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08.05.2020 | Innenarchitektur | Im Fokus | Onlineartikel

Mehr Farbe im Bürokonzept wagen

Autor:
Harry Clark
4 Min. Lesedauer

Langweilig, grau, trostlos: Die Gestaltung vieler deutscher Büros ist gewiss verbesserungswürdig. Unternehmen könnten mit einem passenden Farbkonzept sogar mehr Wirtschaftskraft erzielen, ist sich Gastautor Harry Clark sicher. 

Das globale Design- und Architekturbüro Gensler zeigte 2018 in einer Studie: 73 Prozent der Deutschen arbeiten in Büros, die keinem klaren Design- und Einrichtungskonzept folgen. Das verhindert innovatives Denken, schränkt den Raum für Kreativität ein, blockiert themenübergreifendes Arbeiten und erschwert die Zusammenarbeit im Team. Farbdesign und seine Wirkung auszublenden, ist ein wirtschaftliches Risiko. Wenn Verantwortliche dies hingegen als Teil der Unternehmensstrategie begreifen, geben sie ihrer Organisation einen Produktivitätsschub. Oder wie es der Jaguar-CEO Ralf Speth zusammenfasst: "If you think, good design is expensive, you should look at the cost of bad design."

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Jedes Unternehmen hat seine eigene Identität, eine klare Haltung und gezielte Absichten. Ein Gestaltungskonzept macht diese Faktoren sichtbar und verständlich – und geht somit weit über das Corporate Design hinaus. Eine durchdachtes Raumkonzept am Arbeitsplatz ist ein Zeichen von Wertschätzung den Mitarbeitern gegenüber. Großraumbüros mit steril-weißen Wänden, vertrockneten Pflanzen oder in besseren Fällen Hydrokulturen, haben eine andere Wirkung, als ein abgestimmter, bewusst eingesetzter Farbdreiklang, verbunden mit einem durchdachten Beleuchtungskonzept. 

Die Rolle von Farbe in der Raumgestaltung

Farben erscheinen im Zusammenspiel heller oder dunkler, mehr oder weniger intensiv, leuchtender oder trüber, wärmer oder kälter, dünner oder dicker, leichter oder schwerer, höher oder tiefer und näher oder weiter weg. Um einen oder mehrere Räume so zu gestalten, dass sie einen sinnlichen Zusammenhang erhalten, sind mindestens drei Farben notwendig – selbst dann, wenn alles in Weißtönen gestaltet werden soll. Es gilt, Verschattungen aufzufangen oder eine Reflexion der unterschiedlichen Farben herzustellen. Auch die Umgebung, der Lichteinfall und die Architektur des Gebäudes spielen eine Rolle. Sie sind wesentliche Aspekte der zu berücksichtigenden Rahmenbedingungen.

Nicht alleine die Wandfarben sind wichtig, sondern die allgemeine Farbgebung der Büroeinrichtung: Die Farbe der Möbel und des Bodens, der Pflanzen und Bilder sowie der Umwelt beim Blick aus dem Fenster. Dabei gilt: Kräftige Farben werden sehr schnell wahrgenommen, beurteilt und eingeordnet. Sie haben deutliche Konturen. Weniger kräftige, kalkige Farben haben zusätzliche Schattierungen, verknüpfen sich mit ihrer Umgebung, haben verbindenden Charakter und damit mehr Lebendigkeit. Sie helfen, Sichtachsen zu verdeutlichen oder Räume ohne Wände einzufassen. Auch das gekonnte Zusammenspiel harmonierender oder auch bewusst disharmonierender Farben kreiert Lebendigkeit, Bewegung und Wohlbefinden. 

Welches Gefühl wollen wir vermitteln?

Ein weit verbreiteter Trugschluss von Führungskräften ist, dass die Farbgestaltung im Büro mit den Corporate Farben des Unternehmens, also Logo, Website und Geschäftsausstattung übereinstimmen muss. Ein Irrglaube, denn die Farbwelt in der Büroraumgestaltung erfüllt eine andere Aufgabe und hat begleitenden Charakter, im Unterschied zum Firmenlogo und die Website. Entscheider sollten sich folgende Fragen stellen: Welches Gefühl wollen wir vermitteln?

Benötigen wir eine Atmosphäre der Inspiration und Kreativität? Oder eher der Ruhe und Konzentration? Möchten wir die Vielfalt hervorheben oder auf die Präzision unserer Arbeit hindeuten? In welcher Atmosphäre fühlen sich unsere Mitarbeitenden wohl? In welcher beschützt? In welcher kreativ? Wie können wir die Identifikation mit unserem Unternehmen steigern?

Stimmen Farbkonzept und Identität überein?

Ein weiterer oft begangener Fehler: Die Unternehmensidentität wird in vielen Bürokonzepten nicht mit einbezogen. Stattdessen wird von den Vorreitern kopiert. Darum ähneln sich selbst neu und modern gestaltete Büroräume – meist sehen sie aus wie eine Mischung aus Co-Working Space und Klischee-Start-up. Hauptsache hip, jung und kreativ – oder was unter Jugendlichkeit und Kreativität so alles verstanden wird. Gute Arbeitsplatzkonzepte dürfen auch anders aussehen, wie "The Great Room" in Singapur beweist: Zeitloser, nachhaltiger, ohne kurzfristiges Verfallsdatum – Braun-, Beige- und Blautöne bilden eine Atmosphäre der Konzentration. Gleichzeitig kommuniziert dieses Großraumbüro mit seiner edlen Einrichtung auch eine klare Haltung: Hier ist die moderne, geschäftstüchtige Elite am Start.   

Ob kreativ und verspielt, seriös und diskret, präzise und sicher oder dynamisch und zielstrebig: Stimmt das Farbkonzept mit der Unternehmensidentität überein, erreicht diese eine nächste wahrnehmbare Stufe mit höherer Motivation und Produktivität. Denn: Die Identität ist die Werteschnittmenge aller Beteiligten in der Organisation. Wird diese auf den Arbeitsplatz übertragen, dann greift alles ineinander und ist stimmig. Das färbt auf die Belegschaft ab.

Fazit: Farben gestalten Räume, sie verbinden, begleiten und geben Struktur. Sie können eine bestimmte Haltung vermitteln und Atmosphären schaffen. Wer Farben als Teil der Unternehmensstrategie wahrnimmt, kann sein Unternehmen auf die nächste Wachstumsstufe heben. Dafür sollte ein inhaltlicher Rahmen definiert werden, der dann von Farbexperten in die jeweilige Situation übersetzt wird – und daraus eine unternehmensspezifische Einheit entstehen kann.

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