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Über dieses Buch

Innovation als dauerhafte kreative Anstrengung und systematische Durchsetzung des Neuen gilt als Kerninstitution moderner Wirtschaft. Gegenwärtig beobachten wir eine Ausweitung auf alle Felder, Arten und Phasen der Innovation: Innovationsprozesse – so die These – werden zunehmend reflexiv im Lichte von Informationen über Innovationen gesehen, breiter verteilt von mehr Akteuren und heterogenen Instanzen gestaltet und situativ orientiert an wechselnden und gemischten Leitreferenzen vollzogen. Reflexive Innovation in diesem Sinne wird zur treibenden Kraft der Innovationsgesellschaft.

Die Beiträge wurden von Antragstellern, Gästen und Gutachtern des DFG-Graduiertenkollegs „Innovationsgesellschaft heute: Die reflexive Herstellung des Neuen“ verfasst.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

Frontmatter

Die Ausweitung der Innovationszone

Zusammenfassung
Neuerung als mehr oder weniger gewollter Wandel geschah immer schon. Innovation als dauerhafte kreative Anstrengung und systematische Durchsetzung des Neuen gilt hingegen als eine der Kerninstitutionen moderner Wirtschaft. Gegenwärtig beobachten wir einen weiteren Wandel im Verhältnis von Innovation und Gesellschaft: Innovation überschreitet ihre Schranken und wächst zur dominanten treibenden Kraft zukünftiger Gesellschaft heran.
Werner Rammert, Arnold Windeler, Hubert Knoblauch, Michael Hutter

Innovationsgesellschaft heute

Die reflexive Herstellung des Neuen
Zusammenfassung
Innovation prägt die moderne Gesellschaft seit ihrem Beginn. Gegenwärtig verändert sie jedoch ihren Charakter: Sie wird reflexiv, verläuft als heterogen verteilter Prozess und verallgemeinert sich zu einem ubiquitären Phänomen. Reflexive Innovation meint dabei nicht nur die gezielte, sondern auch die vom kontinuierlich erneuerten Wissen um Innovation getragene Veränderung von Handlungspraktiken. Damit wird Innovation selbst zum Ziel und Zweck gesellschaftlichen Handelns, und zwar als Thema des Handelns (Semantik des Neuen), als Teil der Routinen des Handelns (Pragmatik kreativen Handelns) und als systematisch geschaffene soziale Strukturen zur Herstellung des Neuen (Grammatik innovativer Regime). Mit der heterogen verteilten Innovation wird die Verschiebung vom einzelnen Entrepreneur auf ein Netzwerk verschiedenartiger Akteure angesproMit der Ubiquität werden die Tendenz zur Entgrenzung der Innovation von den klassischen Bereichen Wirtschaft und Wissenschaft und ihre Verallgemeinerung zu einem Handlungsimperativ behauptet.
Der hier vorgestellte Forschungsansatz behandelt daher im Kern folgende Fragen: Wie wird das Neue heute reflexiv hergestellt? Wo können solche Prozesse beobachtet werden? Und welche Akteure treiben sie jeweils voran? Mit dem erweiterten Begriff gesellschaftlicher Innovation soll ein soziologischer Fokus befördert werden, der einen differenzierteren und umfassenderen Blick auf das Thema ermöglicht, als dies innerhalb der konventionellen ökonomischen Perspektiven möglich wäre. Unser Ziel ist es daher, ein tieferes und empirisch fundiertes Verständnis dessen zu entwickeln, was in der heutigen Gesellschaft unter Innovation verstanden wird und welche gesellschaftlichen Prozesse die Innovationen gegenwärtig prägen.
Michael Hutter, Hubert Knoblauch, Werner Rammert, Arnold Windeler

Sozial- und gesellschaftstheoretische Perspektiven

Frontmatter

Fragmentale Differenzierung und die Praxis der Innovation

Wie immer mehr Innovationsfelder entstehen
Zusammenfassung
Bei der Selbsterneuerung gesellschaftlicher Bereiche tritt gegenwärtig an die Stelle eindeutiger ökonomischer oder technowissenschaftlicher Leitdifferenzen eine allgemeinere und zugleich offenere Orientierung an Innovation selbst. Dieser neue Geist der Innovation weht und wirkt überall, nicht nur in der Wirtschaft; er steckt auch das Politische, die Künste und die alltägliche Lebensführung an. Im Rückgriff auf erste Fallstudien aus dem DFG-Graduiertenkolleg „Innovationsgesellschaft heute: Die reflexive Herstellung des Neuen“ fragt der Beitrag danach, wie und warum überall – innerhalb, an den Rändern und zwischen den Gesellschaftsbereichen – neue Innovationsfelder entstehen. Er antwortet unter kritischem Zugriff auf Theorien gesellschaftlicher Differenzierung, reflexiver Modernisierung und ethnomethodologischer Varianten einer Theorie der Praxis und sucht den Wandel zum reflexiven Innovationsregime als rekursiven Zusammenhang von fragmentaler Differenzierung und situativer Praxis der Innovation zu verstehen: Neue Innovationsfelder entstehen aus der Reflexivität des situativen Vollzugs von Innovationspraxis. Fragmentierung, Vermischung und Vermehrung von Referenzen bringen dabei Gewohnheiten und Grenzziehungen in Bewegung. Diese rastlose reflexive Innovationspraxis entwickelt sich allerorten zur vorherrschenden gesellschaftlichen Koordinationsform und verschiebt das bisherige Primat gesellschaftlicher Differenzierung in die zweite Reihe.
Jan-Hendrik Passoth, Werner Rammert

Reflexive Innovation

Zur Innovation in der radikalisierten Moderne
Zusammenfassung
Innovation als ‚kreative Zerstörung, die Positives hervorbringt‘ (Schumpeter 2003) wird heute zu einem gesellschaftlichen Imperativ, der weit über die Wirtschaft hinaus Innovationsgesellschaften zunehmend charakterisiert (Hutter et al. in diesem Band). Forciert wird diese Entwicklung durch reflexive Innovationen, die Akteure unter Rückgriff auf moderne Institutionen, Regulationen und das Können von Akteuren in Interaktionen konstituieren. Sowohl welche Innovationen hergestellt, fortgeschrieben und transformiert werden, als auch wie das geschieht, ist so durch spezielle, symbolische wie materielle Bedingungen mit geformt, die ihrerseits durch Innovationen immer wieder erneut mit produziert und reproduziert werden. Ich stelle in diesem Aufsatz Grundzüge einer praxistheoretischen Perspektive auf reflexive Innovation als Charakteristikum radikal-moderner Gesellschaften vor (vgl. Giddens 1990a), die durch die Strukturationstheorie (Giddens 1984) informiert ist und dessen Konzepte ich an anderer Stelle systematisch ausgearbeitet habe (Windeler 2001, 2014). Ich umreiße in diesem Aufsatz eine gegenüber der etablierten Innovationsforschung alternative Sicht auf Innovation, die an Joseph Schumpeter ansetzt, dann aber Innovationen in ihrem über soziale Praktiken vermittelten Verhältnis zur Gesellschaft thematisiert.
Arnold Windeler

Kommunikatives Handeln, das Neue und die Innovationsgesellschaft

Zusammenfassung
Innovation ist ein so häufig von den Handelnden und so vielfältig gebrauchter Begriff, dass eine sozialwissenschaftliche Analyse einen breiteren sozialtheoretischen Rahmen suchen muss, in dem der Begriff wie auch die von ihm bezeichnete Sache bestimmt werden kann. Der kommunikative Konstruktivismus bietet einen solchen Rahmen. Er ermöglicht es einerseits, die drei Dimensionen der Innovation (Semantik, Pragmatik und Grammatik) abzudecken und damit auch Prozessen der Innovation zu erfassen, die von den Akteuren anders oder gar nicht kategorial benannt werden. Indem Innovation als spezifische soziohistorische Ausprägung eines am Neuen orientierten kommunikativen Handelns gefasst wird, können auch angrenzende Phänomene, wie etwa Kreativität, erfasst werden, ohne sie aufeinander zu reduzieren.
Um den soziohistorischen Rahmen des Begriffes abzustecken, soll zunächst der Zusammenhang zwischen den Transformationen der modernen Gesellschaft und der semantischen Entwicklungen des Innovationsbegriffes grob skizziert werden. Als Ausgleich für das Fehlen eines empirisch begründeten Begriffes soll dann auf der Grundlage des kommunikativen Konstruktivismus ein soziologischer Begriff der Innovation skizziert werden. Innovation wird als eine Form des Handelns bestimmt, dessen kommunikativer Charakter die Bedeutung des Neuen für und durch die Anderen wechselseitig reflektiert und dadurch seine Verbreitung (auch im Sinne der Diffusion) entfaltet. Dieser Begriff schließt die Kategorie der Reflexivität und der reflexiven Innovation ein, der darauf folgend erläutert wird. Der Begriff der Innovation eröffnet auch eine zeitdiagnostische Perspektive, indem er die Unterscheidung von zwei Konzepten der „Innovationsgesellschaft“ erlaubt, die am Ende skizziert werden.
Hubert Knoblauch

Das Kreativitätsdispositiv und die sozialen Regime des Neuen

Zusammenfassung
Der Beitrag vertritt die These, dass ‚Innovation‘ in der spätmodernen Gesellschaft im Vergleich zur klassischen organisierten Moderne einem Strukturwandel unterliegt: Das Modell der technischen Innovation wird abgelöst vom Modell der kulturell-ästhetischen Kreativität. Der Beitrag entfaltet die Grundmerkmale des ‚Kreativitätsdispositivs‘ als gesellschaftlich dominantem Komplex der Spätmoderne und stellt die Funktion von Ästhetisierungsprozessen, ästhetischen Sozialitäten und dem sozialen Feld der Kunst als exemplarischem Format heraus. Er mündet in einer systematischen Gegenüberstellung des ‚Regimes des Innovationsneuen‘ der organisierten Moderne und dem ‚Regime des ästhetisch Neuen‘ der Spätmoderne.
Andreas Reckwitz

Zwischen Wirtschaft und Kultur

Frontmatter

Zur Rolle des Neuen in der Erlebniswirtschaft

Zusammenfassung
Die Erlebniswirtschaft unterscheidet sich in ihrem Innovationsverständnis von demjenigen der Industriewirtschaft. In diesem Teil der Wirtschaft entsteht Neues nicht durch zielgerichtete Verbesserung irgendwelcher Problemlagen, sondern neue ästhetische Erlebnisse tragen ihren überraschenden, sinnlich erfahrbaren Wert in sich. Der Aufsatz rekapituliert wichtige Stationen in der Debatte um die Institutionalisierung der Kreativ- oder Erlebniswirtschaft während der vergangenen 30 Jahre. Dabei werden die empirischen Konturen der rasch wachsenden Bedürfnisse für ästhetische Erlebnisprodukte nachgezeichnet. Das Wachstum wird der Verknüpfung zwischen der Sogkraft ästhetischer Erlebnisse und den Möglichkeiten ihrer kommerziell codierten Bereitstellung zugeschrieben. Es gibt also gute Gründe, beim Blick auf die Innovationsgesellschaft auf das selbstbezogene Treiben der Sehnsucht nach Erlebnissen zu achten.
Michael Hutter

Strategisches Marketing in der Innovationsgesellschaft

Ein Bezugsrahmen
Zusammenfassung
Die Diagnose der so genannten „Innovationsgesellschaft“ besitzt für die Konzeption eines Strategischen Marketings weitreichende Auswirkungen. Fortgeschrittene gesellschaftliche Individualisierung und ubiquitär vorzufindende Anstrengungen hinsichtlich und Rhetorik über Innovation erfordern von Unternehmen andere Denkkategorien und andere analytische Mittel, um Marktpotentiale zu erschließen sowie Unterscheidungskraft im Wettbewerb herzustellen und zu verstetigen. Ausgehend von einer Rekonstruktion der (Fehl-)Entwicklung Strategischen Marketings entwirft dieser Beitrag einen Bezugsrahmen für unternehmerisches Handeln unter den verschärften Bedingungen einer „Innovationsgesellschaft“. Er zeigt, welche Leitmetaphorik in diesem Zusammenhang zielführend ist und welche – bislang wenig genutzten – Datenquellen sie nahe legt.
Franz Liebl

Innovation mit Hilfe der Vielen

Crowdsourcing im Innovationsprozess
Zusammenfassung
Als neuartige Form der Arbeitsteilung können externe Akteure durch Crowdsourcing in den Innovationsprozess eingebunden werden. Die Ausgestaltungsmöglichkeiten unterliegen dabei einer Dynamik, die vielfältige Fragestellungen und neuen Forschungsbedarf aufwirft. Ausgehend vom Open-Innovation-Prinzip kommt es damit zunehmend zu einem Paradigmenwechsel weg von der herstellerzentrierten hin zu kundenbezogener und kollaborativer Innovation, die in Anbetracht fallender Kommunikations- und Designkosten immer einfacher und flexibler anwendbar wird. Durch den Einsatz von Crowdsourcing eröffnen sich aber nicht nur Einsparungs-, sondern auch erhebliche Innovationspotenziale. Das wirft freilich verschiedene Fragen auf, die näherer Erforschung bedürfen. Diese betreffen unter anderem den Organisationsprozess der Innovation, die Eignung verschiedener Arten von Innovationsproblemstellungen sowie die Wertgenerierung und den Schutz des intellektuellen Eigentums.
Arnold Picot, Stefan Hopf

Das Berliner Innovationspanel

Entstehungsgeschichte, erste Ergebnisse und Ausblick
Zusammenfassung
Im Jahr 2012 wurde das Berliner Innovationspanel gestartet, indem im Rahmen der Deutschen Innovationserhebung über fünftausend Unternehmen in Berlin zu ihren Innovationsaktivitäten und -erfolgen befragt wurden. Die ersten repräsentativen Ergebnisse zeigen strukturelle Unterschiede sowohl zu Gesamtdeutschland als auch zu den westdeutschen Metropolen. Generell zeichnen sich die größeren Unternehmen in Berlin durch eine relative Innovationsschwäche aus, während die Kleinst- und kleineren Unternehmen in Berlin innovativer sind als die Vergleichsgruppe im übrigen Deutschland. Die dreimalige Wiederholung der Befragung hat inzwischen eine Datengrundlage generiert, aus der man schon erste strukturelle Veränderungen ablesen kann. Schließlich waren die Ergebnisse der letzten Befragung mit dem Schwerpunkt auf Probleme bei der Finanzierung von Innovationen Auslöser für eine innovationspolitische Initiative des Berliner Senats. Der Beitrag schließt mit einem Ausblick auf mögliche Erweiterungen der regionalspezifischen Innovationserhebungen.
Knut Blind

Innovation: In Ketten tanzen

Zusammenfassung
Der Beitrag schlägt einige Konzepte vor, die beim Nachdenken über Innovation helfen und auch für Ernüchterung angesichts eines Kultus des Neuen (Adorno) sorgen können, u. a. das Platonische Suchparadox, Jon Elsters “Zustände, die wesentlich Nebenprodukt sind”, Friedrich Nietzsches “In Ketten tanzen”, Bernhard Waldenfels’ “Tradition als Widerlager des Neuen”, Paul Davids Pfadabhängigkeit, Robert Mertons “serendipity”, Gregory Batesons Nachträglichkeit und Jaques Derridas “différance”.
Günther Ortmann

Zwischen Politik, Planung und sozialer Bewegung

Frontmatter

Flash Mobs als Innovation

Über eine neue Sozialform technisch vermittelter Versammlung
Zusammenfassung
Der Beitrag untersucht die Sozialform des „Flash Mob“, die in den letzten Jahren einige gesellschaftliche Aufmerksamkeit bekommen hat. Bei einem „Flash Mob“ versammeln sich Menschen, ermöglicht durch neue Informations- und Kommunikationstechnik, an einem (halb-)öffentlichen Ort und handeln auf Basis eines vorher kommunizierten Skriptes. Auf Außenstehende wirkt diese Aktivität überraschend.
Ausgehend von zwei teilnehmenden Beobachtungen vor Ort (2013, 2014) und der technisch unterstützten Auswertung der öffentlichen Daten auf der entsprechenden Facebook-Eventpage fragen wir danach, wie das „doing innovation“ in dieser Sozialform erfolgt. Es wird gezeigt, dass die kulturelle Innovation „Flash Mob“ nur durch gleichzeitige Innovationen im Raum- und Technikeinsatz möglich wird. Mehr noch: Erst die systematische Koppelung neuer Raumarrangements und technischer Innovationen bringt den „Flash Mob“ als Sozialform zum Erfolg.
Paul Gebelein, Martina Löw, Thomas Paul

Wie kommt Neuartiges in die räumliche Planung?

Konzeptionierung von Innovationen in der Planung und Forschungsstrategien
Zusammenfassung
In der räumlichen Planung hat es in der Art und Weise, wie sie ihre Aufgaben ausgefüllt hat, immer auch Neuorientierungen gegeben. Im Beitrag geht es um raumplanerische Neuorientierungen, die nicht nur bewährte Routinen optimieren, sondern mit Routinen brechen und als soziale Innovationen gefasst werden sollen. Interessant ist indes, dass Veränderungen in der Planung konzeptionell bisher eher als „Wandel“ gesehen wurden, und zwar nicht als Wandel in der Planung, sondern als Wandel im Umfeld der Planung – auf die Planung lediglich reagiert. Außerhalb der Betrachtung bleibt, dass Planungsakteure aus sich heraus – intentional und reflexiv – Veränderungen herbeiführen könnten. Es ist daher zu klären, inwiefern radikale Neuerungen der Planungspraxis sinnvoll als Innovationen betrachtet werden können und wie der – ursprünglich aus wirtschaftlichen und technischen Zusammenhängen kommende – Innovationsbegriff bei der Übertragung in Planungskontexte ausgeweitet bzw. modifiziert werden muss. Am Beispiel empirischer Fälle eines laufenden Forschungsprojekts wird die Frage verfolgt, wie intentional bzw. wie reflexiv die untersuchten Innovationen in der Planung tatsächlich vorangetrieben werden.
Gabriela Christmann, Oliver Ibert, Johann Jessen, Uwe-Jens Walther

Energiewende

Pfadbruch oder Manifestierung des Ausgangspfades?
Zusammenfassung
Geprägt von einer Semantik des Neuen, haben wir es bei der Energiewende mit einem lebhaft gesellschaftlich reflektierten Umbruch zu tun. Dabei kamen bewegte Innovationsbiographien bei der Etablierung erneuerbarer Energien wie der Windenergie zustande. Gesellschaftlich veränderte Werthaltungen nach einschneidenden Krisen (Chernobyl, Fukushima und andere) erlaubten eine umwelt- und innovationspolitisch motivierte Pfadkreation für die Energiewende. Die so geschaffenen Rahmenbedingungen wie vor allem garantierte Stromeinspeisetarife erwiesen sich als wirkungsvoll. Zuletzt zeigte sich die ebenso innovative wie komplexe Transformation des Energiesystems als zunehmend schwerer steuerbar, zumal aufgrund vielfältiger Querbezüge (Stromerzeugung, -transport und -speicherung). Auch in der gesellschaftlichen Reflektion überlagern teils widerständige Akzeptanzmuster das Geschehen. Der Beitrag mündet in die Fragestellung, ob jüngeres politisches Eingreifen in die Innovationsbiographien von Wind- und Solarenergie eine Manifestierung der Ausgangskonstellation erlauben – oder ob gleichzeitig wiedererstarkte Konstellationen des fossilen Energiesystems, sich ebenso auf technologische Innovationen wie unkonventionelle Öl- und Gasförderung oder unterirdische Kohlenstoffeinlagerung berufend, zu einem „re-lock-in“ führen können.
Johann Köppel

Governance-Innovationen

Epistemische und politische Reflexivitäten in der Herstellung von Citizen Panels
Zusammenfassung
Mit Reflexivität ist es so eine Sache. Sie findet kein Ende. Lässt man sich einmal darauf ein, nicht nur einfach darauf los zu tun, sich also Interaktionsprozessen und ihren Dynamiken hinzugeben und daraus entstehenden Strukturen anzupassen, sondern statt dessen dieses Tun selbst zum Gegenstand von Beobachtung, Kommunikation und neuem Tun zu machen, gibt es keine Entrinnen mehr.
Jan-Peter Voß

Zwischen Wissenschaft und Innovationspolitik

Frontmatter

Epistemische Innovation

Zur Entstehung des Neuen in der Wissenschaft aus Sicht der Science Studies
Zusammenfassung
Mit Fokus auf Innovation im Kontext wissenschaftlicher Wissenserzeugung diskutiert und vergleicht dieser Text ausgewählte Konzepte epistemischer Innovation in den Science Studies. Ausgehend von einer Reflexion der wegweisenden Arbeiten Thomas Kuhns zu wissenschaftlichen Revolutionen wird zunächst ein selektiver Blick auf die Debatten der frühen Laborstudien mit ihrer Mikroperspektive auf Wissenserzeugung geworfen. Auf dieser Grundlage werden zwei prominente objektzentrierte Ansätze hinsichtlich ihrer Konzeption der Dynamik epistemischer Innovation vorgestellt. Eine damit verwandte Perspektive, so das Argument, ist auch für die Analyse der Computersimulation als neue Innovationspraxis ertragreich. Dementsprechend wird Simulation zugleich in ihrem praktischen Vollzug und mit Blick auf die ihr zugrunde liegenden Computermodelle als produktive Entitäten, die explizites wie implizites Wissen hervorbringen, untersucht. Der Text schließt mit einem Vergleich der vorgestellten Konzepte epistemischer Innovation, insbesondere hinsichtlich der mit ihnen jeweils assoziierten Vorstellungen der Durchsetzung wissenschaftlicher Neuerungen.
Martina Merz

Organisationale Innovation am Beispiel der Projektifizierung der Wissenschaft

Eine figurationssoziologische Perspektive auf Entstehung, Verbreitung und Wirkungen
Zusammenfassung
Der Beitrag untersucht anhand figurationssoziologischer Konzepte, welche Wirkung die Innovation „Projekt“ auf die Wissenschaft hat. Dabei beschränken wir uns auf einige Wirkungen und auf zwei Handlungsebenen: die Organisation Universität (Mesoebene) und Wissenschaftlerkarrieren (Mikroebene). Wir zeigen, dass das klassische deutsche Universitätssystem zwei Probleme nicht lösen konnte (Unterfinanzierung, Koordination von Forscherteams), für die das Projekt bereits zu Beginn des 20. Jh. als geeignete Lösung konstruiert wurde (Semantik der Innovation). Die Soziogenese des Projekts als neue Koordinations- und Finanzierungsform wissenschaftlicher Forschung zeigt, wie sich diese Innovation durch Variation, Selektion und Re-Stabilisierung durchsetzt und sich damit sowohl die Organisationsstrukturen von Universitäten, als auch die individueller Lebensläufe verändern (Grammatik und Pragmatik der Innovation). Während Projekte durchaus geeignet sind, „Big Science“ und interdisziplinäre Forschung zu koordinieren, haben sie das Problem der Unterfinanzierung der deutschen Hochschulen nicht gelöst. Ihre Wirkung ist ambivalent, was sich besonders gut an wissenschaftlichen Karrieren beobachten lässt. Darüber hinaus haben sie auf der organisationalen Ebene unbeabsichtigte Nebenfolgen: Sie machen die Forschung mehr und mehr abhängig von externen Geldgebern, benachteiligen die Grundlagenforschung und beeinträchtigen die organisationale Reproduktion sowie die Sicherung der Kontinuität in Forschung und Lehre.
Nina Baur, Cristina Besio, Maria Norkus

Soziale Innovationen

Kontrollverluste und Steuerungsversprechen sozialen Wandels
Zusammenfassung
Der Beitrag unterzieht den Begriff der sozialen Innovation einer kritischen Prüfung. Insbesondere werden dabei zwei Konnotationen bzw. Verengungen des Begriffs diskutiert und in den Zusammenhang des steigenden politischen Interesses an sozialen Innovationen als Instrumenten gesellschaftlichen Wandels gesetzt. Die erste Verengung betrifft die Reduktion von sozialen Innovationen auf „rein“ soziale Phänomene, die zweite ein Verständnis sozialer Innovationen als sozialfürsorgliche bottom-up Initivativen. Beide Verengungen, so die These, werden den komplexen Herausforderungen aktueller gesellschaftlicher Transformation kaum gerecht. Hinzu kommt eine zunehmend instrumentalistische Lesart sozialer Innovationen als gesellschaftlich opportunen Sozialtechnologien in politischen Handlungsfeldern. Diese dritte Verkürzung führt nicht zuletzt zu einem Verständnis sozialen Wandels, das nach den top-down Kontrollverlusten der letzten Jahre neue bottom-up orientierte Steuerungsversprechen ermöglicht. Ein erweiterter Begriff sozialer Innovationen steht diesen Steuerungsversprechen jedoch skeptisch gegenüber.
Cornelius Schubert

Pläne und die Zukunft

Das Unvorhersagbare gestalten
Zusammenfassung
Die Idee des Neuen hat eine grundlegende Zweideutigkeit, die den Begriff faszinierend und geheimnisvoll macht: Um anerkannt und gewürdigt zu werden, muss das Neue einige vertraute (alte) Seiten haben. Das Neue ersetzt das Alte, bewahrt es aber zugleich. Deshalb ist Neuheit immer ambivalent und flexibel, und ihre positive bzw. negative Bewertung ändert sich mit der Zeit und mit dem Beobachter. Die heutige Tendenz ist eindeutig die, das Neue gegenüber dem Alten zu bevorzugen, aber das war nicht immer der Fall. In alten Zeiten und in allen vormodernen Gesellschaften war das Neue gefürchtet und verachtet. In der modernen Gesellschaft, im Gegenteil, wird das Merkmal der Neuheit fast die Voraussetzung für die Wertschätzung alles Anderem.
Diese Haltung hat sich als sehr viel offener für die Komplexität und Varietät der heutigen Welt gezeigt, hat aber ein paradoxes Fundament: Wenn Neuheit verlangt und Veränderung immer erwartet wird, ist diese Haltung nicht mehr neu und das Streben nach Neuheit vernichtet sich selbst. Die zentrale Frage ist der Bezug zur Zukunft. Wenn die Zukunft wirklich künftig ist (wie das Neue, wenn es wirklich neu ist), kann sie nämlich weder kontrolliert noch vorhergesagt werden. Aber gerade diese Unmöglichkeit kann zu einer Ressource werden: Man kann die Zeit verwenden, um Möglichkeiten zu schaffen.
Dieser Beitrag zeigt, wie Pläne nicht als Zukunftsvorhersagen, sondern als Interventionen in die unkontrollierbare Zukunft verstanden werden können. Das erfordert jedoch, dass man lernt, Überraschungen zu erwarten und sie zu nutzen, um Möglichkeiten zu produzieren.
Elena Esposito

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