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28.09.2016 | Industrie 4.0 | Interview | Onlineartikel

"Digitalisierung ist Jobkiller und Jobmaschine zugleich"

Autor:
Dieter Beste
Interviewt wurden:
Prof. Dr. Tobias Kollmann

ist Inhaber des Lehrstuhls für E‐Business und E‐Entrepreneurship an der Universität Duisburg‐Essen. 

Dr. Holger Schmidt

ist Chefkorrespondent mit Schwerpunkt Internet beim Magazin "Focus" in Berlin. 

Der deutsche Maschinenbau ist weltklasse. Die deutschen Autobauer auch. Und doch müssen beide Branchen in der Digitalisierung schnell dazu lernen. Ein Interview über autonomes Fahren, Big Data und Arbeit 4.0.

Springer Professional: Industie 4.0 ist in aller Munde. Dennoch sagen Sie, läuft etwas falsch in Deutschland. Wer macht Fehler?

Tobias Kollmann: Die digitale Transformation der Wirtschaft bedeutet weit mehr als Industrie 4.0, worunter meist die Digitalisierung der Fabriken verstanden wird. Wenn wir aber nur die Produktion ein Stück effizienter machen, das Produkt aber gleich lassen, erreichen wir bestenfalls kurzfristig höhere Gewinne, laufen langfristig aber Gefahr, den digitalen Kunden zu verlieren. Was hätte es Kodak genutzt, seine Analogfilme hocheffizient herzustellen, wenn alle Welt auf Digitalfotografie umschwenkt? Wir sollten die Digitalisierung also am anderen Ende beginnen: Nämlich uns fragen, was die digitalen Kunden möchten, wie das passende Produkt aussehen könnte und erst wenn das feststeht, auch die Produktion danach ausrichten. Die Amerikaner wählen meist diese Vorgehensweise und sind damit bisher deutlich besser gefahren als die Europäer.

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Warum sollte sich die deutsche Automobilindustrie Sorgen machen?

Holger Schmidt: Menschen wollen Mobilität, also schnell, bequem und günstig von A nach B kommen. Ein eigenes Auto ist schnell und bequem, aber sicher nicht günstig, weil es durchschnittlich 95 Prozent der Zeit ungenutzt herumsteht. Zwei Entwicklungen treiben die Abkehr vom eigenen Auto massiv voran: Erstens die Möglichkeiten zum bequemen Teilen eines Fahrzeugs oder einer Fahrt durch Car-Sharing beziehungsweise Ride-Sharing. Zweitens das autonom fahrende Auto, das sich schon deshalb schnell durchsetzen wird, weil es viel weniger Unfälle produziert als der Mensch und uns zudem Millionen Stunden ungenutzter Zeit hinter dem Steuer zurückgibt. Wenn ich also künftig per App ein selbstfahrendes Auto bestellen kann, das in drei Minuten vor mir steht und zudem deutlich weniger kostet als ein Taxi heute, dann wird der Markt explodieren. Und entsprechend weniger Autos werden gebraucht. Forscher am Massachusetts Institute of Technology haben ausgerechnet, dass alle Fahrleistungen in Städten mit 20 Prozent der heutigen Autos erbracht werden können. 

Und warum ist Ihrer Meinung nach auch der Maschinenbau in Deutschland gefährdet?

Tobias Kollmann: Der deutsche Maschinenbau ist Weltspitze, keine Frage. Doch die Anforderungen ändern sich. Big Data ermöglicht heute, aus dem Betrieb der Maschinen begleitende Services zu entwickeln, also zum Beispiel vorherzusagen, wann eine Maschine kaputtgehen könnte, und welches Teil besser vorher ausgetauscht werden sollte. Das erfordert zwei Kompetenzen, in denen Deutschland bisher weniger Erfahrung hat: Datenanalyse und Dienstleistungen. Auch die Maschinenbauer müssen also dazulernen, was immer schwer zu vermitteln ist, wenn man seit Jahrzehnten Weltmarktführer ist. 

Was empfehlen Sie den Menschen, denen Automatisierungssysteme und Roboter bald die Arbeit abnehmen werden?

Holger Schmidt: "Alles, was automatisiert werden kann, wird automatisiert“, lautet ein vielzitierter Spruch, und langfristig ist er richtig. Die Automatisierung kannten wir bisher meist aus den Fabriken. Künftig wird intelligente Software auch Bürojobs freisetzen, also einfache Tätigkeiten von Buchhaltern, Controllern, Analysten, ja sogar Ärzten oder Anwälten übernehmen können. Für die Menschen ergibt es überhaupt keinen Sinn, gegen den Roboter anzukämpfen – er kann auf Dauer nicht gewinnen. Stattdessen sollten die Menschen daran arbeiten, mit dem Roboter oder der Maschine zu arbeiten. Also zu lernen, wie Roboter bedient werden, die Ergebnisse der schlauen Software zu interpretieren oder sogar weiterzuentwickeln. Auf diese Weise entstehen viele neue Jobs. Digitalisierung ist Jobkiller und Jobmaschine zugleich. Doch ich will das Thema nicht kleinreden: Die Weiterbildung für das digitale Zeitalter ist eine große Aufgabe, die nie beendet sein wird. 

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Die Hintergründe zu diesem Inhalt

2016 | OriginalPaper | Buchkapitel

Wirtschaft 4.0

Quelle:
Deutschland 4.0

2016 | OriginalPaper | Buchkapitel

Arbeit 4.0

Quelle:
Deutschland 4.0

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