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18.12.2017 | Hochwasser | Interview | Onlineartikel

"Wirkung von Erdbeben beim Küstenschutz nicht betrachtet"

Autor:
Nico Andritschke

Seit den letzten verheerenden Tsunami-Ereignissen haben die betroffenen Länder viele Küstenschutzprojekte initiiert. Agnieszka Strusinska-Correia plädiert für "grüne" Schutzkonzepte.

Springer Professional: Im noch jungen 21. Jahrhundert ereigneten sich bereits neun stärkere Beben mit dadurch ausgelösten Tsunamis, die teils sehr dramatische Folgen hatten. Wie beurteilen Sie die Häufigkeit des Auftretens dieser Extremereignisse im Vergleich zum vorigen Jahrhundert und was sehen Sie als Ursache für diese Entwicklung?

Agnieszka Strusinska-Correia: Die Häufigkeit des Auftretens von Tsunamis ist überwiegend durch die geologische Aktivitäten einzelner Regionen bestimmt, das heißt durch das Eintreten der Tsunami-Entstehungsmechanismen wie Seebeben, Erdrutsche auf dem Meeresboden und Vulkanaktivitäten. Bestimmte Gebiete, wie zum Beispiel der Pazifische Feuerring, sind geologisch sehr aktiv und aus diesem Grund ist eine höhere Tsunamigefahr für solche Länder wie Japan, Indonesien, Chile und Hawaii zu erwarten.

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Hochwasser- und Küstenschutz in Deutschland

Das Leben in den tiefliegenden Küstenregionen geht stets mit der Gefahr einher, Hab und Gut – und im schlimmsten Fall das Leben – durch Überflutungen infolge von Sturmfluten oder Tsunamis zu verlieren. Aber das Leben in diesen Regionen birgt für die Menschen auch Vorteile.

Die von Erdbeben und Tsunamis betroffenen Staaten versuchen ihre Küsten teils umfassend zu sichern. Die Maxime beim Bau von Dämmen scheint immer höher, massiver und teurer zu lauten. Kann mit diesen Maßnahmen wirklich mehr Sicherheit erzielt werden?

Die aktuellen Küstenschutzmaßnahmen in Japan wurden nach neuen Richtlinien gebaut, nach denen sie Schutz vor weniger starken aber häufigeren Tsunami-Ereignissen gewähren sollen. Dies hat zur Folge, dass die neuen Bauwerke höher und massiver sind als die vor dem 2011er Tsunami. Die Bauwerkshöhe und -stabilität wurde so konzipiert, dass ihre Stabilität im Fall eines starken Tsunamis gewährleistet wird, es kann jedoch zur Überflutung des Hinterlandes kommen. Die neuen Lösungen für Tsunami-sichere Bauwerke wurden zwar experimentell in Hinsicht auf ihre Wirkung und Stabilität untersucht, jedoch wurde dabei die zusätzliche zerstörerische Wirkung von Erdbeben nicht betrachtet. Unter Berücksichtigung der aktuellen Lebenssituation der von Tsunami betroffenen Menschen, wäre ihre finanzielle Unterstützung von Priorität.

Meist werden diese Orte auch für Freizeitaktivitäten und Tourismus genutzt. Ist ein Interessensausgleich zwischen den Verantwortlichen für den Küstenschutz und derer für den Tourismus möglich?

Die umgesetzte Tsunami-Schutzstrategie (Küstenschutzmaßnahmen, Katastrophenschutz und Landnutzungsplanung) variiert stark zwischen den der Tsunamigefahr ausgesetzten Ländern, je nach Bedeutung der Tourismusbranche und vorhandener Finanzierung. In den Ländern mit starker Abhängigkeit der Ökonomie vom Tourismus wie Indonesien und Thailand war die Erhaltung des natürlichen Charakters der Strände sehr wichtig, wobei die Tsunami-Küstenschutzmaßnahmen in erster Linie als Mangrovenwälder gestaltet wurden. Weitere Prioritäten nach dem 2004er Tsunami waren die Gründung eines verlässigen Tsunami-Frühwarnsystems mit verbesserter und erweiterter Evakuierungsinfrastruktur. Im Gegensatz dazu basiert das Tsunami-Schutzkonzept in Japan auf strukturellen Küstenschutzmaßnahmen, die die Nutzung der Küstengebiete für Tourismuszwecke aufgrund ihrer Dimensionen sehr erschweren. An manchen Orten wird eine Aufforstung der Gebiete hinter den Bauwerken geplant um den betonierten Küsten einen natürlichen Charakter zu geben, jedoch wird die Sicherheit der sich direkt an der Küste befindlichen Touristen aufgrund fehlender Evakuierungsinfrastruktur nicht gewährleistet.

Sie forschen zu diversen Küstenschutzkonzepten. Sie plädieren am Beispiel Japan für die Realisierung weniger kostenintensiver, dafür mehr naturnaher Maßnahmen. Warum?

Die tatsächliche Schutzwirkung der nach dem Tohoku Tsunami von 2011 errichteten "grauen" Schutzmaßnahmen ist bei zukünftigen, vielleicht noch stärkeren Ereignissen fraglich. Darüber hinaus ist der Bau solch massiver Barrieren ein unterschätzter, nicht ausreichend untersuchter Eingriff an den lokalen Küstenökosystemen. Unter der Bedingung, dass die anderen Bausteine der Tsunami-Schutzstrategie (Katastrophenschutz und Landnutzungsplanung) erfolgreich umgesetzt werden, wäre eine Einführung umweltfreundlicher Konzepte, wie Kombinationen von deutlich niedrigeren Bauwerken und "grünen" Schutzmaßnahmen (Küstenschutzwälder und Dünen) möglich.

Wie müssten Ihrer Meinung nach gelungene Konzepte ausgestaltet sein?

Die Entwicklung von TsunamiSchutzkonzepten sollte durch lokale Behörden und mit aktiver Beteiligung der Bürger gesteuert werden, was korrekte Identifizierungen der lokalen Randbedingungen, Bedürfnisse und Grad der Tsunamigefahr gewährleisten würde. Dabei soll der Schwerpunkt auf der Umsetzung des Konzeptes einer Tsunami-sicheren Gesellschaft liegen, zum Beispiel Optimierung der Tsunami-Frühwarnung, Verbesserung der Evakuierungsmaßnahmen und ein Entwurf von Bildungsprogrammen zur Tsunamigefahr.

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