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2017 | Buch

Infrastrukturen der Stadt

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Über dieses Buch

Der Band befasst sich mit dem Verhältnis von Stadt und Infrastruktur, von Urbanisierung und Infrastrukturentwicklung. Je nach Konstellation symbolisieren und reproduzieren Infrastrukturen gesellschaftliche Beziehungen, können diese aber auch mit hervorbringen und stabilisieren. Das Verschwinden eines erkenntnistheoretisch eigenständigen Raums jenseits der Stadt führt dazu, dass aus der Analyse von städtischen Phänomenen zunehmend Erkenntnisse über Merkmale der Gesellschaft insgesamt zu erwarten sind. Die mit diesem Band vorgelegte Auseinandersetzung mit Infrastrukturen der Stadt offenbart damit grundlegende Mechanismen und Funktionsweisen der heutigen Gesellschaft.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
Infrastruktur, Stadt und Gesellschaft. Eine Einleitung
Zusammenfassung
Der einführende Beitrag bettet den Sammelband in die aktuelle Debatte um städtische Infrastrukturen ein und zielt zugleich auf eine Neujustierung der Infrastrukturforschung ab. Diese Neujustierung betont den dynamischen, relationalen und prozesshaften Charakter dessen, was als Infrastruktur gelten kann und formuliert den Anspruch, die in Infrastrukturprojekten eingelassenen Machtstrukturen, die durch sie (re)produzierten sozialen Ungleichheiten, ihre symbolische Wirksamkeit sowie die Bedeutung von je spezifischen Akteurskonstellationen stärker in den Blick zu nehmen. Damit wird ein besonderes Augenmerk auf die verschiedenen Prozesse und Praktiken gerichtet, in denen sich die technischen Anlagen, Apparate und Objekte der Gesellschaft mit den Subjekten, Institutionen und Rationalitäten der sozialen Welt verbinden und ihre strukturierende Wirkung entfalten. Der Beitrag arbeitet dafür zunächst das Verhältnis von Stadt und Infrastruktur heraus und nimmt eine terminologische Schärfung des Begriffs der Infrastruktur vor. Schließlich werden unterschiedliche wissenschaftliche Zugriffe auf die Untersuchung von Infrastrukturen vorgestellt und die Unterschiede in ihrer jeweiligen Ausrichtung auf Handlungen, Diskurse und Leitbilder, Politiken, historische Kontexte und die wirtschaftliche Bedeutung von Infrastrukturen herausgearbeitet. Das damit aufgespannte Spektrum an Zugängen bildet den Hintergrund für die abschließende Einführung in die im vorliegenden Buch versammelten Beiträge.
Anna-Lisa Müller, Julia Lossau, Michael Flitner

Leitbilder

Frontmatter
Reproduktionen städtischer Räume durch (technische) Infrastrukturen
Zusammenfassung
Infrastrukturen als Voraussetzung moderner Stadtentwicklung waren in raumwissenschaftlichen Debatten lange unsichtbar, obwohl ihre technischen Artefakte die Eigenart sowie Ästhetik von Räumen und gesellschaftliches Handeln prägen. Mit einer skizzenhaften Darstellung der Koevolution von urbanen Infrastrukturen, städtischen Räumen sowie deren Leitbildern nähert sich der Beitrag den gegenwärtigen Mustern der Reproduktion städtischer Räume durch Infrastrukturen. In der beispielhaften Auseinandersetzung mit Gestaltungsansätzen und Debattensträngen werden Selbstverständlichkeiten der Moderne hinterfragt sowie Wertvorstellungen im Umgang mit den städtischen Raum- und Infrastrukturen überprüft.
Antje Matern
Grüne Infrastruktur und die Erneuerung städtischer Naturen
Zusammenfassung
Das junge Konzept der „grünen Infrastruktur“ erlebt derzeit eine starke Konjunktur. Der Beitrag hat das Ziel, Herkunft und Bedeutungshorizonte des Begriffs zu klären. Dies geschieht mit Bezug zur Entwicklung städtischen Grüns. Anschließend werden Elemente einer theoretischen Grundlegung grüner Infrastruktur betrachtet. Dabei wird einerseits auf das Konzept der Ökosystemleistungen (ecosystem services) Bezug genommen, das den entsprechenden Programmen der Europäischen Union unterlegt ist, andererseits auf ökomarxistische Ansätze aus der englischsprachigen Debatte.
Michael Flitner

Politiken

Frontmatter
Für ein Recht auf Infrastruktur! Stadtpolitische Konflikte um die Energie- und Wasserversorgung in Berlin
Zusammenfassung
Unter dem Schlagwort „Recht auf Stadt“ sind soziale Bewegungen zu einer Vielzahl an Themen in Berlin aktiv. Neben stadtpolitischen Konflikten um die Gentrifizierung von Wohnquartieren, Großprojekten und den Erhalt von Freiräumen spielen dabei zunehmend auch das Eigentum und der Betrieb städtischer Infrastrukturnetzwerke eine wichtige Rolle. Der Beitrag diskutiert die Bemühungen um die Rekommunalisierung der Berliner Energie- und Wasserversorgung und verknüpft diese mit der Debatte um ein „Recht auf Stadt“ und der Frage nach einem „Recht auf Infrastruktur“. Das Beispiel Berlin zeigt, wie soziale Bewegungen eine Rekommunalisierung einfordern, bei der es um mehr als um die Rückkehr zu staatlichem Eigentum geht, sondern auch um Fragen der demokratischen Kontrolle von Infrastruktur. Dieses Verständnis von kommunaler Infrastruktur weist viele Bezüge zu weiteren städtischen Bewegungen auf und könnte Element eines „Rechts auf Infrastruktur“ sein.
Ross Beveridge, Matthias Naumann
Zonen infrastruktureller Entkopplung. Urbane Prekarität und soziotechnische Verknüpfungen im öffentlichen Raum
Zusammenfassung
Die infrastrukturellen Voraussetzungen unseres Alltagslebens entziehen sich unserer Aufmerksamkeit, weil in der Regel alles so gut funktioniert: Wasser, Elektrizität, Daten- und Warenströme „fließen“ zuverlässig durch unseren Alltag und halten das urbane Leben am Laufen. Dass die Daseinsvorsorge im Normalfall halbwegs reibungslos funktioniert, ist ein kaum problematisierter Ausgangspunkt sozialwissenschaftlicher Forschung zu Infrastrukturen, zumindest im Hinblick auf Städte des Globalen Nordens. Der Ausfall von Infrastrukturen gilt hier als kurzfristiges Ausnahmeereignis. Ganz anders argumentiert die Forschung zu Städten des Globalen Südens, die vor allem auf informelle Strategien und selbstorganisierte Behelfslösungen der Infrastrukturerbringung fokussiert. Der Beitrag reflektiert diese unterschiedlichen Zugriffe auf den Zusammenhang von Infrastruktur und Stadtgesellschaft. Anhand von Beispielen der Aneignung und Umnutzung städtischer Infrastrukturen durch Obdachlose geht der Beitrag zudem der Frage nach, inwiefern die Aufmerksamkeit der Forschung zu Städten des Globalen Südens für die agency von Stadtbewohner_innen, ihre informellen Strategien und nicht-vorschriftsmäßigen Aneignungen von Infrastrukturen die Forschung zu urbanen Infrastrukturen insgesamt bereichern kann.
Nadine Marquardt

Praktiken

Frontmatter
Die Räume des Codes und die Räume des Alltags – Zur Aneignung urbaner digitaler Infrastrukturen
Zusammenfassung
(Digitale) Infrastrukturen zeichnen sich in modernen städtischen Kontexten durch ein hohes Maß an Komplexität, ihre Konstitution auf der Basis von Expertenwissen und durch eine deutlich ausgeprägte Intransparenz für den Laiennutzer aus. Gleichzeitig sind sie in ihrer Funktion in vielfältigste Routinen eingelassen und an der aktuellen Transformation des Urbanen insgesamt beteiligt. Der Beitrag diskutiert humangeografische Ansätze zum Thema digitale Infrastrukturen und Stadt, arbeitet deren Raumverständnis, ihr analytisches und kritisches Potenzial heraus. Auf dieser Grundlage soll eine praxiszentrierte Sichtweise auf die alltagsweltliche Aneignung komplexer Infrastrukturen entwickelt werden.
Tilo Felgenhauer
Infrastrukturen als Akteure. Die Materialität urbaner Infrastrukturen und ihre Bedeutung für das Soziale
Zusammenfassung
Der Beitrag nimmt die Objekthaftigkeit städtischer Infrastrukturen in den Blick und fragt danach, in welcher Weise die infrastrukturelle Materialität die soziale Dimension von Städten beeinflusst. Der Vorschlag lautet, die Infrastrukturen ausgehend von einer STS-informierten Perspektive als Akteure des Städtischen zu verstehen. Dabei untersucht der Beitrag die Herausbildung spezifischer Praktiken des Umgangs mit Infrastrukturen sowie die Art und Weise, wie physisch-materielle Infrastrukturen auf Praktiken im städtischen Raum wirken und wie diese Wirkungen gezielt genutzt werden können. Als Beispiele dienen Versuche, Verkehrs- und Entsorgungsinfrastrukturen zu modifizieren und darüber veränderte Praktiken zu etablieren.
Anna-Lisa Müller

Atmosphären

Frontmatter
Vom Lebensraum zum Leitungsweg. Die Stadtstraße als soziale Arena
Zusammenfassung
Die Stadtstraße wird selten als Infrastruktur gewertet, zu lange schon scheint sie ein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags zu sein. Ein historischer Rückblick auf die Veränderungen seit dem 19. Jahrhundert offenbart jedoch eine fundamentale Verdichtung ihrer Funktionen, die eine entsprechende psychosoziale Zurichtung ihrer Nutzerinnen und Nutzer erforderte. Verkehrsverhalten und Verkehrserziehung entwickelten sich im 20. Jahrhundert zu exemplarischen Arenen des „staatsbürgerlichen“ Miteinanders. Der Beitrag versteht sich als Anregung zu weiteren historischen Forschungen, in deren Zentrum die räumlichen und technischen Veränderungen einer Infrastruktur stehen, die effektiv und gefahrlos zu nutzen von allen Beteiligten ein hohes Maß an Disziplinierung erfordert.
Dirk van Laak
Unheimliche Infrastruktur. Die doppelte Paradoxie unterirdischen Städtebaus
Zusammenfassung
Das Ziel des Beitrags besteht darin, Anlagen des unterirdischen Städtebaus als Orte zu beschreiben, die sowohl durch bestimmte Risikokonstellationen als auch durch das Paradox der Unheimlichkeit charakterisiert sind. Zu diesem Zweck werden zunächst die Diskussionen zur Risikothematik rekapituliert, die in den letzten Jahrzehnten in den Sozial- und Kulturwissenschaften geführt wurden, und auf den Gegenstandsbereich der Infrastruktur angewendet. Anschließend geht es darum, die Unheimlichkeit des Untergrunds unter Rückgriff auf psychoanalytisch-poststrukturalistische Literatur näher zu beleuchten. Die theoretisch-konzeptuellen Erörterungen werden im vierten Teil auf ein konkretes Fallbeispiel angewendet. Dabei handelt es sich um AMFORA, einen für die Amsterdamer Innenstadt entwickelten städtebaulichen Initiativentwurf, der einen gemischt genutzten Komplex unter den Straßen und Kanälen von Amsterdam vorsieht. Die Aussagen, die sich aus dem Fallbeispiel mit Blick auf die Paradoxien unterirdischer Infrastruktur ableiten lassen, werden im abschließenden Kapitel diskutiert.
Julia Lossau

Regulierungen

Frontmatter
Auf den Spuren des Los Angeles River
Zusammenfassung
Der Beitrag erkundet die stark urbanisierten und ästhetisch inkongruenten Landschaften des Los Angeles River. Der LA River stellt eine Art Anomalie dar: als nicht-schiffbarer Fluss scheint er die etablierten Verbindungen von Natur, Moderne und städtischem Raum zu durchbrechen. Zugleich hat seine Kanalisierung im Zuge des Hochwasserschutzes in der Zeit des New Deal eine prägende Rolle für die Entwicklung von Los Angeles gespielt. Die merkwürdigen Landschaften des LA River verraten heute mehr über die Dynamiken der Stadt als die populären Vorstellungen von einer Global City, in der alle Spuren von Unordnung und Verfall ausgelöscht oder dramatisch überhöht werden. Diese Landschaften sind keineswegs „leer“: Sie bieten reichhaltigen Anlass zur Reflexion über die Eigenschaften von Los Angeles als einer Stadt, die in einem prekären Verhältnis von Natur und Urbanisierung gründet, wie es in der Entwicklung der Überschwemmungsgebiete zum Ausdruck kommt, in der Ausbreitung der Vororte in die Zone der Feuerökosysteme, oder in den systemischen Gefahren durch seismische Aktivität.
Matthew Gandy
Infrastrukturregime und inkrementeller Wandel: Das Beispiel der Energie- und Wasserversorgung in Los Angeles
Zusammenfassung
Ziel des Beitrags ist es, die Herausforderungen umweltpolitischer Reformpolitiken im Bereich technischer Infrastrukturen am Beispiel der Stadt Los Angeles herauszuarbeiten und die sozio-technischen Anpassungs- und Innovationsmuster einer kritischen Analyse zu unterziehen. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob und auf welche Weise ambitionierte ökologische Energie- und Wasserpolitiken die bestehenden Infrastrukturregime verändern und wie diese auf den wachsenden Reformdruck reagieren. Im Ergebnis zeigt sich, dass sowohl das Energie- als auch das Wasserregime in Los Angeles in der Lage waren, auf den steigenden politischen Druck mit inkrementellen Anpassungsstrategien innerhalb der bestehenden Regimestrukturen zu reagieren, ohne dass etablierte Regelstrukturen und Akteurskonstellationen grundlegend destabilisiert wurden.
Jochen Monstadt, Annika Wolff

Koda

Frontmatter
Infrastrukturen im Dorf: Welche Formen von Sozialität ermöglichen sie?
Zusammenfassung
In dem Beitrag wird danach gefragt, welche Formen von Sozialität dörflichen Infrastrukturen aus der Sicht von Betreiber(inne)n und Nutzer(inne)n innewohnen und wie diese mit Dörflichkeit korrespondieren. Die Analyse baut auf einer selbstentwickelten soziologischen Konzeption von Infrastrukturen auf. Infrastrukturen erbringen Vorleistungen (1), transportieren Sozialität (2), besitzen ein eigenes Regelwerk (3), haben verräumlichende Qualitäten (4) und entfalten eine sozialräumlich ordnende Kraft (5). Auf der Basis eigenen empirischen Materials werden die ersten drei Eigenschaften näher beleuchtet. Es lassen sich drei Formen von infrastruktureller Sozialität identifizieren, die in unterschiedlicher Art und Weise auf Dörflichkeit Bezug nehmen: Infrastrukturelle Sozialität kann sich erstens an Dörflichkeit orientieren, zweitens an einem generellen Verständnis vom Sinn der betreffenden Infrastruktur und drittens an divergenten inhaltlichen Auffassungen darüber, was die jeweilige Infrastruktur leisten soll.
Eva Barlösius, Michèle Spohr
Backmatter
Metadaten
Titel
Infrastrukturen der Stadt
herausgegeben von
Michael Flitner
Julia Lossau
Anna-Lisa Müller
Copyright-Jahr
2017
Electronic ISBN
978-3-658-10424-5
Print ISBN
978-3-658-10423-8
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-10424-5