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05.07.2022 | Innovationsmanagement | Im Fokus | Online-Artikel

Firmen denken bei Ressourceneffizienz zu kurz

verfasst von: Annette Speck

5 Min. Lesedauer
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Viele Unternehmen, die sich um Ressourceneffizienz bemühen, wollen vor allem Kosten senken. Der Klimaschutz ist nur ein Nebenschauplatz, so eine Studie. Die Digitalisierung kann beides stärker voranbringen.

 

Der Klimaschutz wird von den meisten Menschen heute als äußerst dringlich wahrgenommen. Dennoch rangiert er in einer Liste der Themen, denen Unternehmen einen hohen bis sehr hohen Stellenwert beimessen, nur auf Rang sieben von neun. An erster Stelle steht laut einem auf dem IW-Zukunftspanel 2020 basierenden Gutachten des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) zum deutschen Ressourceneffizienzprogramm die Fachkräftesicherung.

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Zusammenhang von Klimaschutz und Digitalisierung?

Eine neue Datenauswertung, der im Rahmen des Gutachtens durchgeführten Befragung von knapp 900 Industrieunternehmen und industrienahen Dienstleistern stellt nun fest: Zwar stuften die meisten Betriebe Ressourceneffizienz als unternehmensrelevantes Thema ein, jedoch gehe es ihnen dabei primär darum, Herstellungskosten zu senken und weniger Abfall zu produzieren. Das Motiv Klimaschutz folgt in diesem Zusammenhang erst an dritter Stelle. Und nur jedes fünfte befragte Unternehmen gab explizit an, durch Ressourceneffizienz das Klima schützen und den Ausstoß von Treibhausgas senken zu wollen.

Die deutsche Wirtschaft könnte den Gutachtern zufolge deutlich mehr tun, um Ressourcen sparsamer zu nutzen und das Klima zu schützen. "Vielen Unternehmen ist der Nutzen der Digitalisierung für Ressourceneffizienz und damit für den Klimaschutz noch unklar", schreiben die Autoren. Beispielsweise meint nur rund ein Drittel der Unternehmen, dass die Digitalisierung im Kontext von Ressourceneffizienz den Klimaschutz in mittlerem bis hohem Maße fördert. Mehr als ein weiteres Drittel der befragten Firmen sehen hier überhaupt keinen Zusammenhang.

Digitale Effizienzmaßnahmen fördern Klimaschutz

Der IW-Untersuchung zufolge fördern Betriebe, die dank digitalisierter Ressourceneffizienzmaßnahmen viel Material einsparen, den Klimaschutz aber durchaus eher als jene mit geringen Einsparungen. Dies lasse sich vor allem im Produzierenden Gewerbe belegen, da hier – anders als im Dienstleistungsbereich – der Materialverbrauch eine größere Rolle spielt.

Um Ressourceneffizienzmaßnahmen im Zusammenhang mit Klimaschutz und Digitalisierung stärker voranzubringen, halten die IW-Gutachter einen umfassenden Wissenstransfer für erforderlich. Unternehmen müssten passgenaue und gebündelte Informationsangebote erhalten. Nötig seien Weiterbildungs- und Beratungsmöglichkeiten zu Kosten und Nutzen der Digitalisierung im Kontext von Ressourceneffizienz.

Reboundeffekte müssen bedacht werden

Nichtsdestotrotz stellt sich allein angesichts des mit der Digitalisierung verbundenen, steigenden Energieverbrauchs die Frage, ob die "Digitalisierung − Segen oder Fluch für den Klimaschutz?" ist. Annette Randhahn et al. zitieren hierzu einerseits Schätzungen der EU, denen zufolge der globale CO2-Ausstoß durch digitale Technologien um 15 Prozent gesenkt werden kann. Andererseits verweisen sie auf den Reboundeffekt, der bedeutet, dass "zusätzliche Energieverbräuche oder sich ändernde Verhaltensweisen, die zunächst durch positive Wirkungen von neuen Technologien ausgelöst werden, dann aber dafür sorgen, dass sich deren Effekt verringert, aufhebt oder gar ins Negative umkehrt." (Seite 183)

Elektronik im Fokus

Eine zentrale Rolle beim Thema Ressourceneffizienz spielt Randhahn et al. zufolge die Elektronik als Grundlage der Digitalisierung. Sie sorgt für immer leistungsstärkere Hardware, effizientere und innovative Prozesse, die auch der Nachhaltigkeit dienen können und sollten. Dem stehen jedoch niedrige Recyclingquoten komplexer Elektronikkomponenten, massenhaft illegal entsorgter Elektroschrott, hoher CO2-Ausstoß und Wasserverbrauch etwa bei der Produktion und eine viel zu kurze Nutzungsdauer der meisten Elektronikgeräte gegenüber. So rechnen die Springer-Autoren beispielsweise vor (Seite 189):

Eine Verlängerung der Nutzungsdauer aller Smartphones in der EU um nur ein Jahr würde jährlich rund 2,1 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Um diese Menge CO2 zu erzeugen, müsste ein Auto mit einem dem aktuellen Grenzwert von 95 Gramm CO2 pro Kilometer entsprechenden CO2-Ausstoß 22,1 Milliarden Kilometer zurücklegen."

Um klimaschonend zu wirtschaften, müssten deshalb alle Produktphasen – von der Herstellung über den Betrieb bis zur Entsorgung – einbezogen werden.

Es braucht Anreize für Firmen und Verbraucher

Insgesamt empfehlen Randhahn et al. politische Steuerungsinstrumente, die so eingesetzt werden, dass sich die Digitalisierung auf Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung für Mensch und Umwelt förderlich und nicht hemmend auswirkt. Dies erfordere "Denken in Systemzusammenhängen, proaktives Handeln und ein weitgreifendes Verständnis von Regulierung, das neben Gesetzesnormen auch Standards, Konventionen und Anreizinstrumente nutzt." (Seite 192)

Empfehlungen für mehr Energie- und Ressourceneffizienz

Fiskalische Anreize:  Verursachungsgerechte Bepreisung von Leistungen und Geräten beziehungsweise die Internalisierung externer Kosten

  • Beispiel Elektronik: Ein "Umweltindex", der sowohl die CO2-Emissionen von Fertigung und Betrieb sowie die Recyclingfähigkeit einbezieht, kann eine Grundlage für Besteuerung und Zollabgaben bilden. So werden Anreize für Verbraucher geschaffen, nachhaltige Geräte zu kaufen, und für Hersteller, solche Geräte auch anzubieten.

Alternative Geschäftsmodelle: Bei einer nutzungsabhängigen Abrechnung hat der Dienstleister ein großes Interesse daran, langlebige Geräte beim Kunden einzusetzen. Ein früher Austausch würde den Gewinn nicht nur schmälern, sondern gegebenenfalls sogar Ausfallkosten für eine nicht erbrachte Dienstleistung nach sich ziehen.

Anreize für einen nachhaltigen Lebensstil beziehungsweise für Verhaltensänderungen bei Konsumierenden

Quelle: Randhahn et al., "Digitalisierung − Segen oder Fluch für den Klimaschutz?", Seite 191/192

Ressourceneffizienz und Klimaschutz sind eine globale Aufgabe

Ein Problem nicht nur in Unternehmen, sondern auch in der Klimapolitik ist allerdings, dass Klimaschutz und Energiewende nicht als Einheit mit Ressourceneffizienz und -schonung betrachtet werden. So wird die mit der Energieeinsparung verbundene Senkung der Treibhausgasemissionen dem Einsparland zugeschrieben. Die CO2-Emissionsminderung durch Materialeinsparung verbessert derweil die Klimabilanz des Landes, wo das Material beziehungsweise der Rohstoff gewonnen und verarbeitet wird, also häufig in fernen Lieferländern. Aus nationaler Klimapolitik-Sicht wird diese Trennung meist als Nachteil gewertet, auch wenn das Weltklima durch die globalen Einsparungen natürlich profitiert.

Mario Schmidt et al. bemerken dazu in dem Buchkapitel "Ressourceneffizienz und Klimaschutz": "Wollte man die Ressourceneffizienz auch als ein wesentliches und durchaus effektives Mittel der Klimapolitik einsetzen, so müsste man bei den internationalen Klimaschutzabkommen solche grenzüberschreitenden Effekte stärker berücksichtigen." (Seite 20) Darüber hinaus rät Mario Schmidt in dem Beitrag "Klimaschutz, Ressourcenschonung und Circular Economy als Einheit denken": "Zukünftig müssen sowohl der Energie- als auch der Materialeinsatz systemisch berücksichtigt werden." (Seite 59)

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