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Heimatgedanken

Theologische und kulturwissenschaftliche Beiträge

  • 2019
  • Buch
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Über dieses Buch

Heimatgedanken! Die theologischen und kulturwissenschaftlichen Beiträge dieses Bandes aus der Reihe pop.religion: lebensstil – kultur – theologie suchen auf den Sachverhalt zu reagieren, dass nicht nur ein flacher, bunter Heimatbegriff in der Regenbogenpresse und dem Vorabend-TV zweitklassiger Privatsender Konjunktur hat, sondern dass sich in zahleichen aktuellen Gesellschaftsdiskursen der gegenwärtigen Deutungskulturen starke Reflexe auf triviale Heimatbilder bemerkbar machen. Vor dem Konsenshorizont, dass man sich gegen romantisierte Übertreibungsszenarien, vorkritische Ideologien und populistische Agitationen zur Wehr setzen muss, ergreifen kompetente Menschen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Fachkulturen das Wort – und kommen wunderbar miteinander in ein zukunftsweisendes Gespräch.

Inhaltsverzeichnis

  1. Frontmatter

  2. Sehnsuchtsort Heimat

    Kurze Einleitung Johanna Hammann
    Zusammenfassung
    Dass wir die eigene Heimat meist erst im Rückblick – oder wenigstens aus einer biographisch notwendig gewordenen Distanz heraus – als unsere „Heimat“ bezeichnen, ist doch verwunderlich. In den Zeiten, in denen wir wachen Pulses in ihr lebten, konnte sie sich eher weniger in dieser verklärten, romantisierten, sepiagefilterten und gefühlsverdichteten Weise präsentieren, die wir nun bzw. inzwischen „Heimat“ nennen gelernt haben. Erst im Erleben der „Fremde“ erschließt sich uns die Eigenheit unserer Heimat mit ihren zerfaserten Rändern.
  3. Auf diesen Hügeln überseh ich meine Welt!

    1. Frontmatter

    2. Das Rätsel der Heimat

      Zur gesellschaftlichen Haltbarkeit eines unentfalteten Begriffs in aktuellen Vorstellungen zur „Leitkultur“ Jörn Ahrens
      Zusammenfassung
      Es wirkt kurios, dass ausgerechnet der Emigrant Ernst Bloch, zurückgekehrt aus dem US-amerikanischen Exil, wohin er vor den Nationalsozialisten fliehen musste, und nachdem er mit der DDR auch seine Nachkriegswahlheimat hatte verlassen müssen, in einer gern zitierten Notiz in seinem Prinzip Hoffnung zu einer positiven Bestimmung von Heimat gelangt. Von einem auf die Wanderschaft gezwungenen Philosophen hätte man wohl eher größte Skepsis jedem Verständnis von Heimat gegenüber erwartet.
    3. Heimat – Sehnsucht und Praxis

      Praktisch-theologische Überlegungen zu einem umstrittenen Begriff Kristin Merle
      Zusammenfassung
      „Wir reden von etwas, was wir nicht kennen, aber heftig begehren. Wir träumen von etwas, das sich uns nicht zeigt, uns aber fortlaufend verführt“, notiert Wilhelm Genazino – gefragt nach: Heimat. Und er fügt hinzu: „Die innere Unfassbarkeit der Heimat ist vielleicht sogar die stärkste offene Erfahrung des Menschen.“ Tatsächlich erlebt der Heimatbegriff gegenwärtig eine Renaissance. Zeitschriften wie Landlust und Liebes Land halten Sehnsüchte nach Ursprünglichkeit und Einklang – und damit assoziativ nach Heimat – wach, Tim Mälzer verfasst ein Kochbuch Heimat, die Idee von Heimat gewinnt auch im politischen Diskurs wieder Land und Leute.
    4. Heimat 2.0

      Über Konstruktionen und Imaginationen von Beheimatung in der deutschsprachigen Schlagermusik Christoph Jacke, Julio Mendívil
      Zusammenfassung
      Heimat ist ohne Zweifel ein schwieriger Begriff, auch in den populären Musikkulturen. Für Herbert Grönemeyer ist Heimat in den Lyrics des gleichnamigen Songs kein Ort, sondern ein Gefühl. Gefühle können aber sehr unterschiedlich sein. Man kann ein gutes, schlechtes, komisches, unangenehmes oder ein vorwarnendes Gefühl haben.
  4. Weh [wohl] dem, der keine Heimat hat!

    1. Frontmatter

    2. Mit Jesus in den Zwischenräumen, jenseits von outopos und eutopos?

      Variationen über die Frage nach einem heimatlichen Bleiberecht von Christinnen und Christen Frank Thomas Brinkmann
      Zusammenfassung
      Auf der HP der Hochschule Konstanz für Technik, Wirtschaft und Gestaltung findet sich unter den FAQs erwarteter Weise auch die Anfrage: „Kann ich als Ausländer in Deutschland studieren?“ Die Antwort ist gediegen, sie lautet: „Ja. Sie benötigen ein heimatliches Reifezeugnis, das Ihnen den Zugang zu einer Hochschule in Deutschland ermöglicht, und Sie müssen eine Sprachprüfung absolvieren.“
    3. Das Triviale als Heimat

      Hans-Martin Gutmann
      Zusammenfassung
      Das Triviale erreicht die Herzen und das Bauchgefühl der Leute. Seit der Denkschrift der evangelischen Kirche und der Vereinigten Evangelischen Freikirchen 2002 mit dem Titel Räume der Begegnung. Religion und Kultur in evangelischer Perspektive wird das Triviale nicht mehr, ausgehend von einer Unterscheidung von E- und U-Kultur, in die Schmuddelecke des Kitsches verwiesen, sondern in seinen Phänomenen analysiert und wertgeschätzt. Das Triviale funktioniert voraussetzungslos im Hier und Jetzt, es berührt das Gefühl, es ermöglicht Gemeinschaftsbildung, es eröffnet Wege zu kleinen Fluchten aus dem Alltag bzw. macht den Alltag selber zum Fest, es erlaubt einen leichten Zugang zu den großen Lebensthemen von Liebe und Trauer, Krankheit, Sterben und Neubeginn. Religion und Kultur erreichen in dem Maße das Herz der Leute und die Vereinigung der Herzen im gemeinsamen Event, in dem sie trivial werden.
    4. Zwischen Armenvierteln, Müllsäcken und Wandmalereien

      Die soziale Heimat des Papstes und ein Neuanfang von Religion? Martin Schmuck
      Zusammenfassung
      Noch gar nicht so lange ist es her, dass der Kabarettist Hagen Rether mit obigem Kommentar zum damaligen Papst begeisterte Zustimmung ernten konnte. Offenbar waren seinerzeit Auftritt und Wahrnehmung von Papst Benedikt XVI. eher geeignet, die üblichen katholizismus- und religionskritischen Assoziationen hervorzurufen, weshalb Rether im Verlauf seines Programms dem ehemaligen Vorsitzenden der Glaubenskongregation die entsprechenden Themen – von Inquisition und Exorzismus über Fundamentalismus und Frauendiskriminierung bis hin zu Finanzgebaren und Mafiakontakten – mit Erfolg anheften konnte.
    5. Fremde – Heimat – Diaspora

      Erkundungen im Feld des Gefühls von Heimatlosigkeit Richard Janus
      Zusammenfassung
      Wer sich mit dem Begriff Heimat auseinandersetzt, kann nicht umhin, auch das Gegenteil und ihren Verlust sowie die Sehnsucht nach Heimat bzw. Beheimatung zum Thema zu machen. Waren die gesellschaftlichen Diskurse im Nachkriegsdeutschland von den Auswirkungen eines nationalsozialistischen Heimatverständnisses und den Erfahrungen von Flucht, Verschleppung und Vertreibung geprägt, die um eine Rückkehr in die Heimat kreisten, so brachten die Anwerbeabkommen in West wie Ost eine neue Art von Migrant*innen nach Deutschland.
    6. Die Heimat der Seele

      (Religions-)Psychologische Reflexionen im Anschluss an die Heimat-Trilogie von Edgar Reitz Roderich Barth
      Zusammenfassung
      Wenn es im Folgenden um die Heimat der Seele geht, so ist damit auch ein Versuch unternommen, einen Ausweg aus einem Dilemma zu finden. Das Dilemma besteht darin, dass dieser Begriff in seiner Geschichte immer wieder ideologisch aufgeladen wurde. Gerade angesichts des rasanten und globalen Siegeszuges eines machtberauschten Neo-Nationalismus, den wir in diesen Tagen mehr oder weniger ohnmächtig bei seiner wütenden Zerstörung zivilisatorischer Standards zusehen müssen, wäre ein Ausblenden dieser dunklen Seiten des Wortes Heimat problematisch.
  5. Die Heimat des Weltbürgers wird scharfsinnig erspürt, die des Volkstümelnden erjodelt

    1. Frontmatter

    2. Das Paradies verloren, kein himmlisches Jerusalem in Sicht

      Inge Kirsner
      Zusammenfassung
      Mitte 2017 kommt die Fortsetzung von Ridley Scotts legendärem Blade Runner in die Kinos, unter der Regie von Dennis Villeneuve (The Arrival). Im Trailer ist zu sehen, wie der alte Replikantenjäger Deckard (Harrison Ford) auf den neuen, gespielt von Ryan Gosling, trifft. „Ich habe dasselbe damals gemacht wie Sie“, sagt er, „aber damals war die Welt einfacher.“
    3. Heimat: Landschaft(en) zwischen Sinn und Sinnlichkeit

      Kirstin zu Hohenlohe
      Zusammenfassung
      Als eine Art Gegenentwurf zu den gefühlten Unsicherheiten der Globalisierung, zu den Begleiterscheinungen anhaltender, rasant-technischer sowie sozio-ökonomischer Wandlungsprozesse keimt eine gesellschaftliche wie individuelle Suche nach etwas Verlässlichem und Eigenem (auch Regionalem): Heimat und Heimatbegriff haben Hochkonjunktur. Sowohl in populären Medien als auch in politischen Debatten, in künstlerischen sowie philosophischen Reflexionen, nicht zuletzt in wissenschaftlichen Abhandlungen gibt es eine dynamische Auseinandersetzung mit der Frage nach dem, was „Heimat“ eigentlich ist. Durch die weltweiten Flucht- und Migrationsbewegungen ist auch die Beschäftigung mit Verlusten von Heimat in dieser Auseinandersetzung wichtig geworden.
    4. Wenn Heimat schmerzt

      Der Heimatbegriff Shoah-Überlebender und dessen Thematisierung im Religionsunterricht Katharina Müller-Spirawski
      Zusammenfassung
      „Heimat ist für mich Kirchhellen, da wo unser Haus steht“, „Ich denke, Heimat ist eher ein Gefühl und ein Geruch. So wie der Geruch meiner Mama, wenn sie mich umarmt“ und „Heimat ist gar nicht wirklich ein Ort für mich, der Begriff spiegelt eher meine Familie wieder. Dort wo meine Eltern und mein Bruder sind, da bin ich zu Hause“ So und so ähnlich lauten die Ansichten von Schüler*innen verschiedener Altersstufen.
    5. Besetzte Heimat

      Eine Spurensuche in Vaterunser-Parodien Anne Breckner
      Zusammenfassung
      Was haben Heimat und Heimatsuche eigentlich mit Theologie und Popkultur zu tun? Diese Frage zu ergründen, ist eines der Ziele der Jahrestagung 2017 Suche: H.E.I.M.A.T gewesen. Allerdings ist ein wichtiger Aspekt von Heimat dabei selten thematisiert worden – der Heimat, die durch fremde politische Mächte besetzt ist oder werden könnte. Dabei existiert ein großer Korpus an theologisch relevanten Texten, die diesen Zustand der ‚besetzten Heimat‘ aufgreifen und zugleich zum Bereich der Popkultur gezählt werden können: Es gibt Vaterunser-Parodien, die solche eingetretenen Besatzungszustände oder Besatzungsbedrohungen thematisieren.
    6. Der deutsche Hans kehrt heim ins Glück

      Vom kuriosen Ende einer Seligkeitssuche Anna Sophie Jäger
      Zusammenfassung
      Es waren einmal zwei Brüder. Die erlebten mit knapp 15 Jahren, wie alle deutschen Länder links des Rheins an Frankreich fielen und der Code Napoléon eingeführt wurde, wie sich fünf Jahre später sechzehn weitere Fürstentümer der französischen Herrschaft unterwarfen und Kaiser Franz II schließlich seine Krone ablegen musste: das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation war gekommen! Die insgesamt 23 Kriegsjahre, die 1815 mit Napoleons Niederlage bei Waterloo endeten, hatten nicht nur zahlreiche Todesopfer gefordert, sondern auch weite Teile des Landes verwüstet.
    7. Dialektpredigten in Franken

      Überlegungen zu einer Textsorte Oliver Herbst
      Zusammenfassung
      Gerade in der fränkischen Heimat des Autors dieses Beitrags sind Dialektpredigten recht beliebt. Die Resonanz wird z. B. daran deutlich, dass der Theologe und ehemalige Regionalbischof Christian Schmidt eine derzeit siebenbändige Buchreihe mit eigenen Dialektpredigten vorgelegt hat1. In der Fränkischen Landeszeitung heißt es anlässlich einer Predigt des Autors in Merkendorf (Landkreis Ansbach): „Nicht bei jeder Predigt des früheren Regionalbischofs ist die Kirche voll.
    8. Horst Schimanski auf Heimatsuche

      Daniela Zumpf
      Zusammenfassung
      „Am Anfang war die Idee“, einen Perspektivwechsel im Tatort vorzunehmen: Als die Ablösung des Essener Tatortkommissars Haferkamp durch das Duisburger Ermittlerduo Horst Schimanski und Christian Thanner anstand, sollte künftig nicht mehr nur der zu lösende Fall im Mittelpunkt stehen, wie es in einer Kriminalgeschichte klassischerweise der Fall ist. Stattdessen sollte es „eine einheitliche Erzählperspektive […] – die der Ermittlungsbeamten“ geben. Dies hatte die Notwendigkeit zur Konsequenz, den Figuren, die im Zentrum stehen, Leben einzuhauchen.
    9. „Auf besonderen Wunsch hin anders erklärt“

      Bemerkungen aus der Brechungs- und Orientierungsfunktionskurve eines unheim(at)lichen Glossars Rüdiger Andau
      Zusammenfassung
      Mein langjähriger Weggefährte, der unvergessene Kabarettist Mark Mikan, hat kurz vor seinem bis dato ungeklärten Verschwinden in den so genannten Karlsbader Kabinettstückchen vorgeführt, wie wichtig es ist, sich und anderen zuzumuten, die „Dinge anders zu erklären als man zu glauben gewohnt ist“. Nur so, meint Mikan, käme man noch „hinter den Hintersinn“ – und empfahl diesen Schritt auch der Theologie, als deren „bester und freundlichster und freundschaftlichster und wohlgesonnenster Erbfeind“ er sich stets selbst verstanden wissen wollte. Ich nehme an, dass meine Verwandtschaft mit Mikan letztlich den Ausschlag dafür gegeben hat, mich um ein spezielles Heimat-Glossar zu bitten, das in eine theologisch-soziologisch-kulturwissenschaftliche Sammlung von Beiträgen zu Heimat und Heimatsuche aufgenommen werden sollte.
  6. Backmatter

Titel
Heimatgedanken
Herausgegeben von
Prof. Dr. Frank Thomas Brinkmann
Johanna Hammann
Copyright-Jahr
2019
Electronic ISBN
978-3-658-22253-6
Print ISBN
978-3-658-22252-9
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-22253-6

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