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03.05.2022 | Innovationsmanagement | Interview | Online-Artikel

"Wir stehen erst am Beginn der KI-Revolution"

verfasst von: Andrea Amerland

4 Min. Lesedauer
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Interviewt wurde:
Prof. Dr. Ulrich Lichtenthaler

ist Professor für Management und Entrepreneurship an der International School of Management (ISM) in Köln.

Über Initiativen zur Automatisierung von Prozessen hinaus, fehlt in den meisten deutschen Unternehmen eine Strategie für Künstliche Intelligenz. Auch die Innovationspotenziale werden nicht ausgeschöpft, berichtet Experte Ulrich Lichtenthaler im Gespräch. 

Springer Professional: Umfragen zeigen immer wieder, dass die wenigsten deutschen Unternehmen bereits eine KI-Strategie haben. Wie bewerten Sie das?

Ulrich Lichtenthaler: Mit Blick auf eine umfassende KI-Strategie trifft diese Einschätzung noch zu. Wobei sich hierbei in den letzten Jahren einiges zum Positiven entwickelt hat, gerade in großen Unternehmen, aber auch bei zahlreichen Mittelständlern. Viele haben das Thema auf der strategischen Agenda und in vielen größeren Firmen gibt es einzelne KI-Anwendungen, die erfolgreich implementiert sind. 

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Allerdings ist auch Ernüchterung eingekehrt, weil anfängliche KI-Initiativen nicht den erhofften Erfolg gebracht haben. Insgesamt profitieren die meisten Firmen noch nicht in dem Ausmaß von Künstlicher Intelligenz, das möglich wäre. Abgesehen von einer fehlenden ganzheitlichen KI-Strategie ist dabei auffällig, dass sich die meisten Firmen auf KI-Anwendungen zur Optimierung ihrer bestehenden Prozesse konzentrieren, wohingegen die Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz für Innovation und neue Geschäftsmodelle weitgehend ungenutzt bleiben.

Welche Schritte sind bei der strategischen Konzeption und Umsetzung eines KI-Geschäftsmodells hilfreich?

Die Bedeutung von Künstlicher Intelligenz für Geschäftsmodelle ist ein ganz wichtiger Punkt. Sie haben selbst verschiedene Umfragen zu KI-Strategien angesprochen. Diese Studien zeigen, dass gerade in Deutschland nur ein kleiner Teil der Firmen ein stark KI-basiertes Geschäftsmodell hat. Die meisten KI-Strategien konzentrieren sich auf eine isolierte Verwendung zur Steigerung der Effizienz von Prozessen. Der sich daraus ergebende Mehrwert ist wichtig, neue Geschäftsmodelle und Lösungen für Kunden werden jedoch zu wenig beachtet. Will man diesen Wandel umfassend angehen, bilden einige grundsätzliche Fragen wichtige erste Schritte: Welche spezifischen KI-Trends sind für mein Unternehmen wichtig? Welche Auswirkungen ergeben sich dadurch für die Wertschöpfungskette in meiner Branche? Welche Akteure im Ökosystem sind künftig zu beachten? Zur systematischen Beantwortung dieser Fragen gibt es erprobte Tools, mit denen man bereits in einem ersten Workshop wichtige Erkenntnisse gewinnen kann.

Welchen technischen und organisatorischen Voraussetzungen sind für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Unternehmen nötig?

In unterschiedlichen Branchen gibt es jeweils besondere Herausforderungen bei KI-Nutzung - in der Phase der Skalierung sowie bei der Anwendung von KI-Lösungen. Aus meiner Projekterfahrung kann ich sagen, dass viele Firmen Schwierigkeiten haben, ausreichend qualifizierte KI-Experten zu finden. Zumindest mit entsprechender externer Unterstützung können technologische Herausforderungen häufig gelöst werden, auch wenn es länger dauert als ursprünglich angenommen. In vielen Anwendungsfeldern entwickeln sich zunehmend standardisierte Lösungen, die KI-Nutzung enorm erleichtern. Auch wenn es sich um neue Technologien handelt, liegen viele Herausforderungen nicht im technischen Bereich, sondern bei den Geschäftsmodellen, Marktchancen oder Einstellungen der Mitarbeitenden gegenüber KI.

KI-Projekte haben zumeist Kostenreduktion und Effizienzsteigerung zum Ziel. Arbeitnehmer fürchten daher langfristig den Verlust ihres Arbeitsplatzes. Wie stark sind Jobs und manche Berufsfelder durch KI wirklich gefährdet?

Ja, viele KI-Projekte konzentrieren sich bisher auf Kostenreduktion durch die Automatisierung von Tätigkeiten. Dadurch wird eine nennenswerte Zahl von Arbeitsplätzen verloren gehen. Allerdings erleben wir in absehbarer Zeit keine Science-Fiction Szenarien, wonach intelligente Roboter völlig selbständig agieren und Menschen überflüssig werden. Nüchtern betrachtet, stellen die unterschiedlichen KI-Anwendungen die nächste Stufe des technologischen Wandels dar, wodurch sich bereits in den letzten Jahrzehnten Chancen für neue Geschäftsaktivitäten und Risiken für manche Arbeitsplätze ergeben haben. Auch jetzt gehen Arbeitsplätze durch Automatisierung verloren, gleichzeitig entstehen an den Schnittstellen von menschlicher und Künstlicher Intelligenz neue Jobs. Wie die Auswirkungen von KI auf den Arbeitsmarkt aussehen werden, unterscheidet sich je nach Branche und Profil deutlich und ist in vielen Fällen nicht genau vorherzusehen.

Welche Rolle spielt menschliche Expertise in einer KI-Welt noch? Oder anders gefragt: Welche menschlichen Fähigkeiten können Algorithmen derzeit nicht ersetzen?

Wir stehen erst am Beginn der KI-Revolution. Die Auswirkungen durch integrierte Intelligenz, das heißt die Kombination von menschlicher und Künstlicher Intelligenz, werden vermutlich umfassender sein als die reine Automatisierung menschlicher Arbeitskraft, die momentan noch im Fokus steht. Kreativität, Emotion und Empathie sind typische Beispiele für menschliche Fähigkeiten, die bisher meist nicht in ähnlicher Weise von KI abgebildet werden können. Gerade an den Schnittstellen menschlicher Expertise mit KI und komplexer Datenanalytik entstehen aktuell Chancen zum Aufbau neuer Kernkompetenzen, die kaum von Wettbewerbern imitiert werden können. Auch künftig ist menschliche Expertise gefragt, in vielen Feldern sogar noch mehr als bisher.

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