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26.11.2019 | Interieur | Im Fokus | Onlineartikel

Warum es auf das Interieur ankommt

Autor:
Christiane Köllner
6:30 Min. Lesedauer

Bislang war der Innenraum eher das Design-Stiefkind des Exterieurs. Mit dem Aufkommen des autonomen Fahrens kann sich das ändern. Warum goldene Zeiten für Interieur-Unternehmen anbrechen. 

Früher war alles ganz einfach: Im Innenraum eines Autos gab es einen Fahrersitz links oder rechts vorne. Daneben saß der Beifahrer und hinten im Fond war Platz für zwei bis drei Personen. Dazu kamen Instrumententafel, Mittelkonsole, Türverkleidung und Dachbedieneinheit. Von einer Fahrzeuggeneration zu nächsten wurde das Interieur etwas edler, die Sitze komfortabler. Doch der Grundaufbau blieb. 

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01.11.2019 | Titelthema | Ausgabe 11/2019

"Das Innenraumerlebnis ist wichtiger als der Besitz des Autos"

Beim Design des Interieurs sind die unterschiedlichen Vorlieben der Kulturen zwar wichtig, aber beim Begriff Lebensqualität verschwimmen sie. Das liegt an der Globalisierung. Im ATZ-Interview beantworten Han Hendriks und Tim Shih Fragen zur neu formierten Geschäftseinheit Yanfeng Technology und sprechen darüber, welche Vorteile die neue Konzeptstudie XiM20 für das Level-5-Fahren hat und wie sich Duft digital von Tannenbaum- zu Erdbeergeruch umschalten lässt.

Jetzt bringen Vernetzung und neue Mobilitätskonzepte wie Carsharing, Elektroautos oder autonome Fahrzeuge radikale Veränderungen in Mobilität und Verkehr mit sich, die den Innenraum und speziell das Sitzsystem stark beeinflussen werden. Fahrer und Beifahrer werden mehr Zeit mit Aktivitäten verbringen, die nicht mit dem aktiven Fahren in Verbindung stehen. Bei steigendem Automatisierungsgrad der Fahrzeuge verlangen die Insassen vom Innenraum ein weitaus höheres Maß an Flexibilität, als dies heute der Fall ist. 

Das Interieur als Kaufkriterium

"Das Interieur wird also mehr denn je im Fokus stehen und ein wesentliches Kaufkriterium sein", bringt es der Entwicklungsdienstleister Bertrandt im Artikel Neue Möglichkeiten der Innenraumgestaltung aus dem ATZextra Automatisiertes Fahren auf den Punkt. Der Innenraum der Zukunft muss daher alternative Sitzpositionen zum Entspannen, Arbeiten und für soziale Interaktion anbieten. Funktionale und dekorative Flächen werden im Fahrzeuginnenraum in Zukunft immer mehr ineinander übergehen. Auf der Basis von künstlicher Intelligenz wird ein empathischer Innenraum, wie es Continental nennt, entstehen, der einen intuitiven Dialog zwischen Mensch und Maschine möglich machen soll.

Und es werden ganz neue Bedürfnisse enstehen und befriedigt werden müssen. So ist sich Han Hendriks, CTO des auf Innenraumkonzepte spezialisierten Automobilzulieferers Yanfeng aus China sicher, dass zum Beispiel japanische Fahrgäste während der Fahrt Massagen in ihren Sitzen hinzubuchen können. "Diese Sitzmassagen sind sehr beliebt in Japan, und die wird es künftig auch im Auto geben", so Hendriks auf der ATZ-Fachtagung "Fahrzeuge von morgen" 2019, die sich mit der Gestaltung des Autos der Zukunft, insbesondere der Innenraumgestaltung am Vorabend teilautomatisierter und automatisierter Mobilitätskonzepte, befasst hat.

Wie das passende Ambiente für diese Zukunftsvision aussehen kann, hat zum Beispiel die XiM18-Studie von Yanfeng in der Vergangenheit gezeigt. "Unsere XiM18-Studie ist die Antwort darauf, was wir im Auto tun werden, wenn wir nicht mehr selber fahren müssen", kommentiert Hendriks das Konzept. 

Wenn der Fahrer zukünftig nicht mehr hinter dem Steuer sitzen muss, wird sich das Auto zu einem erweiterten Lebensraum wandeln, so Hendriks weiter.

Mit dem aktuellen XiM20 hat der Innenraum-Spezialist ein Interieur für autonome Ridesharing-Fahrzeuge entwickelt, das "neue Möglichkeiten für neue Erlebnisse während der Fahrt" schaffen soll, so Hendriks im Interview "Im XiM20 bieten wir neue Erlebnisse während der Fahrt".

Wandelbar und komfortabel

Neben neuen Fahrerlebnissen verlangen Kunden auch nach wandelbaren, autonom fahrenden Fahrzeugen, die unterschiedliche Transportbedürfnisse abdecken. Das macht zum Beispiel das Projekt Unicaragil deutlich, das Torben Böddeker vom ika der RWTH Aachen University auf der ATZ-Fachtagung präsentiert hat, und für das Bundesbürger zu ihren Mobilitätseinstellungen befragt wurden. Das Ergebnis: Vier unterschiedliche Fahrzeugkonzepte für Logistik und Personentransport (Taxi, Familie, Paketlieferungen und koppelbare Shuttles), die flexibel für vielfältige Anwendungsfälle nutzbar gemacht werden, was sich auch im Innenraum widerspiegelt. Der soll genauso flexibel und individuell gestaltet sein. 

Ob biobasierte Rohstoffe, Lichtelemente im Lenkrad, sensorische Garne im Himmel, leichte und hochwertige Materialien sowie umfassendes Infotainment: all das soll ein entspanntes, autonomes Fahren ermöglichen, wie es Markus Leder, Head of Engineering der Designschmiede Pininfarina in Deutschland, auf der ATZ-Fachtagung zusammenfasst. Eine wichtige Voraussetzung vor allem für Letzteres: Konnektivität. "5G ist der Gamechanger schlechthin", sagt daher auch Knut Ehm, Head Of Advanced Development bei Continental und mache zum Beispiel Filmstreaming möglich. Für Anders Warming steht daher fest: Künftig wird es sich bei autonom fahrenden Automobilen viel mehr um Lounge-ähnliche Innenräume drehen. "Es geht um Ruhe und Entspannung", so der Chef von Warming Design auf der Tagung. 

Das Interieur als dritter Lebensbereich

Ein Raum also, in dem man sich wohlfühlt und gerne Zeit verbringt: Für Andreas Maashoff, Director Industrial Design & Craftsmanship beim Automobilsitz-Anbieter Adient wird das Auto und insbesondere das Interieur damit zum dritten Lebensbereich neben der Arbeitsstätte und dem Zuhause. Und mit dem Interieur auch die Sitzanlage. Die Kunden erwarten von beidem Komfort, ansprechendes Design und Individualisierungsmöglichkeiten, Gesundheits- und Wellness-Funktionen sowie Konnektivität. Deshalb glaubt Adient, dass immer mehr Funktionalität in den Sitz integriert wird, wie etwa beim AI17-Konzept oder im AI18. Nicht zuletzt, weil ein Sitz letztlich immer gebraucht wird – auch beim autonomen Fahren. Der Sitz könnte so bald einer Kommandozentrale gleichen. Beispielsweise lässt sich im Rahmen eines Vitalmonitorings ein Elektrokardiogramm-Messsystem in den Autositz integrieren. Damit ist eine Überprüfung der Herzaktivität des Fahrers möglich, was Vorteile für die Gesundheitsvorsorge und die Verkehrssicherheit bringen soll. So wird das Auto immer mehr zum Gesundheitsmanager

Der Sitz der Zukunft wird sich damit grundlegend von den heute üblichen Lösungen unterscheiden, weil Passagiere mehr Zeit in ihren Fahrzeugen verbringen und in Bezug auf die Sitzkonstruktion, Materialien, die den Komfort erhöhen, und Technologien völlig neue Lösungen zur Verfügung stehen werden. Additiv gefertigte und leichte Fahrzeugsitze ermöglichen zum Beispiel effizientere Designstrukturen. Auch das NVH-Verhalten muss stimmen. Die richtige Lagerstellengestaltung – etwa an den Sitzen – soll unangenehme Geräusche im Innenraum vermeiden, wie Saint-Gobain Performance Plastics im Artikel Komfortsteigerung für den Fahrzeuginnenraum der Zukunft aus der ATZ 11-2019 beschreibt. Gleichzeitig entstehen durch die Möglichkeiten zur flexiblen Nutzung von Innenräumen und Sitzen aber auch vollkommen neue Herausforderungen in Bezug auf die Sicherheit.

Körperposenerfassung aller Insassen

Denn: Welche Auswirkungen hat das automatisierte Fahren auf die heutigen Komponenten von Rückhaltesystemen? Können sie entfallen, oder wird ein weiterer Evolutionsschritt für ein mindestens gleichbleibendes Sicherheitsniveau benötigt? Allein die Möglichkeit für den Fahrer, rückwärtsgerichtet im Pkw sitzen zu können, zieht aufgrund größerer Freiheitsgrade veränderte Anforderungen an einzelne Komponenten des Systems nach sich. Ob Gurt, Airbag oder Sensoren – neue Einsatzszenarien bewirken zukünftig eine andere Auslegung der Bauteile, wie Bertrandt im Artikel Automatisiertes Fahren Einflüsse auf die Rückhaltesysteme aus der ATZ 7/8-2017 erklärt.

Dazu kommt: Wenn sich Menschen im Innenraum bewegen, muss das Fahrzeug immer wissen, wo sich die Insassen gerade befinden, damit zum Beispiel der richtige Airbag aktiv wird. Um das zu gewährleisten, hat das Fraunhofer IOSB den Fahrzeuginnenraum mit Kameras ausgestattet, um mithilfe einer Körperposenerfassung aller Insassen die jeweiligen Bewegungen und Aktivitäten nachzuvollziehen. Damit kann umfangreich auf individuelle Bedarfe aller Insassen in der Gestaltung und Umsetzung von Assistenzfunktionen eingegangen werden – und so letztendlich auch die Sicherheit und der Komfort erhöht werden.

Deutsche wollen Kontrolle behalten

Inwieweit sich die Ziele erreichen lassen, wird sich zeigen. Dass die Deutschen dem autonomen Fahren eher zurückhaltend gegenüber stehen, belegt Audis Studie "The Pulse of Autonomous Driving", für die Menschen aus neun Ländern auf drei Kontinenten befragt wurden. Auch die Mobilitätsstudie des Digitalverbands Bitkom zur IAA 2019 kam zu dem Ergebnis, dass die Hälfte der deutschen Bevölkerung autonome Fahrzeuge ablehnt. Vor allem die Sicherheit und der Datenschutz bereiten vielen Sorgen. Neben der Angst vor zu hohen Kosten für autonome Fahrzeuge spielt aber auch der Fahrspaß eine Rolle: Jeder Dritte möchte nicht auf den Spaß am Selbstfahren verzichten. Und das macht erst einmal der schönste Fahrzeuginnenraum nicht wett.

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