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19.03.2014 | Innovationsmanagement | Im Fokus | Onlineartikel

Das Bessere ist der Todfeind des Guten

3 Min. Lesedauer

Ein Unternehmen hat die Freiheit, die Entwicklung der Zukunft mitzugestalten. Innovationsprozesse sollten dabei die Tradition beachten. Ein Gastbeitrag von Springer-Autor Peter Gräser, Teil 2.

Historische Betrachtungen sind in der Wirtschaftspraxis selten, erst recht, wenn sie über den Vergleich von finanztechnischen Kennzahlen über den Fünfjahreszeitraum hinausgehen. Sich auf die qualitative Analyse größerer historischer Dimensionen einzulassen ist jedoch hilfreich.

Innovationsprozesse werden durch das Zusammenwirken externer und interner Faktoren ermöglicht. Externe Faktoren, sind durch die Organisation unbeeinflussbare Marktentwicklungen, technologische Entwicklung , aber auch politische und sozio-mentale Entwicklungen.

Neue Stufen der Wertschöpfung

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Die internen Faktoren betreffen die Organisation und besonders deren Leitung selbst. Gibt es eine aktive Bereitschaft, sich auf Veränderungen einzulassen, gar diese selbst zugestalten? Wie hoch ist die Sensibilität gegenüber latenten Veränderungsprozessen und die sich darin andeutenden neuen technischen und wirtschaftlichen Optionen? Vor allem: Inwieweit sind wir bereit, mit bisher erfolgreichen Geschäftsmodellen, Produkten und Leistungen zu brechen, bevor sie uns am Markt abbrechen. Innovation aus Tradition beruht auf einem handlungsleitenden Grundprinzip: Ersetze die Lösung, die Du implementiert hast, durch eine bessere, bevor jemand anderes es tut.

In den Boomjahren der zweiten industriellen Revolution gründet Hermann Juchheim 1907 eine Fabrik für glastechnische Apparate in Ilmenau. Sein Sohn Ernst erfindet 1927 das Glaskontaktthermometer. Das Unternehmen erschließt sich damit neue Märkte und gesundes Wachstum. Auch nach der erzwungenen Umsiedlung aus der damaligen DDR nach Solingen 1952 bleibt diese erfolgreiche Innovation Cashcow des Unternehmens. Bis Gerhard Juchheim, der Enkel des Thüringer Gründers 1967 aussteigt, und eine neue Thermometertechnologie zur Basis seines eigenen Unternehmens, der Julabo GmbH macht.

Der Einsatz elektrischer Widerstandsfühler eröffnet neue Möglichkeiten für die Entwicklung vollelektronischer Steuer- und Regelsysteme. Dadurch wird die neue Messtechnik nicht nur den Erfordernissen der Zeit nach Prozessautomatisierung gerecht. Das Unternehmen kann auch neue Stufen der Wertschöpfung erreichen. Es geht nicht mehr allein um Temperaturmessung, sondern schließlich um Temperiersysteme, vor allem in Medizin und Wissenschaft. Die Umstellung von analoger zur digitaler Technik ab 1995 erscheint in diesem Zusammenhang als logischer, kleiner Schritt, in der Umsetzung war er jedoch sicher nicht trivial, stellt er doch in vieler Hinsicht wieder einen Bruch mit dem Hergebrachten und die Erschließung von Neuland dar.

Der Tradition im Kern treu

Deutlich zeigen sich am Beispiel dieses Familienunternehmens die Prinzipien der Innovation aus Tradition: Bewusst herbeigeführte Brüche auf der Ebene traditioneller Technologien, Märkte und Geschäftsmodelle, um die Tradition der Innovation selbst weiterzuführen. Jeder dieser Brüche geschieht rechtzeitig. Er wird nicht von drängender Notwendigkeit diktiert. Der Bruch ist nur eine Option, die genutzt werden kann. Damit sind die besten Voraussetzungen gegeben, diese Option auszuentwickeln, mit ihr zu experimentieren und sich damit immer weitere Optionen – neue Einsatzbereiche, neue Märkte – zu erschließen.

Das Unternehmen hat die Freiheit, die Entwicklung der Zukunft mitzugestalten. Deshalb kann es sich aktiv selbst entwickeln. Es ist Treiber, nicht Getriebener. Dabei geht es nicht darum, sich selbst neu zu erfinden. Es geht um naheliegende, in der Rückschau fast selbstverständliche, aber entscheidende einzelne Entwicklungsschritte, die neue Phasen der Unternehmens- und Marktentwicklung ermöglichen. Bei jedem Bruch bleibt die Organisation ihrer Tradition im Kern treu.

Lesen Sie auch: Innovation aus Tradition (Langfassung), Zentrum für Führung.

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Die Hintergründe zu diesem Inhalt

2013 | OriginalPaper | Buchkapitel

Führung und Management

Quelle:
Führen lernen

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