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16.12.2019 | Industrie 4.0 | Interview | Onlineartikel

"Unternehmen brauchen Mensch-Maschine-Partnerschaft"

Autor:
Andrea Amerland
4 Min. Lesedauer
Interviewt wurde:
Prof. Dr. Ronald Deckert

ist als Professor für Wirtschaftsingenieurwesen und Dekan des Fachbereichs Technik an der HFH · Hamburger Fern-Hochschule tätig.

Industrie 4.0 und Digitalisierung brauchen intelligente Investionen, junge, kreative Menschen und Vernetzung - unter anderem durch Mensch-Maschine-Partnerschaft, sagt Experte Ronald Deckert im Interview.

springerprofessional.de: Laut einer Bitkom-Studie von 2019 liegt das Budget, das Unternehmen für Industrie 4.0 eingeplant haben, bei fünf Prozent des Gesamtumsatzes. Reicht das Ihrer Einschätzung nach, um schnell genug zu digitalisieren und konkurrenzfähig zu bleiben?

Ronald Deckert: Dieser Wert ist auf den ersten Blick keinesfalls als niedrig einzustufen. Zudem ist der Anteil an Unternehmen, die fünf Prozent und mehr investieren, laut Studie im Vergleich zum Jahr 2018 deutlich gestiegen ist. Für eine Abschätzung, inwieweit dies ausreicht, muss man sich mit vielfältigen Rahmenbedingungen im internationalen Umfeld und in der jeweiligen Branche auseinandersetzen. Aber auch mit der Ausgangssituation, der strategischen Ausrichtung im jeweiligen Unternehmen sowie mit Ungenauigkeiten zur begrifflichen Abgrenzung von Industrie 4.0. Industrie 4.0 geht nicht nur mit Überlegungen rund um Digitalisierung und Vernetzung, sondern zunehmend auch rund um Künstliche Intelligenz einher. 

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Digitalisierung und Industrie 4.0

Technologischer Wandel und individuelle Weiterentwicklung

Dieses essential liefert komprimiertes Überblickswissen rund um Digitalisierung und Industrie 4.0. Es zeigt ausgewählte Zusammenhänge mit großen gesellschaftlichen Herausforderungen auf, benennt technisch und weniger technisch geprägte Herausforderungen.

Und wenn Sie dennoch eine schnelle Einschätzung wagen?

Aus eigener Erfahrung mit dem Trainieren neuronaler Netze heraus würde ich sagen: Noch wichtiger als massive Investitionen sind intelligente Investitionen. Qualität braucht Ruhe. Unternehmen müssen sich nicht nur mit Technologie, sondern vor allem auch mit uns Menschen und unseren Stärken, Eignungen und Neigungen befassen, damit am Ende Mensch und Maschine sinnvoll zusammenwirken. Hier wird der starke Vernetzungscharakter rund um Digitalisierung und Industrie 4.0 deutlich und folgende Frage wird interessant: Welche Investitionen von Unternehmen werden künftig keinen Digitalisierungsbezug haben? Dabei sollten zukünftige Investitionen in Digitalisierung stärker auch Investitionen in eine nachhaltige Entwicklung und in die Entwicklung von Menschen sein. Dies zeigt, wie tiefgreifend die gegenwärtigen und vor uns liegenden Veränderungen sind.

KMU sind bei der Digitalisierung eher zögerlich. Wie sollten kleinere und mittlere Betriebe mit der Digitalisierung umgehen beziehungsweise was würden Sie KMU raten?

Langjährig gewachsene Herangehensweisen und Strukturen wie unternehmerische und persönliche Netzwerke haben gerade auch für KMU als Geschäftsgrundlage oft einen sehr großen Wert. Diese werden eher selten unerwartet von heute auf morgen gänzlich wertlos sein. Aber: Man sollte sich bewusst junge Menschen ins Unternehmen holen, die viel Offenheit, Neugier und Kreativität mitbringen und sich für neue Technologien und neue Märkte begeistern. Diesen Menschen sollte man gut zuhören und ihnen auch etwas zutrauen. Zugleich sollte man stets damit rechnen, dass sich gewohnte Regeln durch neue Technologien, Plattformen und Services ändern können und neue Geschäftsmodelle entstehen. Aus Überlegungen wie diesen heraus können sich je nach Situation auch neue Kooperationen und Netzwerke ergeben oder auch notwendig sein.

Welche gesellschaftlichen Implikationen bringt die Digitalisierung der Industrie mit sich?

Mit dem Zusatz "4.0" wird in Form von "Industrie 4.0" nicht nur eine vierte – wenngleich auch etwas unscharf definierte – Stufe industrieller Entwicklung etikettiert, sondern es werden hiermit auch weitreichende Entwicklungen in anderen Bereichen der Gesellschaft rund um Digitalisierung adressiert: Vernetzung von belebter und unbelebter Materie sowie Künstlicher, auch technischer oder maschineller, Intelligenz. Produkte, Dienstleistungen, Zusammenleben und Kommunikation gehen hierbei mit einem höheren Grad an Transparenz über Daten und Informationen einher, die Chancen und Risiken bietet, mit denen wir umgehen müssen; und dies entweder vorausschauend oder mit den Konsequenzen.

Wie verändert Industrie 4.0 Arbeit und Lernen? 

Menschen lernen heute nicht nur lebenslang, sondern lebensweit und eng verbunden mit der Arbeit. Lernen kann heute so verstanden werden, dass wer lernt, sich eine Vernetzung schafft und pflegt, die es ihm ermöglicht, zukünftig auftretende Probleme zu lösen. Das Lösen komplexer Probleme des realen Lebens bereitet uns Menschen auch auf eine zunehmend digitalisierte Welt vor. Denn noch lösen wir im Vergleich zu KI die komplexeren Probleme. Gerade auch verbunden mit den Notwendigkeiten nachhaltiger Entwicklung haben wir genügend solcher komplexen Probleme – mit ihren vor allem auch technologischen, sozialen, kulturellen, ökologischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und ethischen Bezügen – vor uns.         

Vor welche Herausforderungen stellt das Unternehmen und Erwerbstätige?

Unternehmen brauchen strategische Mensch-Maschine-Partnerschaft, in der Menschen das beitragen, was diese auch im Vergleich zu Maschinen, Software oder Algorithmen besser können und idealerweise auch wollen. Dabei gilt es, verantwortungsbewusst mit neuen Möglichkeiten und Risiken Künstlicher Intelligenz umzugehen. Der Mensch muss sich hierbei stärker mit Technologie und zugleich stärker mit sicher selber befassen. Digitalisierung und die Notwendigkeiten nachhaltiger Entwicklung in der Gesellschaft haben damit eines gemeinsam: Die Veränderung beginnt bei einem selber.    

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