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Über dieses Buch

In diesem Buch berichten 20 Wissenschaftler/innen aus ihren praktischen Erfahrungen in der Feldforschung im Bereich der Sozialgeographie. Im Einzelnen gehen sie auf die Herausforderungen bei der Konzeption, im Prozess der Durchführung und im Nachgang von Datenerhebungen ein. Sie diskutieren zeitliche, inhaltliche und organisatorische Aspekte und beleuchten, wie Entscheidungen im Feld Erfolg und Misserfolg von Forschung maßgeblich prägen. Ihre Erlebnisse an diversen Orten wie Mittel- und Osteuropa, den Steppen Kasachstans sowie in schrumpfenden Regionen oder in ostdeutschen Jugendklubs bilden die Grundlage für Reflexionen über schwierige Entscheidungen im Feld. Zudem diskutieren sie den Umgang mit sich ändernden Forschungsfragen, widerspenstigen Journalist/inn/en und aufkommenden Shitstorms. Das Buch richtet sich an Nachwuchswissenschaftler/innen, die im Vorfeld ihrer ersten Feldforschungen mit Problemen konfrontiert werden, die zumeist von Methodenhandbüchern nicht berücksichtigt werden.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Ins Feld und zurück: Begegnen, sich positionieren, entscheiden

Das vorliegende Buch „Ins Feld und zurück“ thematisiert jene Phänomene der Feldforschung, die in Einführungen in die Methoden sozialgeographischer Forschung wenig beleuchtet werden. Dabei wirft es vor allem Fragen auf, die sich aus der Subjektivität der Forschenden und ihrer Beziehung zu den Beforschten ergeben, und versucht Antworten zu geben, die auf konkreten Forschungserfahrungen aufbauen. Ausgangspunkt sind oftmals sehr persönliche und als besonders erinnerungswürdig erlebte Begebenheiten aus Feldforschungsaufenthalten. Das Buch nimmt aber nicht nur den eigentlichen Aufenthalt im Feld in den Blick, sondern den Prozess der Vorbereitung, Entwicklung, Auswertung und Nachbereitung empirischen Forschens sowie deren wechselseitige Verflechtung. Forschende werden als Subjekte und Akteure in einem sozialen Feld verstanden, die zahlreiche grundlegende Entscheidungen von der Formulierung der Forschungsfrage, über die Erhebung und Auswertung bis hin zur Verbreitung der Ergebnisse treffen müssen, selbst aber immer auch begrenzt sind in ihren (zeitlichen, institutionellen, finanziellen) Möglichkeiten, in Routinen und Zwänge eingebunden sind.
Kristine Beurskens, Judith Miggelbrink, Frank Meyer

Konzeption von Feldforschung

Frontmatter

2. „Der Konjunktiv ist das Problem“. Zirkularität, Performativität und Reifikation in der geographischen Forschung

Das Verständnis von Wissenschaft als neutrale Instanz der Beobachtung und Analyse von Gesellschaft ist mittlerweile vielfach diskutiert, kritisiert und mehrheitlich abgelöst wurden. Im Rahmen von Begegnungen im Zuge von Feldforschung zeigt sich, dass jene Beforschten nicht nur Auskunft-Gebende sind, sondern vielmehr auf eine Vielzahl von situativen und strukturellen Konstellationen reagieren: So besteht die Gefahr, dass im Zuge der performativen Herstellung des Feldes durch Wissenschaft auch Antworten und Reaktionen der Beforschten präfiguriert werden, und damit eine gewissen Form authentischen Wissens nicht mehr erreichbar ist. Zudem ist als kritisch zu bewerten, dass insbesondere die Raumwissenschaften im Zuge von Feldforschung überholte Container- und Kausalitätskonstrukte reproduzieren und damit reifizieren, die doch eigentlich mittlerweile als epistemologischen Fallen identifiziert wurden. Hinsichtlich dieser Hürden geben die Autor/innen für die verschiedenen Phasen von Forschung Auskunft über etwaige Fallstricke im Spannungsfeld zwischen beobachtender Forschung und darauf reagierender Beforschter.
Frank Meyer, Judith Miggelbrink

3. Zwischen den Stühlen. Ein Ausflug in die Interdisziplinarität

Interdisziplinarität, Transdisziplinarität, Multidisziplinarität, und Pluridisziplinarität sind mittlerweile ein fester Bestandteil des wissenschaftlichen Arbeitens. Der vorliegende Beitrag befasst sich mit der Relevanz dieser Begriffe für die eigene wissenschaftliche Praxis. Zuerst geht das Kapitel in einem eher biographischen Format auf das Hin-und-Her-Springen zwischen den Disziplinen ein. In einem zweiten Teil soll es um Interdisziplinarität innerhalb der „Humangeographie“ gehen, wie sie sich im Arbeitsalltag am Leibniz-Institut für Länderkunde niederschlägt.
Wladimir Sgibnev

4. Handeln im Konflikt. Humangeographische Auftragsforschung zwischen Neutralität und Auflagenerfüllung

Auftragsforschung wird häufig nur als Forschung zweiter Klasse empfunden. Diese Sichtweise wurzelt einerseits in der Tatsache, dass angewandte Forschung naturgemäß nicht den Anspruch erheben kann, primär zum wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt beizutragen, andererseits aber auch in der impliziten Unterstellung, dass sich Wissenschaftler/innen in ihren Handlungen zulasten der wissenschaftlichen Qualität ihrer Ergebnisse von der Vermeidung potenzieller Konflikte mit ihren Auftraggebern/Auftraggeberinnen leiten lassen – nicht zuletzt, um auch in Zukunft einen Forschungsauftrag zu erhalten und so die Drittmittelbilanz verbessern zu können. Um sich nicht dem Vorwurf, Gefälligkeitsforschung zu betreiben, aussetzen zu müssen, scheint es angesichts der oftmals diversen Interessenlagen aller am Projekt Beteiligten geboten, proaktiv Maßnahmen zur Qualitätssicherung bereits vor Aufnahme der Kooperation, aber auch während des gesamten Forschungsprozesses zu ergreifen. Der Beitrag thematisiert Konfliktfelder humangeographischer Auftragsforschung auf unterschiedlichen Ebenen und skizziert mögliche Lösungsansätze.
Vanessa R. Hünnemeyer, Sebastian Henn

5. Grounded Theory „schlank“ gedacht. Praxisnahe Forschung zwischen Wissenschaftlichkeit und Pragmatik

Ausgangspunkt unseres Beitrags war eine Aufgabe, die uns im Rahmen eines Forschungsprojektes zu neuen Werkzeugen des Wissenstransfers gestellt wurde: Innerhalb kurzer Zeit sollten wir theoretisch und empirisch fundierte Kategorien entwickeln, die sowohl Einblick als auch Überblick über unser Forschungsfeld vermitteln. Die von uns gesammelten Daten mussten sowohl wissenschaftlich solide als auch den Bedürfnissen eines praxisnahen Projektes entsprechend ausgewertet werden. Wir analysierten unsere Daten mithilfe der Grounded Theory. Diese gebrauchten wir nicht als starres Handlungsschema, sondern als gedankliches Gerüst, das uns Auswertungsprinzipien und Techniken anbot, die wir den Erfordernissen unseres Forschungsprojektes entsprechend anwendeten. Wir blieben der Methodologie treu, obwohl am Ende der Auswertung nicht die von ihren Vertretern/Vertreterinnen geforderte Theorie, sondern Denkansätze und praktische Handlungsanweisungen für unsere Projektpartner/innen standen. In diesem Beitrag zeigen wir, wie wir vorgegangen sind. Daran wird deutlich, dass qualitative Sozialforschung – durchdacht und kreativ angewendet – einen oft unterschätzten Werkzeugkasten liefert, um innerhalb eng gesteckter Zeitpläne Handlungsprobleme aus der Praxis effizient zu lösen.
Anne Herrmann, Jörg Kosinski

6. Learning by doing. Herausforderungen und Methoden transnational vergleichender Forschung

Transnational vergleichende Forschung ist in den Raumwissenschaften zwar weit verbreitet, methodische Hilfestellung findet sich in der Literatur allerdings eher selten. Durch transnationale Vergleiche können Phänomene, die in unterschiedlichen nationalen Kontexten auftreten, im Hinblick auf Besonderheiten und übergeordnete Gesetzmäßigkeiten hin untersucht werden. Vergleichende Forschung wird im vorliegenden Beitrag als grundlegende Strategie verstanden, die auf die Theorieentwicklung durch Vergleich abzielt. Allerdings wird vergleichende Forschung häufig mit Vorwürfen konfrontiert, die Gegenstände seien unvergleichbar und das Vorgehen meist zu reduktionistisch, zu sehr von Interessen und Ideologien geleitet, ethnozentristisch und einem positivistischen Grundverständnis verhaftet. Diese Kritik sollte nicht dazu führen, von transnationalen Vergleichen ganz abzusehen, sondern vielmehr zu methodologischer Sorgfalt ermuntern. Einige der typischen Fallstricke und möglicher Umgangsweisen mit den dadurch entstehenden Herausforderungen werden in dem Beitrag vorgestellt.
Thilo Lang

7. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Empirische Erhebungen planen

Im Laufe empirischer Erhebungen zeigt sich immer wieder, da ihre Anbahnung, Durchführung und Nachbereitung – noch vor der eigentlichen Analyse – für Forschende echte Zeitfresser darstellen können. In der Anbahnungsphase gilt es, z.B. Gesprächspartner/innen zu finden und davon zu überzeugen, ein wenig ihrer Zeit für das eigene Forschungsinteresse zu opfern. Während der Durchführung müssen Forschende häufig innerhalb eines fremden organisatorischen Rahmens Gespräche führen und mit den jeweiligen Restriktionen umgehen. Und die Nachbereitung – zum Beispiel Übersetzung und Transkription – stellt ob der Vielzahl möglicher Eigenheiten der Transkripte (z.B. Anzahl der Sprecher, Dialekte) weitere Hürden auf. Dennoch lässt sich der Zeitaufwand für diese Aspekte prinzipiell mit Hilfe verschiedener Pauschalgrößen überschlagen. Die Grundlage für diese Quantifizierungen stellt im Rahmen des vorliegenden Beitrages vor allem das ausführliche Besprechen der internen Strukturiertheit des Feldes dar. Auf der Basis zwei Fallstudien werden hiernach Kalkulationsbeispiele für Erhebungen durchgesprochen.
Frank Meyer

8. Immer Ärger mit der Technik. Auf der Spur eines gespannten Verhältnisses

In den 60er Jahren wurde die ZDF-Fernsehsendung "Aus Forschung und Technik" zu einer Ikone deutscher Fernsehgeschichte. Während Forschung und Technik damals einen eher komplementären Charakter hatten, sind sie in der Sozialforschung heute häufig weniger kompatibel. Dabei ist die technische Ausstattung für die Generierung und Organisation von neuem Wissen und die Entwicklung angepasster Methoden unabdingbar. Verschiedene, den Forschungsprozess hemmende Szenarien ergeben sich durch den offensichtlichen Mangel im Rahmen der Verfügbarkeit adäquater, dem jeweiligen Forschungsdesign angepasster technischer Ausstattung sowohl an Universitäten als auch an reinen Forschungsinstitutionen. Vor dem Hintergrund sich stetig verändernder rechtlicher Auflagen zur Verwendung von Open-Source Software, der unterschiedlichen Rezeption und Verwendung von Speicheroptionen, neuen Modellen im Bereich von Software-Lizenzen sowie dem häufig zu beobachtenden Wildwuchs inkompatibler Soft-/Hardware/-Netzwerk-Kombinationen finden sich Forschende – auch wenn sie die technische Ausstattung bereits im Projektantrag berücksichtigt haben – häufig in einem Geflecht zahlreicher, oft unflexibler Lösungen wieder, die die alltägliche Arbeit erschweren können. Anhand von Beispielen werden diese institutionellen Hemmnisse erläutert und Ihre Berücksichtigung im Antrags- und Umsetzungsprozess diskutiert. Abschließend werden im Rahmen der geschilderten, tatsächlichen (Un-)Zusammenhänge bezüglich technischer Ausstattung und Forschungsprozess verschiedene best practice Ansätze zur Überwindung des sich auftuenden, teilweise institutionalisierten Grabens zwischen beiden abgeleitet.
Eric Losang

9. ,,Wenn Eine eine Reise tut …“ Wie passen Feld, Forschung und Familie unter einen Hut?

Viele wichtige Geldgeber für Forschungsprojekte beziehen heute den Grundsatz der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in die Gestaltung ihrer Fördermittel mit ein. Liest man die Erfahrungen einiger Forschungsreisender von vor mehreren Jahrzehnten, so kann man feststellen, dass es schon lange üblich zu sein scheint, dass die Familie mitkommt: das Bild des einsamen Forschers oder der Forscherin und damit der zeitweise kompletten Trennung von Familien- und Arbeitsleben trifft mithin nicht zu, zumindest nicht für den Fall, dass die Forscher/innen bereits Familie haben. In dem hier beschriebenen Fall erschien die Trennung auf Zeit im Rahmen mehrwöchiger bzw. - monatiger Forschungsaufenthalte jedoch unvermeidlich und wurde als eine Herausforderung aufgefasst. Meines Wissens gibt es keine Beiträge in der wissenschaftlichen Literatur dazu, wie Forschende und ihre Familien es erleben, wenn ein Elternteil allein zu Arbeitszwecken auf Reisen geht. Insofern kann dieser Beitrag einen kleinen Einblick in die konkrete Gestaltung vorübergehender multilokaler familialer Arrangements geben, welche insgesamt noch recht unerforscht sind, obwohl sie bereits für große Teile der Bevölkerung Alltag sind.
Helga Zichner

Durchführung von Feldforschung

Frontmatter

10. Zutritt verboten? Mit Hürden beim Feldzugang konstruktiv umgehen

Forschende im Feld sehen sich häufig vielerlei Hürden ausgesetzt, die den Zugang zu spezifischen Bereichen, Gruppen oder Personen beschränken. Der Umgang mit diesen Zugangsbeschränkungen – legitim oder nicht – ist dabei gerade in der Anfangsphase von Feldforschung von entscheidender Bedeutung. Über Art und Ausmaß dieser Hemmnisse entscheiden aus der Sicht der Autoren (1) die interne Strukturiertheit des Feldes“ (z.B. Hierarchien, Arbeitsweisen, Riten, epistemische Muster) sowie (2) dynamische Beziehung zwischen Forschenden und Beforschten (z.B. Erwartungen, Wissen übereinander, Vertrauen). Diesbezüglich gilt es zu akzeptieren, dass hinter jeder Zugangsbeschränkung vor allem soziale Subjekte stehen, mit und an denen „gearbeitet“ werden muss. Hierbei muss eine gewisse Flexibilität und Kooperationsbereitschaft als auch der Anspruch umfänglicher Informationsbeschaffung und die Reflektion des eigenen Handelns als ursächlich für eine erfolgreiche Überwindung vieler Hürden gesehen werden.
Andreas Wust, Frank Meyer

11. Zwischen Anpassung und Manipulation. Zum Umgang mit räumlich-institutionellen Gegebenheiten des Erhebungskontextes

Aufbauend auf Schatzki’s Verständnis von Orten als soziale sites, diskutieren wir in diesem Kapitel, wie institutionelle, soziale und räumliche Gegebenheiten auf die Forschungssituation wirken und wie wir mit diesen Wirkungen umgehen können. Außerdem beschäftigen wir uns mit der Frage, wie und inwiefern wir selbst auf Gegebenheiten Einfluss nehmen können, sollten oder dies ohnehin tun und welche Folgen ein bewusstes Eingreifen oder Gestalten haben kann. Wir plädieren vor allem dafür, in der Vorbereitung auf die Feldforschung ebenso wie im Verlauf und in der Analyse den möglichen Einfluss der "site" auf unsere Forschung, unsere Teilnehmer/innen und uns selbst sowie unsere eigene Einflussnahme gründlich zu reflektieren. Das Kapitel schließt mit konkreten Handlungsempfehlungen diesbezüglich ab.
Kathrin Hörschelmann, Frank Meyer

12. Ein schmaler Grat: Neutralität und Positionierung in der wissenschaftlichen Praxis

Neutralität galt lange Zeit als Markenzeichen guter Forschung und auch Forschungsteilnehmer/innen begegnen uns oft mit der Erwartung, dass wir möglichst neutral auftreten und so Professionalität beweisen. Demgegenüber steht eine inzwischen sehr umfangreiche wissenschaftliche Debatte über die Definition von Neutralität und dazu, ob sie in der Tat möglich oder erstrebenswert ist. In der Forschungspraxis wiederum erleben wir oft Situationen, in denen Neutralität abgewogen werden muss gegen die Notwendigkeit, ein vertrauensvolles Verhältnis zu Gesprächspartner/innen aufzubauen und/oder eben doch eigene Meinungen offenlegen zu müssen. Unsere Beispiele zeigen dies und werfen Fragen auf, die eine Vorbereitung auf die Gratwanderung zwischen unterschiedlichen Positionierungen und Neutralitätsansprüchen im Feld ermöglichen. Eine an diesen Fragen orientierte Planung der Feldforschungsphasen kann helfen, Unsicherheit abzubauen, Unerwartetes vorwegzunehmen und Entscheidungen darüber zu treffen, welche Positionierungen anstrebenswert erscheinen. Genauso wichtig erscheint eine grundlegende Reflexivität im Hinblick auf unsere Beweggründe, die Frage von Macht in der Forschung und die Bedingungen von Analyse und Repräsentation.
Robert Nadler, Kathrin Hörschelmann

13. Erwartungen gibt es immer. Aber wie geht man damit um?

Das Kapitel beschäftigt sich mit der Rolle von Erwartungen in der qualitativen Forschung – sowohl den Erwartungen die von Forschungsteilnehmer/innen gestellt werden, als auch unsere eigene Ansprüche an eine sozial verantwortungsvolle Forschungspraxis. Ausgehend von eigenen Erfahrungen und gegenwärtigen sozialwissenschaftlichen Debatten diskutieren wir Situationen und Kontexte, in den Forscher/innen mit Erwartungen konfrontiert sind. Im abschließenden Teil machen wir konkrete Vorschläge, wie mit diesen Erwartungen umgegangen werden kann.
Alena Pfoser, Kathrin Hörschelmann

14. Besonders sensibel. Wie sich heikle Themen angehen lassen

Sensible Forschungsthemen konfrontieren Forschende und Beforschte mit besonderen Herausforderungen. Dabei handelt es sich um Sachverhalte, deren Erforschung eine ernstzunehmende Bedrohung und/oder Risiko für diejenigen darstellen kann, die von ihr betroffen sind. Ganz gleich, ob es sich um eine politische, zudringliche oder sanktionierende Bedrohung handelt (Lee 1993), fürchten sich die Beforschten vor möglichen unangenehmen und existenziellen negative Konsequenzen, die mit der Untersuchung potenziell einhergehen können. Anhand der Darstellungen von Feldforschungen über Zigarettenschmuggel und Diamantenhandel zeigen wir, dass die Erforschung sensibler Themen einen ausgedehnten Feldforschungsaufenthalt voraussetzt. Dadurch kann Vertrauen zwischen Forschenden und Beforschten erfolgreich aufgebaut werden, die Forscher/innen können lokales Wissen über ihren Gegenstand sammeln und im Rahmen der oftmals schwierigen Rekrutierung von Interviewpartner/innen geeignete Gatekeeper gefunden werden.
Bettina Bruns, Sebastian Henn

15. Risiken und Nebenwirkungen. Unbehagliche Begegnungen zwischen Forschenden und Beforschten

Während Feldforschungen sind die Forschenden oft mit unvorhersehbaren Situationen konfrontiert, die jenseits ihrer Kontrolle liegen und die mit Gefahren und Risiken für die eigene Unversehrtheit verbunden sein können. Am Beispiel des lokalen Umgangs mit Alkohol im Feld zeigt der Beitrag auf, welchen Herausforderungen sich Feldforschende gegenüber sehen können und wie schwierig der Balanceakt zwischen persönlicher Abgrenzung und Annehmen der Situationen in der Feldforschung sein kann.
Bettina Bruns, Dorit Happ, Kristine Beurskens

16. Der Datenträger im Brillenetui. Feldforschung in autoritären Staaten

Feldforschung in autoritären Staaten birgt ein Risiko für Forscher/innen als auch für Beforschte. Das autoritäre System in Belarus ist gekennzeichnet durch Omnipräsenz der staatlichen Kontrollorgane, Marginalisierung oppositioneller Akteure und der unabhängigen Presse. Gleichzeitig stehen die belarussischen Bürger in einer hohen Abhängigkeit zum Staat. Forschende tragen dementsprechend eine Verantwortung gegenüber den Teilnehmern/Teilnehmerinnen der Feldforschung, um sie vor negativen Konsequenzen durch ihre Teilnahme zu schützen muss ihre Anonymität garantiert werden. Der Schutz der Interviewpartner/innen ist hier der Erhebung der Daten vorrangig. Forscher/innen in autoritären System müssen zudem pragmatische Fragen zur Einreise und der Sicherung der erhobenen Daten klären. Vor Ort können sie mit wirklichen aber auch mit paranoiden Momenten der staatlichen Kontrolle und Verfolgung und dem Gefühl der Kriminalisierung seines/ihres Forschungsvorhabens konfrontiert werden. Zur Reflektion und Aufarbeitung empfiehlt sich die Führung eines Forschungstagebuches und die Zusammenarbeit mit lokalen Mitarbeitern/Mitarbeiterinnen.
Dorit Happ, Bettina Bruns, Judith Miggelbrink

17. Rauchzeichen und Zwischentöne. Unterwegs mit Zigaretten und Vignetten

Mit Zigaretten lässt sich forschen. Sobald es in der Forschung um mehr geht als das Aufsammeln von Zahlen und Daten lohnt sich ein Griff in die Trickkiste: Und darin könnten ja auch ein paar Zigaretten liegen, denn Raucherpausen sind spannende Gelegenheiten Interviews zu erweitern und Zwischentöne aufzuspüren. Durch einen gemeinsamen Ritus und ohne Diktiergerät ergeben sich oft andere Möglichkeiten des Austauschs und die Chance, die festgelegten Rollen zu verlassen. Um solche und andere Situationen für die weitere Forschung einzufangen und nutzbar zu machen eignen sich Vignetten. Mit Hilfe dieser kurzen, schriftlichen, situativen Gesamtbeschreibungen von Beobachtungen oder Gesprächen lässt sich auch ein Zugang zu emotionalen Dimensionen in der Forschung finden.
Christoph Creutziger

Auswertung, Veröffentlichung, mediale Präsenz

Frontmatter

18. Von der Auswertung zum Gegenstand. Wenn die Methode ein Eigenleben entwickelt

In diesem Beitrag beschäftigen wir uns mit der Erfahrung, dass die Fragestellung im Laufe der Auswertung nochmals eine andere Richtung eingeschlagen und sich in diesem Sinne erst geschärft hat. Die Suche nach einer geeigneten Auswertungsmethode führte uns beide zur Dokumentarischen Methode. Im Zuge einer langen Interpretationsphase, die auch eine theoretische Auseinandersetzung mit der Methode einschloss, veränderte sich letztlich das Verhältnis zwischen Theorie und Forschungsgegenstand. Voraussetzung dafür war allerdings, neben der benötigten Offenheit und intensiven Reflektionsprozessen, sich Zeit für diese Phase der Arbeit zu nehmen, ebenso aber auch für die Suche nach der Auswertungsmethode selbst. Wir möchten darüber reflektieren, dass Forschungsabläufe nicht so wie im Lehrbuch verlaufen, dass es kein optimales/planbares Timing für die Auswertungsphase gibt, und dass manchmal erst die Auswertungsmethode einen Weg zur Schärfung der Fragestellung darstellt, mit der man fast immer zu verschiedenen Zeitpunkten des Forschungsprozesses zu hadern neigt. So hat bei uns beiden die Auseinandersetzung mit dem bei der Dokumentarischen Methode zentralen Begriff der „Handlungsorientierung“ ein Literaturstudium nach sich gezogen, das nochmal „nachträglich“ eine theoretische Fundierung mit sich brachte. So beschreiben wir anhand unserer Erfahrungen einen zirkulären Forschungsprozess, der sich als Alternative zum Popper‘schen Forschungsprozess mit strengen Abfolgen (Formulierung der Fragestellung, Erstellung von Hypothesen, Operationalisierung etc.) insbesondere in qualitativen Untersuchungsdesigns etabliert hat.
Kristine Beurskens, Giulia Montanari

19. Wie relevant ist die Interviewdauer? Zum angemessenen Umgang mit sehr unterschiedlichen Gesprächen

Im Rahmen dieses Beitrages beschäftige ich mich mit der allzu bekannten Beobachtung, dass qualitative Gespräche oft sehr unterschiedlicher Art sind, und auch mit noch so vielen „Erzählstimuli“ die Gesprächspartner/ innen mitunter wortkarg bleiben. Kurze Gespräche werden dann häufig als misslungen betrachtet. Statt nun von einer unterschiedlich ausgeprägten „narrativen Kompetenz“ der Gesprächspartner/innen auszugehen, die im Zusammenhang mit diesem forschungspraktischen Aspekt oft zitiert wird, möchte ich lieber von unterschiedlichen Gesprächsstilen sprechen, die bei der Auswertung angemessen zu berücksichtigen sind. Dafür werde ich in dem Beitrag die in qualitativer Methodenliteratur häufig anzutreffende Bevorzugung von Erzähl- bzw. Narrationspassagen für die Auswertung problematisieren und einen alternativen praxistheoretischen Zugang zur Datengrundlage Interview formulieren. Ich möchte für den Fall der Dokumentarischen Methode, die zur Auswertung der Gespräche zur Anwendung kam, welche ich für meine Doktorarbeit geführt habe, reflektieren, wie ein solcher Zugang aussehen könnte und in welcher Hinsicht die Gesprächslänge, die letztlich auf unterschiedlichen Gesprächspraktiken beruht, irrelevant ist.
Giulia Montanari

20. Yes, we can(?) Kommunikative Validierung in der qualitativen Forschung

Im Rahmen sozialwissenschaftlicher Feldforschung kommen Beforschte und Forschende i.d.R. direkt miteinander in Kontakt: Interviewpartner/innen realisieren dabei gerne, dass ihre Äußerungen direkt mittels wissenschaftlicher Methoden analysiert werden. In vielen Fällen werden diese Ergebnisse unabhängig vom Einfluss der Meinung Beforschter gewonnen. Im Rahmen empirischer Sozialforschung existiert jedoch ein breites Spektrum von Möglichkeiten, bestehende Heuristiken des Erkenntnisgewinns über Arten kommunikativen Validierens seitens verschiedener Gruppen zu erweitern: Ziel kann dabei weniger das Offenlegen einer universellen Wahrheit sein, sondern vielmehr – einem konsensuellen Wahrheitsverständnis folgend – ein Gegenüberstellen der Perspektiven Beforschter und Forschender mit dem Ziel zusätzlichen Erkenntnisgewinnes. So ist es beispielsweise möglich, sich durch Experten/Expertinnen aus dem Untersuchungsfeld Hinweise – pro- oder retrospektiv – über optimale Vorgehensweisen geben zu lassen. Weiterhin können während Erhebungen zu Tage tretende Fakten von mehreren „Experten/Expertinnen“ validiert werden. Zudem ist die Diskussion gewonnener Interpretationen ebenso möglich wie eine Interpretation zweiter Ordnung über die Ergebnisse der kommunikativen Validierung.
Frank Meyer

21. Wie Sachsen-Anhalt die stärkste Abwanderung Europas erfuhr. Zur Kommunikation von Wissenschaft in den Medien

Die Kommunikation von Forschungsergebnissen in Bereiche außerhalb der wissenschaftlichen Community wird zusehends Bestandteil von Forschungsprojekten; teilweise fordern Förderinstitutionen dies explizit ein. Hier spielt der Medienbereich als Multiplikator eine wichtige Rolle. Über Pressearbeit kann die Bekanntheit der eigenen Forschung erhöht werden. Zudem können gerade in sozialwissenschaftlichen Forschungsfeldern Untersuchungsgruppen für die empirische Feldforschung gewonnen werden. Letztlich ist Pressearbeit auch wichtig, um gesellschaftliche Akzeptanz für die eigene Forschung zu schaffen. Das Grundproblem bei der Pressearbeit besteht jedoch in der Übersetzung von Forschungsergebnissen aus einer Fachsprache in eine allgemein zugängliche Alltagssprache. Nach einer Beschreibung des Verhältnisses von Wissenschaft und Medien werden in diesem Beitrag auf Basis der Erfahrungen der beiden Autoren im Umgang mit der Presse Handlungsempfehlungen für Wissenschaftler/innen abgeleitet. Für eine gelingende Pressearbeit ist es demnach wichtig, verständlich und transparent zu kommunizieren sowie Alltagsbezüge herzustellen. Darüber hinaus sind die eigenen Erwartungshaltungen an Berichterstattungen zu überdenken. Übungen zum Umgang mit der Presse können helfen, nicht intendierten Folgen vorzubeugen bzw. diese zu antizipieren.
Robert Nadler, Tim Leibert

22. Shitstorm, flaming, public shaming. Wenn Wissenschaft und Wissenschaftler/innen Wellen der Empörung auslösen

Ausgehend von einem fiktiven Szenario setzt sich der Beitrag mit dem zunehmend an Bedeutung gewinnenden Phänomen massenhafter Empörung in internet-basierter Kommunikation auseinander. Dazu werden zunächst einige prominente Fälle der letzten Jahre angesprochen, in denen Wissenschaftler/innen – aus unterschiedlichen Gründen – Gegenstand und Ziel von Empörung geworden sind. Mittels der Begriffe shistorm, flaming und public shaming werden verschiedene Formen unterschieden und hinsichtlich ihrer Bedingungen und Ausformung kurz diskutiert. Abschließend weist der Beitrag auf Möglichkeiten des Umgangs hin.
Judith Miggelbrink
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