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11.05.2017 | Innovationsmanagement | Kommentar | Onlineartikel

Was Kreative zu Hoffnungsträgern im Mittelstand macht

Autor:
Michaela Paefgen-Laß

Jobs werden Geisteswissenschaftlern und Kreativen nicht unbedingt auf dem Silbertablett serviert. Sie müssen netzwerken, gründen, quer denken, Initiative ergreifen. Und genau das macht sie zu idealen Innovationspartnern. Ein Plädoyer für Denker und Künstler. 

Wer Geisteswissenschaften studiert oder ein kreatives Fach, lässt sich am besten schon früh eine Antwort auf "Und was machst du später damit?" einfallen. Ob die Frage wirklich von Interesse geleitet ist oder nur den roten Teppich ausrollt für eine düstere Zukunftsprognose mit Bildern von Aushilfsjobs, prekären Lebensverhältnissen und bestenfalls Taxifahren, mag dahin gestellt sein. In jedem Fall aber ist die Frage klischeebefrachtet und drückt einen Stempel auf ungelegte Eier. Denn es wird vorausgesetzt, dass Musikwissenschaftler, Politologen, Philosophen oder Germanisten die Gesellschaft langfristig eher als Arbeitslose belasten als sie voranzutreiben. 

Der Wirklichkeit entspricht diese Sichtweise längst nicht mehr. Denn Geistes- und Kulturschaffende könnten zu den neuen Lieblingen des Mittelstandes avancieren. Dafür muss aber sofort Schluss damit sein, dass Menschen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft belächelt werden.

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2015 | OriginalPaper | Buchkapitel

Warum ist die Steigerung der Innovationsfähigkeit wichtig?

Im ersten Kapitel des Buches werden zunächst die Zielsetzung und der prozessorientierte Aufbau des Buches erläutert. Darauf basierend soll die Relevanz von Innovationen auf die Volkswirtschaft – sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene – betrachtet werden. 

Künstler sind flexible Denker, keine Orchideen

Kultur sei der Kitt der Gesellschaft, heißt es völlig zu recht. Um diesen Kitt in hoher Qualität produzieren zu können, muss der Kulturschaffende durchhalten, sich und seine Kunst ständig reflektieren, sich hinterfragen und hinterfragen lassen. Wer sich per Studium geisteswissenschaftlich hat ausbilden lassen. Wer sich um Designer, Musiker, bildender oder darstellender Künstler werden zu dürfen, von Aufnahmeprüfung zu Aufnahmeprüfung gerungen hat, ohne den Weg zu verlassen, um sich dann an der laufenden Kritik von Professoren und Kommilitonen feinschleifen zu lassen, der kann liefern, was die Gesellschaft benötigt. Seit jeher und in Zeiten des Wandels und der Unsicherheiten im Besondern: Den kritischen Blick, die Fähigkeit zu analysieren und für Probleme nicht nur die eine Lösung, sondern eine Reihe an Möglichkeiten zu entwickeln. 

Sie so genannten "Orchideenfächer" bringen flexible Denker und kreative Köpfe hervor. Von dort kommen Gründer und Impulsgeber auf den Markt, die nicht nur den Bedarf an zeitgerechten Ideen und Lösungen erkennen. Sie sind auch bereit, für deren Gelingen einen zweiten oder dritten Anlauf in Kauf zu nehmen. Das können sie wagen, weil sie gelernt haben, dass neue Pfade nur findet, wer die alten verlässt und dass mögliche Alternativen immer frischen Blickes auf Gangbarkeit getestet werden müssen. Dass es dafür weder hierarchische Strukturen noch etablierte Arbeitsformen braucht, ist ihnen selbstverständlich. Kurzum, Kulturschaffende und Kreative sind deshalb Motoren für Innovation und Fortschritt, weil sie die für Ideengenerierung, -akzeptierung und -realisierung notwendige Fähigkeit des divergenten Denkens beherrschen, ganz so, wie es Springer-Autor Martin Kaschny in seinem Aufsatz für "Die deutsche Wirtschaft" erklärt. 

Wenn KI den Menschen ersetzt

Kreative Menschen gehören einer wachstumsstarken Branche an. Sie sind Architekten, Musiker, Schriftsteller, Journalisten, Werbeprofis, Designer, Maler, Galeristen, Theatermacher, Filmschaffende und Philosophen. Was geschieht, wenn künstliche Intelligenzen, weiter fortschreitende Automatisierung oder maschinelles Lernen die Leistungsbereiche von Ingenieuren und Programmierern ersetzen können? Eine mögliche Antwort darauf kommt aus den USA, wo laut "Forbes Magazine" 32,6 Prozent der Absolventen im Fach Philosophie nach dem Studium einen Vollzeit-Job erhalten, im Vergleich zu 65,7 Prozent der Absolventen mit Abschluss "Business Major". Forbes zitiert US-Milliardär Marc Cuban mit einem Gedanken zum Arbeitsmarkt der Zukunft, der die Gesellschaft noch lange beschäftigen wird:

"I personally think there's going to be a greater demand in 10 years for liberal arts majors than there were for programming majors and maybe even engineering. When the data is all being spit out for you, options are being spit out for you, you need a different perspective in order to have a different view of the data." 

Kultur- und Kreativwirtschaft im Aufschwung

In Deutschland ist man dabei, mit öffentlichen Maßnahmen um das Innovationspotential der Kreativbranche zu werben. Die 2007 von der Bundesregierung ins Leben gerufene "Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft" wurde 2016 um das Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes mit Sitz in Berlin erweitert. Ziele sind, die Wettbewerbsfähigkeit von Kreativen und Kulturschaffenden zu stärken, durch branchenübergreifende Kooperationen in der Wirtschaft zu verankern und Klein- sowie Kleinstunternehmen zu fördern. Arbeitsschwerpunkte des Kompetenzzentrums sind wissenschaftliche Analyse, Transfer und Kommunikation. Dafür wurden im Haushalt der Bundesregierung 1,5 Millionen Euro bereit gestellt. Einen Überblick über den Status Quo der Kultur- und Kreativwirtschaft liefert der im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und dem Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung ISI vorgelegte Monitoringbericht 2016.

  • 2015 verzeichnete die Kultur- und Kreativwirtschaft rund 250.600 Unternehmen (+1,4 %).
  • Diese erwirtschafteten einen Umsatz von geschätzt 250 Milliarden Euro (+2,4 %).
  • Die Kultur- und Kreativwirtschaft trägt mit 65,5 Milliarden Euro rund 2,2 Prozent zur gesamten Bruttowertschöpfung in Deutschland bei. 
  • Die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist um 3,2 Prozent auf aktuell 834.300 gestiegen.
  • Die Kernerwerbsquote in der Kultur- und Kreativwirtschaft beträgt rund 1.085.000 Beschäftigte (+ 2,7 %).
  • In einem Unternehmen sind durchschnittlich 4,33 Menschen erwerbstätig (davon durchschnittlich 3,33 sozialversicherungspflichtig).
  • Die Software- und Games-Industrie liegt mit fast 169.000 Erwerbstätigen im Jahr 2015 auf dem ersten Platz der Teilmärkte für kulturelle oder kreative Berufen (gefolgt vom Werbemarkt und Pressemarkt mit etwa 65.000 bzw. 54.000 kulturell und kreativ Beschäftigten).
  • 1.623.000 Beschäftigte sind in anderen Branchen kulturell- oder kreativ tätig:
    • Spitzenreiter ist die Pharmaindustrie mit 4,1 Prozent.
    • Den größten Zuwachs erzielte die Automobilindustrie von 2,8 Prozent (2013) auf 3,2 Prozent (2015).

Der Mittelstand muss noch mitspielen lernen

Weil Kulturschaffende und Kreative in der Lage sind, bestehende Grenzen zu überwinden und neue Denkweisen sowie alternative Perspektiven einzunehmen, komme ihnen eine Schlüsselrolle im industriellen Wandel zu, schreiben die Springer-Autoren Bastian Lange, Florian Knetsch und Daniel Riesenberg zur Bedeutung der Kreativwirtschaft für branchenübergreifende Innovationskollaborationen (Seite 12). Was nutzt das Wissen darum aber, wenn die Industrie den Fehler begeht, die branchenübergreifende Zusammenarbeit in die falsche Richtung zu kanalisieren? Wenn die neuen Akteure nicht in Innovationsprozesse eingebunden werden und somit wertschöpfende Effekte von Creative Thinking und divergenter Denkweise verschenkt werden? 

Die Kreativwirtschaft kann ihre Potentiale im Mittelstand längst nicht entfalten. Im Weg stehen offenbar festgefahrene Glaubenssätze. Mit kreativen Köpfen wird gerne im Marketing und Vertrieb kooperiert, aber weniger gerne am Tisch mit den Ingenieuren des Hauses diskutiert. "Weder in der Inspirations- noch in der Gestaltungs- und Entwicklungsphase können Kreativunternehmen ihre eigentlichen Stärken gegenüber ihren Kunden deutlich machen", kritisieren die Autoren (Seite 13). Es ist also ein Umdenken auf Seiten der Unternehmen nötig. 

Der Mittelstand muss den Mut aufbringen, sich auf  Prozesse einzulassen, die nicht schnurgerade den gewohnten Regeln für Produktinnovationen folgen. Die rein technische Weiterentwicklung ist in Zukunft kein primäres Ziel mehr. Kreative haben das erkannt, sie interessiert, was dem Kunden als Individuum jetzt nützt und wie sich Produkte und Dienstleistungen vernetzen lassen. Der Mittelstand steht vor der Aufgabe die Kreativwirtschaft als Treiber für cross-sektorale Innovationsprozesse voll anzuerkennen. Das beinhaltet auch das Wagnis: "Innovationsprozesse zu initiieren und zu begleiten, die aus Sicht der Unternehmen am schwierigsten beherrschbar und mit geringen Erfahrungswerten verbunden sind" (Seite 35). Gelingen kann das, wenn der Mittelstand auf Expertenwissen aus den branchenfremden Künsten vertraut und Grenzen zwischen den Disziplinen aufhebt.

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