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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Zum Geleit

Zusammenfassung
Es ist mir eine besondere Freude, diesem Band einige Worte zum Geleit hinzufügen zu können. Denn sein Verfasser hat mit seinem Werk eine in der deutschsprachigen Naehkriegsliteratur schmerzlich empfundene und fast beschämende Lücke mit höchster Kompetenz zu füllen verstanden. War doch Hans J. Morgenthau einer jener aus Deutschland vertriebenen Emigranten, die in der neuen Heimat der Vereinigten Staaten zu Weltruhm gelangten. Sie bahnbrechendes Hauptwerk Politics Among Nations wurde in drei europäische und drei asiatische Sprachen übersetzt. Seine Rolle in der Geschichte der Politikwissenschaften hat Stanley Hoffmann von der Harvard Universität charakterisiert, indem er ihn als primären Gründervater der jungen politologischen Disziplin der Internationalen Politik bezeichnete. Sein berühmtester Schüler Henry A. Kissinger sagte hierzu: „Hans Morgenthau hat das gegenwartsbezogene Studium der Internationalen Beziehungen zu einem wesentlichen Wissenschaftszweig gemacht. Alle von uns, die dieses Fach nach ihm unterrichteten, mussten, ungeachtet aller Meinungsunterschiede, von seinen Ansätzenausgehen.“ Und es spricht für sich, dass Morgenthau das bisherige einzige Theoriegebäude des Fachs Internationale Politik geschaffen hat, das mit internationaler Wirkungsbreite zahlreiche Anhänger nicht nur im Bereich der Wissenschaft, sondern im besonderen Maße auch in den Reihen der Praktiker auswärtiger Politik und Diplomatie erworben hat. Der meteorische Aufschwung seiner Theorie und ihrer Beachtung fiel zeitlich in die Anfangsphase des Kalten Krieges.
Christoph Rohde

Prolog

Zusammenfassung
Vor 15 Jahren kam es in der Weltpolitik zu einem wundersamen Umbruch. Als der sowjetische Machtblock wie ein Kartenhaus zusammenstürzte, da glaubten viele Theoretiker der internationalen Politik, dass die Bedingungen für eine auf den Prämissen internationalen Rechts, gegenseitiger Verständigung und ökonomischer Interaktion basierte, friedliche Welt entstehen könne. Der Grund für das Misstrauen zwischen Staaten sei durch den Wegfall der gefährlichen Sowjetunion verschwunden. Andere, kantianische und grotiusianische Prinzipien könnten die Weltpolitik nun dominieren. Der Kalte Krieg war beendet worden - als Resultat nicht- intendierter, latent sich durchsetzender gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse weltweit hin zu liberal-demokratischen Systemen, als intentionale Folge der Steuerung von Staatsmännern, die über Détente, die Öffnung des Systems und politische Einsicht zu einer friedlichen Veränderung des Status quo fanden sowie durch die Kraft der Imitation gesellschaftlicher Fortentwicklungen, die großartige politische Emanzipation der Massen auf friedlichem Wege erlaubten.1 Dazu kamen technologische Innovationen, die die Waffentechnologie so entwickeln halfen, dass (1) die defensive Bewaffnung Vorteile gegenüber der offensiven Bewaffnung bekam und (2) die durch modernste Satellitentechniken das Monitoring der Waffenarsenale ermöglichten. Eine Transparenz wurde möglich, die den Abrüstungsverträgen eine solche Zuverlässigkeit ermöglichte, dass die antagonistische Sicherheitsordnung des Kalten Krieges sich in Richtung auf eine gemeinsame Sicherheitsarchitektur hin entwickeln konnte.2
Christoph Rohde

1. Einleitung

Zusammenfassung
Hans J. Morgenthau (1904–1980), ein Deutscher jüdischer Herkunft aus Coburg, gehört zu den einflussreichsten Gelehrten aus der deutschen Emigration. Der von ihm entwickelte politikwissenschaftliche Ansatz des Klassischen Realismus gilt als der geistesgeschichtliche Ausgangspunkt des systematischen Studiums der politikwissenschaftlichen Disziplin der internationalen Politik überhaupt. Sein Hauptwerk Politics Among Nations 1 wurde in verschiedenste Sprachen übersetzt. Auf deutsch heißt das Opus Macht und Frieden. Dessen Publikation schlug in den USA, einem von einem „historischen Optimismus“2 und von eigener moralischer Auserwähltheit3 überzeugten Land, ein wie eine Bombe. Denn es vermochte Antworten auf scheinbar dämonische historische Prozesse zu geben, denen sich die USA ausgesetzt sahen. Es stellte die internationale Umwelt nicht als eine Welt der Harmonie dar, die von einzelnen Übeltätern vorübergehend gestört würde, sondern als permanenten Schauplatz von Macht- und Interessenkonflikten, die sich häufig auch gewaltsam äußern würden, vor allem dann, wenn Macht in ungezähmter Form in der Weltpolitik vorliege4. Die von vielen Beobachtern angeblich nicht anerkannte5 Machtzent- riertheit der internationalen Politik erklärte Morgenthau aus der Natur des Menschen einerseits6 und den anarchischen Strukturbedingungen des internationalen Systandererseits.7 Die Dramen der beiden Weltkriege8 und die Tatsache des unerwartet aufkommenden Kalten Krieges wusste Morgenthau mit Hilfe seiner Mächtegleichgewichtstheorie plausibel zu erklären. Mit Hilfe einer historischen Analyse des nationalen Interesses der USA seit deren Gründung versucht Morgenthau zu zeigen, dass die USA ihre Grundinteressen in drei Kreisen vertraten: (1) der Vorherrschaft in der westlichen Hemisphäre, (2) der Verteidigung eines Mächtegleichgewichts zwischen den Nationen in Europa und (3) in Asien.9 Aus diesem Grundinteresse leitet er Strategien für die US-Außenpolitik ab.
Christoph Rohde

2. Eine Skizze des Klassischen Realismus

Zusammenfassung
Beim Klassischen Realismus handelt es sieh um eine politische Theorie mit universalem Geltungsanspruch1. Das heißt, diese Theorie beansprucht die Fähigkeit, Aussagen über das Verhalten politischer Akteure zu machen, die nicht vor kulturellen, zeitlich-epochalen, technologischen oder anderen Grenzen Halt machen müssen. Morgenthaus theoretischer Ansatz verbindet politische Theorie und Praxis, eine gewagte Synthese2, die selten geworden ist, weil damit Einbußen an methodologischer Klarheit verbunden sind. Dass die sich immer weiter auftuende Kluft zwischen politischer Theorie und Praxis identifiziert und als nicht unbedingt wünschenswert charakterisiert wurde, davon zeugen die intellektuellen Debatten bezüglich der potenziellen Reintegration der Disziplin der Diplomatiegeschichte in die Disziplin der Internationalen Beziehungen.3
Christoph Rohde

3. Morgenthaus Anthropologie

Zusammenfassung
Der Klassische Realismus ist klassisch deshalb, da er auf einer spezifischen und expliziten Vorstellung vom Menschen gegründet ist. Morgenthaus Vorstellung vom Menschen ist äußerst komplex, da der Mensch auf Grund seines freien Willens sowohl zu den schöpferischen Taten der Liebe als auch zu den destruktiven Verhaltensweisen eines ungehemmten machtbezogenen Imperialismus fähig ist. Die strukturellen Bedingungen, innerhalb deren der Mensch und gerade der politische Mensch operieren muss, versucht den Menschen jedoch, mehr einer ungerechten Machtausübung zuzuneigen. Der Zustand seiner Endlichkeit verfuhrt den Menschen dazu, nicht auf der unsichtbaren Basis von Vertrauen zu handeln, sondern auf der zuverlässiger scheinenden Basis des immer auch Unrecht implizierenden Prinzips der Kontrolle über andere Menschen im Sinne einer ausgeprägten Machtausübung. Strukturelle Verwerfungen, bedingt durch die Existenz historischer Pfade und Entwicklungen, verhindern die realistische Umsetzung eines menschenrechtlich fundierten gerechtigkeitsethischen Prozeduralismus in vertragstheoretischem Sinne, der eine hypothetische Gleichheit der Menschen als Rechtssubjekte annehmen muss.2 Ungleichheit ist gerade die konstitutive Ausgangsposition, der sich eine politische Theorie stellen muss.3
Christoph Rohde

4. Die Methodologie des Klassischen Realismus

Zusammenfassung
In diesem Kapitel wird gezeigt, dass Morgenthau seiner Theoriekonstruktion ein komplexes methodologisches Konzept zugrundelegt. Dennoch geht es Morgenthau nicht um eine absolute methodologische Widerspruchsfreiheit innerhalb seiner Theorie, ein Anspruch, der in einer Wissenschaft vom Menschen ohnehin nicht einzulösen ist, sondern um die pragmatische Fragestellung, ob eine bestimmte Methodologie zu relevantem, praktische politische Erkenntnisse hervorbringendem Wissen beiträgt. In Bezug auf eine das theorieimmanent Logische überbetonende Wissenschaft sagt Morgenthau:
„Häufig (…) wird die Theoriebildung von Sozialwissenschaftlem in einer Art und Weise gehandhabt, die vermuten lässt, sie seien mehr an der Verfeinerung esoterischer methodologischer Kunstgriffe interessiert als am Erwerb wesentlichen Wissens, das durch die Anwendung von Methodologie auf konkrete Fälle politischer Praxis erarbeitet werden kann. Helmholtz, einer der großen Naturwissenschaftler des 19. Jahrhunderts, fühlte sich durch ein solches Verhalten an Menschen erinnert, die zwar ständig ihre Messer schleifen, ohne jedoch je zum Schneiden zu kommen.“1
Kenneth W. Thompson bestätigt das Urteil: „Rigor and relevance are seen in relation to each other. Neither can be absolute“2
Christoph Rohde

5. Der Begriff der Macht im Klassischen Realismus

Zusammenfassung
Im Folgenden werden die sich interdependent zueinander verhaltenden Begriffe der Macht, des Interesses und des Mächtegleichgewichts in ihrer theoretischen und anwendungsoperativen Bedeutung geklärt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Begriffe im Sinne von Morgenthaus spezifischer dualer Methodologie gedacht werden müssen. Die einzelnen Begriffe müssen also einerseits positivistisch-materiell2 und andererseits in ihrer psychologischen Dimension, aus der Se1bstwahrnehmiing des jeweiligen Akteurs, interpretiert werden. Dabei wird an dieser Stelle zunächst die Macht als Beziehungsmacht thematisiert, bevor die Frage der Macht als Strukturmacht festgestellt wird. Im Schnittpunkt dieser beiden Machtformen liegt die Ausformung der Theorie des Realismus.
Christoph Rohde

6. Das nationale Interesse

Zusammenfassung
Das Konzept des nationalen Interesses stellt die logische Fortsetzung des Machtbegriffes dar. Aus den Relationen der Machtpole zueinander glaubt Morgenthau eine rationale Außenpolitik ableiten zu können. Sein Denken steht geistesgeschichtlich in der Tradition der Idee der Staatsräson Friedrich Meineckes.2 Es ist davon abhängig, das der Staat ein eigenes, von der Gesellschaft unabhängiges und autonomes Interesse entwickelt.3
Christoph Rohde

7. Das Mächtegleichgewicht im Klassischen Realismus

Zusammenfassung
Das Mächtegleichgewicht ist für Morgenthau die logische Konsequenz aus den Handlungen von Akteuren im internationalen System, die ihr im Sinne von Macht verstandenes Interesse verfolgen. „Streben mehrere Nationen nach Macht, manche um Erhaltung, andere um Veränderung des Status quo bemüht, entsteht zwangsläufig eine Konstellation, die als Gleichgewicht der Mächte bezeichnet wird, und eine Politik, die ihre Erhaltung bezweckt.“3 Eine Politik des Mächtegleichgewichts ist in Morgenthaus Sinne mit einer flexiblen Allianzpolitik verbunden. Für ihn wirkt das Mächtegleichgewicht am Besten in einem multipolaren internationalen System, bei dem jeder Akteur über eine flexible Optionenzahl verfugt.
Christoph Rohde

8. Die große Debatte der 40er und 50er Jahre

Zusammenfassung
„Sozialwissenschaftliche Großtheorien lassen sich nur durch die Aufarbeitung ihrer Geschichte begreifen; sie verdanken ihre Entstehung konkreten historischen Situationen, auf die sie eine Antwort geben.“2
Christoph Rohde

9. Der ethische Rationalismus Morgenthaus

Zusammenfassung
Aus dem politischen Realismus Morgenthaus, der sich in Deutschland einen ‘Ruf’ als machtapologetischer Ansatz „verdiente“, ist in den Vereinigten Staaten eine ganze Schule eines normativen Realismus entstanden. Wie vertragen sich Realismus und Moral - gar der Wille zur Macht als konstitutive menschliche Grundbedingung und die Fähigkeit zur Proliferation moralischer Ziele und deren praktischer Umsetzung?
Christoph Rohde

10. Der Realismus zwischen Theorie und Empirie — Fallbeispiele

Zusammenfassung
Im Folgenden Abschnitt soll der Klassischen Realismus auf seine empirische Leistungsfähigkeit hin überprüft werden.. Der Realismus sieht im relativ ideologiefreien Konzept des nationalen Interesses eine zuverlässige Wegmarke zur Beurteilung internationaler Politik.
Christoph Rohde

11. Das Ende des Kalten Krieges: Die Karre vors Pferd gespannt

Zusammenfassung
Die Tatsache, dass sich die Sowjetunion ohne kriegerische Maßnahmen in ihren Untergang gefügt hat, beweist für Vertreter liberaler Denkansätze, dass die UdSSR in Person von Gorbatschow lernfähig war. Liberale Normen wurden ansozialisiert, der Faktor der relativen Macht spielt keine primäre Rolle bei der Erklärung des Endes des Kalten Krieges. Ein breiter Konsens hat sich darüber eingestellt, dass die Entstehung von Normen und Regimen, das Phänomen des komplexen Lernens und die Einsicht in die „Nichtrealität“ des Konfliktes (der Konflikt war „sozial konstruiert“)1der Akteure UdSSR und USA2 die Hauptfaktoren zur Erklärung des Endes des Kalten Krieges darstellen.
Christoph Rohde

12. Eine Entwicklungsskizze des modernen Realismus

Zusammenfassung
Der Klassische Realismus Hans J. Morgenthaus ist in verschiedene Richtungen hin weiterentwickelt worden. Dies hat historisch-empirische und theorieimmanente Gründe. An dieser Stelle sollen die wichtigsten Fortentwicklungen kurz skizziert und ein Urteil über Morgenthaus komplexen und manchmal ambivalenten theoretischen Ansatz versucht werden.
Christoph Rohde

13. Hans J. Morgenthau und die weltpolitische Gegenwartslage

Zusammenfassung
Die weltpolitische Struktur verändert sich in dramatischer Weise. Nach der deutlichen Wahrnehmung der präzedenzlosen US-Hegemonie in der Welt2, die die Struktur der Weltpolitik eindeutig determiniert, muss festgestellt werden, dass die USA nicht mehr bereit sind, die benevolenten Spielregeln des Kalten Krieges zu beachten.3
Christoph Rohde

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