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20.12.2016 | Innovationsmanagement | Im Fokus | Onlineartikel

Ein Digital Valley zwischen Berlin und Paris

Autor:
Sven Eisenkrämer

Im Rennen um digitale Innovationen bildet Europa hinter Nordamerika und Asien das Schlusslicht. So hinken wir beim Internet der Dinge (IoT) der Konkurrenz hinterher. Experten fordern, dass sich Deutschland und Frankreich zu einem Digital Valley zusammenschließen.

Die USA hat Europa bei der Digitalisierung abgehängt. Und auch Asien liegt vor den einstigen industriellen Vorreiterstaaten. Das haben zwei voneinander unabhängige Studien des Verbands der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE) und der Unternehmensberater von Roland Berger ergeben. Während der VDE in seinem Papier den Status Quo und die Zukunft des Internets der Dinge (Internet of Things, IoT) beleuchtet, untersucht Roland Berger die Idee einer gemeinsamen digitalen Entwicklung zwischen den beiden großen europäischen Wirtschaftsnationen Deutschland und Frankreich.

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Warum uns der digitale Darwinismus alle angeht

Jede Branche, jedes Geschäftsmodell und jedes Unternehmen wird in der ein oder anderen Form durch die Digitalisierung herausgefordert. Dabei setzt ein Selektionsprozess ein, der hier als digitaler Darwinismus bezeichnet wird. Es werden nicht die Größten oder die Stärksten sein, die diesen Selektionsprozess überstehen, sondern diejenigen, die sich am besten an die veränderten Rahmenbedingungen anpassen können. 


Laut "VDE-Trendrepoort 2016 Internet of Things / Industrie 4.0" gehen 72 Prozent der VDE-Mitgliedsunternehmen davon aus, dass das IoT in zehn Jahren umfassend eingeführt sein wird und nahezu alles und jeder miteinander vernetzt werden kann. Doch 80 Prozent der Unternehmen sind besorgt, dass Deutschland im Innovationswettlauf angesichts der US-Dominanz bei der technischen Software und den Internet-Plattformen zurückfällt "und irgendwann in der Kreisliga spielt", wie es in einer Mitteilung des VDE heißt. Die Hälfte der Befragten sieht demnach die Gefahr, dass die deutsche Industrie zu lange an klassischen Technologien, Methoden, Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodellen festhält. Und nur drei von zehn Unternehmen geben an, sich bereits mit dem IoT zu befassen.

Dabei erkennen viele vom VDE befragte Unternehmen im IoT gerade für den Mittelstand einen vielversprechenden Markt. "Die Automation ist laut Umfrage für unsere Unternehmen Spitzentechnik Nummer eins in Deutschland. Der VDE sieht keineswegs schwarz", teilt der Verband mit. Deutschland mit seinen vielen "Hidden Champions" habe das Potenzial, die Digitalisierung entscheidend mitzugestalten.

Zu wenig Risikokapital für Start-ups verfügbar

Die Unternehmensberatung Roland Berger hat allerdings Probleme ausgemacht: Europäische Start-ups können im Vergleich zu ihrer amerikanischen Konkurrenz nur auf ein Fünftel des Risikokapitals zurückgreifen, oft fehlen also die großen Investoren, um auch unkonventionelle Ideen umsetzen zu können. Auch bei der Entwicklung von "Unicorns", also Start-ups mit einer Marktbewertung von mehr als einer Milliarde US-Dollar, steht Europa deutlich hinten an. Laut Roland Berger stammen 39 Prozent dieser Einhorn-Unternehmen aus dem Silicon Valley, nur elf Prozent sind europäischen Ursprungs.


Roland Berger sieht die großen Chancen, in der Digitalisierung ein gewichtiges Wort mitzureden, nicht national, sondern in der Gemeinschaft. In der Studie "Towards a Franco-German Digital Valley" haben die Experten die einschlägigen Voraussetzungen von Deutschland und Frankreich analysiert und prognostizieren ein potenzielles Wachstum des Brutto-Inland-Produkts in der EU um 415 Milliarden Euro bei möglichen 100.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen durch einen digitalen europäischen Binnenmarkt. Das Wachstumspotenzial der Digitalisierung in Europa ist demnach bisher weitestgehend ungenutzt.

Tempo des technologischen Wandels mitbestimmen

Die Lösung sehen die Roland-Berger-Experten in der Kooperation zwischen Deutschland und Frankreich und schlagen ein "Digital Valley zwischen Berlin und Paris" vor.  "Wir sollten enger zusammenarbeiten und dabei nicht einfach nur eine Lücke schließen wollen", sagt Charles-Edouard Bouée, CEO von Roland Berger. "Es geht vielmehr darum, dass unsere Unternehmen das Tempo des technologischen Wandels gegenüber den USA und Asien mitbestimmen. Dazu sollten Frankreich und Deutschland ihre jeweiligen Stärken einbringen. Ein gemeinsames 'Digital Valley' ist ein erster Schritt, um Europa als Weltmarktführer bei den Technologiethemen der Zukunft – wie der künstlichen Intelligenz – zu etablieren", sagt Bouée.

Roland Berger gibt Handlungsempfehlungen, wie ein solches Digital Valley etabliert werden könnte. Dazu gehören die Einrichtung finanzstarker und länderübergreifender Risikokapitalfonds, unabhängige deutsch-französische Cloud-Lösungen sowie ein gemeinsamer internationaler Auftritt in Digitalisierungsfragen.

Unternehmen müssen sich anpassen, um zu überleben

Doch nicht nur die Länder, sondern auch jedes einzelne Unternehmen muss sich mit den sich ändernden Gegebenheiten auf dem Markt beschäftigen. Die Springer-Autoren Ralf T. Kreutzer und Karl-Heinz Land ziehen dazu in der zweiten Auflage ihres Buchs "Digitaler Darwinismus" Charles Darwin und seine Evolutionstheorie heran.

Mit Darwinismus wird der Auswahlprozess bezeichnet, der sich ganz automatisch einstellt, wenn – in diesem Falle – Unternehmen, aber auch ganze Industriezweige und ganze Nationen, sich den veränderten Rahmenbedingungen nicht schnell genug anpassen und deshalb vom Markt ‘aussortiert‘ werden. […] Der digitale Darwinismus setzt immer dann ein, wenn sich Technologien und die Gesellschaft so schnell verändern, dass die Veränderungsfähigkeit von Unternehmen nicht Schritt halten kann." Ralf T. Kreutzer und Karl-Heinz Land in Digitaler Darwinismus (2016), Seite 1.

Kreutzer und Land geben in den Kapiteln des Buches Tipps, unter anderem, wie die digitale Transformation in Unternehmen gelingt. Denn: "Es sind weder die Stärksten einer Art, die überleben, noch die Intelligentesten. Es sind vielmehr diejenigen, die sich einem Wandel am besten anpassen können."

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