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Über dieses Buch

Transformation als nicht-evolutorischer gesellschaftlicher Wandel ist ein historisches Phänomen der Moderne. Gegenstand des Handbuchs sind Felder, Theorien und Methoden der sozialwissenschaftlichen Transformationsforschung. Am Anfang stehen die drei großen Paradigmen der Transformationsforschung: System, Institutionen und Akteure. Es folgen prominente Forschungsansätze unter anderem aus der Modernisierungstheorie, dem Strukturalismus, dem Historischen Institutionalismus, der Entwicklungsökonomik und der Politischen Ökonomie. Ein weiterer Teil ist den Methoden gewidmet. Quantitativ-statistische Verfahren werden hier ebenso vorgestellt wie makro-qualitative Methoden, Methoden aus der Ethnographie, den Wirtschaftswissenschaften und der Diskursanalyse. Nach einem Überblick über die wichtigsten historischen Wellen gesellschaftlicher Transformationen folgt ein Blick auf Sphären der Transformation wie Recht, Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Mehr als vierzig kürzere Stichworte von A wie Autokratieförderung bis W wie Wohlfahrtsregime vertiefen einzelne transformatorische Grundprobleme. Dieses Handbuch integriert politikwissenschaftliche, soziologische und wirtschaftswissenschaftliche Perspektiven. Daneben finden rechts- und kulturwissenschaftliche Zugänge Berücksichtigung.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Transformation und Transformationsforschung: Zur Einführung

Transformation ist ein wissenschaftliches Allerweltswort, denn wo wird nicht etwas umgeformt? Mathematik, Biologie und Elektrotechnik gebrauchen den Begriff ebenso wie Wirtschaftswissenschaft, Soziologie, Kulturwissenschaft oder Linguistik. Er bezeichnet einen Wandel von Form, Natur, Gestalt, Charakter, Stil oder Eigenschaften eines Phänomens. Dabei ist in den meisten fachwissenschaftlichen Begriffen die Bestimmung eines Ausgangs- und Endzustands semantisch eingeschlossen.

Raj Kollmorgen, Wolfgang Merkel, Hans-Jürgen Wagener

Teil I Theoretische Paradigmen

Frontmatter

System

Die moderne Systemtheorie wurde von dem Biologen und Philosophen Ludwig von Bertalanffy (1968) schon in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts ins Leben gerufen. Ein System ist ein vom Betrachter entworfenes Netz mit dem Zweck, Aspekte der Realität – in der Regel dynamische Prozesse – zu isolieren, zu charakterisieren und häufig auch zu kontrollieren. Es besteht aus mehreren konzeptuellen Objekten, die unterschiedliche Zustände aufweisen können, und einem Katalog von Interaktionen zwischen diesen Objekten, die angeben, wie sich die Zustände der konstitutiven Objekte entwickeln können. Ein Stein am Boden kann als System beschrieben werden. Damit isolieren wir Aspekte seiner Realität. Die Atome sind die konstitutiven Objekte, ihre Zustände werden von ihrer Position und ihren Quantenzuständen beschrieben, sie interagieren vor allem mittels elektrostatischer Anziehung und Abstoßung der nächsten Nachbarn.

Wolfgang Merkel, Julian Brückner, Hans-Jürgen Wagener

Institutionen

Institutions matter

ist ein von Institutionenökonomen häufig bemühter Satz. Er dient nicht nur zur Selbstvergewisserung einer relativ jungen Forschungsdisziplin, sondern bringt auch zum Ausdruck, dass in der Betrachtung ökonomischer Zusammenhänge bis zum Aufkommen dieser neuen Forschungsrichtung etwas Wichtiges keine Beachtung fand. Zwar waren sich auch Ökonomen der Existenz von Institutionen bewusst, sie hielten ihre Bedeutung zur Erklärung wirtschaftlicher Phänomene jedoch für vernachlässigbar. Das begründet auch die späte Rezeption einer der grundlegenden Arbeiten der Neuen Institutionenökonomik (NIÖ). Denn bereits 1937 und 1960 setze sich Ronald Coase mit der Existenz von Transaktionskosten auseinander.

Matthias Dauner, Stefan Voigt

Akteure

Transformation als bewusste, diskrete Umgestaltung gesellschaftlicher Grundordnungen der Politik, der Wirtschaft und des Rechts nimmt ihren Ausgang bei der Neudefinition der Basisinstitutionen. Alte rechtliche Normen werden außer Kraft gesetzt (negative Transformation), neue Regeln werden vereinbart (positive Transformation). Beide Prozesse sind nicht automatisch miteinander verbunden. Denn es kann durchaus der Fall eintreten, dass die alten Normen aufgehoben, aber neue Normen zwar dekretiert, doch nicht durchgesetzt oder akzeptiert worden sind.

Wolfgang Merkel, Hans-Jürgen Wagener

Teil II Forschungsansätze

Frontmatter

Modernisierungstheoretische Ansätze

Modernisierungstheoretische Ansätze stellen einen der wichtigsten und zugleich umstrittensten theoretisch-konzeptuellen Zugänge in der Transformationsforschung dar. Sie können auf eine lange Tradition zurückblicken, die in der Aufklärungsepoche des 18. Jahrhunderts begann, sich mit den Klassikern der Sozialwissenschaften (Karl Marx, Émile Durkheim, Max Weber) Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts fortsetzte und bis zur Etablierung und Wirkmächtigkeit der klassischen Modernisierungstheorie nach dem Zweiten Weltkrieg (Reinhard Bendix, David Lerner, Seymour M. Lipset, Talcott Parsons, Walt W. Rostow u.v.a.) reicht.

Raj Kollmorgen

Transitionsansätze

Die Suche nach den Ursachen und Kausalmechanismen erfolgreicher Übergänge von autokratischen zu demokratischen Herrschaftsformen steht im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses politikwissenschaftlicher Transitionsansätze. Ihre Entstehung ist eng mit dem Einsetzen der dritten Demokratisierungswelle in Lateinamerika und Südeuropa Mitte der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts sowie ihrem anschließenden Übergreifen auf Südostasien und die kommunistischen Regime Osteuropas verbunden. Die bis dahin vorherrschenden strukturalistischen und funktionalistischen Erklärungsmodelle, die sich ausgehend vom Ideal etablierter westlicher Demokratien auf die Identifizierung allgemeiner Requisiten (stabiler) demokratischer Herrschaft konzentrierten, erwiesen sich als zunehmend ungeeignet, den dynamischen und stets ergebnisoffenen Prozess des Regimewandels zu erfassen.

Julian Brückner

Strukturalismus

Ziel strukturalistischer Transformationsforschung (vgl. z. B. Moore 1967; Skocpol 1973; Therborn 1977; Vanhanen 1984; Rueschemeyer et al. 1992) ist das Aufdecken und Verstehen der „sozio- und machtstrukturellen Zwänge“ (Giddens 1993), denen politische Transformationsprozesse unterliegen. Dementsprechend geht sie davon aus, dass der Erfolg oder Misserfolg von Demokratisierungs- und Konsolidierungsprozessen in erster Linie von langfristigen Verschiebungen in den Machtstrukturen einer Gesellschaft abhängt. Diese von allen strukturalistischen Ansätzen geteilte Grundannahme entwickelte sich in den 1960er und 1970er Jahren als Gegenposition zur klassischen soziologischen Modernisierungstheorie, der speziell von neomarxistischen Kritikern Machtvergessenheit und ein naiver Fortschrittsglaube vorgeworfen wurde.

Julian Brückner

Kulturtheoretische Ansätze

Da Veränderung die fundamentale Realität menschlicher Existenz darstellt, lässt sich Gesellschaft besser in Begriffen des „Werdens“ als in solchen des „Seins“ denken (Sztompka 1993a). Allerdings variieren Geschwindigkeit und Sequenz des Werdens. Zuweilen ist seine Geschwindigkeit so gering, dass Gesellschaft als träge, fast stillstehende Struktur erscheint; zu anderen Zeiten ist das Werden graduell und evolutionär, in sehr seltenen Fällen ist es rasant und revolutionär.

Jan Kubik

Historischer Institutionalismus und Gesellschaftstransformation

Wann, warum und wie transformieren sich Gesellschaften? Um diese drei wichtigen Fragen zu beantworten, stützt sich der theoretische Ansatz des Historischen Institutionalismus (HI) auf geschichtliche sowie institutionelle Einflüsse. Im HI werden gesellschaftliche Transformationen als distinkte historische Prozesse betrachtet, um zu betonen, dass der Zeitpunkt, der Ablauf und die Dauer solcher Prozesse einen deutlichen Einfluss auf die Qualität und die Richtung gesellschaftlicher Transformationen besitzen. Institutionen spielen dabei eine zentrale Rolle, da sie Gesellschaftstransformationen in bestimmte Bahnen lenken und so wiederkehrende Verwerfungen und Umbrüche verhindern können. Der HI analysiert also Mechanismen von Stabilität und Wandel bei Gesellschaftstransformationen.

Christoph H. Stefes

Entwicklungsökonomik und Transformationsforschung

Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks erlebte die Transformationsforschung eine Renaissance innerhalb der Wirtschaftswissenschaften. Diese behandelt ganz allgemein gesamtgesellschaftliche Umwälzungen mit Systemcharakter, im konkreten Fall also den Wechsel hin zur Einführung einer auf Privateigentum und unternehmerischen Wettbewerb basierenden Wirtschaftsweise. Auch wenn im Zentrum der heutigen Transformationsforschung die politischen Umwälzungen in Ost- und Südosteuropa bzw. Asien stehen, wäre es verkehrt anzunehmen, die Transformationsforschung bzw.

Malcolm H. Dunn, Joseph P. Ganahl

Transformationsökonomische Ansätze

Die moderne Volkswirtschaftslehre tut sich mit der Analyse von Transformationsprozessen außerordentlich schwer. Das liegt vor allem daran, dass sie selbst ein Kind der „Great Transformation“ (Polanyi 2001[1944]) ist – jenes Prozesses der funktionalen Ausdifferenzierung eines ökonomischen Subsystems aus der Gesellschaft, das zwar nicht unverbunden neben den anderen Teilbereichen der Gesellschaft steht, das aber erkennbar einer eigenen Funktionslogik folgt und sich deshalb von deren anderen Subsystemen unterscheiden lässt. Diese in der heutigen Ökonomik eher unübliche Definition von Transformationsprozessen liegt den folgenden Ausführungen zugrunde, denn nur sie wird dem Umstand gerecht, dass es sich bei Transformationen um Prozesse handelt, die eben nicht das Wirtschaften an sich, sondern das Verhältnis des Wirtschaftens zu den anderen gesellschaftlichen Teilbereichen betreffen.

Stefan Kolev, Joachim Zweynert

Polit-ökonomische Ansätze

Politische Ökonomie ist ein schillernder Begriff, dessen Konnotationen sich im Laufe der Zeit stark gewandelt haben und der deshalb sehr unterschiedlich gebraucht wird (Drazen 2000: Kap. 1). In einer ersten Interpretation steht der Begriff für ein bestimmtes Forschungsfeld, nämlich die Analyse der Interaktionen zwischen Ökonomie und Politik. Alternativ wird er zweitens als Synonym für – im Einzelnen durchaus unterschiedliche – Ansätze zur Analyse ökonomischer Zusammenhänge verstanden, die, etwa in der marxistischen Tradition, jenseits des ökonomischen Mainstream stehen oder durch die Berücksichtigung nichtökonomischer Rahmenbedingungen über diesen hinausgehen.

Frank Bönker

Steuerungstheoretischer Ansatz

Der steuerungstheoretische Ansatz in der Transformationsforschung gehört zur „zweiten Generation“ der Transformationstheorien (vgl. Kollmorgen 2011: 295). Wie in anderen Theorien der zweiten Generation wird kein universalistisches Transformationsmodell entwickelt, welches den Wandel aller Transformationsgesellschaften gleichermaßen beschreibt. Stattdessen spielt der raum-zeitliche Kontext für die Analyse eine entscheidende Rolle. Zudem wird Bezug auf allgemeine Theoriekonzepte genommen. Der steuerungstheoretische Ansatz bezieht sich hierbei auf die handlungstheoretische Steuerungstheorie (Mayntz/Scharpf 1995; Mayntz 1987; Grande/Prätorius 2003) und die politikwissenschaftliche Governance-Forschung (Mayntz 2004). Er wurde im deutschen Sprachraum primär von den Arbeitsgruppen

Transformationsprozesse

und

Preemptive Institutionenbildung

um Helmut Wiesenthal entwickelt.

Jürgen Beyer

Mobilisierungsansätze in der Transformationsforschung

Zunächst soll die Bedeutung der beiden Begriffe im Titel dieses Beitrags skizziert werden. Mobilisierungsprozesse (oder gleichbedeutend: Mobilisierungen) sind Prozesse, in denen kollektives politisches Handeln entsteht. Der Begriff der Transformation wird in der Literatur unterschiedlich und sehr oft auch unklar definiert (vgl. zusammenfassend Merkel 2010: 62-66; Kollmorgen 2006). Nach Kollmorgen (2006: 19) ist unter anderem eine radikale gesellschaftliche Umwälzung erforderlich, um von Systemtranformation sprechen zu können. Entsprechend den Zielsetzungen dieses Handbuchs soll hier ein solcher enger Transformationsbegriff verwendet werden.

Karl-Dieter Opp

Zivilgesellschaft als politische Strategie und theoretischer Ansatz

Die Idee der Zivilgesellschaft brach am Ende der 1970er Jahre in die intellektuelle und akademische Szene ein. Neue oppositionelle Bewegungen, die das kommunistische Herrschaftsregime herausforderten, lehnten den marxistischen Revisionismus ab. Sie entwickelten die Strategie einer wiederzubelebenden pluralistischen Zivilgesellschaft und sozialer Netzwerke im Sinne einer parallelen Polis, um den totalitären Staat zu überwinden.

Grzegorz Ekiert

Pluralismus und Kombinatorik transformationstheoretischer Ansätze

Welche theoretischen Paradigmen und konkreten Ansätze geeignet sind, sozialen Wandel gehaltvoll zu erklären, ist eine Frage, die die Sozialwissenschaften seit ihrer Gründungsphase Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts begleitet. Für die frühe Debatte Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts ist etwa an Theorievorschläge zur Entstehung und Dynamik des Kapitalismus und der modernen Gesellschaft von Karl Marx, Émile Durkheim und Max Weber zu erinnern.

Raj Kollmorgen, Wolfgang Merkel

Teil III Methoden

Frontmatter

Makro-qualitative Verfahren

Als makro-qualitativ (M-Q) können jene Transformationsstudien bezeichnet werden, die sich (a) zur Beschreibung und/oder Erklärung von Phänomenen auf der Makroebene hauptsächlich (b) qualitativer Informationen bedienen und dabei (c) Argumente in Form von mengentheoretisch basierten Aussagen treffen. M-Q-Ansätze können statisch oder dynamisch sein und werden in der Regel auf kleine bis mittlere Fallzahlen oder Einzelfallstudien angewendet. Das Spektrum mengentheoretisch basierter M-Q-Methoden umfasst neben

Qualitative Comparative Analysis

(QCA) auch Verfahren wie Sequenzelaboration und

process tracing

(P-T).

Carsten Q. Schneider

Mikro-qualitative Transformationsforschung

Wenn Wandel unaufhörlich geschieht, wie Vertreter des Symbolischen Interaktionismus nicht müde werden zu betonen, dann liegt der Fokus jeder soziologischen Theorie auf Kontingenzen und den unvermeidlichen Veränderungen, die durch sie hervorgebracht werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass die soziale Welt aus Sicht solcher und anderer Vertreter qualitativer, d. h. sinnverstehender Ansätze ständig und in gleichbleibender Geschwindigkeit im Fluss ist. Die soziale Welt besteht aus stabileren und flüssigeren Elementen, und die Aufgabe des Forschers besteht darin, deren Zusammenhang zu erkunden (Strauss 1993: 261).

Bruno Hildenbrand

Quantitative Verfahren der Transformationsforschung

Die quantitativen Methoden der Sozialwissenschaften erstrecken sich mittlerweile auf ein überwältigendes Feld an Anwendungen, Richtungen und Verfeinerungen. Nicht wenige dieser Methoden kommen auch in der Transformationsforschung zum Einsatz. Bei dieser Vielfalt kann es hier nur darum gehen, einige der methodischen Anwendungen aufzugreifen, die für die vergleichend angelegte Transformationsforschung von größerer Bedeutung sind. Da den interkulturell vergleichenden Zugängen der Transformationsforschung ein eigenes Kapitel gewidmet ist, werden diese Zugänge hier nur kurz gestreift und der Fokus auf die quantitativ-vergleichende Perspektive der Transformationsforschung gelegt.

Gert Pickel, Susanne Pickel

Ethnographische Methoden

Ethnographische Methoden bezeichnen ein Bündel verschiedener Vorgehensweisen der Datenerhebung, -auswertung und -aufbereitung. Üblicherweise wird während einer oder mehreren längeren Feldforschungsphasen eine Mischung aus teilnehmender Beobachtung, verschiedenen Formen des Interviews (beispielsweise strukturierte Haushaltserhebungen, halbstrukturierte Experteninterviews, biographisch-narrative Interviews), einer Sichtung archivarischer Quellen und der Aufnahme visuellen Materials praktiziert. Insofern verweigern sich ethnographische Methoden der Zuordnung zu einer epistemologischen Grundhaltung und einem der dichotom gedachten Methoden-Lager (quantitativ vs. qualitativ). Ihre Besonderheit liegt vielmehr in der Fokussierung auf eine ausgewählte Lokalität (etwa ein Dorf, ein Stadtviertel, eine Institution) bzw.

Tatjana Thelen

Diskursanalyse

Diskursanalytische Methoden finden in der jüngeren Transformationsforschung zunehmend Anwendung. Ihre Relevanz verdankt sich der Beobachtung, dass die in stabilen oder konsolidierten Gesellschaften vorliegende, allerdings nie vollständige Korrespondenz und wechselseitige Stützung von materieller und symbolischer Praxis, d. h. Diskursen, sowie wichtiger Diskursfelder untereinander (wie Staatspolitik, Zivilgesellschaft, Wissenschaft) in gesellschaftlichen Transformationsprozessen gestört wird, aufbricht und längerfristig neu formiert werden muss.

Raj Kollmorgen

Wirtschaftswissenschaftliche Verfahren

Der Beitrag wirtschaftswissenschaftlicher Analyse zum Studium der Transformation ist von Schwierigkeiten begleitet, die Gegenstand und Methode betreffen. Beim Gegenstand kann es sich um eine umfassende gesellschaftliche Transformation handeln oder um den Wandel eines enger gefassten Wirtschaftssystems. Die Methode kann der neoklassischen Main stream-Theorie entlehnt sein, die sich auf abstrakte Modelle und ein bestimmtes Instrumentarium analytischer Verfahren stützt. Oder sie mischt eklektisch Einsichten aus verschiedenen Disziplinen und versucht, aus einer geringen Zahl von Fallstudien zu verallgemeinern. Der erste Ansatz hat große Vorteile und viele Befürworter, aber auch zahlreiche Kritiker.

Martin Myant, Jan Drahokoupil

Vergleichende Methoden in der Transformationsforschung: Politische Kultur

Transformationen politischer Systeme beinhalten immer auch die Frage nach der Vereinbarkeit bestehender politisch-kultureller Hintergründe mit neuen politischen Strukturen und Ordnungsformen. Politische Kultur (P.K.) hat von ihrem Wesen her etwas Beharrendes, sich nur langsam Veränderndes, ist aber oft mit abrupten Systemwechseln z. B. aufgrund von Revolutionen, Systemzusammenbrüchen, äußeren Einwirkungen konfrontiert. Insbesondere rasche Wechsel hin zu einer stärkeren Demokratisierung, die zunehmende politische Partizipation größerer Bevölkerungskreise ermöglicht, stehen vor diesem Problem. Dies galt in Deutschland zum Beispiel für die Zeit nach den beiden Weltkriegen, aber auch für den Systemwechsel in Ostdeutschland, wo jeweils noch stark obrigkeitsstaatliche und autoritäre Einstellungen und Verhaltensweisen großer Teile der Bevölkerung sich neuen demokratischen Strukturen gegenübersahen.

Dirk Berg-Schlosser

Teil IV Historische Wellen und Typen von Gesellschaftstransformationen

Frontmatter

Postabsolutistische Gesellschaftstransformationen

Das „lange 19. Jahrhundert“ (E. Hobsbawm) und der Beginn des 20. waren nicht nur reich an Rebellionen und Staatsstreichen, sondern auch an radikalen Reformprojekten und institutionellen Umbrüchen. Neben den beiden großen Revolutionen, der Französischen (1789- 1799) und der Russischen (1917-1921), verdienen die in dieser Periode welthistorisch zum ersten Mal auftretenden Fälle imitativer Gesellschaftstransformationen Aufmerksamkeit.

Raj Kollmorgen

Staatssozialistische Transformationen des 20. Jahrhunderts

Der Staatssozialismus hat zumindest zwei Wurzeln. Einerseits ist er aus dem Programm der europäischen sozialdemokratischen Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts entstanden. Andererseits ist er aber auch nur zu verstehen, wenn man ihn als spezifischen Modernisierungsweg rückständiger, peripherer Gesellschaften deutet (vgl. Berend 1996: XIV; Rutland 2010: 432 ff.). Die Russische Revolution von 1917 war der praktische Geburtsort dieses spezifischen Gesellschafts- und Machttyps. Er entstand aus besonderen Konflikten der russischen Gesellschaft, die eng mit den internationalen Konfliktlinien aus dem Ersten Weltkrieg verflochten waren, reagierte auf Erwartungen eines bestimmten Zeitgeists, entwickelte sich in den Auseinandersetzungen verschiedener nationaler und internationaler Akteure.

Dieter Segert

Demokratische Transformationen nach dem Zweiten Weltkrieg

In seinem weit rezipierten Werk

The Third Wave: Democratization in the Late Twentieth Century

hat Samuel P. Huntington drei Wellen identifiziert, in denen es zu einer bemerkenswerten Häufung von Demokratisierungsprozessen kam. Nach dem Auslaufen der ersten beiden Wellen folgte dabei je eine autokratische Gegenwelle (Huntington 1991). Datiert wird die erste (lange) Demokratisierungswelle auf die Zeit zwischen 1822 und 1925. Sie ist im Kontext der Entstehung demokratischer Staaten nach dem geistigen Vorbild der amerikanischen und französischen Revolution zu sehen.

Wolfgang Merkel, Johannes Gerschewski

Chinas Transformationen im 20. Jahrhundert: Wirtschaftliche, politische und kulturelle Interdependenzen

China hat im 20. Jahrhundert den vielleicht radikalsten Modernisierungsprozess der Weltgeschichte durchlaufen, der mit erheblichen menschlichen und ökonomischen Kosten verbunden war. Seine wichtigsten Etappen sind:

der Kollaps des Kaiserreichs 1911, der nicht nur zentralstaatliche Institutionen zerbrach, sondern auch die lokalen Sozialstrukturen entwurzelte;

die Phase politischer Instabilität und gesellschaftlicher Umbrüche der chinesischen Republik bis 1949, dem Jahr der Gründung der kommunistischen Volksrepublik China;

der Aufbau des maoistischen Gesellschafts- und Entwicklungsmodells bis 1978, besonders in der Kulturrevolution zwischenzeitlich auch geprägt durch innere Instabilität;

und schließlich die rasche ökonomische Transformation seit 1978 bei Bewahrung des politischen Systems.

Carsten Herrmann-Pillath

Postkoloniale Transformationen im 20. Jahrhundert in Afrika

Die Spannbreite vorkolonialer Herrschaftstypen in Afrika war äußerst breit (Nuscheler/ Ziemer 1981). Sie reichte von akephalen Gesellschaften (ohne zentrale politische Herrschaft) der Jäger und Sammler bis zu hierarchisch organisierten Königtümern mit stehenden Heeren und Beamten. Veränderungen ergaben sich vor allem über Außenkontakte der Küstenregionen durch den Handel mit Sklaven und Rohstoffen. Die im Einzelnen sehr unterschiedlichen Strukturen wichen von europäischen Mustern vor allem durch einen geringen Institutionalisierungsgrad ab.

Siegmar Schmidt

Islamistische Transformation: Islamischer Diskurs und islamische Politik in Westasien und Nordafrika

Wann immer zeitgenössische Islamisten über ihre Herkunft nachdenken, beleben unweigerlich zwei Schlüsselfiguren ihre Vorstellungen. Diese beiden Bezugspunkte des modernen politischen Islam sind Sayyid Jamal ad-Din al-Afghani (bzw. Asadabadi) (1838/39-1897) und sein Schüler Mohammad Abduh (1849-1905). Al-Afghani und Abduh lebten in einer für die islamische Gemeinschaft (

ummah

) turbulenten Zeit. Beide versuchten theoretisch wie praktisch, deren Niedergang als organisiertes politisches Gebilde zu verhindern. Sie kämpften jedoch gegen das Unausweichliche und lebten nicht lange genug, um Zeugen der Abschaffung des Kalifats in der Türkei im Jahr 1924 zu werden.

Arshin Adib-Moghaddam

Demokratische Transitionen im späten 20. Jahrhundert

Die

Nelkenrevolution

einiger Offiziere gegen Portugals marode Diktatur im April 1974 – und somit paradoxerweise ein Militärputsch – steht am Beginn einer Entwicklung, die Samuel P. Huntington im Jahr 1991 mit dem Schlagwort „dritte Welle der Demokratisierung“ nachhaltig belegte. Mit Griechenland (Juli 1974) und Spanien (November 1975) folgten in kürzester Zeit zwei weitere Transitionen, die innerhalb weniger Jahre zu erstaunlich gefestigten Demokratien führten.

Peter Thiery

Postsozialistische Transformationen des 20. und 21. Jahrhunderts

Die postsozialistischen Transformationen wurden schon früh nicht nur als Transformationswelle (1989-1991), sondern auch als Epochenumbruch begriffen, der mit dem Ende des europäischen Kommunismus auch das Zeitalter der Systemkonkurrenz von demokratischem Wohlfahrtskapitalismus und Staatssozialismus abschließen würde.

Raj Kollmorgen

Teil V Sphären

Frontmatter

Zivilgesellschaft

Der Begriff Zivilgesellschaft ist heute verbreiteter als jemals zuvor in der Geschichte der Moderne, einschließlich des Jahrhunderts seiner Entstehung und Ausprägung (1750-1850). So findet der Begriff nicht nur in Akademiker- und Journalistenkreisen Verwendung. Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und politische Akteure verschiedener Überzeugungen beziehen sich ebenfalls auf ihn. Aufgrund dieser auffälligen Popularität kann man geradezu von seiner vertikalen und horizontalen Globalisierung sprechen. In Europa entstanden hat er längst seinen alten Kontinent verlassen. Individuen, Gruppen und Organisationen in jedem Winkel des Erdballs berufen sich nun auf ihn. Manche diagnostizieren gar das Aufkommen einer globalen Zivilgesellschaft.

John Keane, Wolfgang Merkel

Recht und Staat

Die Transformation politischer, sozialer und ökonomischer Systeme erfordert in der Regel die Setzung und Durchsetzung neuer rechtlicher Regelungen. Diese sind Motoren und zugleich Instrumente des Wandlungsprozesses. Sie sind notwendige, nicht aber hinreichende Bedingungen für den Wandel. Hier gilt es, die Rolle der rechtlichen Regelungen im Transformationsprozess zu analysieren. Die Ausführungen konzentrieren sich auf die positive Analyse. Indem diese Analyse aber die Folgen der eingesetzten Regelungen in den Blick nimmt, bildet sie die Grundlage für eine normative Analyse. Diese wird eine Rolle bei der Legitimation rechtlicher Regelungen spielen.

Christian Kirchner†, David Ehmke

Wirtschaft

Lenin sah eine Revolution heraufziehen, wenn die unten nicht mehr wollen und die oben nicht mehr können. Ganz ähnlich findet Transformation des Gesellschaftssystems statt, wenn das alte Regime nicht mehr den Erwartungen entspricht, sei es denen der Bevölkerung, sei es denen der alten oder einer neuen Elite. Diese Erwartungen können nichtmaterieller Natur sein, z. B. Freiheit und Demokratie („Das Volk sind wir“). Gleichzeitig sind sie meistens aber auch materieller Natur („Kommt die DM nicht nach hier, gehen wir zu ihr“).

Hans-Jürgen Wagener

Teil VI Transformatorische Grundprobleme

Frontmatter

Autokratieförderung

Als Folge der farbigen Revolutionen in Ost- und Mitteleuropa zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat der Begriff Autokratieförderung Einzug in die politikwissenschaftliche Forschung gehalten. In Anlehnung an Demokratieförderung, die bemüht ist, Demokratisierungsprozesse von außen zu begünstigen, verweist er auf empirische Befunde, die zeigen, dass politische Akteure versuchen, autoritäre Regime bewusst von außen zu stützen oder Demokratisierungsprozesse in Transformationsländern ins Stocken zu bringen. Anstoß zu der Debatte gab das außenpolitische Verhalten weniger nichtdemokratischer Regionalmächte, vor allem China, Iran, Russland und Venezuela, die insbesondere nach der Orangenen Revolution in der Ukraine im Jahr 2004 zunehmend bestrebt waren, Demokratisierungsprozesse in benachbarten Ländern einzudämmen und Alternativen zu westlicher Demokratieförderung zu schaffen.

Antje Kästner

Demographie und Transformation

Demographischer Wandel ist ein vielschichtiger und komplexer Prozess, der die Veränderung demographischer Strukturen (Altersstruktur, Geschlechterstruktur, Struktur der Lebensformen und Haushalte, regionale Bevölkerungsverteilung) durch veränderte demographische Verhaltensweisen (generatives Verhalten, Heirats- und Scheidungsverhalten, Gesundheitsverhalten, Mobilitätsverhalten) beinhaltet.

Jürgen Dorbritz

Demokratieförderung

Demokratieförderung ist ein nationales und internationales Handlungsfeld staatlicher und nichtstaatlicher Akteure zur Unterstützung und Durchsetzung politischer und gesellschaftlicher Demokratisierungsprozesse. Unter internationaler Demokratieförderung werden diejenigen

policies

und Maßnahmen verstanden, die Akteure außerhalb ihres Territoriums oder Hauptsitzes in einem Staat zu implementieren versuchen. Zudem wird sie in bestehenden Demokratien zur nachhaltigen Stärkung der demokratischen politischen Kultur angewendet. In letzterem Fall ist Demokratieförderung Teil der Innenpolitik, während sie sonst in der Außen- und Entwicklungspolitik zu verorten ist.

Julia Leininger

Dilemmata der Gleichzeitigkeit

Das Theorem des „Dilemmas der Gleichzeitigkeit“ ist eng mit der Transformation der postsowjetischen Staaten verbunden. Diese Umwälzung ist eine Revolution ohne historisches Vorbild und eine Revolution ohne revolutionäre Theorie. Ein auffälliges Merkmal ist das Fehlen vorab ausgearbeiteter theoretischer und normativer Annahmen einer revolutionären Elite. Der reißende Strom der Ereignisse brach nicht nur unerwartet los, er war auch von keinem vorbedachten Ablaufschema und nicht von ausgewiesenen Prinzipien und Interessen geleitet, über die bei den Beteiligten Klarheit bestanden hätte.

Ilyas Saliba, Wolfgang Merkel

Eigentumsrechte

Bis zum Zusammenbruch der ehemals sozialistischen Systeme waren viele Ökonomen in den reformorientierten sozialistischen Staaten – vor allem Ungarn, Polen und das ehemalige Jugoslawien – noch stark von konkurrenzsozialistischen Ideen beeinflusst. Diese beruhten im Wesentlichen auf den Arbeiten des polnischen Ökonomen Oskar Lange (1904-1965). In einer berühmten Auseinandersetzung mit Ludwig von Mises (1881-1973) über die (Un-) Möglichkeit einer Wirtschaftlichkeitsrechnung ohne Privateigentum hatte er den theoretischen Fall eines Konkurrenzgleichgewichts bei Staatseigentum aufgezeigt. Als in den sozialistischen Staaten nach dem Tode Stalins die ersten ökonomischen Reformwellen einsetzten, entwickelte sich vor allem auf der Basis der Arbeiten von Lange die Idee einer marktwirtschaftlichen Koordination unter Beibehaltung staatlichen oder kollektiven Eigentums.

Thomas Apolte

Erbschaften der Vergangenheit

Im Gefolge der jüngst ausgerufenen „historischen Wende in den Demokratisierungsstudien“ (Cappocia/Ziblatt 2010) sowie der neuen Popularität des Konzepts der Pfadabhängigkeit in der Variante des Historischen Institutionalismus hat die Transformationsforschung die Erbschaften

(legacies)

vorangegangener Regime als einen wichtigen Faktor in der Analyse von Prozessen der Demokratisierung und der Konsolidierung junger Demokratien wiederentdeckt. Das Konzept hat insbesondere in der auf Osteuropa bezogenen Literatur großen Anklang gefunden (La Porte/Lussier 2011).

Aurel Croissant

Externe Transformationsanker

Ideen wirken ansteckend, wie wir zuletzt an der arabischen Revolution gesehen haben, aber auch vielleicht in den Protestbewegungen in den europäischen Ländern im Zuge der Finanzmarktkrise. In welche Richtung Staaten sich aber entwickeln, welche Reformen angestrebt und umgesetzt werden, wird dann nicht selten von internationalen Organisationen oder einflussreichen Staaten gelenkt. Aktuell bekommt Griechenland einen Sparkurs von Deutschland als wichtigstem Geldgeber des Euro-Rettungsschirms diktiert; und Rumänien oder Lettland müssen den strengen Auflagen des Internationalen Währungsfonds (IWF) folgen, dessen Milliardenkredite die negativen Folgen der globalen Wirtschaftskrise in Osteuropa abfedern sollen.

Vera Trappmann

Geschlechterverhältnisse

Alle Gesellschaften sind (auch) durch Geschlechterverhältnisse formiert. In der Art und Weise, wie jeweils Geschlecht konstruiert wird, wie Männer und Frauen zueinander ins Verhältnis von Über- und Unterordnung, der arbeitsteiligen Zuweisung von Tätigkeiten bzw. sozialen Räumen gesetzt werden, werden in unmittelbaren Beziehungen zwischen den Geschlechtern Ungleichheits- und Herrschaftsverhältnisse praktisch gelebt, inkorporiert und reproduziert. Generell können Gesellschaftstransformationen nur zureichend verstanden und wissenschaftlich analysiert werden, wenn Geschlechterverhältnisse als Movens wie Ergebnis von Umbrüchen verstanden werden, in denen soziale Ungleichheit und Herrschaft neu formiert und normalisiert werden.

Irene Dölling

Gründungswahlen

Der weitverbreitete Gebrauch des Begriffs Gründungswahl ist zu einem großen Teil der wegweisenden Studie

Transition from Authoritarian Rule

von O’Donnell, Schmitter und Whitehead (1986) zu verdanken. In ihrer Untersuchung der Art und Weise, wie aus einer Autokratie eine Demokratie wird, betonen O’Donnell und Schmitter die Bedeutung der ersten freien Wahl nach einer autokratischen Herrschaftsperiode.

Hans-Dieter Klingemann

Hybride Regime

Unter dem Begriff hybrides Regime werden politische Mischtypen gefasst, die sowohl demokratische als auch autokratische Regimemerkmale aufweisen. Das Forschungsfeld entstand aus der Demokratisierungsforschung der 1990er Jahre. In deren Folge wurden vermeintlich inkonsistente Regime zunächst lange als (noch) nicht konsolidierte Demokratien gefasst. Erst gegen Ende des Jahrzehnts begann sich die Einsicht durchzusetzen, dass nicht alle so bezeichneten Regime sich auf dem fortgesetzten Weg zur Demokratie befanden.

Alexander Schmotz

Institutionentransfer

Entwicklung ist ein Prozess von Innovation und Imitation. Neue Kombinationen – was immer darunter zu rechnen ist: neue Produkte, Produktionsverfahren, Kommunikationswege, Organisationsmuster, Regelsysteme oder ganz allgemein neues Wissen – tauchen irgendwo und irgendwann auf. Erweisen sie sich als produktiv oder wohlfahrtssteigernd, breiten sie sich über einen mehr oder minder weiten Raum aus.

Hans-Jürgen Wagener

Internationalisierung der Wirtschaft

Nach allgemeiner Überzeugung hat die Internationalisierung der Wirtschaft, d. h. der grenzüberschreitende Verkehr von Gütern, Diensten, Kapital und Arbeit, positive Auswirkungen auf Wachstum und Wohlfahrt. Allerdings verlief der Prozess nie reibungslos. Kriege und Krisen treffen zuerst die offenen Wirtschaften. Dann werden Grenzen undurchdringlicher oder ganz geschlossen, und der internationale Austausch wird heruntergefahren, wenn nicht eingefroren.

László Halpern

Kollektive Identitäten

Wenngleich häufig und vielfältig in den Sozial- und Kulturwissenschaften und selbst in den Geisteswissenschaften verwendet, gehört

kollektive Identität

dennoch nicht zu den etablierten, theoretisch einschlägig ausgearbeiteten Grundbegriffen irgendeiner dieser Wissenschaften. Vielmehr handelt es sich um eine gleichsam übergreifende, abstrakter gefasste Kategorie, deren analytische Reichweite sich einerseits auf enger definierbare Konzepte wie Gruppenidentität, kulturelle oder regionale Identität und andererseits auf historisch spezifische Typen der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung wie Sippen, Stämme, Völker, Nationen oder ethnische Minderheiten wie auch auf sozialstrukturelle Begriffe wie Stände oder Klassen und ebenso auf Parteien oder politische Bewegungen erstreckt.

Anton Sterbling

Korporativakteure: Parteien, Verbände, Vereine

Korporativakteure, die in organisierter Form kollektive Anliegen in einer Gesellschaft zum Ausdruck bringen, sind zentrale Elemente einer lebendigen Demokratie und haben sowohl eine integrative Bedeutung (Aggregation von Interessen) als auch die Funktion der Interessenvermittlung (Artikulation). Nach Tocqueville ist gerade ihre Vielfalt eine notwendige Sicherung gegen die Tyrannei der Mehrheit. Allgemein lassen sich Korporativakteure im Hinblick auf die territoriale oder funktionale Dimension ihrer Interessenvermittlung unterscheiden.

Bernhard Weßels

Lebenswelt

Bezugnahmen auf Lebenswelt oder auf lebensweltliche Perspektiven sind, eher selten mit systematischem Stellenwert, Teil unterschiedlicher Transformationskonzepte. Wenn aktuell in einem transformationsaffinen Zeitgeist tiefe, radikale Umbrüche und gesellschaftliche Veränderungen auf regionaler, nationaler oder globaler Ebene als Große Transformation gefasst werden (vgl. WGBU 2011), als Suche nach einem neuen Gesellschaftsvertrag, dann gelten kulturelle, lebensweltliche Veränderungen als Element oder Voraussetzung einer solchen Suche.

Michael Thomas

Legitimität

Legitimität ist schwer zu fassen und noch schwerer empirisch zu erforschen. Dennoch spielt sie – implizit oder explizit – eine große Rolle in der Transformationsforschung. Jede soziale Institution ist lediglich eine Tatsache „kraft menschlicher Übereinkunft“ (John R. Searle). Die Rechtmäßigkeit und Anerkennungswürdigkeit politischer Herrschaft ist also von zentraler Bedeutung für die Stabilität und Transformation politischer Regime.

Daniel Lambach

Makroökonomische Stabilisierung

Mit makroökonomischer Stabilisierung bezeichnen wir eine Menge wirtschaftspolitischer Maßnahmen, die darauf gerichtet sind, makroökonomische Ungleichgewichte zu beseitigen und die Stabilität wiederherzustellen. Das Augenmerk richtet sich dabei vor allem auf die Preisstabilität und das monetäre, fiskalische und Zahlungsbilanzgleichgewicht, um übermäßige Inflation zu vermeiden. Der entgegengesetzte Fall, Deflation, ist ebenso wenig erwünscht, wie beispielsweise zu Zeiten der Großen Depression 1929-1933. In zweiter Linie geht es um die Stabilisierung des Wachstums und der Beschäftigung mit Hilfe der Geld- und Fiskalpolitik.

Marek Dabrowski

Marktliberalisierung

Liberalisierung ist eines der am meisten umstrittenen Konzepte in der Theorie und Politik des Systemwandels. Im politischen Diskurs und auch in Teilen der politikwissenschaftlichen Literatur wird darunter eine uneingeschränkte Übernahme neoliberaler Ideen in der postkommunisten Welt verstanden, ein Versuch, den Triumph des Kapitalismus zu rechtfertigen und auszudehnen und eine ungezügelte Marktwirtschaft einzuführen, kurz Manchester-Kapitalismus (Stiglitz 2002).

László Csaba

Massenmedien

In pluralistischen Gesellschaften wird Massenmedien eine besondere Rolle zugeschrieben. Demokratietheoretisch begründete Konzepte der Rolle der Medien in westlichen parlamentarischen Demokratien beschreiben ihre Funktionen in normativer Hinsicht, was in der realen Sphäre der Politik seine Entsprechung in legislativen Festschreibungen findet. Dass Medien informieren, an der Meinungsbildung mitwirken und für Kritik und Kontrolle in Politik und Wirtschaft sorgen sollen, gehört zum Grundinventar demokratischer Gesellschaften und findet seinen Niederschlag in entsprechenden Gesetzestexten, die oft Verfassungsrang haben.

Barbara Thomaß

Militärische Intervention

Eine militärische Intervention kann eine Gelegenheit für die Neuordnung eines politischen Systems eröffnen. Schmidt versteht unter Intervention die Einmischung eines Staates, mehrerer Staaten oder internationaler Organisationen in die Innen- und/oder Außenpolitik eines Staates durch Anwendung oder Androhung militärischer Gewalt oder politischen Drucks (Schmidt 1995: 448).

Sonja Grimm

Monetäre Transformation

Ein Kernelement der monetären Transformation einer sozialistischen Planwirtschaft ist die Herstellung jener Funktionen, die Geld in einer Marktwirtschaft ausübt. Diese

Monetarisierung

bestimmt die Effektivität und Effizienz aller anderen Reformbereiche, beispielsweise die Privatisierung, also den Verkauf von realem Kapital auf Vermögensmärkten. Die sozialistische Planwirtschaft ist eine Quasi-Tauschwirtschaft, in der Geld nur begrenzt in Güter, Vermögensbestände oder fremde Währungen frei konvertierbar ist.

Hubert Gabrisch

Politische Kultur

Entstanden ist die politische Kulturforschung als ein selbständiger Zweig der Politikwissenschaft nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs aus dem Interesse an den Bedingungen der Möglichkeit stabiler Demokratien. Ihre leitende Frage lautet, welche kulturellen Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit politische Systeme dauerhaft funktionieren. Damit trifft sie eine Grundunterscheidung zwischen politischen Strukturen, Institutionen und Verfahren auf der einen Seite und in der Bevölkerung verbreiteten politischen Einstellungen, Haltungen, Gefühlen und Bewertungen auf der anderen und wirft die Frage auf, ob und inwieweit politische Systeme zu ihrer Stabilität der kulturellen Unterstützung durch die Bevölkerung bedürfen (Plasser/Ulram/Waldrauch 1997).

Detlef Pollack

Privatisierung

Die Privatisierung in den Transformationsländern hat nicht zum ersten Mal die Eigentumsrechtsstruktur verändert, noch war es dem Vermögenswert nach der umfassendste Fall. Doch sicher war es der wichtigste Fall, wenn man die Zahl der Länder, der privatisierten Unternehmen, der davon betroffenen Beschäftigten und den Wert im Verhältnis zur Größe der Volkswirtschaften betrachtet. Es war eine systemverändernde Privatisierung.

Bruno Dallago

Rechtssystem und Wirtschaftsentwicklung

Ansätze für die Beschreibung und Analyse des Verhältnisses von Rechtssystem und Wirtschaftsentwicklung lassen sich grob in zwei Gruppen unterteilen: Kausalitätstheorien und Systemtheorien. Zu den Vertretern der Kausalitätstheorien gehören solche, die die kausale Wirkung von Wirtschaftswandel auf Rechtswandel hervorheben, als auch diejenigen, die umgekehrt die kausale Rolle von Recht für den Wirtschaftswandel betonen.

Katharina Pistor

Regimediffusion

Die Arabellion hat erneut auf die Relevanz von Diffusionseffekten in der Transformationsforschung aufmerksam gemacht. Vielfach wird speziell mit Blick auf die neuen

social media

angenommen, dass eine wechselseitige grenzüberschreitende Ansteckung vorliegt, die in vielem an die Dominothese erinnert, die oftmals für die Demokratisierungswelle in Osteuropa angeführt wurde.

Hans-Joachim Lauth

Regionale Disparitäten

Gesellschaftliche Transformationsprozesse lassen sich nicht nur als Veränderung sozialer, ökonomischer und politischer Relationen und Strukturen konzipieren; sie lassen sich in vielen Fällen auch als räumliche Phänomene deuten. Für den alltäglichen Common Sense scheint dies sogar ein unumstößliches Faktum zu sein, verändern sich doch fortwährend scheinbar harte, deutlich sichtbare Materialitäten.

Hans-Joachim Bürkner

Religiöser Wandel

Das Phänomen religiösen Wandels im Kontext von Gesellschaftstransformationen soll im Folgenden exemplarisch anhand der postsozialistischen Umbrüche empirisch umrissen und analytisch reflektiert werden.

Detlef Pollack

Soziale Sicherheit

Im engen Sinn umfasst das System der sozialen Sicherheit die staatliche Alters- und Gesundheitsvorsorge (Barr/Diamond 2008). Eine obligatorische Renten- und Krankenversicherung wurde zuerst in den 1880er Jahren in Deutschland eingeführt. In das damalige Alterssicherungssystem zahlten die Beschäftigten nach dem Kapitaldeckungsverfahren in eine nichtstaatliche, aber öffentlich rechtliche Versicherung ein, aus der sie später ihre Renten erhielten. Während der Großen Depression wurde in den Vereinigten Staaten von Amerika das System der umlagefinanzierten Alterssicherung entwickelt, das nach dem Zweiten Weltkrieg auch in anderen Ländern Verbreitung fand. Im Umlagesystem bringen die gegenwärtig Beschäftigten die Renten der gegenwärtigen Ruheständler auf und erwerben damit eigene Rentenansprüche.

András Simonovits

Sozialkapital

Nach der Theorie von Putnam (1993: 167) besteht Sozialkapital aus drei eng miteinander verbundenen Elementen. Als erstes sind da Normen der Zusammenarbeit, gegenseitige Rücksichtnahme und soziales Vertrauen. Damit lassen sich Reibungsflächen glätten und gesellschaftliche Solidarität verstärken, und es ermöglicht den Bürgern Kooperation, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Zweitens umfasst Sozialkapital dichte, einander überlappende und miteinander verschränkte persönliche Netzwerke, die bürgerliches Engagement und soziale Aktivität stimulieren. Solche Netzwerke gelten als Bindeglieder, um Individuen und Gruppen zu einer festen Gesellschaft zu formen und nicht in eine Masse isolierter, eigeninteressierter Individuen zu zerfallen.

Kenneth Newton

Sozialstrukturen und soziale Ungleichheiten

Unter Sozialstrukturen werden im Folgenden die Gliederung der Bevölkerung nach sozial relevanten Merkmalen, d. h. soziodemographisch erfassbaren Gruppen und Strukturdimensionen (Alter, Geschlecht, Siedlungsform, Einkommen, politische Machtposition, soziale Lagen etc.), sowie die Eigenschaften und Beziehungen größerer sozial integrierter Gruppen (wie soziale Klassen oder Milieus usw.) verstanden. Diese Merkmale und Gruppenformationen umfassen horizontale Differenzierungen, z. B. regionale Verteilungen der Bevölkerung, wie vertikale Statusabstufungen, etwa zwischen Einkommensschichten, politischen Macht- oder sozialen Prestigegruppen. Letztere sind gleichbedeutend mit sozialer Ungleichheit. Verallgemeinert formuliert liegen soziale Ungleichheiten immer dann vor, wenn Gruppen von Menschen infolge ihrer sozialstrukturellen Positionierung, daher regelmäßig und relativ dauerhaft, an den allgemein wertvollen (im weitesten Sinne) Gütern einer Gesellschaft und den daraus resultierenden individuellen Entwicklungschancen weniger bzw. mehr partizipieren als andere.

Raj Kollmorgen

Staatlichkeit

In der Geschichte der Regimetransformation sind die Konzepte der Demokratie und des Staates erst seit der politischen Moderne eng aneinander gebunden. Weder in der Antike noch in den Stadtstaaten des Mittelalters wurde der Staat im Sinne der „Drei-Elemente-Lehre“ Staatsgebiet, Staatsvolk, Staatsgewalt (Georg Jellinek) konzipiert. Bei einigen frühen Theoretikern finden sich Elemente der modernen Staatlichkeit, etwa die Souveränität bei Thomas Hobbes, der Konstitutionalismus bei John Locke oder die Gewaltenteilung bei Montesquieu. Andere Konzepte firmieren ihre Kernprinzipien um Kategorien jenseits des Staates; zu denken ist an Volkssouveränität und Gemeinwohl bei Jean-Jacques Rousseau oder die „Demokratie als proletarisches Prinzip“ bei Friedrich Engels.

Timm Beichelt

Staatlichkeit und Rechtsstaatlichkeit

Staatlichkeit und Rechtsstaatlichkeit (

rule of law, état de droit

) hängen eng zusammen und wurden im modernen Verfassungsstaat westlicher Prägung auch lange zusammen gedacht. Das gilt auch für die Transformationsländer, gerade in Osteuropa, die in ihrer Entstehungsgeschichte ähnliche Entwicklungsprozesse durchgemacht haben, insbesondere im Hinblick auf Staatlichkeit. Rechtstaatlichkeit und einzelne ihrer Ausprägungen unterliefen nicht derselben Entwicklung in den Staaten westlicher Prägung und den Transformationsstaaten. Der Prozess der Staatenbildung verbindet sich mit der Erringung von vier staatlichen Schlüsselmonopolen: das staatliche Gewaltmonopol, das staatliche Rechtssetzungs- und Rechtsdurchsetzungsmonopol, das staatliche Steuermonopol und das staatliche Kirchenmonopol. Vorliegend sind die beiden ersten relevant. Sie lassen sich als notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingungen von Rechtsstaatlichkeit verstehen.

Anne van Aaken

Transformationseliten

Spätestens seit der dritten Welle der Demokratisierung hat die Elitenforschung an Bedeutung gewonnen, vor allem wenn es darum geht, gesellschaftliche Transformationsprozesse zu erklären. Wenngleich sich innerhalb der Sozialwissenschaften die Begriffe der Funktions-, Leistungs- und Werteliten etabliert haben, sollten diese drei Begriffe als Dimensionen eines gemeinsamen Elitenkonzepts angesehen werden. Eliten lassen sich folgendermaßen definieren: Eliten sind eine kleine Minderheit von Akteuren, die sich in den höchsten Autoritäts- und Machtpositionen der unterschiedlichen Machtsphären einer sozialen oder politischen Ordnung befinden und bei ihrer Rekrutierung bestimmte Kriterien erfüllen müssen. Sie entwickeln kooperative oder konflikthafte Beziehungen untereinander, mit den Gegeneliten und mit der Bevölkerung. Dabei geht es um die Führung der Gesellschaft (Rovira Kaltwasser 2009: 104).

Cristóbal Rovira Kaltwasser

Transformationskrisen

Der politischen und ökonomischen Transformation in den ehemals kommunistischen Ländern Ost- und Mitteleuropas ging in den 1980er Jahren eine wirtschaftliche Stagnation voraus. Anfänglich hatte das sowjetische Modell der Zentralplanung ein beachtliches Wachstum hervorgebracht, das sich jedoch in den 1970er Jahren verlangsamte und dann ganz zum Erliegen kam. Als Ursache wird allgemein das Erreichen der Grenzen extensiven Wachstums angesehen. Das sowjetische Entwicklungsmodell beruhte mehr auf der Mobilisierung von Inputfaktoren als auf der Faktorproduktivität und erzielte seine Wachstumserfolge durch zunehmende Arbeitspartizipation und Zwangssparprozesse. Sie äußerten sich in einer Mangelwirtschaft (Kornai 1980), die die Konsummöglichkeiten der Haushalte drastisch einschränkte. Sind einmal alle Reserven in der Produktion ausgeschöpft, kommt die Entwicklung zum Stillstand, es sei denn, die totale Faktorproduktivität zieht an.

Jan Fidrmuc

Transformationsphasen

Ein Systemwechsel lässt sich im Allgemeinen als Intervall zwischen einem alten und einem neuen politischen System definieren. Er beinhaltet also die Auflösung der alten Strukturen, Funktionen und Integrationsmechanismen (

Ent

differenzierung), und den anschließenden Aufbau einer neuen politischen Herrschaftsstruktur (

Re

differenzierung). Der Wechsel von der Autokratie zur Demokratie ist somit nach zwei Seiten hin abgegrenzt: auf der einen Seite durch den Beginn der Auflösung des alten, autoritären Regimes und auf der anderen Seite vom neu etablierten, demokratischen System. Zwischen dem autokratischen System und der konsolidierten Demokratie liegen die drei Phasen des eigentlichen Systemwechsels: (1) Ende des autokratischen Systems; (2) Institutionalisierung der Demokratie; (3) Konsolidierung der Demokratie.

Wolfgang Merkel, Lea Heyne

Transformationsstrategien

Vor zwanzig Jahren, unmittelbar nach dem Beginn des Transformationsprozesses, beherrschte die akademische wirtschaftspolitische Diskussion eine Auseinandersetzung zwischen Schocktherapeuten, die sich für radikale Reformen und raschen Wandel aussprachen, und Gradualisten, die einen bedächtigeren und schrittweisen Reformansatz befürworteten. Die Schocktherapeuten wiesen auf das Beispiel der ostmitteleuropäischen Länder und baltischen Staaten, wo die Liberalisierung schnell erfolgte und die Stabilisierung mit einem Wiederaufschwung nach zwei bis drei Rezessionsjahren erfolgreich war, während sich die postsowjetischen Ökonomien der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) sehr viel schlechter entwickelten. Gradualisten führten das Beispiel Chinas an und meinten, das Ausbleiben einer Rezession und die hohen Wachstumsraten seien unmittelbares Ergebnis des schrittweisen Vorgehens in der wirtschaftlichen Transformation.

Vladimir Popov

Transitional Justice

Nach Kriegen und Diktaturen stellt der Umgang mit gewaltsamer Vergangenheit eine Herausforderung für Transformationsgesellschaften dar. Für die Aufarbeitung schwerer und systematischer Menschenrechtsverletzungen ist der Begriff

Transitional Justice

gebräuchlich. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen beschreibt das Konzept in seinem Bericht über Rechtsstaatlichkeit und Transitional Justice aus dem Jahr 2004 als „die gesamte Palette von Prozessen und Mechanismen, die dem Bestreben einer Gesellschaft dienen, schwerwiegende Verbrechen der Vergangenheit aufzuarbeiten, um Verantwortlichkeit, Gerechtigkeit und Versöhnung zu erreichen. Dazu können sowohl gerichtliche als auch außergerichtliche Mechanismen ohne oder mit unterschiedlichem Ausmaß internationaler Beteiligung, individuelle Strafverfolgungen, Entschädigungen, die Suche nach der Wahrheit, institutionelle Reformen, Überprüfung und Säuberung, oder eine Kombination mehrerer dieser Mechanismen gehören“ (UN Security Council 2004).

Brigitte Weiffen

Verfassungsgebung

Verfassungsgebung meint den Prozess der Aushandlung und Verabschiedung einer weltlichen Ordnung des Gemeinwesens, die Vorrang vor allem anderen Recht beansprucht. Sie enthält die wichtigsten Regeln, Verfahren und Prinzipien, die die Einrichtung, Organisation und Ausübung der Staatsgewalt sowie das Verhältnis zwischen Staat, Gesellschaft und Individuum bestimmen. Die Verfassungsinhalte werden idealtypisch in einer bewussten Wahl aus hinterfragbaren Normalternativen vom Souverän festgelegt. In Transformationsprozessen markiert diese Wahl als zentraler Akt der Institutionengebung das Ende der Transition.

Astrid Lorenz

Wertewandel

Werte und deren Wandel haben eine unmittelbare Auswirkung auf die Entwicklungen von Gesellschaften, weil sie handlungsleitend und damit handlungswirksam sind. Diese Erkenntnis bestätigt sich in unterschiedlichen Handlungsfeldern und so auch im politischen Leben einer Gesellschaft. Ronald F. Inglehart hat das – ausgehend von seinen frühen Studien zur „Stillen Revolution“ (Inglehart 1977) – zunächst für westliche Demokratien gezeigt. Der Wertewandel hat eine nachhaltige Veränderung der politischen Kultur westlicher Demokratien mit sich gebracht, die eine Präferenzverschiebung zu sogenannten postmaterialistischen Orientierungen, entsprechend veränderten Ansprüchen der Bürger an die Politik und letztlich in der sogenannten partizipativen Revolution mit den neuen sozialen Bewegungen ihren Ausdruck fand.

Bernhard Weßels

Wirtschaftliche Restrukturierung

Wirtschaftliche Entwicklung ist mit der permanenten Veränderung von Rahmenbedingungen für wirtschaftliches Handeln verbunden. Hierdurch kommt es laufend zu einem Wandel wirtschaftlicher Strukturen wie beispielsweise der Betriebsgrößenstruktur, der sektoralen Struktur und/oder der regionalen Wirtschaftsstruktur. Dies macht einerseits Anpassungen der Akteure erforderlich. Andererseits eröffnen sich hierdurch auch Chancen, durch eine aktive Umgestaltung wirtschaftliche Vorteile zu realisieren.

Michael Fritsch

Wohlfahrtsregime

Die intensive Debatte zu den wirtschaftlichen und sozialen Voraussetzungen der Demokratie hat gezeigt (⇨ Modernisierungstheoretische Ansätze), dass die Etablierung effizienter Wohlfahrtsregime das wichtigste Element zur Förderung, Institutionalisierung und Stabilisierung von Demokratie darstellt. Wohlfahrtsregime – verstanden als „particular constellations of social, political and economic arrangements that tend to nurture a particular welfare“ (Taylor-Gooby 1996: 200; vgl. Esping-Andersen 1990) – üben erstens eine entscheidende Modernisierungsfunktion aus, indem sie dazu beitragen, soziale Ungleichheit zu reduzieren, die politischen Verhältnisse zu stabilisieren und so die Investitionsbereitschaft zu stärken.

Alfio Cerami

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