rolle internationaler Organisationen wie der ILO bei der Regulierung von Sorgearbeit. Abschließend wird ein Ausblick auf die Notwendigkeit einer grundlegenden Transformation von Sorgesystemen gegeben, um Gleichstellung und Nachhaltigkeit zu fördern – ein Thema, das aktuell auf der politischen Agenda der Vereinten Nationen steht. Wer sich für die Schnittstellen zwischen Menschenrechten, Sozialpolitik und Care-Arbeit interessiert, findet hier eine fundierte Analyse mit konkreten Handlungsempfehlungen für die Praxis.
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    3. 8. Selbstbestimmung, Inklusion und Care: Perspektiven der Disability Studies auf ein sorgsames Recht

      • Open Access
      Barbara von Rütte
      Der Fachbeitrag untersucht, wie die Behindertenrechtskonvention (BRK) und die Disability Studies ein sorgsames Recht prägen, das Selbstbestimmung, Inklusion und Care-Arbeit neu definiert. Im Zentrum steht die Frage, wie strukturelle Barrieren abgebaut und Sorgebeziehungen gleichberechtigt gestaltet werden können, um die volle Teilhabe von Menschen mit Behinderungen zu ermöglichen. Der Text beleuchtet zunächst die unterschiedlichen Perspektiven von Care und Disability Studies: Während Care traditionell als Tätigkeit des sich Sorgens um nicht selbstversorgungsfähige Menschen verstanden wird, betonen die Disability Studies, dass Behinderung nicht als individuelles Defizit, sondern als Folge gesellschaftlicher Barrieren zu begreifen ist. Die BRK übernimmt dieses soziale Modell von Behinderung und übersetzt es in geltendes Recht, indem sie Menschen mit Behinderungen als gleichberechtigte Rechtssubjekte anerkennt. Ein zentraler Fokus liegt auf dem Recht auf unabhängige Lebensführung und Einbeziehung in die Gemeinschaft gemäß Art. 19 BRK. Der Beitrag analysiert, wie dieses Recht Autonomie und Selbstbestimmung stärkt, ohne die Notwendigkeit von Sorge und Unterstützung zu negieren. Er zeigt auf, dass Unterstützungsleistungen wie persönliche Assistenz diskriminierungsfrei ausgestaltet sein müssen und die Kontrolle über die Lebensgestaltung bei der betroffenen Person liegen sollte. Zudem wird das Spannungsfeld zwischen De-Institutionalisierung und der Gewährleistung ausreichender Sorgeleistungen diskutiert. Der Text argumentiert, dass ein sorgsames Recht nur gelingen kann, wenn es auf einem menschenrechtsbasierten und intersektionalen Ansatz beruht, der die Universalität von Sorgebedürfnissen und -tätigkeiten anerkennt. Abschließend wird betont, dass die BRK nicht nur Rechte für Menschen mit Behinderungen schafft, sondern auch sorgeleistende Personen schützt und deren gesellschaftliche Anerkennung fördert.
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    4. 9. Reproduktion – mit Fokus auf Schwangerschaft und Geburt. Eine Perspektive der Sorge auf das Schweizer Recht

      • Open Access
      Fiona Behle
      Das Kapitel untersucht die rechtliche und ethische Dimension reproduktiver Autonomie in der Schweiz, insbesondere im Kontext von Schwangerschaft und Geburt. Es beginnt mit einer kritischen Analyse des traditionellen Autonomiebegriffs, der individuelle Entscheidungsfreiheit betont, und zeigt auf, warum dieser Ansatz für reproduktive Entscheidungen – insbesondere während der Schwangerschaft – unzureichend ist. Stattdessen wird die relationale Autonomie in den Vordergrund gestellt, die soziale Bezüge, Vulnerabilität und Verantwortung berücksichtigt. Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf der Gegenüberstellung einer Konfliktperspektive, die Rechte der Mutter und des Ungeborenen als gegensätzlich betrachtet, und einer Sorge-Perspektive, die die Verbundenheit beider betont. Die Autorin argumentiert, dass medizinische Entscheidungen während Schwangerschaft und Geburt nicht als Abwägung konfligierender Interessen, sondern als Ausdruck sorgender Verantwortung verstanden werden sollten. Besonders relevant ist die Diskussion um die informierte Einwilligung, die körperliche Integrität der schwangeren Person und die Rolle des Staates als ‚responsive state‘, der die Resilienz vulnerabler Personen stärkt. Abschließend wird ein sorgsames Recht gefordert, das die relationale Sorgetätigkeit anerkennt und Rahmenbedingungen für eine gerechte Ausgestaltung reproduktiver Entscheidungen schafft. Das Kapitel verbindet juristische Analysen mit ethischen und sozialwissenschaftlichen Perspektiven und bietet damit eine fundierte Grundlage für die Weiterentwicklung reproduktiver Rechte im Schweizer Kontext.
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    5. 10. Frauenbewegung in Sorge um Arbeit, Zeit und Recht: Debatten im Kontext des entstehenden schweizerischen Sozialstaates um 1900

      • Open Access
      Simona Isler
      Das Kapitel analysiert die Debatten der Schweizer Frauenbewegung um 1900 zur gesellschaftlichen Organisation von Arbeit und Sorge im Zuge der Industrialisierung. Im Zentrum stehen drei zentrale Themenbereiche: Erstens die Auseinandersetzung mit dem Fabrikgesetz und der Unfallversicherung, die zeigt, wie unterschiedliche Frauenorganisationen – der Schweizerische Arbeiterinnenverband (SAV), der Bund Schweizerischer Frauenvereine (BSF) und der Schweizerische Gemeinnützige Frauenverein (SGF) – die Arbeitsbedingungen von Frauen in Fabriken und die Frage nach Gleichbehandlung versus spezifischem Schutz diskutierten. Zweitens wird das Dienstbotinnenwesen thematisiert, das als besonders prekärer Arbeitsbereich galt und zu kontroversen Lösungsansätzen führte – von der Abschaffung bis zur Reformierung durch „Mutterhäuser“. Drittens wird die Ressource Zeit als zentraler Konfliktpunkt herausgearbeitet: Arbeiterinnen litten unter extrem langen Arbeitszeiten, die sowohl bezahlte Erwerbsarbeit als auch unbezahlte Sorgearbeit umfassten, und forderten gesetzliche Regelungen zur Entlastung. Das Kapitel schließt mit einem Fazit, das die historischen Debatten mit heutigen Fragen zur Care-Krise verknüpft und betont, dass die ungelösten Spannungen zwischen Gleichheit und Schutz, zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit sowie zwischen Autonomie und Abhängigkeit bis heute relevant sind. Leser erfahren, wie die frühen feministischen Diskurse aktuelle Überlegungen zur Organisation von Sorgearbeit bereichern können und warum ein Perspektivwechsel notwendig ist, um Care-Arbeit nicht nur als Problem, sondern als zentrales gesellschaftliches Gestaltungsfeld zu begreifen.
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    6. 11. Zeit, Sorgearbeit und Recht – Zeit für ein sorgeorientiertes Recht

      • Open Access
      Kirsten Scheiwe
      Der Fachbeitrag untersucht, wie Recht und Sozialpolitik die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern prägen und welche Reformen notwendig sind, um Care-Arbeit gesellschaftlich gerechter zu gestalten. Im ersten Schwerpunkt analysiert er die empirischen Grundlagen von Zeitarmut und Care-Ungleichheiten, darunter der Gender Time Gap und der Gender Care Gap. Anhand internationaler und nationaler Daten wird deutlich, dass Frauen trotz geringerer Erwerbsarbeitszeiten mehr Gesamtarbeitszeit leisten und weniger Freizeit haben. Der zweite Schwerpunkt widmet sich der rechtlichen Regulierung von Sorgearbeit, insbesondere im Arbeits- und Sozialrecht. Hier zeigt sich, dass traditionelle Leitbilder wie das ‚Normalarbeitsverhältnis‘ oder das Ehegattensplitting Care-Arbeit als Privatsache abwerten und Frauen in Teilzeit oder prekäre Beschäftigung drängen. Der dritte Schwerpunkt beleuchtet historische Entwicklungen, die zu dieser Ungleichheit geführt haben, etwa die Industrialisierung und die damit verbundene Abwertung unbezahlter Care-Zeiten. Der vierte Schwerpunkt diskutiert konkrete Reformvorschläge, darunter die Einführung eines ‚care-sensiblen Normalarbeitsverhältnisses‘ mit verkürzten Wochenarbeitszeiten, verbesserte Freistellungsansprüche für Sorgearbeit und eine stärkere Anerkennung unbezahlter Care-Zeiten im Sozialrecht. Abschließend wird betont, dass eine geschlechtergerechte Zeitpolitik nur durch eine Kombination aus rechtlichen Reformen, sozialen Dienstleistungen und einer Umverteilung von Care-Arbeit zwischen den Geschlechtern gelingen kann.
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  4. Teil III: Sorgetätigkeiten und Sorgebeziehungen im Familien- und Erbrecht

    1. Frontmatter

    2. 12. Ambivalenzen der Absicherung von Care-Arbeit durch das Unterhaltsrecht am Beispiel der Schweiz

      • Open Access
      Michelle Cottier
      Das Kapitel beleuchtet die Entwicklung des Schweizer Unterhaltsrechts seit 1988 und dessen ambivalente Rolle bei der Absicherung von Care-Arbeit. Zunächst wird dargestellt, wie die Eherechtsreform von 1988 Care-Arbeit als gleichwertigen Beitrag zum Familienunterhalt anerkannte, sich diese Anerkennung jedoch in der Gerichtspraxis nicht durchsetzte. Stattdessen führte ein formal-egalitäres Verständnis der Gleichstellung zu einer Reduktion von Unterhaltszahlungen nach Trennungen. Die Scheidungsrechtsreform von 2000 betonte zwar die nacheheliche Solidarität, setzte diese aber nicht konsequent um, was zu einem Bedeutungsverlust des nachehelichen Unterhalts führte. Mit der Reform von 2017 wurde der Betreuungsunterhalt als neuer Bestandteil des Kindesunterhalts eingeführt, um Einkommenseinbußen durch Care-Arbeit auszugleichen. Allerdings zeigt die Rechtsprechung, dass dieser Ansatz in der Praxis oft nur unzureichend wirkt, da das Bundesgericht eine Berechnungsmethode wählt, die den betreuenden Elternteil benachteiligt. Zudem wird analysiert, wie die aktuelle Rechtsprechung seit 2022 den nachehelichen Unterhalt weiter einschränkt, indem sie Lebensprägung und Betreuungsunterhalt neu definiert. Das Fazit des Kapitels verdeutlicht, dass das Unterhaltsrecht trotz gesetzlicher Reformen seine Funktion, wirtschaftliche Nachteile von Care-Arbeit auszugleichen, nicht erfüllt. Besonders kritisch wird hervorgehoben, dass Frauen nach Trennungen deutlichere finanzielle Einbußen erfahren als Männer und diese Ungleichheiten langfristig bestehen bleiben.
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    3. 13. Wie würde ein sorgeorientiertes Familienrecht aussehen?

      • Open Access
      Harry Willekens
      Das Kapitel untersucht die Grundlagen eines Familienrechts, das sich an den tatsächlichen Sorgebedürfnissen von Kindern und Eltern ausrichtet. Zunächst wird der Sorgebegriff präzise eingegrenzt und seine zentrale Bedeutung für das Familienrecht herausgearbeitet. Dabei wird deutlich, dass das gegenwärtige Recht oft an den realen Bedürfnissen vorbeigeht, da es sich zu stark an abstrakten Kriterien wie genetischer Verwandtschaft oder Ehe orientiert. Der Autor entwickelt daraus ein alternatives Modell, das die tatsächliche Sorgearbeit und die Bedürfnisse der Beteiligten in den Vordergrund stellt. Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie Elternschaft und Partnerschaftsbeziehungen rechtlich so gestaltet werden können, dass sie den Anforderungen der Kindersorge gerecht werden. Dabei werden insbesondere die Möglichkeiten diskutiert, mehr als zwei Personen als rechtliche Eltern anzuerkennen, um die Stabilität der Sorgebeziehungen zu erhöhen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Analyse der Partnerschaftsbeziehungen und ihrer Bedeutung für die Organisation der Sorgearbeit. Hier wird aufgezeigt, wie das geltende Recht diejenigen benachteiligt, die durch Sorgearbeit ihre Erwerbschancen opfern, und welche Reformen notwendig wären, um diese Ungerechtigkeiten zu beheben. Abschließend werden konkrete Vorschläge unterbreitet, wie das deutsche Familienrecht sorgeorientierter gestaltet werden könnte, etwa durch die Stärkung des Schutzes der Familienwohnung oder die Einführung eines lebenslangen Wohnrechts für überlebende Partner:innen. Das Kapitel liefert damit nicht nur eine fundierte Analyse, sondern auch praxisnahe Impulse für eine Reform des Familienrechts.
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    4. 14. Zivilrechtliches Kindschaftsrecht im Kontext eines sorgeorientierten Rechts am Beispiel des österreichischen Rechts

      • Open Access
      Caroline Voithofer
      Das Kapitel beleuchtet die Entwicklung des österreichischen Kindschaftsrechts und dessen Anpassungsbedarf an ein sorgeorientiertes Rechtsverständnis. Im Fokus stehen dabei vier zentrale Themenbereiche: Zunächst wird die historische und rechtspolitische Entwicklung des Kindschaftsrechts dargestellt, insbesondere die Reformen der 1970er und 1980er Jahre sowie die Einflüsse der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR). Anschließend analysiert der Beitrag die rechtlichen Grundlagen der Obsorge, insbesondere die Unterschiede zwischen der gemeinsamen und alleinigen Obsorge sowie die aktuelle Praxis der Doppelresidenz. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der rechtlichen Elternschaft, die primär an Abstammung und Ehe/eingetragene Partnerschaft anknüpft, und der Frage, inwiefern tatsächliche Sorgebeziehungen stärker berücksichtigt werden könnten. Abschließend werden die Möglichkeiten und Grenzen der Adoption und Pflegeelternschaft als Alternativen zur klassischen Elternschaft diskutiert. Das Kapitel kommt zu dem Ergebnis, dass das österreichische Kindschaftsrecht zwar bereits Ansätze eines sorgeorientierten Rechtsverständnisses erkennen lässt, jedoch noch weiterer Reformbedarf besteht, um tatsächliche Sorgebeziehungen rechtlich stärker abzubilden und die Gleichwertigkeit von Elternrechten und -pflichten zu gewährleisten. Besonders relevant ist dabei die Frage, wie das Recht die gelebte Realität von Familienbeziehungen besser widerspiegeln kann, ohne dabei die Rechtssicherheit zu gefährden.
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    5. 15. Care entlang eines Spektrums: Vaterschaft in der Rechtsprechung des EGMR

      • Open Access
      Alice Margaria, Marie-Hélène Peter-Spiess
      Zusammenfassung
      Das vorliegende Kapitel befasst sich mit dem Verhältnis zwischen rechtlicher Vaterschaft und Care in der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR). Hiermit wird ein breites Spektrum von Interpretationen von väterlicher Care aufgezeigt. Zunächst wird der sich wandelnde Charakter der Vaterschaft sowohl im gesellschaftlichen als auch im rechtlichen Kontext vorgestellt. Anschließend wird die einschlägige Rechtsprechung des EGMR präsentiert. Konzeptualisierungen von Care, die an einem Ende des Spektrums stehen, werden untersucht: Care als relevant. Insbesondere werden die drei folgenden Arten von Care präsentiert: Care als Sorgearbeit, Care als Sorgeabsicht und Care als Sorgepotenzial. Der Schwerpunkt wird dann auf die andere Seite des Spektrums verlagert: Fälle werden vorgestellt, in denen Care in traditioneller Weise definiert wird, nämlich als weiblich, in denen väterliche Care als irrelevant angesehen wird, oder in denen väterliche Care unsichtbar gemacht wird – zum Nachteil der beschwerdeführenden Väter. Abschließend wird auf die Schwierigkeit bei der Einbeziehung von Männern, insbesondere von Vätern, in den Care-Rahmen hingewiesen.
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    6. 16. Care in queeren Familien

      • Open Access
      Almut Peukert
      Das Kapitel untersucht, wie rechtliche Rahmenbedingungen Care-Arbeit in queeren Familien gestalten und welche Hürden sowie Fortschritte es bei der Anerkennung vielfältiger Familienformen gibt. Im Fokus stehen dabei die historischen und normativen Grundlagen des Familienrechts, die sich am heteronormativen und bürgerlichen Familienideal orientieren, sowie die damit verbundenen rechtlichen und sozialen Ungleichheiten für queere Familien. Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf den Wegen in die Elternschaft, den Alltagspraktiken und der Sorgearbeit in verschiedenen queeren Familienkonstellationen – von lesbischen Cis-Mütterfamilien über schwule Cis-Väterfamilien bis hin zu Mehrelternschaften und polyamoren Arrangements. Dabei werden empirische Studien aus dem angloamerikanischen und europäischen Raum herangezogen, um die Vielfalt der Familienformen und die damit verbundenen Herausforderungen zu verdeutlichen. Theoretisch fundiert wird die Analyse durch queertheoretische Konzepte wie Heteronormativität und Paarnormativität sowie durch den praxistheoretischen Ansatz des Doing Family. Diese Perspektiven zeigen, wie rechtliche und gesellschaftliche Normen familiale Praktiken prägen und welche Ambivalenzen mit der rechtlichen Anerkennung queerer Familien einhergehen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der kritischen Auseinandersetzung mit der rechtlichen Regulierung von Elternschaft, insbesondere in Bezug auf die Eltern-Kind-Zuordnung und die damit verbundenen sozialen Ungleichheiten. Das Kapitel diskutiert zudem die globalisierten Reproduktionsmärkte und die damit verbundenen ethischen und rechtlichen Fragen, die queere Familien vor besondere Herausforderungen stellen. Abschließend werden Herausforderungen und Implikationen für ein sorgsames Recht formuliert, das die Anerkennung und Förderung von Sorgebeziehungen in den Mittelpunkt stellt. Dabei wird ein Paradigmenwechsel hin zu einem Familienrecht gefordert, das von den tatsächlichen Sorgebedürfnissen und familialen Praktiken ausgeht und die Vielfalt von Familienformen angemessen berücksichtigt.
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    7. 17. Familiäre Alterspflege und Erbrecht: Paradoxien und Ambivalenzen

      • Open Access
      Anne Röthel
      Das Kapitel beleuchtet die ambivalente Rolle von familiärer Alterspflege im Erbrecht und zeigt, wie diese Leistungen sowohl implizit als auch explizit anerkannt werden. Zunächst wird ein Überblick über die bestehenden erbrechtlichen Abgeltungsregelungen gegeben, darunter das deutsche Modell der Miterbenausgleichung nach § 2057a BGB, das österreichische Pflegevermächtnis (§§ 677, 678 ABGB) und das schweizerische Lidlohn-Modell (Art. 334 ZGB). Dabei werden die Unterschiede in den Anspruchsvoraussetzungen, der Anspruchsberechtigung und der Bemessung der Abgeltung detailliert dargestellt. Ein zentraler Fokus liegt auf der Frage, warum diese Regelungen in der Praxis nur selten zur Anwendung kommen und welche rechtspolitischen Diskussionen sich daraus ergeben. Im zweiten Teil des Kapitels wird der Blick erweitert: Es wird analysiert, wie Sorgearbeit generell die Legitimation erbrechtlicher Institutionen prägt – etwa beim Pflichtteilsrecht der Eltern, der gesetzlichen Erbfolge oder der Testierfreiheit. Hier zeigt sich ein Paradox: Während Sorgearbeit als Grund für die Existenz erbrechtlicher Ansprüche dient, bleibt ihre explizite Abgeltung in der Praxis oft unzureichend. Abschließend werden die Gründe für diese Diskrepanz diskutiert, darunter die historische „longue durée“ des Erbrechts, die Präferenz für formale Gleichheit und die Sorge vor Streitigkeiten. Das Kapitel endet mit einer kritischen Reflexion über die Grenzen erbrechtlicher Abgeltung und plädiert dafür, familiäre Pflegeleistungen nicht nur im Erbrecht, sondern bereits zu Lebzeiten sichtbarer und entgeltlicher zu gestalten. Für Professionals, die mit Erbrecht, Sozialrecht oder Altenpflege befasst sind, bietet der Text eine fundierte Analyse der rechtlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen, die mit der Honorierung von Pflegeleistungen verbunden sind.
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  5. Sorgetätigkeiten im Sozialrecht, Kinder- und Jugendhilferecht und in der Praxis gelebter Sorgebeziehungen

    1. Frontmatter

    2. 18. Care in der sozialrechtlichen Existenzsicherung und in existenziellen (Wohnungs)Notlagen

      • Open Access
      Susanne Dern
      Der Fachbeitrag beleuchtet die komplexe Beziehung zwischen Care-Verantwortung und Existenzsicherung im deutschen Sozialrecht. Im Zentrum steht die Frage, wie das System der Bedarfsgemeinschaft im SGB II (Bürgergeld) Care-Arbeit strukturell benachteiligt – etwa durch die Anrechnung von Partner:inneneinkommen oder die unzureichende Berücksichtigung geteilter Sorgemodelle. Ein zentraler Fokus liegt auf den Schnittstellenproblemen zwischen verschiedenen Sozialleistungen wie Bürgergeld, Wohngeld, Kinderzuschlag und Unterhaltsvorschuss, die für Alleinerziehende und Trennungsfamilien besonders relevant sind. Der Text analysiert zudem die unzureichende Abbildung von Care-Bedarfen in existenziellen Notlagen, etwa bei drohender Wohnungslosigkeit, und zeigt auf, wie kommunale Hilfesysteme oft nicht auf die Bedürfnisse von Familien mit Care-Verantwortung ausgerichtet sind. Abschließend werden konkrete Reformvorschläge diskutiert, darunter die Individualisierung von Sozialleistungen und die Anerkennung geteilter Sorgemodelle, um Care-Arbeit gerechter abzusichern. Der Beitrag verbindet historische Entwicklungen mit aktuellen Debatten und bietet damit eine fundierte Grundlage für die kritische Auseinandersetzung mit der Sozialpolitik.
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    3. 19. Sozialrechtliche Absicherung und Gesundheitsschutz der Pflege von Angehörigen

      • Open Access
      Kurt Pärli, Daniel Mahrer, Sefora Pileggi
      Das Kapitel beleuchtet die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen für die Pflege von Angehörigen in der Schweiz und analysiert, wie diese sozial abgesichert werden kann. Zunächst werden die wirtschaftlichen und gesundheitlichen Folgen der Angehörigenpflege für die Pflegepersonen dargestellt, darunter Verdienstausfälle, Vorsorgelücken und psychische Belastungen. Anschließend werden die relevanten Sozialversicherungsleistungen wie die Hilflosenentschädigung der Invalidenversicherung, Betreuungsgutschriften der AHV und Betreuungsurlaub im Arbeitsrecht detailliert erläutert. Ein besonderer Fokus liegt auf der Anstellung von Angehörigen bei Spitex-Organisationen als pragmatische Lösung zur Aufrechterhaltung der sozialen Absicherung. Zudem werden die Herausforderungen bei der Abgrenzung von Pflege und Betreuung sowie die unklaren Definitionen von Angehörigen und Pflegebedürftigkeit diskutiert. Abschließend werden Verbesserungspotenziale aufgezeigt, etwa die Einführung einer eigenständigen Pflegeversicherung oder die Ausweitung des Leistungsspektrums der Krankenversicherung für häusliche Pflege. Das Kapitel bietet damit einen umfassenden Überblick über die aktuellen Regelungen und zeigt auf, wo noch Handlungsbedarf besteht, um die Vereinbarkeit von Pflege und Erwerbstätigkeit zu verbessern.
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    4. 20. Zum Verhältnis von Care, Familie und Kinder- und Jugendhilfe

      • Open Access
      Christiane Bomert, Angela Rein, Barbara Stauber, Stefan Schnurr
      Der Fachbeitrag beginnt mit einer begrifflichen Einordnung von Care als lebensnotwendiges Fundament jeder Gesellschaft, das jedoch systematisch marginalisiert, entwertet und prekarisiert wird. Anschließend wird analysiert, wie Care-Verhältnisse in der Kinder- und Jugendhilfe zwischen Unterstützung, Normierung und Kontrolle oszillieren und welche Folgen dies für Professionelle, Familien und Kinder hat. Dabei werden rechtliche Reformprozesse im deutschsprachigen Raum beleuchtet, insbesondere die Auslegung des Kindeswohlbegriffs in familien- und kindesschutzrechtlichen Entscheidungen. Der Fokus liegt auf der Frage, wie professionelle Fachkräfte Care in ihren Bewertungspraktiken berücksichtigen – oder gerade nicht. Besonders relevant sind die Ausführungen zu drei exemplarischen Vertiefungen: Erstens wird der Zusammenhang zwischen Professionalität, Care und Kindesschutz analysiert, wobei deutlich wird, wie hegemoniale Familienbilder und feminisierte Normalitätsvorstellungen von Care die Praxis prägen. Zweitens wird Care im stationären Kontext und im Prozess des Leaving Care betrachtet, wobei die Spannung zwischen familialen Idealen und öffentlicher Verantwortung sichtbar wird. Hier zeigt sich, wie normative Vorstellungen von Familie und Care die Biografien von Care Leavern prägen. Drittens wird die oft übergangene Situation von Young Carers thematisiert, die Care-Verhältnisse umkehren und damit neue Herausforderungen für die Kinder- und Jugendhilfe schaffen. Der Fachbeitrag endet mit einem Zwischenfazit, das die Potenziale des Care-Begriffs für die Theoriebildung und Praxis der Kinder- und Jugendhilfe herausstellt. Dabei wird betont, wie wichtig eine kritische Reflexion der Verantwortungsdelegation an Familien und Professionelle ist, um Care-Arbeit sichtbar zu machen und gerecht zu verteilen. Besonders hervorzuheben ist die interdisziplinäre Verknüpfung von Care-Diskursen mit rechtlichen, sozialpädagogischen und empirischen Perspektiven, die dem Text eine einzigartige Tiefe verleiht.
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    5. 21. Young Carers in Deutschland, Österreich und der Schweiz

      Kinder und Jugendliche im Spannungsfeld zwischen care-giving und care-receiving
      • Open Access
      Stefanie Gröhl
      Der Fachbeitrag liefert eine umfassende Einführung in die Situation von Kindern und Jugendlichen, die als pflegende Angehörige – sogenannte Young Carers – in Deutschland, Österreich und der Schweiz Verantwortung für kranke, beeinträchtigte oder suchtkranke Familienmitglieder übernehmen. Zunächst wird der Begriff präzise definiert und von anderen Pflegekonzepten abgegrenzt, wobei der Fokus auf der besonderen Bedeutung der familialen Fürsorgebeziehungen liegt. Im Zentrum stehen die Dimensionen der Care-Arbeit: Die Autor:innen beschreiben, wie Young Carers durch ihre Unterstützung Alltagsstrukturen aufrechterhalten, von einfachen Haushaltsaufgaben bis hin zur Übernahme medizinischer Grundversorgung. Dabei wird deutlich, dass diese Aufgaben oft unsichtbar bleiben und von den Betroffenen selbst selten als „Pflege“ wahrgenommen werden. Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf den möglichen Folgen dieser Verantwortung: Neben physischen Belastungen wie Erschöpfung oder Schlafstörungen werden psychische Auswirkungen wie soziale Isolation, Schulprobleme oder langfristige Entwicklungsrisiken analysiert. Besonders kritisch wird die Frage diskutiert, ob sich aus care-ethischer Perspektive eine Pflicht zur Pflege ableiten lässt – ein Aspekt, der bisher wenig Beachtung fand. Abschließend werden die rechtlichen Unterstützungsstrukturen in den drei Ländern gegenübergestellt und ihre Anwendbarkeit auf Young Carers hinterfragt. Der Beitrag zeigt auf, dass bestehende Hilfsangebote wie Pflegekurse oder Entlastungsmaßnahmen oft nicht auf die Bedürfnisse junger Pflegender zugeschnitten sind und in ländlichen Regionen kaum verfügbar sind. Wer sich mit den Herausforderungen und Chancen von Young Carers auseinandersetzt, erhält hier eine fundierte Grundlage, um die komplexen Dynamiken familialer Pflegearrangements zu verstehen und Handlungsoptionen für Praxis und Politik abzuleiten.
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    6. 22. Sorgearbeit in Zeiten einer Pandemie: Ergebnisse einer Interviewstudie zu ethischen Herausforderungen in der stationären Langzeitpflege

      • Open Access
      Magdalena Flatscher-Thöni, Christiane Kreyer
      Die Covid-19-Pandemie veränderte die professionelle Sorgearbeit in der stationären Langzeitpflege grundlegend und verschärfte bestehende ethische Herausforderungen. Der Beitrag präsentiert Ergebnisse einer qualitativen Interviewstudie mit 18 Pflegekräften aus österreichischen Pflegeheimen, die während der Pandemie erhoben wurden. Im Mittelpunkt stehen vier zentrale Themenbereiche: Erstens die dramatischen Auswirkungen behördlicher Schutzmaßnahmen wie Zimmerquarantäne und Besuchsverbote auf den Lebensalltag der Bewohner:innen, die das Heim als Lebensort und Zuhause infrage stellten. Zweitens die tiefgreifenden Veränderungen in den Pflegebeziehungen, die durch Maskenpflicht, Testzwang und die Rolle der Pflegekräfte als Kontrollinstanzen geprägt waren. Drittens die spürbaren Einbußen in der Pflege- und Betreuungsqualität, die durch Personalmangel, zusätzliche Aufgaben und Zeitdruck entstanden und zu einer Reduktion auf rein körperliche Grundversorgung führten. Viertens das relationale Erleben der Pflegekräfte, die unter hohem Arbeitsdruck, Ansteckungsängsten und gesellschaftlicher Stigmatisierung litten, während sie gleichzeitig moralische Entscheidungen in einem rechtlich und institutionell unklaren Rahmen treffen mussten. Die Studie zeigt, wie Pflegekräfte in einem Spannungsfeld zwischen behördlichen Vorgaben, individueller Fürsorge und ihrem Berufsethos handelten – oftmals durch kreative Lösungen, die im Widerspruch zu offiziellen Richtlinien standen. Abschließend werden Empfehlungen für die Einrichtung von Ethikkomitees in Pflegeheimen diskutiert, um Pflegekräfte in ihrer Rolle als moralische Akteur:innen zu stärken und zukünftige Krisen besser zu bewältigen. Der Beitrag bietet damit nicht nur eine fundierte Analyse der pandemiebedingten ethischen Konflikte, sondern auch konkrete Ansätze für eine menschenwürdige Pflege in Krisenzeiten.
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  6. Erwerbsarbeit im Care-Sektor – Perspektiven auf Arbeits-, Sozial- und Berufsrecht und die Kämpfe um Rechte

    1. Frontmatter

    2. 23. Care als Erwerbsarbeit – arbeitsrechtliche Aspekte

      • Open Access
      Eva Kocher
      Das Kapitel analysiert Care-Arbeit nicht als unbezahlte Sorgearbeit, sondern als bezahlte Erwerbsarbeit in zentralen gesellschaftlichen Berufsfeldern wie Gesundheit, Pflege, Betreuung, Erziehung und haushaltsnahen Dienstleistungen. Zunächst werden die strukturellen Rahmenbedingungen dieser sogenannten SAHGE-Berufe (Soziale Arbeit, Haushaltsnahe Dienstleistungen, Gesundheit/Pflege, Erziehung) dargestellt, die durch eine starke Vergeschlechtlichung und prekäre Arbeitsbedingungen geprägt sind. Besonders im Fokus steht die transnationale Dimension der Care-Arbeit, etwa durch die Rekrutierung von Pflegekräften aus dem Ausland, die mit spezifischen Herausforderungen wie kulturellen Unterschieden, hierarchischen Strukturen und Arbeitszeitkonflikten verbunden ist. Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf den arbeitsrechtlichen Besonderheiten dieser Berufsfelder: Dazu gehören die fragmentierte Tariflandschaft, die oft unzureichende Reichweite von Tarifverträgen – insbesondere in kirchlichen Trägern – sowie die systematische Unterbewertung von Care-Tätigkeiten im Vergleich zu technischen oder produktionsorientierten Berufen. Das Kapitel geht auch auf die Rolle von Sozialversicherungsrecht und Finanzierungsmodellen ein, die häufig zu einer Abwälzung von Kosten und Risiken auf die Beschäftigten führen. Abschließend werden mögliche arbeitsrechtliche Instrumente diskutiert, die eine Aufwertung der Care-Arbeit bewirken könnten, etwa durch Mindeststandards, bessere Personalbemessung oder die Bekämpfung mittelbarer Diskriminierung. Leser:innen erhalten somit einen fundierten Überblick über die komplexen rechtlichen und strukturellen Herausforderungen, die mit der Professionalisierung und gesellschaftlichen Anerkennung von Care-Berufen verbunden sind.
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    3. 24. Professionalisierung durch Berufsrecht

      Vorbehaltsbereiche, Kompetenzen und Selbstverwaltung im Pflegeberufsrecht Österreichs und Deutschlands
      • Open Access
      Thomas Pixner
      Das Kapitel beleuchtet die Professionalisierung der Pflege durch Berufsrecht, Vorbehaltsbereiche und Selbstverwaltung in Österreich und Deutschland. Es analysiert, wie rechtliche Rahmenbedingungen die Eigenverantwortung der Pflege stärken und die Schnittstelle zur ärztlichen Tätigkeit neu definieren. Dabei werden zentrale Themen wie der Pflegevorbehalt, die Akademisierung der Pflege, die Erweiterung von Verordnungskompetenzen sowie die Substitution ärztlicher Tätigkeiten durch Pflegefachpersonen detailliert betrachtet. Der Fokus liegt auf der Frage, wie diese Entwicklungen die Professionalisierung der Pflege vorantreiben und gleichzeitig die Qualität der Patientenversorgung sichern. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf den Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Ländern, etwa in der Ausgestaltung der Assistenzberufe oder der Einführung von Pflegekammern. Zudem wird die Bedeutung der Akademisierung für die wissenschaftliche Fundierung des Berufsstands und die interprofessionelle Zusammenarbeit herausgestellt. Das Kapitel schließt mit einer Zusammenfassung der zentralen Entwicklungen und zeigt auf, welche Impulse Österreich und Deutschland voneinander übernehmen können, um die Professionalisierung der Pflege weiter voranzutreiben.
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    4. 25. Die rechtliche Regulierung der live-in Betreuung: Österreich, Schweiz und Deutschland im Rechtsvergleich

      • Open Access
      Maria Sagmeister
      Der Fachbeitrag untersucht die rechtliche Regulierung der Live-in-Betreuung in Österreich, der Schweiz und Deutschland und zeigt auf, wie unterschiedliche Rechtsmodelle die Arbeitsbedingungen migrantischer Pflegekräfte prägen. Im Fokus stehen dabei die drei zentralen Themenbereiche: erstens die nationalen Regulierungsansätze und ihre jeweiligen Spezifika, zweitens die Arbeitsbedingungen der Betreuer*innen sowie die damit verbundenen rechtlichen Herausforderungen und drittens die gemeinsamen Problemfelder, insbesondere die mangelhafte Umsetzung und Kontrolle von Arbeitsrechten in Privathaushalten. Ein vierter Schwerpunkt liegt auf den übergreifenden Herausforderungen, die sich aus der prekären Situation der Betreuer*innen ergeben, die meist aus Osteuropa stammen und in einem System der zirkulären Migration arbeiten. Der Beitrag analysiert kritisch, wie die verschiedenen Rechtsordnungen die Care-Krise kurzfristig stabilisieren, ohne die strukturellen Probleme zu lösen. Abschließend wird diskutiert, ob das Live-in-Modell überhaupt ein nachhaltiges Konzept für die Organisation von Sorgearbeit darstellt oder ob alternative Betreuungsformen notwendig sind. Die Darstellung ist besonders wertvoll für alle, die sich mit den Schnittstellen von Sozialrecht, Arbeitsrecht und Migrationspolitik beschäftigen und nach Lösungsansätzen für eine faire Regulierung der Live-in-Betreuung suchen.
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    5. 26. Das ILO-Übereinkommen ‚Menschenwürdige Arbeit für Hausangestellte‘

      • Open Access
      Karine Lempen, Helia Farman
      Das Kapitel beleuchtet das ILO-Übereinkommen Nr. 189 als Meilenstein für die Anerkennung und Aufwertung von Hausarbeit als professionelle Tätigkeit. Zunächst wird die historische und gesellschaftliche Abwertung von Care-Arbeit analysiert, die traditionell als reproduktive, unsichtbare und oft unbezahlt geleistete Arbeit gilt. Besonders im Fokus stehen dabei die geschlechtsspezifische Zuweisung dieser Tätigkeiten sowie die damit verbundenen Migrationsströme, die Hausangestellte – überwiegend Frauen – in prekäre Arbeitsverhältnisse drängen. Der Text untersucht detailliert die zentralen Bestimmungen des Übereinkommens, das 2011 verabschiedet wurde, um Hausangestellten menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu garantieren. Dazu gehören die Formalisierung von Arbeitsverhältnissen, die Regelung von Mindestlöhnen, Arbeitszeiten und Ruhezeiten sowie der Schutz vor Ausbeutung und Gewalt. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Umsetzung in der Schweiz, wo private Haushalte traditionell vom Anwendungsbereich des Arbeitsgesetzes ausgenommen sind. Hier wird aufgezeigt, wie der Normalarbeitsvertrag für die Hauswirtschaft (NAV) Mindestlöhne festlegt und welche Herausforderungen bei der Kontrolle der Einhaltung bestehen. Zudem werden die Besonderheiten bei der Beschäftigung über Vermittlungsagenturen oder digitale Plattformen diskutiert, die die Verwundbarkeit der Angestellten weiter erhöhen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Schutz der psychischen und physischen Gesundheit von Hausangestellten, die durch Isolation, Überlastung und fehlenden Zugang zu Gesundheitsversorgung besonders gefährdet sind. Das Kapitel schließt mit einer kritischen Bewertung der Umsetzung des Übereinkommens und zeigt Wege auf, wie die Anerkennung von Care-Arbeit weiter gestärkt werden kann – etwa durch präzisere Definitionen der Tätigkeiten, bessere Arbeitszeiterfassung und wirksamere Kontrollmechanismen. Leser:innen erfahren nicht nur, welche rechtlichen Fortschritte das Übereinkommen gebracht hat, sondern auch, wo noch Handlungsbedarf besteht, um die Arbeitsbedingungen von Hausangestellten nachhaltig zu verbessern.
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    6. 27. Eine Arbeit wie jede andere? Rechtliche Aushandlungen von live-in Betreuungsverhältnissen in der Schweiz

      • Open Access
      Sarah Schilliger, Jennifer Steiner
      Das Kapitel beleuchtet die komplexen rechtlichen und sozialen Dynamiken von Live-in-Betreuungsverhältnissen in der Schweiz, die durch transnationale Migration und den demografischen Wandel geprägt sind. Im Zentrum stehen die prekären Arbeitsbedingungen der meist migrantischen Betreuer:innen, die oft rund um die Uhr verfügbar sein müssen, während sie gleichzeitig mit rechtlicher Unsicherheit, sozialer Isolation und mangelnder Anerkennung kämpfen. Der Text analysiert zunächst die historische Entwicklung und die aktuellen Regulierungslücken, die dieses Arbeitsmodell begünstigen – etwa die Ausklammerung von Privathaushalten aus dem Arbeitsgesetz und die unklare Abgrenzung von Arbeits- und Freizeit. Anschließend werden zwei konkrete Fallbeispiele vorgestellt, in denen Betreuer:innen vor Gericht für ihre Rechte kämpften: Edyta Wierczok, die gegen einen Privathaushalt Lohnnachzahlungen für unbezahlte Überstunden und ständige Rufbereitschaft erstritt, und Romana Wroclawska, die gegen eine Betreuungsagentur eine Entschädigung für geleistete Bereitschaftsdienste durchsetzte. Beide Fälle verdeutlichen, wie Gerichte mit widersprüchlichen Argumentationen der Arbeitgeber konfrontiert sind, die Care-Arbeit als „familiäre Fürsorge“ oder „gesellschaftliches Engagement“ umdeuten, um unbezahlte Mehrarbeit zu legitimieren. Besonders aufschlussreich ist die Analyse der strukturellen Machtungleichheiten, die durch rassistische und geschlechtsspezifische Zuschreibungen verstärkt werden und Betreuer:innen in eine Position der Abhängigkeit drängen. Abschließend wird diskutiert, wie die gerichtlichen Auseinandersetzungen zwar wichtige Präzedenzfälle schaffen, aber gleichzeitig die grundsätzlichen Probleme des Systems – wie die fehlende Regulierung von Präsenzzeiten oder die Ausbeutung durch Agenturen – nicht lösen. Der Text regt dazu an, die hegemoniale Logik der „Dienstbarkeit“ zu hinterfragen und fordert eine radikale Transformation der Care-Arbeit ein, die Selbstsorge und Arbeitsrechte gleichermaßen berücksichtigt. Wer sich für die Schnittmenge von Arbeitsrecht, Migration und Care-Arbeit interessiert, findet hier eine fundierte Analyse, die sowohl theoretische Grundlagen als auch praktische Handlungsoptionen aufzeigt.
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Titel
Handbuch Sorgearbeit, Sorgebeziehungen und das Recht
Herausgegeben von
Michelle Cottier
Kirsten Scheiwe
Caroline Voithofer
Copyright-Jahr
2026
Verlag
Springer Berlin Heidelberg
Electronic ISBN
978-3-662-72879-6
Print ISBN
978-3-662-72878-9
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-662-72879-6

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    Bildnachweise
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