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Über dieses Buch

Das Ziel des Bandes besteht darin, einen Überblick über die Grundfragen, Kernthemen und Handlungsfelder der praktischen Wirtschaftsphilosophie zu geben. Zu diesem Zweck befasst sich Teil I einführend mit dem Verhältnis von Ökonomie und Ethik, der Verbindung zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik sowie dem Zusammenhang von Globalisierung, Transnationalisierung und Interkulturalität. Teil II setzt sich mit den Kernthemen der praktischen Wirtschaftsphilosophie auseinander. Es werden Begriffe und Themen vorgestellt, die sowohl für die ökonomische Wissenschaft als auch für die Realökonomie relevant sind. Hierzu zählen systematische und normative Begriffe wie Präferenzen, Rationalität oder Regeln, Grundlagenthemen wie Freiheit, Verantwortung oder Gerechtigkeit und operative Themenfelder wie Handel, Markt, Kooperation oder Digitalisierung. Teil III beschäftigt sich abschließend aus wirtschaftsphilosophischer Perspektive mit zentralen Praxisfeldern der Ökonomie. Dazu gehören das Verhältnis von Unternehmens- und Konsumentenverantwortung, die Rolle von Stakeholder-Beziehungen, Shared Value-Ansätze, die Verbindung von Governance und Institutionen sowie alternative Wirtschaftsformen und die Wirtschaftspolitik.
Das Handbuch Wirtschaftsphilosophie verbindet in interdisziplinärer Perspektive philosophische Grundlagenreflexion mit theoretischer und praktischer Erschließung des ökonomischen Handelns. Methodisch werden dabei wissenschaftstheoretische, normative, kulturbezogene und historische Aspekte miteinander verbunden.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

Ludger Heidbrink, Alexander Lorch, Verena Rauen

Grundfragen

Frontmatter

Ökonomie und Ethik: Über Reichweiten, Sinn und Geltung von Wirtschaftsethik

In der abendländischen Tradition ist die Wirtschaft ethisch zu regeln, weil im wirtschaftlichen Handeln eine Tendenz zum Übermäßigen vorherrschen kann. Mit der modernen Ökonomie seit Adam Smith erblüht der Gedanke, dass die Markt-Ökonomie sich selber ordiniere (Smiths ‚natural order of liberty‘). Allerdings ist in der volatilen Dynamik der letzten Jahrzehnte die Idee wieder verstärkt worden, in der damit entstehenden Ungewissheit und Ambiguität das Ethische wieder zu einer regulativen Instanz zu ernennen und normative Arrangements für Wirtschaft und Unternehmen zu entwerfen: Wirtschafts- und Unternehmensethik. Dabei aber bleibt übersehen, dass das Ethische keine Adresse hat in der Gesellschaft, sondern sich an rechtliche, soziale und organisatorische Instanzen richten muss, die dann die Durchführung des Geforderten gewährleisten müssen. Das Ethische hat dann Indikator- und Deutungsfunktion, aber keine eigene Durchsetzungsmacht. In dem Sinne ist der Nexus von Wirtschaft und Ethik immer medial vermittelt, und oft bereits soziologisch, juridisch, aber auch oft ökonomisch relationiert.

Birger P. Priddat

Wirtschaft – Gesellschaft – Politik

Während die Klassiker der modernen Sozialwissenschaften dem Zusammenspiel sozialer, politischer und wirtschaftlicher Institutionen für die gesellschaftliche Wohlfahrt eine herausgehobene Bedeutung zuwiesen, geriet die sozial-kulturelle Einbettung der Wirtschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend aus dem Blickfeld. Erst neue institutionentheoretische, wirtschaftssoziologische und wirtschaftsethische Ansätze zeigen wieder, dass realistische Analysen der modernen Wirtschaft auch und gerade deren gesellschaftliche und politische Rahmung berücksichtigen müssen.

Andrea Maurer

Globalisierung, Transnationalisierung und Interkulturalität

Mit fortschreitender Globalisierung werden nicht nur in der Politik nationale Alleingänge zusehends obsolet, sondern auch im philosophischen Denken. Wer global wirkt, hat sich weltweit zu verantworten; angesichts weltweiter wirtschaftlicher Verflechtungen muss sich daher auch der Fokus der Wirtschaftsphilosophie interkulturell erweitern. Die Befreiung des wirtschaftsphilosophischen Denkens vom methodologischen Nationalismus hat angesichts der Divergenz der im globalen Rahmen miteinander wetteifernden weltanschaulichen Orientierungen und normativen Selbstbindungen über eine Analyse der Möglichkeiten individueller wie institutioneller ökonomischer Freiheit im Lichte ihrer planetarischen Verantwortung zu verlaufen. Dabei darf sich die Philosophie der Wirtschaft nicht auf ein rein quantitatives Verständnis von ökonomischer Freiheit beschränken, sondern muss gegenüber qualitativen Aspekten – wie der Frage nach der moralischen, sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit wirtschaftlicher Ordnungen wie Transaktionen – offenbleiben. Diese Herausforderung kann nur dialogisch bewältigt werden, indem im interkulturellen Diskurs der Weltbürger über die erwünschten qualitativen Dimensionen ihrer ökonomischen Freiheit die Betroffenen zu Beteiligten werden.

Claus Dierksmeier

Kernthemen

Frontmatter

Präferenzen

In diesem Artikel behandeln wir zunächst die historische Einordnung und die Grundannahmen in Bezug auf Präferenzen in der ökonomischen Theorie. Anschließend werden aktuelle einschlägige verhaltensökonomische Erweiterungen zu Risikopräferenzen, Zeitpräferenzen, sozialen Präferenzen und Präferenzen für Ehrlichkeit erklärt. Daraufhin gehen wir auf Einflussfaktoren der Ausprägung von Präferenzen durch Kultur und Marktintegration, die Ausprägung von Präferenzen durch Identitäten sowie Erziehungs- und Vererbungsfaktoren von Präferenzen ein.

Mira Fischer, Menusch Khadjavi

Wert und Werte

Während der Begriff Werte auf die moralische Orientierung einer Gemeinschaft verweist, bezeichnet der Begriff Wert die Tauschrelation von Gütern. Systematisch beginnt sich die Philosophie ab Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Begriff der Werte auseinanderzusetzen. Ab dem 20. Jahrhundert wird die Erfassung von Werten und Werthaltungen zunehmend auch zum Gegenstand soziologischer Studien. Demgegenüber stellt die Wertbestimmung von Waren und Dienstleistungen vor allem ein Problem der klassischen Ökonomie dar, dem innerhalb moderner ökonomischer Theorien nur mehr wenig Beachtung geschenkt wird.

Michael S. Aßländer

Regeln und Normen

Regeln lassen sich als allgemeine, bedingte Handlungsanleitungen rekonstruieren, die Typen von Agenten in Typen von Situationen, Typen von Handlungen gebieten, verbieten, erlauben. Aus Regeln lassen sich im Verbund mit Situationsbedingungen einzelne Normen folgern. Regeln können einerseits durch Setzung und andererseits durch informelles Sich-Einspielen in Kraft kommen. Für das wirtschaftliche Handeln spielen Regeln sowohl als handlungsbeschränkende Gebots- und Verbotsnormen als auch als Handlungsmöglichkeiten erweiternde Gebilde eine Rolle.

Susanne Hahn

Nutzen und Rationalität

Die Begriffe ‚Nutzen‘ und ‚Rationalität‘ sind in der Ökonomik eng miteinander verknüpft, insofern Rationalität als Nutzenmaximierung definiert wird. Was das bedeutet, hat sich seit Einführung des utilitaristischen Nutzenbegriffs in die Ökonomik Ende des 19. Jahrhunderts bis heute entscheidend gewandelt. Die verschiedenen historischen Bedeutungen überlagern sich im aktuellen Diskurs, insofern in der Literatur mit der behavioristischen einerseits und der psychologischen andererseits zwei Interpretationen von Nutzen und Rationalität vertreten, aber oft nicht reflektiert und expliziert werden.

Andrea Klonschinski

Handeln und praktische Rationalität

Rationales Handeln und praktische Rationalität gehören zu den grundlegendsten Begriffen der praktischen Philosophie. Für die praktische Wirtschaftsphilosophie sind sie von besonderer Relevanz, da sie in der ökonomischen Entscheidungstheorie eine eigene, höchst einflussreiche Prägung erhalten haben. Die kritischen Kernfragen, die sich ausgehend von dieser Prägung stellen, betreffen den Individualismus und den Instrumentalismus des ökonomischen Denkens, und schließlich auch die Rolle der Normativität praktischer Rationalität.

Rebekka Gersbach

Risiko, Unsicherheit und Ungewissheit

Dieser Beitrag bietet eine Übersicht, Einordnung und Kritik der gängigen ökonomischen Entscheidungstheorien unter Risiko und Unsicherheit. Dabei werden insbesondere wichtige der in diesen Theorien oftmals implizit hinterlegten epistemischen und ontologischen Vorannahmen herausgearbeitet. Es zeigt sich, dass diese in vielen Anwendungsbereichen schwierig bis unmöglich zu rechtfertigen sind. Gleichzeitig geht von ihnen eine auch ethisch relevante Normativität aus, über die sich die Anwenderin/der Anwender klar sein und über die er Rechenschaft ablegen sollte.

Martin Kolmar

Arbeit und Eigentum

Arbeit und Eigentum bilden jeweils für sich bereits schillernde Begriffe. Mit ihnen werden Phänomene beschrieben, die gesellschaftlich aber auch individuell nicht selten von großer Bedeutung sind. Bei genauer Betrachtung verschwimmt das mit den Begriffen Gemeinte jedoch zunehmend. Dies wirft Fragen in Bezug auf die Begründung von Eigentum durch Arbeit auf, wie sie insbesondere durch John Locke Einzug in das Denken gefunden hat. Sowohl mit der bereits in der Antike verwendeten Okkupationstheorie des Eigentums als auch mit der Arbeitstheorie des Eigentums wird die Umsetzung eines Naturrechts in der Gesellschaft angestrebt – beide vermögen es jedoch nicht, zu überzeugen. Letztlich bleibt die Frage nach der Sinn- und Zweckmäßigkeit gesellschaftlicher Arbeits- und Eigentumsordnungen nach wie vor aktuell.

Florian Krause

Tausch und Handel

Die wirtschaftsphilosophische Reflexion von Tausch und Handel lässt sich sowohl in ihrer systematischen Tragweite als auch in ihrer (philosophie)historischen Tiefe als Auseinandersetzung von drei Grundpositionen rekonstruieren, die mit den Namen Adam Smith, Karl Marx und Marcel Mauss verknüpft sind. Der Artikel bietet einen Überblick über die drei Positionen, insbesondere mit Blick auf die darin enthaltene Artikulation Artikulation des Verhältnisses von Ökonomie, Anthropologie und Geschichte.

Bastian Ronge

Geld und Preise

Die Philosophie des Geldes und der Preise befasst sich mit sozialontologischen Fragen der Konstitution und Natur von Geldvorkommnissen, sowie der Bedeutung und der Bedingungen monetärer Wertzuschreibungen. Eine zentrale Demarkationslinie konkurrierender Positionen verläuft entlang der Frage, ob Geldvorkommnisse Warenwerte repräsentieren oder Verhältnisse von Kredit und Schuld anzeigen. Darüber hinaus werden in der Philosophie des Geldes moralphilosophische und politische Fragen thematisch. So kommt Geld eine zentrale Rolle in der Organisation ökonomischer Kooperation durch Märkte und in der Entwicklung und Innovation wirtschaftlicher Produktivkräfte zu. Geld wird außerdem im Übergang von der Standesgesellschaft zur bürgerlichen Gesellschaft als freiheitsstiftende Institution wahrgenommen. So ersetzt die Geldvermittlung traditionelle Machtverhältnisse durch freiheitliche, und zumindest potenziell emanzipatorische Vertragsbeziehungen. Gleichzeitig erzeugt die zunehmende Bedeutung des Geldes soziale Ungleichheiten und neue Abhängigkeiten. Schließlich gehen das Streben nach Geld als Handlungsmotiv, die Verkäuflichkeit von nicht marktgeeigneten Gegenständen, sowie die Geldvermittlung außermarktlicher Verhältnisse mit moralischen Bedenken einher.

Simon Derpmann

Produktion und Konsum

Der Artikel gibt einen knappen, aber kritischen Überblick über Geschichte und Systematik des wirtschaftsphilosophischen Denkens über Produktion und Konsum. Der Bedeutungsspielraum des Produktionsbegriffs zwischen verschiedenen Wirtschaftstheorien, romantischer Naturphilosophie und Ästhetik wird chronologisch nachgezeichnet und diese Vielfalt systematisch gegen Verkürzungen des Begriffs gewendet. Ein unverkürztes Verständnis von Produktivität und Konsum muss auch Dimensionen ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit bewusst halten, die begrifflich in ihnen angelegt sind.

Christoph Henning

Markt und Wettbewerb

Nach einer allgemeinen Hinführung zu den Themen „Markt“ und „Wettbewerb“ und deren normativen Dimension wird eine Reihe von wirtschaftsethischen Fragestellungen diskutiert: die deutschsprachige Debatte über den „Ort“ der Moral im Markt sowie verschiedene angelsächsische Debatten, die eine differenzierte Sicht auf die Problematik von Moral unter Bedingungen des Wettbewerbs erlauben. Abschließend wird argumentiert, dass sich in Situationen, in denen Wettbewerb die Erfüllung moralischer Pflichten erschwert, die Pflichten der Marktteilnehmer*innen hin zu kollektiven Pflichten verschieben, diese Umstände gemeinsam zu ändern.

Lisa Herzog

Unternehmen

Eine etablierte Unternehmensphilosophie gibt es noch nicht. Wenn man sich an verwandten Disziplinen orientiert, wie beispielsweise der politischen Philosophie, dann gehören dazu vier Forschungsbereiche: an erster Stelle eine ideengeschichtliche Verortung, zweitens die Klärung der Grundbegriffe, drittens eine wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung mit der Wirtschaftswissenschaft und viertens eine Auseinandersetzung mit normativen Fragen. Diese vier Bereiche einer Unternehmensphilosophie sollen in diesem Artikel systematisch dargestellt werden.

Marc C. Hübscher, Christian Neuhäuser

Gemeinwohl, Gemeingüter und Wohlfahrt

Nach einem kurzen begriffsgeschichtlichen Exkurs werden unterschiedliche, engere und breitere Definitionen des Gemeinwohlbegriffs skizziert und kritisch gewürdigt. Soziale Wohlfahrtsfunktionen werden als analytischer Rahmen vorgestellt, in dem sich spezifische Probleme der Moderne, Grenzen und Möglichkeiten von Gemeinwohl-Konzeptionen analysieren lassen. Abschließend werden unterschiedliche Arten von Gemeingütern (öffentliche und meritorische Güter) erörtert. Diese stehen in einer besonderen Beziehung zum Gemeinwohl, da ihre Bereitstellung nolens volens eine kollektive Dimension hat.

Rudolf Dujmovits, Richard Sturn

Gerechtigkeit und Gleichheit

Der Beitrag behandelt die Konzepte von Gerechtigkeit und Gleichheit im Kontext des gesellschaftspolitischen Diskurses der Moderne, in dem die Gestaltung staatlich organisierter Gesellschaften insgesamt, ihrer staatlichen Ordnung wie auch ihrer ökonomischen Verfassung, zur Debatte steht. Um die sehr komplexe Struktur der Ideen von Gerechtigkeit und Gleichheit zu erhellen, wird zunächst das Vokabular von Gerechtigkeit und Gleichheit untersucht, um seine vielfältigen Verwendungsweisen und die damit verbundenen normativen Forderungen herauszuarbeiten. Davon ausgehend wird dann die moderne Vorstellung sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit in den Blick genommen und ihre grundlegenden Postulate an die politische und ökonomische Ordnung moderner Staaten skizziert.

Peter Koller

Freiheit und Verantwortung

Freiheit und Verantwortung sind Grundelemente des Liberalismus und beziehen sich wechselseitig aufeinander: keine Verantwortung ohne Freiheit und keine Freiheit ohne Verantwortlichkeit. Während der egalitäre Liberalismus davon ausgeht, dass Zufälle und Zwänge nicht verantwortungsrelevant sind, sondern nur akteursbezogene Entscheidungen, klammert der kontingenzneutrale Liberalismus diese Faktoren aus: Verantwortung wird als normative Konvention verstanden, die der gesellschaftlichen Ordnungsbildung dient, indem Akteure und Organisationen sich durch Regeln in ihrer Freiheit einschränken. In dieser Bindungsfunktion unter eingeschränkter Freiheit liegt die besondere ökonomische Relevanz der Verantwortungskategorie.

Ludger Heidbrink, Alexander Lorch

Natur und Wachstum

Die Frage nach dem Verhältnis unserer Produktions- und Lebensweise zur Natur ist auf mikroökonomischer Ebene mit der Begriffsbildung von „Naturkapital“ und auf makroökonomischer mit der Diskussion zum Thema Wachstum verknüpft. Der vorliegende Beitrag fokussiert auf letzteres und gibt einen Überblick über wachstumsbefürwortende und -kritische Positionen. Die systematische Einteilung der Positionen erfolgt aus einer wirtschaftsphilosophischen Perspektive und nimmt die Identifikation von Wachstumstreibern und darauf aufbauende wirtschaftspolitische Transformationsvorschläge zum Ausgangspunkt.

Tanja von Egan-Krieger

Nachhaltigkeit

Der Artikel expliziert die Idee der Nachhaltigkeit in wirtschaftsphilosophischer Perspektive (1). Er geht ausführlich auf die Tradition dieser Idee ein (2). Weiter werden Konzepte von Nachhaltigkeit unterschieden (3). Die Debatte um die Konkurrenz „starker“ und „schwacher“ Nachhaltigkeit wird ausführlich dargestellt, da sie zu Fragen ökonomischer Theorie führt. Ferner wird auf die mögliche Umsetzung der Konzeption starker Nachhaltigkeit eingegangen (4). Im Fazit (5) werden Erträge der Debatte festgehalten, das Verhältnis von Anthropozän und Nachhaltigkeit bestimmt und ein Ausblick auf konfliktträchtige Zukünfte gewagt.

Konrad Ott

Macht und Netzwerke

Der klassische subjekt- und handlungsbezogene Machtbegriff ist ungeeignet, sowohl die sozialen Prozesse der Gesellschaften der Postmoderne, als auch speziell der Wirtschaft verständlich zu machen. Im Sinne einer Sozialphilosophie des kommunikativen Textes, d. h. eines Zwischen, einer Medialität, ist vielmehr ein Begriff der Macht zu entwickeln, der diese als modale Relation entwirft. Modale Relationen konturieren Möglichkeitsräume, die die Gestalt mehrdimensionaler Netze haben. Im ökonomischen Extremphänomen der globalisierten Finanzökonomie haben diese Netze ihre deutlichste Gestalt der Ablösung der Macht in den Netzen von jeder Subjektivität. Insofern sind diese ökonomischen Netze das eigentliche Signum der Postmoderne.

Kurt Röttgers

Kooperation

Kooperation wird hier betrachtet als das aufeinander abgestimmte Erbringen von Leistungen durch individuelle oder korporative Akteure, durch das ein von diesen präferierter Zustand oder Prozess erreicht wird oder erreicht werden soll. Dem stehen verschiedene Herausforderungen entgegen: das Koordinations-, Beitrags-, Verteilungsproblem sowie negative externe Effekte. Zur Ermöglichung und erfolgreichen Durchführung von Kooperation sind daher stets zwei Arten der Ordnung erforderlich: Ordnungen der Handlungen und Ordnungen der wechselseitigen Erwartungen. Formen der Kooperation sind Nicht-Schädigung, Ressourcenzusammenlegung, Tausch, Arbeitsteilung, Risikomanagement und Leistungswettbewerb.

Andreas Suchanek

Versprechen, Vertrag und Vertrauen

Vertrauen ist für das Funktionieren unserer Wirtschaft wesentlich. Während die Digitalisierung die Praxis radikal verändert, werden in der theoretischen Rekonstruktion weiterhin alte Modelle verwendet. So basiert die Neoklassik auf der Annahme vollständiger Informationen und kennt folglich auch kein Vertrauen. Erst die Neue Institutionenökonomik entdeckt das Vertrauen zur Lösung von Problemen, die zwischen Auftraggeber und Beauftragten entstehen. Während man traditionellerweise Verträge zur Stabilisierung von Vertrauen einsetzt, wird in dem vorliegenden Beitrag für das Versprechen als die allgemeinere Form eines Vertrags argumentiert. Mit der versprechensbasierten Theorie des Unternehmens soll ein interdisziplinärer Impuls für eine Wirtschaftsphilosophie im Zeitalter der digitalen Ökonomie gegeben werden.

Alexander Brink

Digitalisierung

Mit der Digitalisierung geht ein fundamentaler, herausfordernder Wandel einher. Durch eine Begriffsbestimmung und Operationalisierung wird in diesem Beitrag der digitale Wandel aus wirtschaftsphilosophischer Sicht vorgestellt. Zunächst werden wirtschaftsphilosophische Grundlagen der Digitalisierung wie die Informationsethik erläutert, gefolgt von einer Diskussion der digitalen Wertschöpfung, die auf Überwachung aufbaut und von einer Überwachungskultur gespeist wird. Schließlich werden Zukunftsperspektiven zum Internet der Dinge, Pricing, Privatheit und der Digitalen Demokratie skizziert.

Mario D. Schultz, Peter Seele

Praxisfelder

Frontmatter

Corporate und Consumer Social Responsibility. Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen und Konsumenten

Ziel dieses Beitrags ist es, die Konzepte der Verantwortung von Unternehmen (Corporate Social Responsibility, CSR) einerseits und der Verantwortung von Konsumenten (Consumer Social Responsibility, ConSR) andererseits für eine nachhaltige Entwicklung darzulegen und dabei sowohl auf ihre Entstehung als auch auf ihre verantwortungstheoretische Begründung und unterschiedlichen Umsetzungsebenen einzugehen. Dabei spielen Theorien der korporativen und kollektiven Verantwortung eine zentrale Rolle. Des Weiteren werden CSR und ConSR aufeinander bezogen und unterschiedliche Ausprägungen dieser Beziehungen skizziert.

Imke Schmidt

Corporate Citizenship (gesellschaftspolitische Rolle von Unternehmen)

Als Organisationen sind Unternehmen in vielfältige gesellschaftliche Zusammenhänge eingebunden und nehmen durch verschiedene Aktivitäten Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklung. Eine rein ökonomische Perspektive auf Unternehmen würde dieser gesellschaftlichen Rolle nicht gerecht werden. In diesem Beitrag wird die gesellschaftspolitische Verantwortung von Unternehmen anhand ausgewählter gesellschaftlicher Teilbereiche beleuchtet und zentrale theoretische Bezüge eingeführt.

Martin Gibson-Kunze

Normativität und Instrumentalität in Stakeholder-Beziehungen

Begriff und Ansatz des Stakeholders sind über die letzten drei Dekaden hinweg zu einem festen Bestandteil von Managementforschung und -praxis geworden. Obwohl die wegweisenden Arbeiten von R. Edward Freeman längst den Status von Klassikern innehaben, wäre die Rede von einem einheitlichen Stakeholder-Ansatz verfehlt. Der Beitrag nähert sich diesem Ansatz aus der Perspektive seiner maßgeblichen Vertreter, unterstreicht jedoch die höchst unterschiedlichen Lesarten, die das Konzept bis heute auszeichnet.

Christoph Schank

Creating Shared Value: Ökonomische und gesellschaftliche Wertschöpfung

Creating Shared Value (CSV) ist ein prominenter strategischer Ansatz, welcher Unternehmen unterstützen soll, gesellschaftliche und ökologische Themen zu adressieren und gleichzeitig Profite zu generieren. In diesem Beitrag wird der CSV-Ansatz zunächst vorgestellt und anschließend kritisch diskutiert. Darauf aufbauend wird eine Weiterentwicklung von CSV unter dem Namen CSV+ skizziert.

Markus Scholz

Governance und Institutionen: Normativität und Relationalität

Die Wirtschaftsphilosophie reflektiert erkenntnistheoretische und methodologische Aspekte sowie deren praktische Konsequenz in Hinblick auf ökonomische Theoriebildung. Im vorliegenden Beitrag wird die Relationale Ökonomik als ein Forschungsansatz entwickelt, der Institutionen und Governance-Formen wirtschaftlicher Transaktionen – Person, Organisation, Markt – zu differenzieren und insbesondere auf die Firma als organisiertes Kooperationsprojekt moderner Gesellschaften abzustellen vermag. Diskutiert werden die analytischen Grundeinheiten der Relation wirtschaftlicher Ereignisse, bestehend aus der Transaktion, ihrer Governance-Struktur sowie den polylingualen, polykontexualen und polykontexturalen Rahmenbedingungen. Für die Governance moralökonomischer Transaktionen als ökonomische Transaktionen mit einer temporär dominanten moralischen Dimension ist ein relationales Verständnis von Ökonomik unabdingbar. Charakteristikum moderner Ökonomien sind soziale Kontexte und gesellschaftliche Erwartungen, die in Form von Corporate Responsibility, Shared Value Creation und intersektoralem Stakeholder-Management thematisiert und in der Firma verarbeitet werden. Eine aktuelle Herausforderung für die Firma und ihre Corporate Governance, insbesondere für das Integritäts- und Compliance-Management, ist die Reichweite und konkrete Umsetzung risikobasierter Sorgfaltspflicht sowie die Sicherstellung einer Integritäts- und Werteorientierung in den Geschäftsprozessen. Die relationale Ökonomik reflektiert deren endogene Normativität als notwendigen Bestandteil einer ökonomischen Theorie der Governance.

Isabel Jandeisek, Josef Wieland

Alternative Wirtschaftsformen

Der Artikel behandelt drei Wirtschaftsformen, die sich als Alternative zum vorherrschenden marktwirtschaftlich-kapitalistischen Wirtschaftssystem verstehen: Degrowth bzw. Postwachstumsökonomie, Solidarische Ökonomie und Gemeinwohl-Ökonomie. Diesen Ansätzen gemeinsam ist die Auffassung, dass das marktwirtschaftlich-kapitalistische Wirtschaftssystem dem menschlichen Leben, Zusammenleben und seinen Grundlagen mehr schadet als dient und deshalb umgestaltet werden muss. Stellt der Artikel Degrowth/Postwachstumsökonomie, Solidarische Ökonomie und Gemeinwohl-Ökonomie in ihren Grundzügen vor, so macht er zugleich auf Unterschiede aufmerksam und eröffnet kritische Perspektiven.

Ralf Köhne

Wirtschaftspolitik

Wirtschaftspolitik schlägt eine Brücke zwischen Ökonomie und Staat. Als angewandte Wissenschaft steht sie dabei im permanenten Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Forderungen, wirtschaftstheoretischen Einsichten und politischer Machbarkeit. Angesichts der vielfältigen Gegensätze in Bezug auf ihre Ausrichtung und Zielsetzung ist eine einheitliche Theorie der Wirtschaftspolitik nicht in Sicht. Vor diesem Hintergrund zeichnet der Beitrag die historische Entwicklung der Disziplin nach und beleuchtet die wirtschaftspolitischen Akteure und Handlungsfelder sowie verschiedene Ansätze zur Systematisierung einer allgemeinen Wirtschaftspolitik.

Nils Goldschmidt, Matthias Störring
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