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11.11.2013 | Innovationsmanagement | Im Fokus | Onlineartikel

Der Weg von der Idee zur Innovation

4:30 Min. Lesedauer

Der Umgang mit Innovationen ist kompliziert. Doch es gibt Lösungen, komplexe Systeme zu beherrschen. Erfinder und Springer-Autor Bernd X. Weis beschreibt die Strategien des Innovationsprozesses. Teil 5: Der kontrollierte Umgang.

Als wenn das Leben nicht so schon kompliziert genug wäre, mit Innovationen kommen immer wieder neue Seiten hinzu, und immer in Richtung steigender Komplexität.

Komplexität: Wir in unserer Umwelt können uns durchaus als komplexes System verstehen. Wer könnte von sich behaupten, dass er alle Zusammenhänge und Beziehungen vollständig durchschaut? Dass dies so ist, liegt daran, dass kein System sich für sich alleine entwickelt – System und Umwelt entwickeln sich in Koevolution. Zudem haben komplexe Systeme ein „Gedächtnis“, sie sind in einem von der gesamten Historie abhängigen Zustand.

Interventionen können daher nicht nur unmittelbar, sondern auch mit einer Zeitverzögerung Wirkungen zeigen. Die charakteristischen Züge eines komplexen Systems können nicht vollständig aus der Kenntnis der einzelnen oder in Teilkombinationen betrachteten Komponenten abgeleitet werden.

Der kontrollierte Umgang mit dem Neuen

Ein komplexes System emergiert mit dem Ergebnis, dass das Ganze mehr ist als die Summe der Teile. Unbestimmtheit ist also ein Wesensbestandteil, denn wenn etwas emergiert, also nicht vollständig auf Vorhandenes zurückzuführen ist, dann ist es auch nicht ganz durch das Vergangene determiniert.

Wie gehen Menschen mit komplexen Systemen um? Alexander der Große hat den Gordischen Knoten einfach mit seinem Schwert durchschlagen. Eine einfache Lösung. Trotzdem, komplexe Systeme scheinen sich in einem gewissen Sinne einem kontrollierten Umgang entziehen. Es gibt im Großen und Ganzen drei mögliche Arten, damit umzugehen: Man kann versuchen, sie zu beherrschen, anzunehmen oder zu gestalten.

Geborgenheit und Gleichgewicht

Beherrschen bedeutet ein unmittelbares Eingreifen in die Struktur des Systems. Das System wird durch Regeln und Gesetze unterworfen, „Wenn-dann“-Kausalketten werden aufgezwungen, Wohlverhalten wird belohnt, Abweichen sanktioniert, in letzter Konsequenz bis hin zur Vernichtung. Nun liegt aber dem Beherrschen-Wollen meist die Überzeugung zugrunde, dass ein „Freischneiden“ des Systems, also ein Loslösen von den Wechselwirkungen, von Unsicherheiten und Zufällen, möglich sei. Das ist ein – meist verhängnisvoller, oft katastrophaler, gelegentlich gar vernichtender – Trugschluss.

Annehmen heißt, nicht in die Struktur einzugreifen, sich mit dem Gegebenen zu arrangieren, sich anzupassen und in dem vorgegebenen Rahmen zu bewegen – es ist so, wie es ist. Aber eigentlich möchte man sich einrichten, wie man will. Annehmen widerstrebt dem Bedürfnis nach Harmonie, Geborgensein, Gleichgewicht, Eindeutigkeit, Sicherheit, unter Umständen gar Schmerzfreiheit und persönlicher Unversehrtheit.

Gestalten liegt irgendwo dazwischen – achtsam beherrschen, was beherrschbar ist, Einfluss nehmen auf das, was beeinflussbar ist, und annehmen, was nicht veränderbar ist. Gestalten heißt analysieren, strukturieren, sortieren, organisieren, aber auch entwickeln, formen, überzeugen, führen, offenen Auges, Möglichkeiten zu erkennen und Einfluss geltend zu machen, kreativ umgehen mit Unsicherheiten und Zufällen.

Komplexitätsreduktion ist in aller Munde von Politik bis hin zu den Wissenschaften. Wir müssen uns aber dabei im Klaren sein: Generell wird nicht die Komplexität des Systems, in dem wir uns bewegen, an sich reduziert, sondern „nur“ die seiner Darstellung, die seines Modells, das wir benutzen. Das Verständnis der wirklichen Sachverhalte büßt damit an Tiefe und Treffsicherheit ein. Es ist klar: Ohne Komplexitätsreduktion in den Modellen, die wir uns bereitlegen, können keine Entscheidungen getroffen werden.

Eine fatale Verwechslung

Wir dürfen aber eines nicht verwechseln: Nur das Modell ist einfacher geworden, nicht die Wirklichkeit selbst. Das heißt aber auch, die Wechselwirkungen verstärkt zu beobachten und bereit zu sein, die Annahmen zur Vereinfachung des Modells kritisch zu hinterfragen, wenn sich empirische Widersprüchlichkeiten ergeben, und gegebenenfalls anzupassen. Dies ist auch als Trial-and-Error (Versuch-und-Irrtum)-Methode bekannt. Wir neigen dazu, der oft anziehenden, aber trügerischen, fatalen Verwechslung von System und Systemmodell zu verfallen – dies besonders dann, wenn über einen Zeitraum hinweg die beobachteten Wechselwirkungen gut mit den erwarteten übereinstimmen.

Dazu kommt noch, dass wegen diesen Unsicherheiten die Umwelt eher skeptisch auf Neues reagiert. „Das war noch nie so!“ „Das haben wir noch nie so gemacht!“ „Das haben wir schon mal probiert!“ „Das hat noch nie funktioniert!“

Nur wer versucht, kann Glück haben

Jeder Ideengeber, Kreative, Erfinder, Innovator kennt diese Sätze nur zu gut – alle sind sie faktisch und strahlen eine Sicherheit aus, die oft nicht gerechtfertigt ist. Auf jeden Fall sind solche Sätze Indizien dafür, dass es sich lohnt, genauer nachzuhaken.

Der Weg von der Idee zur Innovation ist nun mal von vielen Unsicherheiten geprägt – und ob es nun ein Flop wird oder ein Erfolg, ist nicht mit Sicherheit vorherzusagen. Aber das Glück, das man – möglicherweise – für den Erfolg braucht, benötigt ein Objekt, auf das es treffen, das es „glücklich“ machen kann: Nur wer etwas versucht, kann dabei auch Glück haben. Diese Aussage ist auf jeden Fall sicher.

Lesen Sie auch:

Teil 1: Von Schöpfungslust und Schöpfungslast

Teil 2: Was innovative Unternehmen ausmacht

Teil 3: Was den kreativen Prozeß ausmacht

Teil 4: Innovation als Führungsaufgabe

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2013 | OriginalPaper | Buchkapitel

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Quelle:
Innovation 2.0

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