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20.10.2014 | Informatik in Gesellschaft + Politik | Interview | Onlineartikel

Mit Apps die Welt erobern oder scheitern

Autor:
Andreas Burkert
6 Min. Lesedauer

Mobile Apps werden den Markt aufteilen - in Gewinner und Verlierer. Im Springer-Interview erklären Professor Christian Aichele und Marius Schönberger, wie ein Vorgehens- und Validierungsmodell für die App-Entwicklung für die Erfolgreichen aussieht und warum Apps auch unter Android sicher sind.

Herr Professor Aichele, Herr Schönberger, kaum einer, der in diesen Tagen nicht auf sein Smartphone oder Tablet schaut. Dennoch scheinen viele Unternehmen ihr Geschäftsmodell noch immer altbacken auszurichten und verweigern sich der digitalen Mobilität. Wer darf sich das noch erlauben?

Aichele: Hier müssen mehrere Faktoren unterschieden werden: Handelt es sich um ein großen globalen Player oder eher um ein kleineres familiengeführtes Unternehmen? Steht die Erbringung von Dienstleistungen oder die Vermarktung von Produkten im Vordergrund? Dienen mobile Applikation der Bereitstellung nützlicher Mehrwerte oder werden lediglich aus marketingtechnischen Gründen verwendet? Generell kann nicht davon ausgegangen werden, dass aufgrund der fast allgegenwärtigen Präsenz von Smartphones und Tablets jedes Unternehmen zwangsweise eine mobile Applikation anbieten muss, um dadurch ein Stück vom Kuchen abzubekommen.

Schönberger: Viele Unternehmen haben unterschiedliche Beweggründe für den Einsatz mobiler Anwendungen. Oftmals resultiert die Notwendigkeit für den Einsatz und Bereitstellung mobiler Applikationen aus externen Bedürfnissen. Hohe Anforderungen an Qualität, Zuverlässigkeit und insbesondere an die durch eine App zur Verfügung gestellten Mehrwerte aber auch Aspekte wie Neukundengewinnung, verbesserter Kundenservice und erhoffte Wettbewerbsvorteile spiegeln nur einige treibende Faktoren für den Bedarf an mobilen Lösungen wieder. Sicherlich wird für einen andauernden Erfolg mobiler Anwendungen die Generierung neuartiger Geschäftsmodelle und innovativer Geschäftsprozesse entscheidend sein. Wichtig ist jedoch, dass Unternehmen im Voraus abwägen müssen, ob die Bereitstellung von mobilen Anwendungen sinnhaltig ist, welche Produkte oder Dienstleistungen sich für eine Mobilisierung eignen und welche Prozesse dahingehend verändert werden müssen.

In Ihrem Buch App4U beschreiben Sie zahlreiche Anwendungsbereiche. Wo sehen Sie das größte Potenzial für Unternehmen?

Aichele: Die Potenziale mobiler Anwendungen für Unternehmen sind je nach Ausrichtung derer Geschäftstätigkeiten differenziert zu betrachten. So werden im produzierenden Gewerbe mobile Anwendungen für Reparatur- oder Instandhaltungsaufträge immer wichtiger. Das dienstleistende Gewerbe wird zukünftig auf die Bereitstellung mobiler Anwendung zur Unterstützung der eigenen Vertriebs- und Servicemitarbeiter setzen. In diesem Zusammenhang werden mobile Applikationen entstehen, die Schnittstellen zu ERP- oder CRM-Systemen darstellen, um dadurch die Servicequalität beim Kunden zu verbessern. Ferner wird sich in diesen Unternehmen das Bring-Your-Own-Device-Konzept immer mehr durchsetzen.

Schönberger: Den größten Stellenwert in allen Branchen aber werden mobile Apps für die Bereiche Vertrieb, Service und Marketing aufweisen, da die vermehrte Nutzung tragbarer Endgeräte, wie Smartphones und Tablets, sich verstärkt zu einem primären Zugangskanal der Unternehmen zu ihren Kunden entwickeln wird.

Nach Zahlen der Marktforschungsfirma Comscore laden sich 65,5 Prozent aller Smartphone-Nutzer in den USA keine neuen Apps mehr runter. In Deutschland zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Ist der Hype vorbei?

Aichele: Der Vertrieb mobiler Anwendungen hat sich seit der Veröffentlichung des ersten iPhones im Jahre 2007 und dem damit gleichzeitigen Auftreten erster Apps für mobile Endgeräte national als auch international als lukratives Geschäftsmodell entwickelt. Durch die Bereitstellung weiterer mobiler Betriebssysteme, wie dem Android- oder Windows-Phone-Betriebssystem, wurde der Hype um die Entwicklung und Nutzung mobiler Anwendungen erst richtig entfacht. Smartphone- und Tablet-Nutzer haben mittlerweile einen Grundstock an mobilen Anwendungen die von ihnen täglich genutzt werden. Haben sich Apps erst einmal bei den Nutzern etabliert, werden diese überhaupt nicht oder nur noch selten mit den in den verschiedenen App-Stores auffindbaren ähnlichen Applikationen verglichen oder neue vergleichbare Apps heruntergeladen.
Ist das also das Ende eines Geschäftsmodells?

Schönberger: Nein, nicht unbedingt. Dies führt zu dem aktuell registrierten Rückgang der Downloadzahlen und zu einem scheinbaren Ende des Hypes, obwohl in Hinblick auf den Ausbau von Mobilfunknetzen sowie schnelleren Breitbandverbindungen und WiFi-Netzwerken die Nachfrage nach neuen und innovativen mobilen Anwendungen noch stärker sein müsste. Unternehmen stehen nun vor der Herausforderungen, ihre Produkte bestmöglich zu präsentieren und die Nutzer von den Mehrwerten ihrer Applikation zu begeistern, um dadurch weiterhin am Online-Markt bestehen zu können.

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Mit einer App lassen sich Kunden wie auch Geschäftspartner ans Unternehmen binden, oder aber auch vergraulen. Welches sind Ihrer Ansicht nach die größten Fehler beim Erstellen einer App?

Aichele: Hier muss differenziert werden, ob ein Unternehmen vor der Notwendigkeit einer neuen mobilen Applikation steht und diese für die Abwicklung unternehmensinterner Geschäftsprozesse (B2B) benötigt oder ob ein Unternehmen mobile Anwendungen als eigenständiges Produkt an Endkunden (B2C) verkauft. Unternehmen die zur innerbetrieblichen Leistungserstellung mobile Applikationen entwickeln oder in bereits vorhandene geeignete Anwendungen investieren möchten tätigen oftmals Fehler in der Planungs- und Konzeptionsphase. Gründe hierfür sind oftmals fehlendes internes IT-Know-how, ein unzureichendes Anforderungsmanagement sowie mangelhafte Ist-Analysen und Soll-Definitionen. Unternehmen, die sich auf die Herstellung oder Bereitstellung mobiler Applikation für Endkunden spezialisiert haben oder spezialisieren möchten, müssen zusätzlich in Unternehmen differenziert werden, die Apps auftragsbezogen für einen bestimmten Kunden umsetzen oder Eigenentwicklungen über einen Marketplace vertreiben möchten.

Und das bedeutet konkret was für das Unternehmen?

Schönberger: Für Kundenauftragsprojekte wird nicht nur ein allgemeines Ingenieurs- oder Informatikwissen benötigt, es ist insbesondere auch ein breites Projektmanagementwissen erforderlich. Häufig scheitern Entwicklungsprojekte daher aufgrund mangelnden Kenntnissen bei der Erstellung von Projekt- und Zeitplänen, der Abstimmung von Lastenheften und der Erstellung von Pflichtenheften sowie in der Einhaltung von Terminen und Kostenbudgets. Für Marketplace-Projekte müssen Unternehmen, um langfristig am Markt bestehen zu können, plattformübergreifende Anwendungen mit Alleinstellungsmerkmal entwerfen. Oftmals werden hierbei detaillierte Markt- und Konkurrenzanalysen vernachlässigt oder bestehenden PC- oder Internetanwendungen ohne Anpassung an die Endgeräteeigenschaften portiert.

Wie sicher gegenüber Cyberangriffen sind Apps, die für Android, Windows oder iOS geschrieben wurden?

Schönberger: Aktuelle Studien aus dem ersten Quartal 2014 zeigen, etwa der von F-Secure veröffentlichte Mobile Threat Report, dass fast alle Angriffe mittels mobiler Schadsoftware auf das Android-Betriebssystem ausgeführt wurden. Von den durch F-Secure insgesamt 277 neu identifizierten Arten an Schadsoftware zielten 275 auf Android-Endgeräte ab. Jeweils ein Cyberangriff wurde auf iOS- und Symbian-Geräte ausgeführt. Angriffe auf Windows Mobile Phones wurden nicht registriert (Quelle: F-Secure, Mobile Threat Report H1 2014, 2014).

Aichele: Nicht nur aufgrund der Marktführerschaft des Google-Betriebssystems sondern auch wegen der eher unzureichenden Überprüfung der erhältlichen Apps hat die Anzahl an gezielten Angriffen auf Android-Endgeräte und -Applikationen zugenommen. Zudem können unseriöse Programmierer oder Kriminelle durch den freien Zugang zum Android-Quellcode leichter Sicherheitslücken auffinden, als bspw. bei anderen mobilen Betriebssystemen. Somit weisen die eher geschlossenen und unveränderbaren Betriebssysteme wie iOS oder Windows Phone Vorteile in Bezug auf den Datenschutz und die -sicherheit auf. Generell ist Android kein unsicheres Betriebssystem, oftmals ist auch der Nutzer in der schnellen und unüberlegten Installation von Apps selbst Schuld, wenn etwa dadurch Entwicklern von Schadprogrammen Zugriff auf Hardware-Ressourcen, Telefonbücher oder privaten Daten gewährt wird.

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