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Über dieses Buch

Die Familiengeschichte sowie die familialen Beziehungen eines Menschen werden als Rahmung, Hintergrund und Bestandteil der eigenen Lebensgeschichte in besonderem Maße wirksam. Daher ist es in Hinblick auf bestimmte Fragestellungen gewinnbringend oder gar unverzichtbar, nicht nur Einzelbiographien zu untersuchen, sondern mehrere Generationen einer Familie in den Blick zu nehmen.Der Sammelband zeigt die Vielfalt der methodischen und theoretischen Zugänge der intergenerationalen qualitativen Forschung auf und gibt einen Überblick über Ertrag und Potenzial der eingesetzten Methoden. In den einzelnen Beiträgen wird deutlich, wie die komplexen Verbindungen innerhalb der Daten angemessen abgebildet werden können.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung. Intergenerationale Qualitative Forschung

Die Biographie eines Menschen entwickelt sich in Kommunikations- und Interaktionsprozessen mit anderen, wobei die familialen Beziehungen und die Familiengeschichte (im Kontext historisch-gesellschaftlicher Bedingungen) als Rahmung, Hintergrund und Bestandteil der eigenen Lebensgeschichte in besonderem Maße wirksam sind.
Kathrin Böker, Janina Zölch

Intergenerationalität – theoretische und methodologische Forschungsperspektiven

„Wir sind, was wir sind, durch unser Verhältnis zu anderen“, so lautet eine berühmte Formulierung von George Herbert Mead (1934, S. 430), in der er auf den Punkt brachte, dass das, was „Identität“ genannt wird, sich „im jeweiligen Individuum [entwickelt] als Ergebnis seiner Beziehungen“ zur gesellschaftlichen Umwelt im Allgemeinen und zu anderen Individuen im Besonderen (ebd , S. 177).
Vera King

‚Generationsarbeit‘ in Familien

Zur Begriffsentwicklung in der rekonstruktiven intergenerationalen Forschung
In meinem Seminar zu psychosozialen Folgen von Verfolgung, Flucht und Traumatisierung besprachen wir den Begriff der Sequentiellen Traumatisierung von Hans Keilson (1979), mit dem er darauf aufmerksam macht, dass für die biographische Bedeutung der Verfolgung für jüdische Kinder und Jugendliche, die während der Nazi-Besetzung in den Niederlanden versteckt waren, die Reaktionen ihres Umfelds in den Jahren nach 1945 entscheidend dafür waren, ob sie trotz der erlittenen Verfolgung und der Ermordung ihrer Eltern und Angehörigen ein neues Leben beginnen konnten. Die Bedeutung des nachträglichen psychosozialen Kontextes zeigt sich auch bei Jugendlichen nach dem Krieg im früheren Jugoslawien (Lennertz 2011), nach dem Völkermord in Ruanda (Kaplan 2010) und bei geflüchteten Jugendlichen aus gegenwärtigen Kriegsgebieten (Teckentrup 2010). An Fallbeispielen der besprochenen Untersuchungen sprachen wir über den Begriff der transgenerationalen Traumatisierung, den Auswirkungen traumatisierender Verfolgungserfahrungen auf die jüngere Generation.
Lena Inowlocki

Methode und Methodologie: Erziehung in drei Generationen

Erziehung in Familie gestaltet sich in und über Interaktionen mit mehreren Generationen. So eingängig sich das anhört, so komplex ist doch das Forschungsfeld. Gerade deswegen ist Erziehung in der Familie in der Erziehungs- und Sozialwissenschaft relativ unerforscht.
Jutta Ecarius

Jugend und Raum

Das Konzept des Möglichkeitsraumes in den intergenerationalen Ordnungen von Familie und Schule
Generationale Ordnungen gestalten sich in Gesellschaften zunächst durch die Generationslagerungen aus (vgl. Mannheim 1964; Oevermann 2001; Merten 2002), die durch die spezifische kulturell-historische Einbettung einer jeweiligen Generation gekennzeichnet ist (vgl. Oevermann 2001). Die Jugendphase spielt hier eine besondere Rolle, da der Erfahrungsraum einer jeweiligen Generation durch historische Ereignisse oder Themen geprägt wird, in denen auch ontogenetische Krisen bewältigt werden müssen (z. B. die Adoleszenzkrise), „so dass diese Generation sich auch subjektiv ihrem Lebensgefühl nach als eine Bezugsgruppe empfindet und von anderen Generationen abgrenzt sowie von außen als abgegrenzt wahrgenommen wird“ (ebd., S. 79). Die Rede von Generationslagerungen ist selbstverständlich mit groben Vereinfachungen verbunden, da die eingenommene Perspektive eine makrostrukturelle ist und die gesellschaftlichen Zugehörigkeitsordnungen thematisiert.
Merle Hummrich

Zur Einbeziehung unterschiedlicher Datenquellen in der fallrekonstruktiven Biographieforschung

Potenziale und Umsetzungsmöglichen am Beispiel einer Studie zu ethnisch Deutschen in der Südukraine
Fallrekonstruktives Forschen ist ein komplexes Unterfangen, das den bzw. die Forscher/in gewöhnlicher Weise vor verschiedene Herausforderungen stellt. So gebietet es die damit verknüpfte Orientierung an einer „Logik des Entdeckens“ (Rosenthal 2014, S. 13), zu Beginn der Forschungsarbeit Vorannahmen zunächst einzuklammern und sich auf einen Forschungsprozess einzulassen, der nur in bedingtem Maße planbar ist. Der weitere Weg zur Erkenntnisgewinnung kann komplex verlaufen.
Niklas Radenbach

Sichtbare Verhältnisse

Fotografien als Datenmaterial in der biographischen Forschung
Im qualitativen soziologischen Forschungsprozess wird häufig mündliches Datenmaterial generiert und mit textanalytischen Auswertungsverfahren untersucht. Obwohl bereits mehrfach artikuliert wurde, dass sich die Strukturierung der sozialen Welt nicht nur in kommunikativen Akten, sondern auch über Bilder vollzieht und darin sichtbar wird (etwa Goffman 1981 [1979]; Boehm 1994; Maar und Burda 2004; Breckner 2010), stellen Fotografien bis heute ein tendenziell marginalisiertes Datenmaterial dar (vgl. Breckner 2012, S. 144). Der methodische Einbezug von visuellem Material ist auch in der sozialkonstruktivistischen Biographieforschung (Rosenthal 1995), in der sich der vorliegende Beitrag verortet, eine Ausnahme.
Maria Pohn-Lauggas

Zum Erkenntnispotential literarischer Texte für die Erforschung intergenerationaler Beziehungen

In der Familie Kocsis, die vor Jahren aus Jugoslawien in die Schweiz migriert ist und jetzt das Café Mondial in einem wohlsituierten Ort am rechten Ufer des Zürichsees betreibt, kommt es zum Konflikt, als ein unbekannter Gast die Herrentoilette des Cafés beschmutzt hat und die im Café mitarbeitende Tochter Ildiko ihre Eltern auffordert, den Hass, den sie darin spürt, nicht einfach hinzunehmen, sondern sich dagegen zur Wehr zu setzen.
Hans-Christoph Koller

Die Genogrammarbeit

Ein biographisch-rekonstruktives Verfahren intergenerationaler qualitativer Sozialforschung
Der Zugang über die Familie als Ordnungsprinzip der Lebenswirklichkeit von Individuen und Paaren stellt die Perspektive von Familienstrukturen in den Mittelpunkt: In der Familie werden Handlungen und Orientierungen von Individuen und Paaren in Abhängigkeit von Sozialgeschichte und Gesellschaftsstruktur im Schnittpunkt von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gebildet, gestaltet und weitergegeben. Im intergenerationalen Familien- und Verwandtschaftssystem nehmen die familialen Akteur_innen eine je spezifische Position im familialen Generationengefüge ein und sie eignen sich Praxen zur Gestaltung und Bewältigung ihres Alltags an. Damit sind interaktive Austauschprozesse verbunden, die sich sowohl über das aktive Moment des Gebens als auch über das passive Moment des Erhaltens (vgl. Segalen 1995, S. 160) von sozialem, kulturellem und ökonomischem Kapital definieren.
Anja Schierbaum

Doing Generation, Performing the Mission

Adoleszente Individuation und intergenerationelle Tradierung in einem Flüchtlingscamp in der Westbank
Der palästinensische Nationalismus konstruiert eine vorgestellte Gemeinschaft (Anderson 1983), die nicht nur die Bewohner von Westbank und Gaza einbezieht, sondern auch die palästinensischen Bürger Israels und nicht zuletzt rund fünf Millionen Flüchtlinge und Flüchtlingsnachfahren, die territorial auf Staaten verstreut sind, die sehr unterschiedlich mit ihnen umgehen: Jordanien, das ihnen die Staatsbürgerschaft gewährt hat; der Libanon, wo ihnen Staatsbürgerrechte und der Zugang zu vielen Berufen kategorisch verwehrt werden; Syrien, dessen Ba’ath-Regime sie gesellschaftlich integriert, doch formell von der Staatsbürgerschaft ausgeschlossen hat, und das viele von ihnen im gegenwärtigen Krieg erneut zu Flüchtlingen macht. Dazu kommen eine Vielzahl von Diaspora-Gemeinschaften in anderen Staaten weltweit. Die Alltagsverwendung des Begriffs der Generation im palästinensisch-nationalistischen Sinne scheint die Funktion zu erfüllen, Menschen in derart unterschiedlichen Situationen zu einer Nation zusammenzufassen, indem gegenüber der sozialen und räumlichen Fragmentierung eine zeitliche Kontinuität behauptet wird, genauer: die ungebrochene Tradierung einer Nationalidentität, einer kollektiven historischen Erfahrung und eines bestimmten historischen Anspruchs, der allgemein mit dem Begriff des „Rechts auf Rückkehr“ umschrieben wird.
Christoph H. Schwarz

Bildungsorientierungen Jugendlicher in Familie und Schule

Reproduktionsmechanismen sozialer Ungleichheit in pädagogischen Generationsbeziehungen
Der vorliegende Beitrag nimmt aus einer mikroanalytischen Perspektive Prozesse sozialer Ungleichheit in den Blick, die sich in den pädagogischen Generationsbeziehungen in Familie und Schule niederschlagen (können). Dafür werden erstens knapp die theoretischen Bezüge und zweitens das methodische Vorgehen dieser Herangehensweise vorgestellt. Kernstück dieses Artikels bildet das dritte Kapitel, in dem anhand einer rekonstruktiv erschlossenen Fallstudie das komplexe Zusammenspiel von Region, Schule und Familie bei der Generierung jugendlicher Bildungsorientierungen beleuchtet wird.
Susann Busse

Geschwisterbeziehungen aus intergenerationaler Perspektive im Kontext von Migration

Bereits zu Beginn des meist gedruckten Buchs der Welt, der Bibel, werden mit den Erzählungen um Kain und Abel (Gen. 4, 1-16) und der Josephsgeschichte (Gen. 37-50) Geschwisterbeziehungen thematisiert. In beiden Fällen entsteht der Streit zwischen den Brüdern nicht allein aufgrund ihrer horizontalen (intragenerationalen) Beziehung, sondern wird entscheidend von den unterschiedlichen Anerkennungserfahrungen auf vertikaler (intergenerationaler) Ebene beeinflusst. So ist es im ersten Fall Gott (der Vater), der das Opfer Abels mehr schätzt als das seines Bruders Kain und im zweiten Jakob, der aus seinen elf Söhnen Joseph zum Lieblingssohn wählt.
Kathrin Böker, Janina Zölch

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