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Über dieses Buch

Hochbegabung wird vielfach als pädagogisches Phänomen betrachtet, weniger als Gegenstand empirischer Bildungsforschung.Vor dem Hintergrund von Schulentwicklungsprozessen in schulischen Netzwerken wird in dieser Studie ein solcher Ansatz gesucht. Als empirisches Fallbeispiel dienen die Kooperationen „Hochbegabung fördern“ in Niedersachsen, die seit 2003 als flächendeckendes, bildungspolitisches Konzept zur bildungsgerechten und durchlässigen Entwicklung von Begabungen eingeführt wurden. Über den Ansatz der Educational-Governance-Forschung wird auf Basis qualitativer Daten gezeigt, welchen Beitrag die Leitidee 'Hochbegabungsförderung' perspektivisch für Inklusion leistet und wie sich in diesem Kontext produktive Schulentwicklung auf den verschiedenen Steuerungsebenen von Schulverwaltung und Schule realisiert.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

1. Einleitung

„Hochbegabung, Begabung, Inklusion“. Der Titel dieser Arbeit verweist auf eine aktuelle Bildungsdiskussion, die wesentliche Reformpunkte des Bildungswesens der letzten Jahre thematisiert. Hochbegabungsförderung hat sich nach einer Phase der „ideologischen Streitkultur“ bildungspolitisch konsolidiert. Das Programm zur Exzellenzförderung des BMBF (2007) formuliert entsprechend, dass es politische Zielsetzung sei, Begabte früher lernen zu lassen, ihre Potenziale zum Nutzen des Individuums und der Gesellschaft zu entwickeln, ein positives Klima für Talente und Eliten in Deutschland zu schaffen und die Begabungsförderung qualitativ zu steigern.
Wenn es so etwas wie ein ‚Leitbild’ für das Bildungswesen insgesamt geben könnte, dann wäre es in den Kontext der okzidentalen Kulturgeschichte einzubetten, die drei große Gestaltungsprinzipien des menschliche Zusammenlebens hervorgebracht hat. Die überragende Leit-idee ist jene der Personalität, der Gleichwertigkeit aller Menschen, dessen Entstehungsgeschichte vom christlichen Menschenbild als Ebenbild Gottes bis zur Erklärung der Menschenrechte im Umfeld der Aufklärung reicht. Sie begründet das Recht jedes Kindes auf Wertschätzung, auf ‚respect’, wie es im englischsprachigen Kontext heißt.
Fend 2008, 363
Bianca Preuß

2. Erkenntnistheoretische Ausrichtung und Struktur der Arbeit: Der „Wert“ von (Hoch)Begabungsförderung

Vorliegende Studie widmet sich einem wichtigen Aspekt im gegenwärtigen Bildungsdiskurs. Prekäre Ergebnisse der PISA-Untersuchungen weisen auf die Notwendigkeit der Entwicklung individueller Lern- und Leistungsbedürfnisse aller Schülerinnen und Schüler, die auch die Hochbegabten einschließt. Konkret geht es um:
1.
die zentrale Frage, wie die Leitidee der (Hoch)Begabungsförderung in der Praxis der Steuerung umgesetzt wird, damit der Impact moderner Gesellschaften hinsichtlich Inklusion realisiert wird.
 
2.
die Forschungsfrage, ob die Idee der (Hoch)Begabung die Idee der individuellen Lernentwicklung von allen Schülerinnen und Schülern antreibt.
 
3.
die Forschungsfrage, ob die Idee der Hochbegabung Impuls- und Katalysatorfunktionen für Schulentwicklungsprozesse hat – insbesondere wie diese in den Bildungsnetzwerken Kooperationsverbünde „Hochbegabung fördern“ in Nieder-sachsen“ transformieren.
 
Bianca Preuß

Erster Hauptteil: (Hoch)Begabungsförderung aus theoretischer Sicht

3. Leitideen bildungssoziologisch gesehen (Luhmann/Weber/Lepsius/Faust)

Aus der Sicht der Systemtheorie lässt sich eine Leitidee als Code (Programm) begreifen, der einen generellen Orientierungsrahmen für Handeln definiert. Inwiefern eine Leitidee handlungswirksam wird, entscheidet ihr „Geltungskontext“ (Lepsius 1997). Auf das Bildungssystem bezogen sind hier gesellschaftlich institutionelle (Organisation Schule), politische, bildungspolitische, rechtliche (Schulgesetze) Geltungskontexte zu nennen. Leitideen konkretisieren sich erst in den Interessen der Akteure. Nur in der Verbindung von Idee und Interesse werden sie wirksam. Vorher sind sie interpretationsoffen und vage. Ein Weg, beides zu verbinden, geht über die Institutionalisierung. Eine Leitidee, die aus einer gesellschaftlichen Debatte resultiert, kann in verschiedene Felder wie Management, Politik, Bildung, Wirtschaft ausstrahlen und dort von Akteuren aufgegriffen werden.
Bianca Preuß

4. Inklusionstheoretische Annahmen

Der Begriff der Inklusion geht argumentationstheoretisch auf Marshall und Parsons zurück und stellt, seine Chronik betrachtend, den Beginn einer soziologischen Auseinandersetzung dar. Luhmann (2002, 138), ein prominenter Vertreter der Soziologie, entfaltet mit der Frage, wie Personen in die Gesellschaft einbezogen sind, eine differenzierungstheoretische Perspektive. Hier wird im Prinzip von der Systemebene her gedacht und ein Fokus der Sozialintegration angesprochen. Aus soziologischer Sicht lässt sich mit dem Begriff der Inklusion das Verhältnis von Individuum und moderner Gesellschaft beobachten. Dies entspricht einem klassischen Ausgangspunkt dieser Disziplin. Brüsemeister (2004, 14ff.) bemerkt, dass dennoch für die Soziologie die Inklusionsthematik noch recht neu sei und es zudem überrasche, dass Inklusion bisher kaum im Zusammenhang mit Modernisierung diskutiert wurde.
Bianca Preuß

5. Orientierung über neue Steuerungsstrukturen für Bildungssysteme

Insbesondere mit dem PISA-Schock 2001 hat der Druck auf Bildungspolitik und Bildungsverwaltung, rasch wirksame Schulreformen zu setzen, deutlich zugenommen. „Der daraus entstandene Reformdiskurs wird mehr und mehr als ein ‚Steuerungsdiskurs’ geführt“ (Altrichter/Maag Merki 2010, 17). Die neue Leitfrage, welche Bildungsreformer beschäftigt, betrifft die Steuerungsmodi im Bildungswesen selbst und nicht mehr nur die zu „steuernde“ Bildungsreform.
Bianca Preuß

6. Steuerung von Schulentwicklung

Die beiden Themen „Schulentwicklung“ und „Netzwerkbildung“ sind bislang aus der Forschungsperspektive der Begabungsförderung kaum thematisiert. Zwar ist dieses Feld z.B. in Bezug auf Erkennung, Identifikation oder schulische/außerschulische Fördermaßnahmen mehr oder weniger hinlänglich erforscht, vernachlässigt wird jedoch, Begabtenförderung auch unter dem Gesichtpunkt einer „Neuausrichtung schulischer Bildung generell“ (Solzbacher 2006, 81) in den Forschungsfokus einzubeziehen. Solzbacher (2006, 77) bezieht ihr Postulat auf Schulentwicklungsprozesse, die Begabtenförderung nicht mehr nur auf die „Summierung von Einzelmaßnahmen“ ausrichtet, sondern auf eine Integration der Gelingens- und Misslingensbedingungen von Begabtenförderung in eine systematische Schulentwicklung.
Bianca Preuß

7. Aktuelle Steuerungspolitik: Netzwerke in Bildungssystemen

Die gegenwärtig ausgeprägte Reformphase evidenzbasierter Bildungspolitik kennzeichnet sich durch zahlreiche Initiativen wie die Einführung von Bildungsstandards, zentralen Prüfungen, Lernstandserhebungen und Schulinspektionen. Sie entsprechen dem Steuerungstrend, Dezentralisierungen auf der Makro-Ebene zu installieren. Alle diese Maßnahmen gehören dem generellen Bemühen an, die Einzelschule und ihre Qualität für schulisches Lernen zu verbessern.
Netzwerke können allgemein als eine Menge von Knoten definiert werden, die über eine Menge von Beziehungen miteinander verbunden sind.
(Wald/Jansen 2007, 99)
Bianca Preuß

Zweiter Hauptteil: Hochbegabungsförderung aus empirischer Sicht

8. Der empirische Gegenstand der Governance-Analyse: Kooperationsverbünde „Hochbegabung fördern“ in Niedersachsen

Aus der Schulentwicklungsperspektive ließe sich fragen, was für eine „Steuerung“ Organisationen bräuchten, um effektive bzw. effiziente Begabungsförderung durchzusetzen? Faktisch hat Niedersachsen das Netzwerk „Kooperationsverbünde allgemein bildender Schulen“ gewählt. Mit dem analytischen Inventar der Governance-Perspektive soll ihre regulierende Praxis rekapituliert werden. Das Implementationsprojekt der Niedersächsischen Landesregierung konstituiert einen geeigneten empirischen Gegenstand deshalb, da es:
Bianca Preuß

9. Methodisches Forschungsdesign

Qualitative Sozialforschung bemüht sich um eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Komplexität sozialer Wirklichkeit. Diese Argumente sprechen dafür, den Forschungsfokus zu kontextualiseren, also contex rich anzulegen. Eine derartige komplexe Gegenstandskonzeption im Forschungsdesign bedarf einer überlegten methodologischen Indikation. Bei dem Untersuchungsgegenstand Kooperationsverbünde „Hochbegabung fördern“ in Niedersachsen handelt es sich um einen Bereich Empirischer Bildungs-forschung, der bislang nur wenig exploriert ist. Daher verlangt die methodische Strategie eine „Entdeckung von Theorie aus – in der Sozialforschung systematisch gewonnenen und analysierten – Daten“ (Glaser/Strauss 2005, 11).
Bianca Preuß

10. Dritter Schritt der Governance-Analyse: Was tun die Akteure, um (Hoch)Begabung zu fördern?“

Operationalisiert wird mit diesem 3. Schritt der Governance-Analyse die leitende Forschungsfrage „Was tun die Akteure, um (Hoch)Begabung zu fördern?“ (vgl. Kapitel 9) am empirischen Fallbeispiel Kooperationsverbünde „Hochbegabung fördern“ in Niedersachsen. Dabei werden die elementaren Mechanismen sozialer Ordnungsbildung auf der Meso-Mikro-Ebene schulischer Organisation und deren Schnittstellen (z.B. zur Bildungsverwaltung und Politik) analysiert. Der Abschnitt behandelt die empirische Reali-tät der Umsetzung von Begabungsförderung und ihre Wirkung auf individuelle Förderung und Schulentwicklung in Bildungsnetzwerken.
Bianca Preuß

11. Fazit: Schwerpunkte qualitätsvoller „Steuerung“ im Kontext individueller Begabungsförderung und Schulentwicklung

Bildungsforschung hält im Allgemeinen kognitives Wissen darüber bereit, wie Akteure im Bildungswesen ihre Realität sehen. Diese Wissensbestände werden meist mit Blick auf Traditionen, Routinen, bestehende Organisations- und Handlungsstrukturen oder bereichsspezifische bzw. politikrelevante Themen rekonstruiert. Governance-Forschung bringt konkret im Rahmen vorliegender Studie empirisches Wissen darüber hervor, ob und wie die Inklusionsidee (Hoch)Begabung das operative Handeln der Akteure im Fallbeispiel Bildungsnetzwerk „Kooperationsverbünde“ affiziert und welche Konsequenzen sich daraus für die Bildungsforschung, Bildungspolitik sowie Schul- und Verwaltungspraxis ergeben. Es geht letztlich um die faktischen Verhältnisse (neuer) Steuerungsvorstellungen, aus denen Elemente evidenzbasierter Bildungspolitik und Schulentwicklung kolportiert werden können.
Zusammengefasst bedeutet Steuern, die real existierenden Möglichkeiten zu entdecken und zu nutzen, Wertvolles und Sinnvolles zu bewahren, aber auch Veränderungen als Chance zu erkennen, Entwicklung als Lebensprinzip und Lernen als Lebenskonzept zu etablieren.
Offen-Grodzki; Othmer 2007, 196
Bianca Preuß

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