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Inklusion am Arbeitsplatz: Wirksamkeit eines Leitfadens zur Unterstützung psychisch erkrankter Mitarbeitender

  • Open Access
  • 03.02.2026
  • Wissenschaftliche Beiträge

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Zusammenfassung

Der Fachbeitrag untersucht die Wirksamkeit eines Inklusionsleitfadens zur Unterstützung psychisch erkrankter Mitarbeitender am Arbeitsplatz. Die Studie zeigt, dass der Leitfaden die Bereitschaft von Führungskräften erhöht, psychisch erkrankte Bewerbende einzustellen und ihre Handlungssicherheit im Umgang mit diesen Mitarbeitenden zu verbessern. Der Leitfaden bietet kompakte Informationen zu rechtlichen Rahmenbedingungen, Handlungsempfehlungen für Bewerbungsgespräche, Reflexionsfragen zur inneren Haltung von Führungskräften und Hinweise auf Unterstützungsangebote im Arbeitskontext. Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen, dass der Leitfaden nicht nur punktuell das Entscheidungsverhalten beeinflusst, sondern auch das zugrunde liegende Einstellungsmaß in Richtung größerer Offenheit und Akzeptanz verändert. Der Leitfaden fördert eine offene Unternehmenskultur und trägt zur Fachkräftesicherung bei, indem er Unsicherheiten abbaut und die Integration psychisch erkrankter Menschen erleichtert. Die Studie unterstreicht die Bedeutung von praxisnahen Interventionen, um Vorurteile abzubauen und Inklusion von einer abstrakten Norm zu einer gelebten Realität zu machen.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

1 Einleitung

Die berufliche Teilhabe psychisch erkrankter Menschen stellt eine erhebliche Herausforderung dar. Um dem entgegenzuwirken, wurden zugunsten der Inklusion gesundheitlich beeinträchtigter Menschen gesetzliche Rahmenbedingungen wie das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) und die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) initiiert.
Ungeachtet dessen liegt die Erwerbsquote von Menschen mit psychischen Erkrankungen europaweit signifikant unter dem Durchschnitt (OECD 2021). In Deutschland zeigt sich, dass diese Personengruppe häufiger von Arbeitslosigkeit, prekären Beschäftigungsverhältnissen oder wiederholten Unterbrechungen der Erwerbsbiografie betroffen ist (Bundesagentur für Arbeit 2022). Dies verdeutlicht, dass rechtliche Schutzmechanismen zwar wichtige Rahmenbedingungen setzen, aber allein nicht ausreichen, um die faktische Benachteiligung abzubauen. Studien verweisen zudem darauf, dass gerade die Umsetzung im betrieblichen Alltag oft an fehlendem Wissen, Ressourcen oder Handlungssicherheit scheitert (Gerdes 2019). In diesem Rahmen zeigen Studien, dass Vorurteile über psychisch erkrankte Menschen weiterhin tief verankert sind (Corrigan und Watson 2002; Slavchova 2021): Viele Beschäftigte und Führungskräfte verfügen über unzureichendes Wissen über Ursachen, Verläufe und Behandlungsmöglichkeiten psychischer Erkrankungen, was zu Unsicherheit im Umgang mit betroffenen Mitarbeitenden führt. Diese Unsicherheiten betreffen vor allem Zweifel an der Leistungsfähigkeit, Verlässlichkeit oder Belastbarkeit psychisch erkrankter Mitarbeitender. Häufig wird auch befürchtet, dass deren Anwesenheit die Teamatmosphäre negativ beeinflussen oder zu erhöhtem Konfliktpotenzial führen könnte (Angermeyer et al. 2013; Brouwers 2020; Slavchova 2021). Entsprechende Vorbehalte führen nicht nur dazu, dass psychisch erkrankte Bewerbende bei der Personalauswahl systematisch benachteiligt werden, sondern auch dazu, dass die Zusammenarbeit mit dieser Personengruppe erschwert werden kann.
Psychische Erkrankungen gehören inzwischen weltweit zu den häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung. In Deutschland haben sie sich in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem der größten Treiber krankheitsbedingter Fehlzeiten entwickelt (Deutsche Rentenversicherung 2021). Die volkswirtschaftlichen Kosten sind immens: Schätzungen zufolge gehen allein in der EU jährlich mehrere Milliarden Euro durch Produktivitätsverluste, Frühberentungen und erhöhte Gesundheitsausgaben verloren (OECD 2021; WHO 2022). Gleichzeitig belegen Studien, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen häufig überdurchschnittlich motiviert und leistungsfähig sind, wenn sie ein unterstützendes Umfeld vorfinden (Matschnig et al. 2008; Knospe 2013). Hier zeigt sich das Paradox: einerseits ein hohes Risiko von Stigmatisierung und Ausschluss, andererseits ungenutzte Potenziale, die durch eine inklusivere Arbeitsgestaltung erschlossen werden könnten.
Das Vorliegen einer (psychischen) Erkrankung darf laut Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz (AGG) keinen entscheidungsrelevanten Faktor im Rahmen einer Personalauswahl darstellen, d. h. entsprechende Fragen sind im Zuge des Einstellungsverfahrens unzulässig. Ob psychisch erkrankte Bewerbende Informationen über ihre Erkrankung eigeninitiativ offenlegen, hängt sowohl von internalen Faktoren (z. B. Selbststigma, Art der Erkrankung, Symptomschwere) als auch von Umweltfaktoren (z. B. Richtlinien und Praktiken der Organisation, soziale Unterstützung) ab (vgl. z. B. Hastuti und Timming 2021).
Aus sozialpsychologischer Sicht ist bekannt, dass Vorurteile gegenüber psychisch erkrankten Menschen durch fehlende Information entstehen können (Sechrist und Stangor 2001). Vorurteile als solche reduzieren die Komplexität der Welt: Kategorien bzw. Schubladen helfen Menschen dabei, ihre Umgebung in Sekundenschnelle einzuordnen (Barmeyer und Genkova 2011). Mitunter können sie aber auch zu einer Stigmatisierung von Betroffenen führen. Arbeitgebende befürchten häufig organisatorische Belastungen oder Konflikte, Mitarbeitende reagieren mit Unsicherheit, und Betroffene selbst zögern, ihre Erkrankung offenzulegen, aus Angst vor Benachteiligung (Brohan et al. 2012).
Daher gilt gezielte Informationsvermittlung als eine wirksame Strategie, um Unsicherheiten zu reduzieren und positive Einstellungsveränderungen zu bewirken. Studien zur Wirksamkeit von contact-based education und schriftlichen Informationsmaterialien zeigen, dass selbst kurze Interventionen, etwa in Form von Schulungen, Leitfäden oder Checklisten, dazu beitragen können, negative Einstellungen abzubauen und Handlungssicherheit im Umgang mit psychisch erkrankten Beschäftigten zu fördern (Corrigan et al. 2012; Thornicroft et al. 2016). Besonders dann, wenn Informationen praxisnah aufbereitet sind und konkrete Handlungsoptionen enthalten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Arbeitgebende ihre Einstellungen und Entscheidungspraktiken anpassen (Nishii und Mayer 2009). Neben Wissen und Informationen sind positive Kontakterfahrungen eine wichtige Quelle für den Abbau von Vorurteilen (Slavchova 2021).
Zudem spielt die Unternehmenskultur eine zentrale Rolle. Inklusion gelingt dort am ehesten, wo Führungskräfte Offenheit signalisieren und psychische Gesundheit aktiv in die Personalpolitik integrieren (Shore et al. 2011). Inklusionsförderliches Führungsverhalten korreliert nachweislich mit höherer Teamleistung, geringerer Fluktuation und gesteigerter Zufriedenheit der Mitarbeitenden (Nishii und Mayer 2009). Gleichzeitig wirkt es präventiv: Wenn Beschäftigte erleben, dass Offenheit akzeptiert wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie frühzeitig Hilfe suchen und dadurch längere Ausfälle vermieden werden (WHO 2022).
In diesem Sinne wird gesundes Führen in heterogenen Belegschaften immer wichtiger. Obwohl körperlich behinderte und psychisch erkrankte Beschäftigte unter ähnlichen Bedingungen arbeiten, unterscheiden sich ihre Ressourcen, Belastungen und Erwartungen an Führung. Hier konnte mit Slavchova et al. (accepted) gezeigt werden, dass sich psychisch erkrankte Beschäftigte ausdrücklich andere Formen der Unterstützung von Vorgesetzten wünschen als körperlich beeinträchtigte Menschen.
Vor diesem Hintergrund stellt ein Inklusionsleitfaden einen vielversprechenden Ansatz zur Förderung der beruflichen Teilhabe dar. Er bündelt wissenschaftliche Erkenntnisse, rechtliche Rahmenbedingungen und praxisnahe Handlungsempfehlungen. Indem er Personen in Entscheidungspositionen Wissen, Reflexionsfragen und konkrete Werkzeuge an die Hand gibt, kann er Unsicherheiten abbauen, Vorurteile hinterfragen und die Integration psychisch erkrankter Menschen aktiv unterstützen. Das Ziel des vorliegenden Beitrags besteht darin, die Wirksamkeit dieses Inklusionsleitfadens experimentell zu untersuchen. Es wird geprüft, inwiefern der Leitfaden die Bereitschaft von Personen in Entscheidungspositionen beeinflusst, psychisch erkrankte Personen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, und ob er zugleich zu höherer Handlungssicherheit und mehr Vertrauen in die eigenen Entscheidungsprozesse führt. Damit leistet die Studie nicht nur einen Beitrag zur Evaluierung eines praktischen Instruments, sondern auch zur weiterführenden Debatte über evidenzbasierte Maßnahmen der Inklusionsförderung im Kontext psychischer Gesundheit.

2 Methodik

Mit der Methodik werden die Entwicklungsgrundlage und die Inhalte des Inklusionsleitfadens dargestellt1. Anschließend wird der experimentelle Aufbau der Studie und die Stichprobe beschrieben.

2.1 Entwicklung und Inhalte des Inklusionsleitfadens

Der Inklusionsleitfaden wurde auf Basis empirischer Untersuchungen, internationaler Best-Practice-Beispiele sowie langjähriger Erfahrungen aus der beruflichen Rehabilitation konzipiert. In einer Reihe empirischer Untersuchungen beleuchtete Slavchova (2021) sowohl die Perspektive gesunder Menschen als auch die Erfahrungen betroffener Personen mit Inklusion im Arbeitskontext. In vier Studien wurden die Einstellungen gesunder Teilnehmender im Kontext der Personalauswahl mit Hilfe von experimentellen Vignetten, Skalen zu förderlichen und hemmenden Faktoren (z. B. Motivation zu vorurteilsfreiem Verhalten vs. autoritäre Haltungen) sowie qualitativen Abfragen untersucht. Zentrale Befunde betrafen die Rolle von Qualifikationen, die Art und den Zeitpunkt der Offenlegung einer Beeinträchtigung und die Art der Beeinträchtigung als solches. Ergänzend nahmen zwei weitere Studien die Sichtweise von Menschen mit körperlichen Behinderungen und psychischen Erkrankungen in den Blick. Dabei wurden Erfahrungen im Arbeitskontext, die Bedeutung sozialer Netzwerke sowie spezifische Barrieren und Unterstützungsbedarfe untersucht.
Der Inklusionsleitfaden richtet sich gezielt an Führungskräfte und Personalverantwortliche, die im betrieblichen Alltag maßgeblich über Einstellungen, Arbeitsplatzanpassungen und Unterstützungsangebote entscheiden. Er verfolgt das Ziel, nicht nur Wissen über rechtliche und psychologische Grundlagen zu vermitteln, sondern auch eine Reflexion eigener Vorannahmen zu ermöglichen und praxisnahe Handlungsimpulse zu geben.
Die Inhalte des Inklusionsleitfadens sind modular aufgebaut (Tab. 1). Neben kompakten Informationsabschnitten zu rechtlichen Grundlagen und Krankheitsbildern (hier: Fokus auf Depression) enthält er Reflexionsübungen und Checklisten, die Führungskräfte unmittelbar in ihrer Arbeit nutzen können. Dazu gehören Leitfragen für Mitarbeitergespräche, Hinweise zur Identifikation individueller Unterstützungsbedarfe sowie konkrete Empfehlungen zur Förderung eines wertschätzenden, inklusiven Arbeitsumfelds. Darüber hinaus werden häufige Missverständnisse adressiert, etwa die Annahme, dass psychisch erkrankte Personen grundsätzlich weniger leistungsfähig seien. Durch diese praxisorientierte Gestaltung soll der Leitfaden dazu beitragen, Ängste und Unsicherheiten abzubauen und Arbeitgebende zu befähigen, faire und informierte Entscheidungen zu treffen.
Die Themen der vier Kapitel des Inklusionsleitfadens bauen praxisnah aufeinander auf. Im ersten Kapitel wird die Ausgangslage beschrieben: Psychische Erkrankungen sind in der Arbeitswelt weit verbreitet und verursachen einen erheblichen Anteil der krankheitsbedingten Fehltage. Ziel des Leitfadens ist es, betroffene Mitarbeitende zu unterstützen und gleichzeitig einen positiven Beitrag zum Betriebsklima und zur wirtschaftlichen Stabilität von Unternehmen zu leisten.
Das zweite Kapitel betont die zentrale Rolle der Haltung der Führungskraft. Psychische Erkrankungen äußern sich individuell, weshalb Arbeitsleistung und Unterstützungs-bedarf stark variieren können. Inklusion wird als gemeinsamer Prozess verstanden, der Wertschätzung, Offenheit und Lösungsorientierung erfordert. Vorurteile ermöglichen Struktur, spontane Entscheidungen und eine schnelle Einordnung von Situationen bzw. Begegnungen und begünstigen somit Stigmatisierung und Diskriminierung. Mit dem Leitfaden wird dieses Phänomen gezielt adressiert, um Führungskräften die Wirkung von Vorurteilen zu verdeutlichen und mit Hilfe von Reflexionsfragen einen Bewusstmachungsprozess anzuregen. Primäres Ziel ist dabei nicht die Auflösung von Vorurteilen. Vielmehr sollen Führungskräfte dazu befähigt werden, eine bewusste Entscheidung zu treffen, ob sie sich in einer konkreten Situation von denselben leiten lassen möchten oder nicht.
Im dritten Kapitel steht die Bedeutung von Informationen im Fokus. Gemeinsame Lösungen entstehen nur, wenn Führungskraft und betroffene Person in den Dialog treten. Hierfür wird ein Gesprächsleitfaden zur Verfügung gestellt, der Fragen zur Auswirkung der Erkrankung auf die Arbeitsleistung, zum Umgang der betroffenen Person damit, zu vorhandener therapeutischer Unterstützung sowie zu einer möglichen Offenlegung im Team umfasst. Zwar ist dies aus gesetzlicher Sicht nicht verpflichtend, kann aber im Sinne von Informationen und gegenseitiger Begegnung bzw. Kontakt inklusionsförderlich sein. Dabei wird betont, dass Führungskräfte keine therapeutische Rolle einnehmen sollen.
Kapitel vier erweitert den Blick auf Unterstützungsangebote innerhalb und außerhalb des Unternehmens. Neben internen Ressourcen wie Betriebsmedizinischen Fachkräften, Betrieblichem Gesundheits- und Eingliederungsmanagement oder Teamtrainings verweist der Leitfaden auf externe Stellen und Angebote, etwa Integrationsfachdienste oder Reha-Maßnahmen. Dadurch wird deutlich, dass Führungskräfte nicht allein verantwortlich sind, sondern ein Netzwerk an Hilfen nutzen können.
Tab. 1
Übersicht zu den zentralen Kapiteln des Inklusionsleitfadens, seinen Hauptinhalten und Zielen für die Führungskraft
Table 1
Overview of the key chapters of the inclusion guideline, main contents, and objectives for the manager
Kapitel
Hauptinhalte
Ziel für Führungskraft
Worum geht es?
Verbreitung psychischer Erkrankungen, hohe Fehltage, Nutzen von Inklusion
Relevanz erkennen und Motivation für inklusives Handeln entwickeln
Haltung der Führungskraft
Wertschätzung, Offenheit, Reflexion eigener Vorurteile
Bewusste, lösungsorientierte Haltung einnehmen
Bedeutung von Informationen
Gesprächsleitfaden zu Arbeitsleistung, Umgang, Therapie, Offenlegung
Strukturierten, respektvollen Dialog führen
Unterstützungs-angebote
Interne (Betriebsarzt, BGM/BEM) und externe Hilfen (Integrationsfachdienste, Reha-Angebote)
Netzwerk nutzen, Verantwortung teilen

2.2 Experimenteller Aufbau der Studie und Stichprobe

Die Studie wurde als experimentelle Online-Befragung mit einem zwischen den Gruppen variierten Design durchgeführt, in dem die Wirkung eines Inklusionsleitfadens auf Einstellungsentscheidungen überprüft wurde. Es nahmen insgesamt 307 Personen teil, die per Zufall einer Interventionsgruppe (IG, n = 152) oder einer Kontrollgruppe (KG, n = 155) zugeordnet wurden. Durch diese Randomisierung sollte gewährleistet werden, dass sich die Gruppen im Hinblick auf soziodemographische Variablen nicht systematisch unterschieden. Eine statistische Überprüfung bestätigte, dass die soziodemografische Struktur beider Gruppen vergleichbar ausfiel.
Die Zusammensetzung der Stichprobe spiegelt ein breites Spektrum potenzieller Personen in Entscheidungspositionen wider: 71,4 % der Teilnehmenden waren weiblich, 28,6 % männlich oder divers, das Durchschnittsalter betrug 31 Jahre (SD = 13 Jahre). Hinsichtlich der Bildung zeigte sich, dass die Mehrheit über mindestens die allgemeine Hochschulreife verfügte, viele sogar über einen Hochschulabschluss. Damit war die Stichprobe bildungsnah, was bei Onlinebefragungen häufig der Fall ist.
Aufbau der Studie
Zu Beginn erhielten alle Teilnehmenden eine standardisierte Vignette. Durch die Situationsbeschreibung sollten sie sich vorstellen, die Rolle einer Führungskraft in einem mittelständischen Unternehmen mit rund 30 Mitarbeitenden einzunehmen. Ihre Aufgabe bestand darin, eine Personalauswahl für eine Bürotätigkeit zu treffen. Dafür standen zwei Bewerbende zur Auswahl: ein gesunder Bewerbender und ein Bewerbender mit einer diagnostizierten Depression. Beide wurden hinsichtlich Qualifikation, Berufserfahrung und Eignung so beschrieben, dass sie formal gleichwertig waren. Auf diese Weise konnte sichergestellt werden, dass die Entscheidung primär durch die Information über die psychische Erkrankung beeinflusst wurde und nicht durch Unterschiede in Leistung oder Passung.
Intervention
Die Interventionsgruppe erhielt vor der Entscheidungsaufgabe den vollständigen Inklusionsleitfaden. Dieser umfasste kompakte Informationen zu rechtlichen Rahmenbedingungen, Handlungsempfehlungen für Bewerbungsgespräche, Reflexionsfragen zur inneren Haltung von Führungskräften und Hinweise auf Unterstützungsangebote im Arbeitskontext. Ziel war es, die Teilnehmenden mit Hintergrundwissen und praxisnahen Impulsen auszustatten, um Unsicherheiten im Umgang mit psychisch erkrankten Bewerbenden zu verringern. In der Kontrollgruppe wurde hingegen kein zusätzliches Material bereitgestellt; die Teilnehmenden trafen ihre Entscheidung direkt nach dem Lesen der Vignette.
Erhebungsablauf
Nach einer kurzen Instruktion zur Studie wurden zunächst soziodemographische Merkmale erhoben (Alter, Geschlecht, Bildung, Berufserfahrung, bisherige Kontakte zu psychisch erkrankten Personen). Anschließend folgte die Präsentation der Vignette. Je nach Gruppenzugehörigkeit erhielten die Teilnehmenden danach entweder den Inklusionsleitfaden zur Lektüre oder gingen unmittelbar zur Entscheidungsaufgabe über. Diese bestand darin, sich für oder gegen die Einstellung des depressiven Bewerbenden zu entscheiden.
Messinstrumente
Neben der binären Einstellungsentscheidung wurde die generelle Inklusionsbereitschaft erfasst. Dazu diente eine sechsstufige Skala, die von „starker Tendenz, den gesunden Bewerber einzustellen“ (1) bis „starker Tendenz, den depressiven Bewerber einzustellen“ (6) reichte. In der Interventionsgruppe wurde diese Skala sowohl vor der Lektüre des Leitfadens (Prä-Messung) als auch danach (Post-Messung) eingesetzt. Dadurch war es möglich, nicht nur Unterschiede zwischen den Gruppen, sondern auch innerhalb der Interventionsgruppe Veränderungen im Zeitverlauf zu analysieren. Zusätzlich hatten die Teilnehmenden Gelegenheit, in offenen Antwortformaten ihre Entscheidung zu begründen und Rückmeldungen zum Leitfaden zu geben.
Auswertungsstrategie
Für die Hypothesenprüfung wurden Chi2-Tests zur Analyse der Häufigkeitsunterschiede in den Einstellungsentscheidungen zwischen Interventions- und Kontrollgruppe durchgeführt. Veränderungen der Skalenwerte innerhalb der Interventionsgruppe wurden mit t‑Tests für abhängige Stichproben geprüft. Effektstärken wurden nach gängigen Konventionen (Cramers V, Cohen’s d) berechnet, um die praktische Bedeutung der Effekte einschätzen zu können. Darüber hinaus wurden qualitative Freitextantworten einer inhaltlich-strukturierten Analyse unterzogen, um ergänzende Einsichten in die subjektiven Entscheidungsprozesse zu gewinnen.

3 Ergebnisse

In der Kontrollgruppe entschieden sich 33 Personen (21,9 %) für den Bewerbenden mit einer diagnostizierten Depression, während in der Interventionsgruppe 68 Personen (46,3 %) den psychisch erkrankten Bewerbenden auswählten. Dieses deutliche Gefälle verdeutlicht, dass der Inklusionsleitfaden eine substanziell positive Wirkung auf die Einstellungsentscheidung hatte. Ein Chi2-Test bestätigte die Signifikanz des Effekts (χ2(1) = 19,80, p < 0,001), wobei die Effektstärke nach Cramers V (V = 0,258) einem mittleren Effekt entspricht. Damit lässt sich festhalten, dass die Bereitstellung des Leitfadens die Wahrscheinlichkeit einer positiven Entscheidung für den Bewerber mit Depression verdoppelte.
Darüber hinaus zeigte sich ein bedeutsamer Effekt in der Veränderung der Inklusionsbereitschaft innerhalb der Interventionsgruppe. Vor dem Lesen des Leitfadens lag die durchschnittliche Tendenz bei M = 2,37 (SD = 1,14). Nach der Auseinandersetzung mit dem Leitfaden stieg dieser Wert auf M = 3,45 (SD = 1,25). Der gepaarte t‑Test verdeutlichte, dass dieser Unterschied signifikant war (t(146) = 10,96, p < 0,001), verbunden mit einer großen Effektstärke (Cohen’s d = 0,904). Dies zeigt, dass der Leitfaden nicht nur punktuell das Entscheidungsverhalten beeinflusste, sondern auch das zugrunde liegende Einstellungsmaß in Richtung größerer Offenheit und Akzeptanz veränderte.
Qualitative Rückmeldungen stützen die Ergebnisse und liefern wertvolle Einblicke in die subjektiven Wahrnehmungen der Teilnehmenden. In den Freitextantworten wurde wiederholt hervorgehoben, dass der Inklusionsleitfaden eine klare Struktur und Orientierung bot, die es erleichterte, eine wohlüberlegte Entscheidung zu treffen. Viele Befragte beschrieben, dass sie durch die kompakte und praxisnahe Aufbereitung der Informationen in die Lage versetzt wurden, Unsicherheiten zu überwinden und Vorurteile kritisch zu reflektieren. Besonders betont wurde die durch den Leitfaden gestärkte Handlungssicherheit im Umgang mit psychisch erkrankten Bewerbenden. Zahlreiche Teilnehmende schilderten, dass sie vor der Lektüre mit Unsicherheit oder sogar Skepsis an die Entscheidungsaufgabe herangingen, während sie nach dem Lesen mehr Klarheit, Vertrauen in die eigene Einschätzung und eine gewisse Ruhe empfanden, die Entscheidung fundiert treffen zu können.
Ergänzend gaben viele Studienteilnehmende an, dass sie den Leitfaden nicht nur als informatives Instrument verstanden, sondern auch als konkrete Unterstützung im praktischen Handeln. Insbesondere der enthaltene Gesprächsleitfaden wurde mehrfach als besonders hilfreich hervorgehoben. Teilnehmende berichteten, dass sie sich dadurch erstmals in die Lage versetzt fühlten, ein respektvolles, strukturiertes und lösungsorientiertes Gespräch mit einem psychisch erkrankten Mitarbeitenden zu führen. Ergänzend wurde betont, dass die im Leitfaden enthaltenen Reflexionsfragen zur Haltung der Führungskraft Anlass gaben, die eigene Perspektive zu hinterfragen und stereotype Annahmen kritisch zu überdenken.
Ein weiterer wiederkehrender Aspekt in den Rückmeldungen war das Gefühl, durch die systematische Darstellung möglicher Unterstützungsangebote – wie betriebliche Gesundheitsdienste, externe Beratungsstellen oder Rehabilitationsmaßnahmen – erstmals eine realistische Grundlage für die Einschätzung der Integration eines psychisch erkrankten Bewerbenden zu haben. Vor allem Teilnehmende ohne Vorerfahrung im Umgang mit psychischen Erkrankungen beschrieben, dass sie sich vor der Intervention unsicher gefühlt hätten, ob sie einer solchen Situation überhaupt gewachsen seien. Dies führte bei vielen zu einem spürbaren Abbau von Ängsten und einer erhöhten Zuversicht, die Integration tatsächlich bewältigen zu können.

4 Diskussion

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Unwissenheit und Vorbehalte gegenüber psychischen Erkrankungen nach wie vor ein großes Hindernis in der Arbeitswelt darstellen. Diese Barrieren betreffen nicht nur die Chancen im Bewerbungsprozess, sondern auch die langfristige berufliche Integration, die Entwicklungsmöglichkeiten und die Arbeitszufriedenheit von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Obwohl die gesellschaftliche Sensibilisierung für psychische Gesundheit in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat, zeigen Studien, dass ein beträchtlicher Teil der Führungskräfte und Personalverantwortlichen noch immer über unzureichendes Wissen verfügt (Angermeyer et al. 2013; Brouwers 2020). Dieses Defizit betrifft sowohl medizinisch-psychologische Grundlagen als auch praktische Handlungskompetenzen im Umgang mit Betroffenen. Die Folge sind Unsicherheit, stereotype Vorstellungen und eine Vielzahl von Missverständnissen, etwa die Annahme, psychisch erkrankte Menschen seien grundsätzlich weniger leistungsfähig oder häufiger konflikthaft im Team. Solche Überzeugungen führen auch zu Diskriminierung in Einstellungsprozessen und erschweren die nachhaltige Teilhabe gesundheitlich beeinträchtigter Menschen im Arbeitsalltag.
Gerade im Bewerbungsverfahren wirken sich Vorurteile besonders stark aus. Viele Entscheidungsträger/-innen gehen davon aus, dass die Beschäftigung einer psychisch erkrankten Person mit erhöhtem Aufwand oder höheren Fehlzeiten verbunden sei (vgl. Slavchova 2021). Dies führt dazu, dass selbst bei objektiv gleicher Qualifikation nicht die gleichen Chancen eingeräumt werden. Hinzu kommt die Problematik der Selbstoffenbarung: Studien zeigen, dass der Zeitpunkt, an dem Bewerbende ihre Erkrankung offenlegen, erheblichen Einfluss auf die Einstellungschancen hat (Brohan et al. 2012). Wird die Erkrankung ohne weitere Informationen erwähnt, können Vorurteile aktiviert werden; erfolgt sie zu spät, kann dies als mangelnde Transparenz interpretiert werden (Slavchova 2021). Führungskräfte sind in dieser Situation häufig unsicher, wie sie angemessen reagieren sollen, und greifen deshalb eher auf stereotype Entscheidungsstrategien zurück. Wichtig ist es daher zu verdeutlichen, dass insbesondere die Offenlegung berufsrelevanter Auswirkungen der Erkrankung (z. B. Leistungsfähigkeit) Möglichkeiten eröffnet, an dem gemeinsamen Prozess der Inklusion zu arbeiten.
Auch nach erfolgreicher Einstellung bleiben Hürden bestehen. Auch kann es in bestehenden langfristigen Beschäftigungsverhältnissen zu einer psychischen Erkrankung kommen, die vorher nicht bestand. Viele Vorgesetzte fühlen sich nicht ausreichend vorbereitet, um mit psychisch erkrankten Mitarbeitenden konstruktiv zu arbeiten. Es herrscht die Sorge, im Falle einer Krise falsch zu reagieren, Verantwortung zu übernehmen, die sie überfordert, oder gar in eine therapeutische Rolle gedrängt zu werden. Diese Ängste führen häufig dazu, dass Themen vermieden und Probleme tabuisiert werden. Anstatt aktiv nach Lösungen zu suchen, wird das Gespräch gemieden, was wiederum das Risiko von Missverständnissen, Rückzugstendenzen und letztlich Arbeitsunfähigkeit erhöht (Corrigan et al. 2012).
Die vorliegende Studie zeigt, dass der Inklusionsleitfaden ein wirksames Instrument darstellt, um diesen Barrieren entgegenzuwirken. Er liefert nicht nur Wissen über psychische Erkrankungen, sondern auch konkrete Handlungsstrategien und Anregungen zum Kontakt, die Führungskräfte sofort anwenden können. Die Inhalte reichen von Reflexionsübungen über Gesprächsleitfäden bis hin zu Checklisten für die Organisation von Unterstützung im Betrieb. Indem er praxisnah gestaltet ist, bietet er Orientierung und nimmt Führungskräften die Angst, Fehler zu machen oder unangemessen zu reagieren. Rückmeldungen aus der Evaluation zeigen, dass der Leitfaden insbesondere das Gefühl von Handlungssicherheit stärkt. Hierbei handelt es sich um einen entscheidenden Faktor für den Abbau von Unsicherheiten und Vorurteilen.
Darüber hinaus entfaltet der Leitfaden Wirkung auf Ebene der Unternehmenskultur: Er regt an, psychische Erkrankungen nicht als individuelles Problem zu betrachten, sondern als Bestandteil der Vielfalt von Belegschaften. Indem Führungskräfte ermutigt werden, offen und wertschätzend über psychische Gesundheit zu sprechen, trägt der Leitfaden zur Enttabuisierung bei. Dies hat präventive Effekte: Beschäftigte, die erleben, dass Offenheit akzeptiert wird, suchen häufiger rechtzeitig Hilfe und vermeiden so längere Ausfallzeiten. Damit verbindet der Leitfaden individuelle Unterstützung mit betrieblichem Nutzen: Er ist ein Baustein für ein modernes Gesundheits- und Diversity-Management.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Verknüpfung mit rechtlichen Rahmenbedingungen. In Deutschland gilt seit 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das Diskriminierung aufgrund einer Behinderung verbietet. Ergänzend verpflichtet die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) Arbeitgeber-/innen, angemessene Vorkehrungen zu treffen, um Teilhabe zu ermöglichen. Viele Unternehmen sind sich dieser Verpflichtungen zwar bewusst, scheitern aber an der praktischen Umsetzung. Der Inklusionsleitfaden setzt genau hier an: Er übersetzt rechtliche Vorgaben in konkrete Handlungsoptionen. Damit unterstützt er Führungskräfte nicht nur dabei, ihre Pflichten einzuhalten, sondern ermöglicht es auch, Inklusion als Chance für Innovation und Resilienz zu begreifen (Gerdes 2019).
Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels kommt dem Leitfaden eine zusätzliche strategische Bedeutung zu. Psychische Erkrankungen gehören zu den häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit (BMAS 2022), gleichzeitig sind viele Betroffene gut ausgebildet und motiviert, am Erwerbsleben teilzunehmen. Unternehmen, die in der Lage sind, diese Potenziale zu nutzen, verschaffen sich im Wettbewerb um Talente einen klaren Vorteil. Der Leitfaden hilft, diese Ressourcen zu erschließen, indem er Unsicherheiten abbaut und die Integration erleichtert. Damit leistet er auch einen Beitrag zur Fachkräftesicherung – ein Aspekt, der in politischen Debatten zunehmend an Gewicht gewinnt (OECD 2021; WHO 2022).
In diesem Rahmen zeigen internationale Erfahrungen, dass Programme zur Förderung inklusiver Arbeitsumgebungen erfolgreich sind, wenn sie sowohl individuelle als auch organisationale Ebenen berücksichtigen. In skandinavischen Ländern etwa werden Führungskräfte systematisch in Fragen der psychischen Gesundheit geschult, und Unternehmen sind verpflichtet, Präventionsmaßnahmen zu implementieren (Halvorsen und Busterud 2021). Der Inklusionsleitfaden reiht sich in diese Ansätze ein, indem er Wissen, Reflexion und Praxis miteinander verknüpft. Er trägt damit nicht nur zur Einhaltung gesetzlicher Vorgaben bei, sondern orientiert sich auch an internationalen Best Practices.
Zusammenfassend ist der Inklusionsleitfaden ein Instrument mit multiplen Wirkungen: Er baut Vorurteile ab, schafft Wissen, erhöht Handlungssicherheit, verweist auf Unterstützungsangebote, fördert eine offene Unternehmenskultur und unterstützt die Fachkräftesicherung. Für Führungskräfte ist er eine praxisnahe Ressource, die es ihnen erlaubt, in komplexen Situationen kompetent zu handeln. Für Unternehmen bietet er die Möglichkeit, gesetzliche Vorgaben in eine strategische Personalpolitik zu integrieren. Und für psychisch erkrankte Menschen eröffnet er reale Chancen auf faire Teilhabe am Arbeitsleben.
Indem der Leitfaden kognitive, emotionale und organisationale Ebenen anspricht, entfaltet er nachhaltige Effekte. Er befähigt Führungskräfte dazu, nicht nur kurzfristige Entscheidungen zu treffen, sondern langfristig eine inklusive Haltung in ihrem Führungsstil zu verankern. Damit wird Inklusion nicht zu einem Zusatz, sondern zu einem integralen Bestandteil guter Führung. In einer Zeit, in der psychische Gesundheit als Schlüsselthema für die Zukunft der Arbeit gilt, ist der Inklusionsleitfaden ein sinnvolles Werkzeug, um betriebliche Praxis, wissenschaftliche Evidenz und gesellschaftliche Verantwortung miteinander zu verbinden.

4.1 Forschungsausblick

Die Ergebnisse dieser Studie sowie die positiven Effekte des Inklusionsleitfadens eröffnen vielfältige Perspektiven für zukünftige Forschung. Zunächst wäre es notwendig, die Wirksamkeit des Leitfadens über den hier betrachteten kurzen Zeitraum hinaus zu evaluieren. Langzeitstudien könnten Aufschluss darüber geben, ob die veränderten Einstellungen von Führungskräften und Personen in Entscheidungspositionen tatsächlich zu nachhaltigen Einstellungs- und Integrationspraktiken führen. Eine wichtige Fragestellung ist, inwiefern die positiven Effekte auch nach Wochen oder Monaten stabil bleiben und ob sie sich in realen betrieblichen Kontexten widerspiegeln.
Ergänzend sind mögliche Verzerrungen durch soziale Erwünschtheit und Selection Bias zu diskutieren (vgl. Stone et al. 2024). Zwar könnte angenommen werden, dass Teilnehmende sozial erwünscht zugunsten des psychisch erkrankten Bewerbenden entschieden haben, jedoch spricht das experimentelle Design mit anonymer Online-Erhebung und standardisierter Vignette gegen einen starken Einfluss sozialer Erwünschtheit, da keine realen sozialen Sanktionen oder Bewertungssituationen bestanden. Zudem zeigte sich in der Kontrollgruppe weiterhin eine deutliche Präferenz für den gesunden Bewerbenden, was darauf hindeutet, dass sozial erwünschtes Antwortverhalten nicht dominant war. Auch ein Selection Bias erscheint begrenzt, da die Randomisierung in Interventions- und Kontrollgruppe systematische Unterschiede minimierte und die Effekte innerhalb der Interventionsgruppe (Prä-Post-Vergleich) zusätzlich für eine genuine Einstellungsänderung sprechen. Insgesamt ist daher davon auszugehen, dass die beobachteten Effekte primär auf die Wirkung des Inklusionsleitfadens und nicht auf methodische Verzerrungen zurückzuführen sind.
Weiterhin sollte geprüft werden, ob die Wirksamkeit des Leitfadens in unterschiedlichen Branchen, Unternehmensgrößen und kulturellen Kontexten variiert. Während die vorliegende Studie mit einer experimentellen Vignette arbeitete, wäre es wertvoll, den Leitfaden in verschiedenen Settings (z. B. produzierendes Gewerbe, Dienstleistungssektor, öffentliche Verwaltung) direkt im betrieblichen Alltag zu erproben. Dies würde die Generalisierbarkeit der Befunde erhöhen und praxisnahe Anpassungen ermöglichen.
Ein weiterer Forschungsbedarf betrifft die Differenzierung nach spezifischen Krankheitsbildern. Die vorliegende Untersuchung fokussierte auf Depressionen, die zwar eine der häufigsten psychischen Erkrankungen darstellen, aber nicht für alle psychischen Störungen repräsentativ sind. Zukünftige Studien sollten untersuchen, ob der Leitfaden in ähnlicher Weise auch die Integration von Personen mit Angststörungen, bipolaren Störungen oder Schizophrenie erleichtert, und ob dafür inhaltliche Anpassungen notwendig sind. Perspektivisch könnten weitere Arbeiten auch die Sichtweise der Betroffenen selbst stärker einbeziehen. Es wäre von großem Interesse zu erfahren, wie psychisch erkrankte Mitarbeitende den Einsatz des Leitfadens erleben, ob sie sich dadurch tatsächlich stärker akzeptiert und unterstützt fühlen und ob sich ihre Arbeitszufriedenheit und Arbeitsfähigkeit dadurch verbessern.

4.2 Praktische Implikationen

Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung machen deutlich, dass die berufliche Teilhabe psychisch erkrankter Menschen keine abstrakte Zielsetzung, sondern eine unmittelbare Gestaltungsaufgabe für Organisationen darstellt. Psychische Erkrankungen sind in modernen Arbeitsgesellschaften weit verbreitet und betreffen nahezu alle Branchen, Hierarchieebenen und Unternehmensgrößen. Dennoch bestehen in vielen Betrieben Unsicherheiten, die häufig in einem paradoxen Spannungsfeld enden: auf der einen Seite gut ausgebildete, motivierte Bewerbende, auf der anderen Seite zögerliche Arbeitgebenden, die Einstellungsentscheidungen von Ängsten und Vorurteilen leiten lassen. Der Inklusionsleitfaden adressiert genau diese Lücke, indem er praxisnahe Handlungsoptionen bereitstellt.
Für betriebliche Personen in Entscheidungspositionen – insbesondere Führungskräfte und Personalverantwortliche – bietet die Arbeit eine zentrale Botschaft: Inklusion gelingt nicht zufällig, sondern erfordert bewusste Entscheidungen und ein strukturiertes Vorgehen. Der Leitfaden hat gezeigt, dass schon kurze, gezielte Informationsimpulse die Wahrscheinlichkeit einer positiven Entscheidung zugunsten eines psychisch erkrankten Bewerbenden verdoppeln können. Dies verweist auf ein enormes Potenzial, das Unternehmen bislang häufig ungenutzt lassen. Entscheidende sollten den Leitfaden daher nicht als „zusätzliches Instrument“ verstehen, sondern als integralen Bestandteil einer zeitgemäßen Personalpolitik. Gerade im Wettbewerb um Fachkräfte kann der aktive Einbezug von Menschen mit psychischen Erkrankungen ein strategischer Vorteil sein, da diese Gruppe trotz häufiger Exklusion über hohe Qualifikationen verfügt.
Für Arbeitswissenschaftler und Arbeitswissenschaftlerinnen ergibt sich eine zweite Konsequenz. Die Studie verdeutlicht, dass Inklusion nicht nur durch strukturelle Rahmenbedingungen (Gesetze, Programme, Fördermittel) geprägt wird, sondern entscheidend von Mikroprozessen abhängt – also von individuellen Einstellungen, Kommunikationsmustern und Heuristiken in konkreten Situationen. Dies eröffnet ein weites Feld für weiterführende Forschung: Wie stabilisieren sich Einstellungsänderungen über längere Zeiträume? Welche Interventionsformate sind in unterschiedlichen Branchen besonders wirksam? Und wie lassen sich digitale Arbeitsformen nutzen, um Inklusion auch virtuell zu fördern? Der vorliegende Leitfaden ist somit nicht Endpunkt, sondern Ausgangsbasis für eine evidenzbasierte Forschungsagenda, die stärker die Übersetzung psychologischer Erkenntnisse in betriebliche Praxisformate ins Zentrum stellt.
Für politische Entscheidungstragende und die Sozialpolitik unterstreicht die Studie, dass rechtliche Rahmenbedingungen allein nicht ausreichen. Zwar schaffen AGG und UN-BRK verbindliche Standards, ihre Umsetzung hängt jedoch maßgeblich von den Kompetenzen und Ressourcen in den Betrieben ab. Ein praxisnaher Leitfaden wie der hier evaluierte fungiert als Brücke zwischen abstrakten Normen und konkretem Handeln. Politik und Verbände sollten daher stärker in die systematische Dissemination solcher Instrumente investieren, etwa durch die Integration in Programme des betrieblichen Gesundheitsmanagements, durch verpflichtende Schulungsbausteine in der Führungskräfteentwicklung oder durch die Bereitstellung branchenspezifischer Varianten des Leitfadens. Damit ließe sich nicht nur die faktische Inklusion steigern, sondern auch die Akzeptanz gesetzlicher Vorgaben erhöhen, die von Unternehmen häufig als abstrakt oder praxisfern wahrgenommen werden.
Für betroffene Mitarbeitende und ihre Interessenvertretungen hat die Arbeit ebenfalls eine wichtige Signalwirkung. Sie zeigt, dass Aufklärung wirkt: Wenn Personen in Entscheidungspositionen mit fundierten Informationen ausgestattet sind, sinkt die Wahrscheinlichkeit diskriminierender Entscheidungen deutlich. Dies sollte Betroffene ermutigen, stärker auf transparente Strukturen zu drängen und zugleich die Chancen der Selbstvertretung zu nutzen. Betriebsräte, Schwerbehindertenvertretungen und Gewerkschaften könnten den Leitfaden als Arbeitsmittel in Beratungsprozessen einsetzen und damit dazu beitragen, dass Betroffene nicht allein auf die Haltung einzelner Führungskräfte angewiesen sind, sondern auf eine institutionalisierte Kultur der Offenheit vertrauen können.
Für die Praxis im Unternehmen bedeutet dies: Inklusion psychisch erkrankter Menschen ist keine einmalige Entscheidung im Bewerbungsprozess, sondern ein kontinuierlicher Organisationsentwicklungsprozess. Der Leitfaden entfaltet seine Wirkung nicht nur im Moment der Einstellung, sondern vor allem durch die Verstetigung im Alltag: durch regelmäßige Reflexion in Teams, durch klare Kommunikationsregeln, durch die Nutzung interner und externer Unterstützungsangebote. Unternehmen, die den Leitfaden implementieren, profitieren daher nicht nur kurzfristig von verbesserten Einstellungsentscheidungen, sondern langfristig von einer resilienteren Organisationskultur. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund steigender Belastungen durch Digitalisierung, demografischen Wandel und Fachkräftemangel von zentraler Bedeutung.
Ein weiterer praktischer Implikationspunkt betrifft die Verknüpfung mit Prävention. Indem Führungskräfte durch den Leitfaden lernen, psychische Erkrankungen nicht zu tabuisieren, sondern aktiv und lösungsorientiert zu adressieren, steigt die Wahrscheinlichkeit frühzeitiger Interventionen. Dies kann nicht nur Fehlzeiten reduzieren, sondern auch das Wohlbefinden aller Mitarbeitenden stärken. Insofern ist der Leitfaden nicht nur ein Werkzeug für den Umgang mit psychisch erkrankten Bewerbenden, sondern ein Baustein moderner Gesundheits- und Präventionsstrategien, die den gesamten Betrieb erfassen.

4.3 Take-Home Message

Die Wirksamkeit des Inklusionsleitfadens zeigt, dass evidenzbasierte, praxisnahe Interventionen das Potenzial haben, tief verwurzelte Vorurteile aufzubrechen, Entscheidungstragende zu befähigen und Inklusion von einer abstrakten Norm zu einer gelebten Realität zu machen.
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Hinweis des Verlags

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Titel
Inklusion am Arbeitsplatz: Wirksamkeit eines Leitfadens zur Unterstützung psychisch erkrankter Mitarbeitender
Verfasst von
Dr. Veneta Slavchova
Dr. Jens Knispel
Prof. Dr. Viktoria Arling
Publikationsdatum
03.02.2026
Verlag
Springer Berlin Heidelberg
Erschienen in
Zeitschrift für Arbeitswissenschaft
Print ISSN: 0340-2444
Elektronische ISSN: 2366-4681
DOI
https://doi.org/10.1007/s41449-026-00504-w
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Bei Interesse kann die vollständige Version des Inklusionsleitfadens bei der Erstautorin angefordert werden.
 
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