Skip to main content
main-content

Über dieses Buch

Der Band wendet sich Konzepten von „Holocaust Education“ zu, die auf einer Tagung an der LMU München im Februar 2018 diskutiert worden sind: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen reflektierten über Zieldimensionen, mediale Repräsentationen sowie Wandel und Herausforderungen bei der Vermittlung der Themenfelder Holocaust und NS-Verbrechen. Die kritische Auseinandersetzung mit Konzepten von „Holocaust Education“ hat sich auch im 21. Jahrhundert als produktiv erwiesen: Es kann ein vielstimmiger und auf die Gegenwart bezogener Diskurs entfaltet werden, der von Fragen der Vermittlung im Klassenzimmer bis zu der Virtualisierung von Zeugenschaft in Museen und daraus resultierender didaktischer Konsequenzen reicht.

Der Inhalt

Zur Einführung • Wahrnehmung und Vermittlung • Fiktionen und Fakten • Medialität und Digitalität

Die Herausgeber

Dr. Anja Ballis ist Professorin am Fachbereich Didaktik der deutschen Sprache und Literatur der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Dr. Markus Gloe ist Professor am Fachbereich Politische Bildung und Didaktik der Sozialkunde an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Zur Einführung

Frontmatter

Von der „-Losigkeit“

Überlegungen zur Theorie einer Vermittlung von Holocaust und NS-Verbrechen
Zusammenfassung
Die Auseinandersetzung mit Holocaust und NS-Verbrechen im Kontext von Bildung und Erziehung stellt die Forschung vor einige Herausforderungen.
Anja Ballis, Markus Gloe

A Quarter Century of Globalization, Differentiation, Proliferation, and Dissolution? Comments on Changes in Holocaust Education Since the End of the Cold War

Zusammenfassung
Das Ableben der letzten Generation von Zeitzeugen und Zeitzeuginnen, der Aufstieg der „Holocaust-Bildung“ zu einem allgegenwärtigen Bestandteil von Schullehrplänen und non-formalen Bildungsanstrengungen, die Ausweitung ihrer Reichweite auf so viele Ecken der Welt erlebte im letzten Vierteljahrhundert entscheidende Transformationsprozesse. Der Artikel beabsichtigt, einige der bedeutsamen Entwicklungen herauszuarbeiten, die die Art und Weise, wie die Shoah in Bildungsprozessen behandelt (und missbraucht) wird, beeinflusst haben. Dieser Artikel versteht „Holocaust Education“ als ein hochdifferenziertes Feld (im Sinne Bordieus) und konzentriert sich auf fünf Entwicklungen:
a)
die Globalisierung des Diskurses, der zwischen einer „Kosmopolitisierung“ (Levy/Sznaider) und einer „Amerikanisierung“ (Novick, Finkelstein) oszilliert, aber inzwischen auch im Bildungsbereich einer „Supranationalisierung“ unterworfen ist, indem mehrere internationale Institutionen wie IHRA, UNESCO, OSZE, der Europäische Rat oder die EU sich an der Verbreitung der „Holocausterziehung“ beteiligen;
 
b)
eine Pluralisierung der Akteure und Standorte, an der nicht nur Lehrende sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gedenkstätte, sondern auch Bildungsstiftungen, NGOs, Politiker und andere beteiligt sind;
 
c)
eine Tendenz zur Instrumentalisierung des Holocaust als Beispiel für Demokratieerziehung, Menschenrechtserziehung oder – in jüngster Zeit – „Genocide Education“; dies führt zu einem allgemeinen diskursiven Wechsel von traditionellen und genetischen Typen des historischen Lernens hin zu exemplarischen Typen (in der Definition von Jörn Rüsen);
 
d)
markante Versuche, die Aufmerksamkeit auf andere Massenverbrechen zu lenken, indem man sie mit der Shoah vergleicht und manchmal mit ihnen gleichsetzt – dies gilt insbesondere für stalinistische/kommunistische Verbrechen und den europäischen Kolonialismus.
 
e)
eine zunehmende Bereitschaft, sozial-empirische Methoden anzuwenden, um mehr über die Auswirkungen der „Holocaust Education“ zu erfahren, verbunden mit einer wachsenden Skepsis gegenüber der Wirksamkeit angesichts enttäuschender Ergebnisse.
 
Oliver Plessow

Wahrnehmung und Vermittlung

Frontmatter

Holocaust Survivor Testimony in the Age of Trump. An American Perspective

Zusammenfassung
An amerikanischen Hochschulen kann seit der Präsidentschaftswahl im November 2016 eine Verschiebung in der Lehre des Holocaust beobachtet werden: weg von der Konzentration auf Darstellungen der Vertreibung, Deportation und Vernichtung, hin zur Fokussierung auf die Voraussetzungen, die das Dritte Reich erst ermöglichten und zur Entwicklung und Umsetzung der Endlösung führten. Verschärft durch eine Vielzahl von administrativen Maßnahmen (z. B. Dekret 13769) und nationalen Entwicklungen (z. B. ein Anstieg von sog. „hate crimes“, darunter Antisemitismus) stellen amerikanische Historikerinnen und Historiker beispielsweise aktuelle tagespolitische Ereignisse in Bezug zu Nazi-Deutschland, mit der Absicht, Strukturen zu vergleichen bzw. zu unterscheiden sowie vor der Zerbrechlichkeit der Demokratie im Allgemeinen zu warnen. Wie wirkt sich das aktuelle politische Klima auf die „Holocaust Education“ an amerikanischen Universitäten aus? An der Western Washington University entschied sich die Holocaust-Überlebende Noémi Ban, ihren Erlebnisbericht für eine Veranstaltung an Yom HaShoah zu überarbeiten. In meinem Artikel reflektiere ich nicht nur den Kontext, der zu diesen Veränderungen führte, sondern erläutere ebenfalls das dahinter stehende Konzept und seine Durchführung sowie die fortdauernden Veränderungen seit April 2017.
Sandra Alfers

The Holocaust as Metaphor: Holocaust and Anti-Bullying Education in the United States

Zusammenfassung
Ausgehend von dem im Jahr 2012 veröffentlichten Essay von Selinger, geht der Beitrag der Frage nach, ob und wie die Einbeziehung von Anti-Mobbing-Erzählungen die Darstellung der Geschichte des Holocaust in Lehrpläne und Programmplanungen verändert.
Es wird analysiert, wie sich Anti-Mobbing-Erziehung in den vier in den USA weitverbreiteten Holocaust-Curricula-Programmen konkretisiert: Facing History and Ourselves (FHAO), the Anti-Defamation League (ADL), Holocaust Museum Houston (HMH) und das Holocaust Memorial Resource and Education Center in Florida (HCF).
George Dalbo

Gedenkstättenbesuche als emotionales Erlebnis. Welche Rolle weisen Geschichtslehrkräfte den Emotionen ihrer Schülerinnen und Schüler zu?

Zusammenfassung
Während die Gedenkstättenpädagogik emotionalisierende Zugänge klar ablehnt, heißt es über Lehrkräfte, sie würden mit ihren Klassen genau deshalb Gedenkstätten besuchen, weil sie eine emotionale Erfahrung erwarten. Die Hintergründe solcher Erwartungen werden jedoch kaum thematisiert. In einer Befragung zum Unterrichtseinsatz von Geschichtskultur sprachen Lehrkräfte häufig über Gedenkstättenbesuche, die sie tatsächlich zumeist als emotional beschreiben. Mit den Emotionen ihrer Schülerinnen und Schüler gingen sie jedoch unterschiedlich um. Während ein Lehrer Gefühlsausbrüche als Erfolgskriterium wertete, versuchte eine Lehrerin, die emotionale Belastung ihrer Schülerinnen und Schüler zu verringern. Eine dritte Lehrkraft zeigte sich unsicher angesichts des Dilemmas, Anteilnahme zu erwarten, sie jedoch nicht direkt einfordern zu können. Die Auswertung der Interviews mit der Dokumentarischen Methode rekonstruiert die dahinter liegenden Orientierungen und zeigt, welche Rolle Gefühlen zugeschrieben wird. Emotionen erscheinen stets als angemessene Reaktion, die gefördert, abgemildert oder zugelassen wird, was mit verschiedenen Perspektiven der Pädagogischen Psychologie und Geschichtsdidaktik auf Gefühle korrespondiert. Beide Disziplinen beschäftigen sich zunehmend mit der Idee emotionalen Lernens, also der Wahrnehmung und Reflexion eigener Emotionen. Auch hierfür liefert das Material ein Beispiel. Die schulische Praxis wirft also nicht nur mögliche Probleme für die theoretische Diskussion auf, sondern inspiriert auch zu Lösungen.
Daniel Münch

The Continuing Knowledge Gap in Holocaust Aftermath Education in the Netherlands

Zusammenfassung
Am Ende des Krieges beschloss die niederländische Regierung, nicht länger einen Unterschied zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Personen zu machen, sondern jeden Einwohner bzw. jede Einwohnerin mit deutscher Nationalität zum Feind oder zur Feindin der Niederlande zu erklären. Deutsche Juden und Jüdinnen mussten individuell eine Entfeindungserklärung beantragen, um nicht enteignet und nach Deutschland deportiert zu werden. Im Oktober 1944 begann die niederländische Regierung mit dem „Beschluss feindliches Vermögen“ damit, deutsche Juden und Jüdinnen in den Niederlanden zu enteignen. Die Enteignung hielt bis Juli 1951 an.
Ab Oktober 1945 wurden deutsche Staatsbürgerinnen und -bürger nach Deutschland deportiert. Deutsch-jüdische Holocaust-Überlebende gehörten zu den ersten, die von der niederländischen Polizei verhaftet und nach Deutschland deportiert wurden. Ab dem 11. September 1946 wurde diese ethnische Säuberung nach dem Krieg Operation Black Tulip genannt. Die Nachkriegsdeportationen dauerten faktisch länger als die Deportationen während des Krieges. Bis heute wird die Enteignung nach dem Krieg und die Deportation deutscher Juden und Jüdinnen durch die niederländische Regierung in den Geschichtsbüchern und dem Geschichtsunterricht in den Niederlanden verschwiegen. Das Tagebuch der Anne Frank ist sehr bekannt, aber die Behandlung deutsch-jüdischer Holocaust-Überlebenden von der niederländischen Regierung nach dem Krieg bleibt ein Tabuthema in der niederländischen Gesellschaft.
Angela Boone

„…und es war wirklich stecknadelruhig.“ Zwischen Faktenwissen und Betroffenheit. Was meinen Lehrkräfte, wenn sie von gelingendem Unterricht zu Nationalsozialismus und Holocaust sprechen?

Zusammenfassung
Der Lernort Schule stellt die zentrale Sozialisationsinstanz der Erinnerung an Nationalsozialismus und Holocaust dar, an dem Schülerinnen und Schüler zu mündigen und vergangenheitsbewussten Bürgerinnen und Bürgern erzogen werden sollen. Jenseits dieser normativen Setzungen und erinnerungspolitischen Erwartungen an den Unterricht stellt sich die Frage nach der konkreten Praxis der Vermittlung im Klassenzimmer: Wie werden diese Erwartungen in einer ohnehin fragilen Interaktionssituation zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern ausgehandelt und anhand welcher Kriterien gelangen die Lehrkräfte zur Einschätzung eines gelungenen Unterrichts? Welche Lernziele formulieren Lehrerinnen und Lehrer und was verstehen sie unter gelungenem Unterricht zu NS und Holocaust?
Die im Rahmen eines qualitativ empirischen Forschungsprojekts erhobenen Interviewdaten mit Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern weiterführender Schulen in Bayern zeigen diesbezüglich ein ambivalentes Bild. Denn auch wenn sich die Lernziele oftmals stark am Rahmen der Holocaust Education orientieren und eine „Erziehung zur Mündigkeit“ in den Mittelpunkt stellen, werden vor allen Dingen die Grenzen der pädagogischen Bemühungen dergestalt sichtbar, dass der gewünschte Lernfortschritt im Sinne einer Erziehung zur Mündigkeit oftmals nur über die Herstellung von Betroffenheit aufseiten der Schülerinnen und Schüler erreicht werden kann. Dabei besteht das nicht aufzulösende Dilemma für die Lehrkräfte genau darin, zwischen den eigenen notwendigerweise normativ aufgeladenen moralpädagogischen Ambitionen und den Rahmenbedingungen der auf Wissensvermittlung qua Konkurrenz und Vergabe von Teilhabemöglichkeiten ausgerichteten Institution Schule auszubalancieren.
Holger Knothe, Mirko Broll

Guides an KZ-Gedenkstätten und Holocaust Museen ‒ Professionalisierung in Zeiten eines Wandels der Erinnerungskultur

Zusammenfassung
An Gedenkstätten und Holocaust Museen sind aktuell zwei Tendenzen feststellbar: Zum einen werden Ausstellungen neu konzipiert, die insbesondere aktuelle, mediale Formen der Präsentation aufnehmen. Zum anderen ist die Tendenz feststellbar, die Ausbildung von Vermittlerinnen und Vermittlern bzw. Guides zu professionalisieren und oft auch zu standardisieren. Der vorliegende Beitrag geht von diesen Veränderungen aus und wendet sich Ausbildung und Tätigkeit von Guides zu. Basierend auf Feldstudien, Interviews und Dokumentenanalysen für vier Einrichtungen ‒ die KZ-Gedenkstätten Dachau und Mauthausen, das United States Holocaust Memorial Museum und das Anne Frank Zentrum Berlin ‒ wird folgenden Fragen nachgegangen: Welche Kernaktivitäten werden von Guides bei Rundgängen an KZ-Gedenkstätten und Holocaust Museen erwartet? Welche Position nehmen sie im Gefüge der jeweiligen Institution ein? Welche Optimierungsvorschläge ergeben sich aus diesen Erkenntnissen für ihre Ausbildung und Tätigkeit? Die Daten werden im Sinne der Grounded Theory Methodologie erhoben und mithilfe des „Arbeitsbogens“ („Arc of work“, Strauss, The Sociological Quarterly 26(1):1–19, 1985) ausgewertet und dargestellt. Erklärtes Ziel des Beitrages ist es, Erkenntnisse aus professionstheoretischer Sicht zu generieren, die die (neben)beruflichen Bedingungen der Guides in Zeiten eines tiefgreifenden Wandels der Erinnerungskultur reflektieren.
Anja Ballis

Inklusiver Unterricht zum Holokaust für Nutzerinnen und Nutzer der Gebärdensprache

Zusammenfassung
Im Geschichtsunterricht inklusiver Regelschulen, in denen taube, schwerhörige und hörende Kinder gemeinsam lernen, ist das Kapitel des Holokaust nur an die Hörenden gerichtet. Die Geschichte jüdischer und nicht-jüdischer tauber Menschen vor, während und nach dem Holokaust bleibt unerwähnt. Taube Schulkinder finden sich selbst in der Geschichte nicht wieder. Dabei gab es eine blühende taub-jüdische Gemeinschaft in Europa, auch in Deutschland. In der NS-Zeit wurden viele taube Menschen zwangssterilisiert, andere boten sich freiwillig dafür an. Manche taube Menschen wurden Euthanasieopfer, andere entbrannten für den Nationalsozialismus. Keine dieser Geschichten findet ihren Weg in den Schulunterricht. Wenn es keine Verbindung zwischen dem Unterrichtsstoff und den Schülerinnen und Schülern gibt, fällt Identifikation schwer und Empathie bleibt auf der Strecke. Von nachhaltigem Lernen kann man hier nicht sprechen. Auch die Sprachformen, die üblicherweise Verwendung finden, nämlich Schrift- und Lautsprache versperren tauben Schülerinnen und Schülern den emotionalen Zugang zu den Inhalten.
Im vorliegenden Beitrag wird eine DVD in Gebärdensprache vorgestellt, die der Autor als tauber jüdischer Historiker für inklusive Klassen zusammengestellt hat. Sie ist als Unterrichtsmaterial zum Holokaust in mehreren Jahrgängen erprobt worden und darüber hinaus für die Erwachsenenbildung geeignet. Taube Menschen haben zu selten persönliche Anknüpfungspunkte an die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, und daher sind Unwissenheit sowie Antisemitismus noch heute sehr verbreitet. Durch die Präsentation von Geschichte/n in Deutscher Gebärdensprache werden Schlüsselkompetenzen wie Empathie und Erzählkompetenz geweckt, die Verhandelbarkeit von Identitäten, sowohl über Generationen hinweg, als auch innerhalb einzelner Biografien wirkt sich unmittelbar auf eine bessere Fähigkeit zur Selbstreflexion aus.
Mark Zaurov

Die zwiespältige Stimme meines Vaters. Paul Hoffmann als Zeuge des Holocaust im Nachkriegsdeutschland

Zusammenfassung
In den beiden ersten Jahrzehnten nach dem Holocaust legte mein Vater Paul Hoffmann, Überlebender der KZs Auschwitz und Buchenwald, vor deutschen Gerichten und in privaten Briefen Zeugnis vom Unrecht des „3. Reichs“ ab. Als Ende der 1970er Jahre durch die amerikanische Fernsehserie „Holocaust“ das Bedürfnis nach Zeitzeugen und Zeitzeuginnen in der Öffentlichkeit wuchs, entzog sich mein Vater jedoch der neuen Erinnerungskultur, die er für verspätet hielt. Erst Anfang 2000 plante er eine Niederschrift seiner Erinnerungen, die er wegen einer schweren Erkrankung abbrechen musste. 2007 jedoch habe ich die Überlebensgeschichte für meinen Vater im Buch „Lebensspuren meines Vaters. Eine Rekonstruktion aus dem Holocaust“ veröffentlicht. Seither halte ich Vorträge vor Schülerinnen und Schülern und Erwachsenen über das Überleben meines Vaters und habe damit die sekundäre Zeugenschaft für ihn übernommen (Hoffmann 2015). Der Beitrag zeichnet die Stationen seiner Auseinandersetzung mit seiner öffentlichen Zeugenschaft nach, die oft von irritierenden Missverständnissen der Zeitgenossen mitgeprägt wurden.
Daniel Hoffmann

The Past is Indeed a Different Country: Perception of Holocaust in India

Zusammenfassung
Dieser Artikel befasst sich kritisch mit der Auseinandersetzung mit dem Holocaust in Indien. Hitler wurde von vielen seiner indischen Zeitgenossen und Zeitgenossinnen gutgeheißen, da er ihren Kolonisatoren, den Briten, feindlich gegenüberstand. Bis heute erfreut sich Hitler in Indien großer Beliebtheit, nicht nur wegen dieses Vermächtnisses, sondern auch aufgrund des fehlenden historischen Bewusstseins. In Indien erlangen die meisten Leute ihr historisches Wissen in der Schule; dort werden Bücher genutzt, welche oftmals propagandistisch gefärbt sind. Jedoch variiert die Darstellung des Holocaust in indischen Schulbüchern, da Schulen sich entscheiden können, entweder die beiden landesweiten Lehrpläne oder die der einzelnen 29 Bundesstaaten zu verwenden, wobei das von der zentralen Regierung gestaltete Lehrbuch das einzige ist, welches eine kritische Perspektive bietet. Dieser Artikel analysiert die Darstellungsweise des Holocaust in indischen Lehrmaterialien und plädiert für eine Verbindung des Holocaust und der indischen Kolonialismuserfahrung, um der anhaltenden Glorifizierung Hitlers entgegen zu wirken.
Baijayanti Roy

Fiktion und Fakten

Frontmatter

Holocaust und Identität: Biografische Menschenrechtsbildung am Beispiel von „Lauf Junge lauf“

Zusammenfassung
Der Spielfilm „Lauf Junge lauf“ (BRD, F, PL 2013) erzählt auf sehr einfühlsame Weise vom Schicksal eines jüdischen Jungen – Srulik – in den Wirren des Zweiten Weltkriegs. Srulik überlebt den Holocaust lediglich aufgrund einer Namensänderung, die für ihn im Laufe der Zeit zu Identitätskonflikten führt. Indem „Lauf Junge lauf“ die historischen Zusammenhänge der Judenverfolgung in Europa nicht ausdrücklich thematisiert, sondern sich in erster Linie auf Sruliks Erlebnisse konzentriert, unterscheidet er sich diametral von anderen Holocaust-Filmen. Der Film kann daher als Medium verstanden werden, durch das sich die Globalisierung des Holocaust nach Levy und Sznaider konkretisieren lässt. Der Beitrag entfaltet das didaktische Potenzial von „Lauf Junge lauf“ in dreifacher Weise: 1) Für das historische Lernen ist die Möglichkeit einer Perspektivenübernahme wesentlich. Hier bietet „Lauf Junge lauf“ aufgrund seiner biografischen Fokussierung gute Voraussetzungen. 2) Der Film „Lauf Junge lauf“ wird im Kontext von Identitätsbildungsprozessen bei einer sich zunehmend diversifizierenden Schülerinnen- und Schülerschaft diskutiert. 3) In „Lauf Junge lauf“ werden existenzielle Verlust- und Identitätserfahrungen durch das Prisma des Holocaust verhandelt, deshalb bietet dieser Film Potenziale zur Menschenrechtsbildung.
Andreas Sommer

Fake News or the Power of Fiction? The Case for Using the Amazon Series The Man in the High Castle in Holocaust Education

Zusammenfassung
Alternativweltgeschichten werden gemeinhin als interaktive Gattung angesehen, da sie die Leserinnen und Leser zu einer vielschichtigen Betrachtung von Geschichte, Erinnerung und Geschichtsschreibung führen. Indem Werke der Alternative History an einem bestimmten historischen Moment einen alternativen Verlauf imaginieren, stellen sie nicht nur einen verfremdeten Lauf der tradierten Geschichte vor, sondern stellen auch die Gegenwart infrage. Die Amazon-Serie The Man in the High Castle ist die erste Verfilmung des gleichnamigen Romans von Philip K. Dick aus dem Jahr 1962. Darin wird die dystopische Vision einer Niederlage der Alliierten im Zweiten Weltkrieg und der darauffolgenden Besetzung der Vereinigten Staaten durch das faschistische Japan und das nationalsozialistische „Dritte Reich“ entfaltet. Im Mittelpunkt der Handlung stehen Wochenschau-Filmrollen, auf denen der „wahre“ Ausgang des Krieges zu sehen ist und die deshalb von allen Parteien verzweifelt gesucht werden. Dieser Artikel legt dar, wie The Man in the High Castle im Rahmen der „Holocaust Education“ mit Fokussierung auf eine historiografische Perspektive verwendet werden kann und Studierende zum Überdenken vorherrschender historischer Diskurse und zur Erkundung der Spannungen zwischen fiktiven und wirklichen Welten herangeführt werden können. Es wird ebenso beschrieben, wie die Vermittlung des Holocaust durch The Man in the High Castle die nationalsozialistischen Verbrechen für eine jüngere Generation relevant macht und neue Dimensionen des Reflektierens erschließen kann.
Cornelius Partsch

Narrative zwischen Gewalt und Leiden

Zusammenfassung
Zwei Möglichkeiten, die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts zu erzählen, werden in diesem Beitrag dargestellt. Zuerst wird nach den Sinnkriterien gefragt, die benötigt werden, um die historische Epoche nach 1945 zu charakterisieren. Dabei lassen sich zwei Narrative unterscheiden: Im Narrativ der Gewalt wird ein historisches Bewusstsein beschrieben, das sich über alle bisherige Geschichte der Gewalt erhebt und sie gleichsam aus den bisherigen Rahmungen löst. Das Narrativ der Gewalt folgt der Metapher der Bemächtigung. Die Erfahrungen von Gewalt, die nie vergessen werden dürfen, bilden den Leitfaden für ihre Bewältigung in der Gegenwart. Das andere Narrativ steht in einer eigentümlichen Distanz zum ersten. Das Narrativ des Leidens kristallisiert sich im gleichen Maße um die Erfahrungen der Gewalt herum, es trägt zur Bildung eines historischen Resonanzraums bei, in dem kollektive Opfer und das ohnmächtige Erleiden thematisiert werden. Nicht allein die Erzählung des heroischen Widerstands, sondern die Vielfalt von Opfererzählungen und Identifikationsangeboten ist für das Narrativ des Leidens kennzeichnend. Beide Narrative sind jedoch, wie zu zeigen ist, nicht an historische und soziale Grenzen gebunden. Um sie zu verstehen, benötigen wir philosophische Sinnkriterien des Negativen.
Christian Wevelsiep

Ist eine Annäherung an den Holocaust im Medium komischer Fiktionen möglich und sinnvoll?

Zusammenfassung
Komische Darstellungen des Holocaust und des Holocaust-Erinnerungs-Betriebs im Rahmen von Fiktionen (Spielfilme, Romane) sind längst keine Seltenheit mehr. Nach wie vor wird aber über den ästhetischen, moralischen und pädagogischen Status dieser Werke gestritten. Stets steht der Vorwurf der Verharmlosung im Raum. Und auch die These der grundsätzlichen Undarstellbarkeit der Shoah fehlt in keiner Diskussion. In vielen Fällen haben die Arbeiten jedoch ihren provokativen Gehalt verloren und gehören (wie z. B. Tova Reichs My Holocaust oder Roberto Benignis La vita è bella) zum Kanon. Doch immer wieder gibt es Filme, Texte und sogar Witze, die (vermeintliche) Diskursgrenzen überschreiten und dadurch die Wahrnehmung des Holocaust verändern.
Da Jugendliche für komische Darstellungen besonders empfänglich sind, kann auf diese Weise ihr Interesse geweckt und mit ihnen darüber diskutiert werden, wann und unter welchen Umständen sie eine bestimmte Darstellung für aufschlussreich oder unangemessen halten.
Lutz Ellrich

Die Darstellung von Widerstand gegen das NS-Regime im zeitgenössischen Amateurtheater

Zusammenfassung
Das Medium Theater kann einen affektiven Zugang zur Thematik Nationalsozialismus ermöglichen. Dieser Beitrag will am Beispiel der theatralen Lesung des Weiße-Rose-Gedenkkonzerts aufzeigen, wie die Darstellung von Widerstand gegen das NS-Regime im zeitgenössischen Amateurtheater umgesetzt werden kann. Das Gedenkkonzert mit theatraler Lesung wurde im Februar 2017 im Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) erstmals aufgeführt und sollte an den 74. Todestag der Geschwister Scholl sowie von Christoph Probst erinnern. Genannte Lesung wurde von Thomas Ritter, Lehrbeauftragtem für Darstellendes Spiel am Lehrstuhl für Didaktik der Deutschen Sprache und Literatur an der LMU München, zusammen mit Teilnehmenden des Proseminars „Theater unterrichten“ erarbeitet. Im vorliegenden Beitrag werden drei Szenen dieses Gedenkkonzerts exemplarisch vorgestellt. Festzuhalten ist, dass es sich bei dem Amateurtheaterprojekt um ein ortsspezifisches Theaterprojekt handelt. Es fußt auf authentischem Quellenmaterial und wurde zusammen mit den Studierenden erarbeitet. Vom rollenzentrierten dramatischen Theater nimmt es ebenso Abstand wie von einer reinen Fokussierung auf den bloßen Sprechtext. Text, Bewegung und Musik sind eng miteinander verwoben.
Lisa Schwendemann

Welche Geschichten erzählen wir an Gedenkstätten? Zur Bedeutung literarischer Archetypen in der Geschichtsvermittlung

Zusammenfassung
Wenn wir uns mit Erzählungen an Gedenkstätten beschäftigen, neigen wir dazu, sie vor allem inhaltlich zu betrachten. Doch die Forschung zur Geschichtserzählung lehrt, dass die Form den Sinn bestimmt. Hayden White sieht den spezifischen Sinn von Geschichtserzählungen in den literarischen Archetypen (Romanze, Tragödie, Komödie und Satire) begründet, die sie in der Tiefenschicht prägen, sowie in den rhetorischen Tropen des bildhaften Sprechens (Metapher, Metonymie, Synekdoche und Ironie), die für den diskursiven Zugriff auf das Vergangene zur Verfügung stehen. Diese Literatur- und Geschichtswissenschaft verbindenden theoretischen Ansätze von Hayden White leiten die exemplarische Untersuchung von Erzählformen in einem Rundgang an der KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Die Beobachtungen werden mit Ergebnissen der empirischen Erzählforschung an anderen Gedenkstätten in Beziehung gesetzt. Überdies werden historische Quellen zum KZ Mauthausen, die Perspektiven von Opfern, Täterschaft und gesellschaftlichem Umfeld repräsentieren, als Geschichtserzählungen aufgefasst und ihrer Form nach analysiert, um zu überprüfen, mit welchem Gewinn sie in die Geschichtsvermittlung miteinbezogen werden könnten. Der Beitrag verfolgt das Ziel, durch die formale Untersuchung von Geschichtserzählungen die ideologischen und pädagogischen Implikationen zu erhellen, die mit Erzählformen in der Geschichtsvermittlung an Gedenkstätten verbunden sind.
Christian Angerer

Medialität und Digitalität

Frontmatter

Geschichten von ‚Nähe und Distanz‘: Wie Radiojournalismus heute den Holocaust vermittelt

Zusammenfassung
Als Teil der Holocaust-Erinnerungskultur prägt Journalismus diese entscheidend mit. Nach welchen Regeln genau Journalistinnen und Journalisten Vergangenheit deuten, ist jedoch kaum untersucht. Der vorliegende Beitrag formuliert (vorläufige) Thesen über die Berichterstattung zur Judenverfolgung auf Basis qualitativ ausgewerteter Radiobeiträge des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind wichtigster Zugang zur Geschichte und zugleich Anlass, eine Diskussion darüber anzustoßen, wie „angemessene“ Erinnerung heute und in Zukunft auszusehen hat. Die Frage der Schuld und Verantwortung wird in diesem Zusammenhang kontrovers diskutiert. Welche Rolle spielt sie in den journalistischen Beiträgen? Laufen Journalistinnen und Journalisten in diesem Kontext Gefahr, zu moralisieren, anstatt neutral und sachlich zu berichten? Und wie reagiert das Publikum darauf? Führt eine implizite Schuldzuweisung bei ihnen zu einer Abwehr des Themas? Und: Gibt es neue Formen der Berichterstattung, die sich nicht in das Dilemma der „Schuldzuweisungen und Schuldabwehr“ begeben?
Susanne Wegner

Teaching Unseen Students: The Online Challenges for an American Holocaust Course

Zusammenfassung
Die starke Zunahme von Online-Kursen in den USA zwingt praktisch jede Disziplin dazu entsprechende Angebote zu machen. Mehr als fünf Millionen Schülerinnen und Schüler, etwa 28 % aller Schülerinnen und Schüler, die ein amerikanisches College oder eine amerikanische Universität besuchen, nehmen an Online-Kursen teil. Für diejenigen, die mit Online-Kursen nicht zu Recht kommen, werden anrechnungsfähige Kurse von akkreditierten Institutionen angeboten. Die Schülerinnen und Schüler nehmen in der Regel von zu Hause aus über einen PC teil. Selten finden „Echtzeit“-Gespräche statt, stattdessen ist die Arbeit weitgehend „asynchron“, das bedeutet, dass es eine gemeinsame Abgabefrist für Aufgaben gibt, aber keine regelmäßigen Besprechungszeiten.
Online-Bildung ermöglicht es Schulen, eine große Angebotsvielfalt für die diversesten Zielgruppen zu schaffen. Inhalt und pädagogische Modi müssen sich an diese neue Umgebung anpassen, um diesen diversen Zielgruppen einen guten Service zu bieten. Die Erstellung eines Kurses über den Holocaust kann dabei eine besondere Herausforderung darstellen.
Jeffrey Kleiman

Social Media und Holocaust Education. Chancen und Grenzen historisch-politischer Bildung

Zusammenfassung
Der Beitrag zeigt anhand von zwei aktuellen Fallbeispielen, dass Social Media es wie kaum andere Medien leisten können, eine erhebliche Breite an Akteurinnen und Akteuren und Positionen in Form von kurzen Texten medial und diskursiv abzubilden und Kontroversität lebensweltnah und schülerinnen- bzw. schülerorientiert in Lernprozesse einzubinden. Social Media sind in der Lage, hochaktuelle Kontroversen zu historischen, geschichtspolitischen und erinnerungskulturellen Themen medienspezifisch zu bezeugen. Bei den beiden Fallbeispielen handelt es sich zum einen um die kontrovers diskutierte Verleihung des Musikpreises „Echo“ an die Rapmusiker Kollegah und Farid Bang im April 2018 und zum anderen um die Instrumentalisierung der Erinnerung an die Bombardierung Dresdens am Ende des Zweiten Weltkrieges im Februar 2018. Beide Fallbeispiele sind in Social Media mit diskursiven Bezügen zum Holocaust kontrovers in Erscheinung getreten. Entscheidende grundlegende Grenzen für nationale historisch-politische Bildung nicht nur zum Thema Holocaust zieht seit den 1970er Jahren der Beutelsbacher Konsens. Die Frage, in welchem Rahmen des Kontroversitätsgebotes nicht nur mittels Social Media rechtspopulistische und -extremistische Positionen in Lernprozesse integriert werden können, wird deshalb ebenfalls beleuchtet, um ausgehend von den beiden Fallbeispielen didaktische Chancen für die Holocaust Education zu illustrieren.
Hannes Burkhardt

Holocaust Education in Multicultural Classrooms. Some Insights into an Empirical Study on the Use of Digital Survivor Testimonies

Zusammenfassung
Der Text versucht einen knappen Überblick über eine umfangreichere empirische Studie zur Verwendung digitaler Überlebendeninterviews im Unterricht zu geben. Die Studie beleuchtet die didaktischen Herausforderungen, die mit dieser neuen Quelle einhergehen. Die Daten wurden in sehr divers zusammengesetzten Lerngruppen in Deutschland gesammelt, da die Heterogenität von Schülerinnen und Schülern heutzutage nicht nur bereits eine Tatsache ist, sondern immer noch zunehmen wird. Die Studie überprüfte die theoretischen Hypothesen, wonach Online-Plattformen mit videografierten Interviews mit Überlebenden der Shoah für Lernende sehr zugänglich sind (da bspw. durch die gesprochene Sprache leichter zu verstehen als Schulbücher) und die Lernenden durch Effekte wie Eintauchen („Immersion“) in das Interview und das Gefühl einer virtuellen Begegnung mit dem bzw. der Interviewten besondere Lerngelegenheiten bekommen. Im vorliegenden Aufsatz konzentrieren sich die Darstellungen vor allem auf die beiden zuletzt genannten Aspekte.
Christina Isabel Brüning

Interaktive digitale 3-D-Zeugnisse und Holocaust Education – Entwicklung, Präsentation und Erforschung

Zusammenfassung
Der Beitrag widmet sich interaktiven digitalen 3-D-Zeugnissen, die seit einigen Jahren entwickelt werden. Es wird das Projekt „(New) Dimensions in Testimony“ der USC Shoah Foundation beschrieben. Eng verbunden mit der Entwicklung der interaktiven digitalen 3-D-Zeugnisse ist das Illinois Holocaust Museum and Education Center in Skokie. Ist die Arbeit der Shoah Foundation in Kalifornien vor allem als Entwicklung anzusehen, so ist Skokie der Platz, an dem Zeugnisse getestet sowie kontinuierlich präsentiert und in die Bildungsarbeit eines Museums integriert werden. Des Weiteren wird die Arbeit im National Holocaust Centre and Museum bei Nottingham (Großbritannien) skizziert und die Besonderheiten der dort vorfindlichen „virtuellen Zeitzeugengespräche“ thematisiert. Abschließend wird das Münchner Projekt „Lernen mit digitalen Zeugnissen“ (LediZ) näher beschrieben, das deutschsprachige interaktive digitale Zeugnisse entwickelt. Es werden theoretische und methodische Grundannahmen der Entwicklung offen gelegt und der Entwicklungsprozess von der Fragengenerierung über das Filmen bis hin zur Erstellung des interaktiven digitalen 3-D-Zeugnisses beschrieben. Der Beitrag endet mit einem Ausblick auf wichtige Forschungsfragen.
Anja Ballis, Michele Barricelli, Markus Gloe
Weitere Informationen