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Über dieses Buch

Dieses Buch skizziert die Lösungsansätze und Beiträge deutscher NGOs zur Bewältigung großer internationaler Herausforderungen der humanitären Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit
Dabei orientiert es sich an der UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung und deren Kernbotschaften. Die Buchbeiträge verdeutlichen in einer Vielzahl von Praxisfällen, wie NGOs ihre Mission und modernes Management zu schlagkräftigem Handeln verbinden und ihre Rolle in nationalen und internationalen Zivilgesellschaften im 21. Jahrhundert gestalten.
Daraus ergeben sich für Unternehmen und Verwaltungen zahlreiche wertvolle Anregungen und Impulse. Das Buch richtet sich deshalb an Führungskräfte und Mitarbeiter in Organisationen, die nach einer effektiven Verbindung von Mission und Management suchen. Zudem hilft es Unternehmen und Verwaltungen, die mit humanitären NGOs zusammenarbeiten, deren Zusammenspiel aus tief verwurzelter Überzeugung und Professionalität besser zu verstehen. Nicht zuletzt wendet sich das Buch auch an Führungskräfte, Mitarbeiter und Organisationen des NGO-Sektors selbst, die von den Erfahrungen anderer NGOs lernen wollen.
Die Autorinnen und Autoren stehen durchweg für ein modernes NGO-Verständnis
Sie kommen selbst aus deren Top-Management oder begleiten es eng als Berater oder durch politische und durch Verbandsarbeit. Ihre Beiträge verbinden sich zu einem aktuellen Gesamtbild des Beitrags deutscher NGOs zur Lösung der großen humanitären Herausforderungen unserer Zeit.
Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung - Lösungsbeiträge des deutschen NGO-SektorsWohlstand für alle? – Wirtschaft im Dienst von Humanitärer Hilfe und EntwicklungszusammenarbeitFür einen humanitären Paradigmenwechsel – Neue Partnerschaften von NGOs, mit Unternehmen, in der ZivilgesellschaftZwischen allen Fronten - Migration und Flucht als humanitäre HerausforderungFür die Ärmsten der Armen - Die Würde des Menschen im MittelpunktMacht und Ohnmacht internationaler NGOs – Smart Power oder Shrinking Spaces?

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Soft Power von NGOs in der humanitären Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit

Zusammenfassung
Weltpolitik gestaltet sich heute immer stärker im Spannungsfeld zwischen drei Akteursgruppen aus: Nationalstaaten und deren supranationalen Institutionen; globalen, zunehmend ohne ausgeprägte Heimatbindung agierenden Unternehmungen; und einflussreichen internationalen Nichtregierungsorganisationen (NROs oder Non-Governmental Organisations, NGOs). Im Zusammen- und Gegeneinanderspiel dieser Akteure entwickeln sich die Interpretationsraster („framing“), Agenden („agenda setting“) und Entscheidungen („decision making“) der Weltgemeinschaft. Obwohl NGOs anders als Regierungen und Unternehmen nicht über Militär und Milliarden zur Durchsetzung ihrer Interessen verfügen können, bringen auch sie sich in diese – durchaus komplexen, zähen, unvorhersehbaren – Prozesse mit Macht und Durchschlagskraft ein. Was ihnen an Hard Power fehlt, kompensieren sie teilweise durch ihre Soft Power. Der Beitrag geht Quellen, Formen und Auswirkungen dieser weichen Macht internationaler NGOs nach. Daraus leitet er Kriterien einer Soft Power-Strategie für NGOs und schließlich Schlüsselfragen in Form einer „Checkliste“ ab. Die ethische Maxime des Beitrags: Internationale NGOs können ihre Soft Power nicht einfach als unbeabsichtigte Nebenwirkung weltpolitischer Entwicklungen und ihres Mandats hinnehmen. Aus Macht folgt Verantwortung. Können die NGOs sie nutzen, um die Welt ein Stück „demokratischer“ und „gerechter“ zu machen?
Michael Heuser, Tarek Abdelalem

Die Würde des Menschen in den Mittelpunkt stellen. – Die Perspektive „Mensch“.

Frontmatter

Warum Bildung nicht warten darf – die Relevanz von Bildung in humanitären Krisen

Zusammenfassung
Bildung war in der humanitären Hilfe lange ein Sektor, der nur wenig Beachtung fand, obwohl sie zu den Menschenrechten zählt und mit der Kinderrechtskonvention von 1989 als eines der grundlegenden Kinderrechte in ihrer Bedeutung bestätigt wurde. Während in den 1990er Jahren im humanitären Bereich zunächst das Augenmerk auf eher logistischen Fragen von Bildung lag, hat sich die Debatte im Laufe der 2000er verbreitert und ist grundsätzlicher geworden. Zunächst bestimmten Ansätze wie emergency education mit einem eher technokratischen Bildungsverständnis und die Entwicklung sogenannter education kits den Diskurs. Heute liegt Bildungsinterventionen während und nach Katastrophen oftmals ein umfassender Bildungsbegriff zugrunde. Abgesehen von verschiedenen Formen von Bildung (formale, non-formale Bildung, Grundbildung, life skills, berufliche Qualifikation) berücksichtigen gegenwärtige Konzepte viele verschiedene Aspekte von Bildung. Das gilt besonders für langwierige Krisen, die Flucht und Migration triggern und in denen Bildung für die Zukunft von Kindern und Jugendlichen eine elementare Bedeutung hat. Neben der Konzeptualisierung von Bildung als lebensrettend oder -erhaltend haben die Ergebnisse des Weltgipfels für humanitäre Hilfe 2016 und die Migrations- und Fluchtbewegungen der letzten Jahre dazu beigetragen, dass der Stellenwert von Bildungsangeboten im Rahmen humanitärer Hilfe zugenommen hat. Diese Entwicklung drückt sich in dem gestiegenen Mittelvolumen für Bildung in humanitären Krisen und globalen Initiativen wie Education Cannot Wait aus – der Bedarf ist aber bisher bei weitem nicht gedeckt.
Carsten Montag, Christine Idems

Eine menschenrechtliche Verpflichtung: Inklusion in der Entwicklungszusammenarbeit und in der humanitären Hilfe

Zusammenfassung
Weltweit leben rund eine Milliarde Menschen mit Behinderungen, die meisten von ihnen in Entwicklungsländern. Obwohl sie überproportional stark von Armut bedroht sind, sind Menschen mit Behinderungen häufig von Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe – oftmals ungewollt – ausgeschlossen. In den vergangenen Jahren waren nur etwas mehr als 1 % der deutschen staatlichen Entwicklungsprojekte nachweisbar inklusiv. Eine solche Diskriminierung besonders vernachlässigter Menschen ist moralisch falsch und hat negative wirtschaftliche Folgen. Vor allem: Wer Menschen mit Behinderungen ausgrenzt, verstößt gegen grundlegende menschenrechtliche Verpflichtungen. Die UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet die Vertragsstaaten und alle Implementierungsorganisationen, die Menschenrechte ernst nehmen, dafür zu sorgen, dass Menschen mit Behinderungen in alle internationalen Entwicklungsprogramme und humanitären Maßnahmen bei Naturkatastrophen und Konflikten einbezogen werden. Die 2030-Agenda für nachhaltige Entwicklung verfolgt den Leitsatz, niemanden zurückzulassen, und benennt klare Entwicklungsziele explizit auch für Menschen mit Behinderungen. Inklusion verbessert nicht nur das Leben jedes einzelnen Betroffenen, sondern wirkt sich auch positiv auf die wirtschaftliche Lage einer Gemeinschaft und eines Staates aus. Wie Menschen mit Behinderungen durch Maßnahmen der Entwicklungszusammenarbeit und der humanitären Hilfe erreicht werden können, zeigen erfolgreiche Beispiele aus der Praxis. Diese dürfen jedoch kein Einzelfall bleiben: Inklusion muss eine menschenrechtlich gebotene Querschnittsaufgabe werden. Das gilt für die Politik genauso wie für die Zivilgesellschaft.
Rainer Brockhaus, Esther Dopheide

Die Ärmsten der Armen im Fokus – Die Forschung und Entwicklung von Medikamenten als Werkzeug humanitärer Hilfe

Zusammenfassung
Millionen Menschen leiden weltweit, weil ihnen der Zugang zu ausreichender Gesundheitsversorgung verwehrt wird oder weil die Impfstoffe, Diagnostika und Medikamente, die sie benötigen, nicht entwickelt werden. Dieser Beitrag erklärt anhand konkreter Beispiel aus den Projekten von Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF), wie herkömmliche, zumeist marktbasierte Mechanismen der Forschung und Entwicklung von Diagnostika und Medikamenten die Bedürfnisse der ärmsten Patient*innen vernachlässigen. Basierend auf den Erfahrungen von Ärzte ohne Grenzen in den Einsatzländern und der Arbeit der MSF-Medikamentenkampagne plädiert der Artikel dafür, dass sich die Bundesregierung und deutsche humanitäre Akteure aktiv mit den politischen und wirtschaftlichen Gründen für die Vernachlässigung der gesundheitlichen Bedürfnisse der vulnerabelsten Menschen befassen.
Florian Westphal, Marco Alves

Lebensgrundlagen bewahren. – Die Perspektive „Planet“.

Frontmatter

Agrarindustrie oder Bauern: Wer ernährt die Welt?

Zusammenfassung
Das heutige Ernährungssystem ist weder nachhaltig, noch ernährt es die Welt; fast 3 Mrd. Menschen sind unter- oder mangelernährt. Es ist ökologisch nicht nachhaltig und führt zu immer mehr Bodendegradation, Entwaldung und Klimawandel. Vor allem die EU und die USA haben mit immer mehr Handelsabkommen die Globalisierung der Agrarmärkte vorangetrieben. Preise bilden sich auf Weltmärkten statt auf regionalen Märkten, globale Agrarkonzerne handeln mit immer größeren Mengen an Agrarprodukten auf Weltmärkten, die es noch vor wenigen Jahrzehnten gar nicht gab. Als Konsequenz der globalen Konkurrenz aller gegen alle setzen sich industrialisierte Produktionsformen („Grüne Revolution“) durch, die die bäuerliche Landwirtschaft sowohl im Norden wie im Süden verdrängen und die natürlichen Ressourcen übernutzen. Die Globalisierung der Landwirtschaft hat zwar wenigen marktbeherrschenden multinationalen Konzernen genutzt; aber für die bäuerliche Landwirtschaft, die zwei Drittel der Menschheit ernährt, ist die Globalisierung der Agrarmärkte wirtschaftlich katastrophal. Nötig ist ein Kurswechsel hin zu agrarökologischen Methoden, die nicht das Maximum sondern das Optimum produziert und auch den ländlichen Regionen wieder Zukunftsperspektiven gibt.
Jürgen Maier

Wohlstand für alle erreichen. – Die Perspektive „Globale Wirtschaft“.

Frontmatter

Ein am Menschen ausgerichtetes Wirtschaftssystem

Zusammenfassung
Oxfams zentrales Ziel ist eine gerechte Welt ohne Armut. Zu unserer Arbeit und unserem Selbstverständnis gehört es, Menschen darin zu unterstützen, ihre Rechte wahrzunehmen. Daher wollen wir strukturellen Ursachen von Ungleichheit auf den Grund gehen, um diese zu verändern. Die Konsequenz ist ein am Menschen ausgerichtetes Wirtschaftssystem, das systematisch und strukturell einen Beitrag zu einer gerechten Welt leistet. Zentral für diese Wirtschaftsordnung sind die Gewährung sozialer Rechte und die Befriedigung von Bedürfnissen aller Menschen sowie die Einhaltung der planetaren Grenzen. In anderen Worten: Zu einer gerechten Welt ohne Armut gehört das gute Leben für alle statt eines Lebens auf Kosten anderer, und dies hat viel mit unserem Wirtschaftssystem zu tun. Derzeit steht die Welt vor einer dreifachen Krise: einer sozialen, einer ökologischen und einer demokratischen. Diese massiven Herausforderungen zeigen uns, dass wir unsere Art zu wirtschaften sowohl im Inland als auch weltweit verändern müssen. Doch was muss sich ändern, damit wir alle jetzt und in Zukunft ein gutes Leben führen können? Wie kann Arbeit neu gedacht und verteilt werden? Was muss jeder Einzelne tun, um zu einer am Menschen orientierten Wirtschaft beizutragen?
Marion Lieser

„Know Your Customer“ – Wie Digitalisierung humanitäre Hilfe verändert

Zusammenfassung
Die einen sprechen von Digitalisierung, die anderen von der vierten industriellen Revolution. Da ist die Rede von Gig-Economy oder Plattformwirtschaft. In diesem Beitrag geht es um die Auswirkungen der Digitalisierung auf die einzelnen Hilfsempfänger*innen in einer akuten Notsituation. Wie werden sie identifiziert und sichergestellt, dass Hilfsleistungen nur an eine bestimmte Person oder einen bestimmten Haushalt gehen? Was bedeuten Datenkompetenz, Algorithmen und statistische Modelrechnungen für die Projektplanung und -abwicklung? Ist das Konzept der digitalen Identität die Basis der digitalen Transformation im humanitären Bereich oder lediglich das Einfallstor für privatwirtschaftliche Akteure und/oder Überwachungsinstitutionen, die andere als humanitäre Absichten hegen?
Die Autoren versuchen sich an einem Plädoyer, die technologischen Entwicklungen zu verstehen, ihre Relevanz einzuschätzen, ohne aber in dystopischen Determinismus oder Fatalismus zu verfallen. Der digitale Wandel im humanitären Bereich kann gemeinsam mit den Betroffenen und Hilfsempfänger*innen gestaltet werden. Dazu ist es notwendig, dass jede Hilfsorganisation für sich, und alle gemeinsam, die vielfach bereits ausgearbeiteten Prinzipen für eine am Menschen ausgerichteten Digitalisierung in ihrer praktischen Arbeit umsetzen. Auch für digitale Abläufe gilt als Minimum: „do no harm“. Aber darüber hinaus gilt es bei jedem Hilfsprogramm sicherzustellen, dass die Planung alle Folgen abschätzt; die Abwicklung das Recht zur Beschwerde einschließt; die Innenrevision mit digitaler Kompetenz ausgestattet ist; und Monitoring und Evaluation eine Gegensteuerung zulassen.
Karl Steinacker, Volker Schimmel

Praktische Umsetzung des Core Humanitarian Standard on Quality and Accountability (CHS)

Zusammenfassung
Der Humanitäre Grundstandard für Qualität und Rechenschaftspflicht (Core Humanitarian Standard on Quality and Accountability, CHS) ist ein unmittelbares Ergebnis der Initiative zur Entwicklung gemeinsamer Standards(Joint Standards Initiative, JSI), zu der sich Humanitarian Accountability Partnership (HAP), People In Aid und Sphere Project zusammengeschlossen haben, um Anwendern humanitärer Standards ein einheitlicheres Vorgehen zu ermöglichen. Der CHS legt für die in der humanitären Arbeit tätigen Organisationen und Einzelpersonen neun Verpflichtungen fest, mit denen sie die Qualität und Wirksamkeit der von ihnen bereitgestellten Hilfe verbessern können. Er bewirkt zudem eine Stärkung der Rechenschaftspflichten gegenüber den von Katastrophen betroffenen Menschen und Bevölkerungsgruppen: Wenn diese wissen, wozu sich humanitäre Organisationen verpflichtet haben, können sie diese Organisationen besser zur Verantwortung ziehen. Der Autor hat die praktische Umsetzung des CHS bei Islamic Relief Deutschland im Jahr 2019 verantwortet und schildert in seinem Beitrag deren organisatorischen und inhaltlichen Rahmen.
Mahmoud Almadhoun

Friedliche und sichere Gesellschaften ermöglichen. – Die Perspektive „Frieden“.

Frontmatter

UNO-Flüchtlingshilfe – Kommunikation für eine solidarische Gesellschaft

Zusammenfassung
Die Frage, wer mit wem eigentlich noch solidarisch ist, begegnet uns immer wieder aufs Neue. Mit dem rasanten Wandel unserer Welt sind auch die wechselseitigen Abhängigkeiten gewachsen. Was am anderen Ende der Erde passiert, betrifft uns auf einmal ganz persönlich. Das hat uns der außerordentliche Zuzug von Geflüchteten in den Jahren 2015 und 2016 deutlich vor Augen geführt. Klar ist: Die zentrale Herausforderung spielt sich nicht bei uns ab.   80 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht vor Konflikten, Verfolgung oder Menschenrechtsverletzungen. Die Nachbarländer der Herkunftsstaaten, viele von ihnen besitzen ein niedriges bis mittleres volkswirtschaftliches Einkommen, werden bis auf das Äußerste beansprucht. Dieser Beitrag soll zentrale Herausforderungen im Kontext von Flucht und Vertreibung skizzieren und Perspektiven aufzeigen. Dabei werden der globale Pakt für Flüchtlinge und die Rolle der UNO-Flüchtlingshilfe als nationaler Partner des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, UNHCR, genauer in den Fokus genommen. Eine erfolgreiche Mobilisierung der Zivilgesellschaft – lokal, regional, national, international – erfordert neue Strategien und Narrative als Teil einer integrierten Kommunikation zugunsten eines gesamtgesellschaftlichen Ansatzes für Menschen auf der Flucht.
Peter Ruhenstroth-Bauer

Migration und Flucht als humanitäre Herausforderungen

Zusammenfassung
Heute sind über 70 Mio. Menschen auf der Flucht vor Krieg, politischer Gewalt und Verfolgung. Die Mehrheit dieser Menschen – rund 40 Mio. – bleibt dabei als Binnenvertriebene im eigenen Land. Zusätzlich verlassen jedes Jahr viele Millionen Menschen ihre Heimat wegen Armut, Hunger, den Folgen des Klimawandels oder Umweltkatastrophen oder weil sie sich an einem anderen Ort eine bessere wirtschaftliche Ausgangsbedingung und mehr Chancen für die persönliche und berufliche Weiterentwicklung versprechen. Der erste Teil dieses Beitrages widmet sich einer Klärung der Begrifflichkeiten, stellt die aktuelle weltweite Situation im Bereich Migration, Flucht und Vertreibung dar und beschreibt die rechtliche Situation. Im Weiteren wird auf die Herausforderungen für humanitäre HelferInnen und Organisationen eingegangen. Oftmals handelt es sich um Herausforderungen, die sich nicht nur im Bereich Migration, Flucht und Vertreibung spiegeln, sondern auch im gesamten humanitären Feld. Diese humanitären Herausforderungen werden an Beispielen aus der Arbeit von Caritas international, dem Not- und Katastrophenhilfswerk des Deutschen Caritasverbandes, dargestellt und anhand von zwei Länder- bzw. Regionalbeispielen beleuchtet. Der Artikel geht dabei sowohl auf aktuelle Fluchtbewegungen als auch auf die schwierige Situation von Binnenvertriebenen ein, deren Schicksal wenig Beachtung im öffentlichen Diskurs findet. Im Ausblick werden verschiedene Handlungsempfehlungen gegeben.
Oliver Müller

Junge Frauen stärken, Jugendliche beteiligen – Krisenbewältigung und Friedensförderung in der Region um den Tschadsee

Zusammenfassung
Seit 2008 spielt sich in der Tschadsee-Region im Westen Afrikas eine der größten humanitären Katastrophen ab. Der brutale Bürgerkrieg hat mehr als 2,4 Mio. Menschen in die Flucht getrieben, die Hälfte davon Kinder. Leidtragende sind neben den Mädchen und Jungen vor allem Frauen, die die Terrormiliz Boko Haram systematisch entführt, zwangsverheiratet und als Selbstmordattentäterinnen missbraucht. Für internationale Schlagzeilen sorgte die Entführung von 276 Schülerinnen im nordnigerianischen Chibok. Ein Teil der Chibok-Mädchen wurde befreit, aber andere gleichfalls misshandelte Mädchen sind sich selbst überlassen (Kap. 1 und 2). Die überproportionale Auswirkung auf Mädchen und Frauen ist ein Spiegelbild des traditionellen Geschlechterbildes in der Region. Langfristige Lösungen müssen deswegen vor allem hier ansetzen und die Stärkung sowie die Beteiligung von Frauen und Jugendlichen in den Mittelpunkt stellen. Das Kinderhilfswerk Plan International hat ein länderübergreifendes Programm in Niger, Nigeria und Kamerun umgesetzt, das vor allem Kinder und Jugendliche sowie von Gewalt betroffene junge Frauen im Fokus hat. Das Programm bietet Lösungen zur Krisenbewältigung, die über den humanitären Ansatz hinausgehen (Kap. 3). Auf Konferenzen der Geberländer in Berlin 2018 und Oslo 2017 rückte die Weltgemeinschaft ebenfalls die Situation der Frauen in den Mittelpunkt (Kap. 4). Wie die politische Teilhabe von Frauen und jungen Mädchen gestärkt werden kann, beschreibt Kap. 5 am Beispiel Kanadas.
Maike Röttger, Eli Hamacher

Sanktionen und Anti-Terror-Maßnahmen: Humanitäre Hilfe unter Stress

Zusammenfassung
Humanitäre Organisationen sind bei ihrer Arbeit in den Einsatz- und Projektgebieten vielfach extremem Druck auch politischer, wirtschaftlicher und generell nicht-humanitärer Interessen ausgesetzt. Seit ungefähr zwei Jahrzehnten und spätestens seit dem 11. September 2001 gehören hierzu auch Sanktionen und Maßnahmen zur Bekämpfung und Prävention terroristischer Entwicklungen. Sei es auch noch so gerechtfertigt, erschwert doch das außenwirtschaftliche und außenpolitische Arsenal von Staaten und Staatengemeinschaften wie der Vereinten Nationen und der Europäische Union die Arbeit der humanitären Organisationen massiv. Diese Wirkung wird dadurch verstärkt, dass die Organisationen selbst, ihre (Geld-)Geber, kommerzielle Dienstleister (wie z. B. Banken) und weitere Stakeholder der humanitären Hilfe aus Sorge vor Konsequenzen präventiv vorsichtiger agieren als erforderlich. Das beschwört die Gefahr herauf, dass humanitäre Hilfe nicht mehr dort ankommt, wo sie am nötigsten ist, sondern nur noch dort, wo sie möglich ist. Die humanitären Prinzipien der Unparteilichkeit und der Neutralität werden untergraben, wenn die humanitäre Agenda der Welt eine politische Färbung erfährt. Das Mandat des humanitären Sektors gerät unter Dauerstress.
Karin Settele

(Neue) Zusammenarbeit forcieren. – Die Perspektive „Partnerschaft“.

Frontmatter

Neue Partnerschaften für einen Humanitären Paradigmenwechsel

Zusammenfassung
Die reaktive humanitäre Hilfe darf nur das letzte Mittel der Wahl sein, um Menschen zu unterstützen. Vorausschauende humanitäre Hilfe ist das Gebot der Stunde und der Zukunft. Stärkung von Resilienzen, Antizipieren von Krisen, Frühwarnung und frühzeitiges Handeln sowie eine gründliche Katastrophenvorsoge- und Nothilfeplanung sind die Leitprinzipien eines Humanitären Paradigmenwechsel. Hierdurch können Verluste und Schäden minimiert oder vermieden werden. Zur Erreichung dieses Humanitären Paradigmenwechsels bedarf es der Bündelung verschiedenster Kompetenzen sowie konzertierter Anstrengungen. Entsprechend wichtig sind eine innovative, agile und antizipierende humanitäre Akteurs-Landschaft sowie die Stärkung komplementärer Partnerschaften aus Nothilfe, Entwicklung, Wissenschaft, Verwaltung und Wirtschaft, sowohl auf internationaler als auch auf nationaler und lokaler Ebene. Der folgende Beitrag beleuchtet an Beispielen des lokalen, nationalen und internationalen Engagements der Welthungerhilfe, welche Netzwerke, Partnerschaften innerhalb der humanitären NROs und weiterer Akteure in den letzten Jahren entstanden sind und im Sinne des Humanitären Paradigmenwechsels arbeiten. Welche komparativen Vorteile sie bieten. Und welche Herausforderungen diese Partnerschaften an die beteiligten Akteure stellen. In diesem Sinne zeigt der Beitrag Potenziale auf und adressiert: Neue Partner – Neue Initiativen – Neue Interessen.
Mathias Mogge, Bärbel Mosebach, Normann Steinmaier

Zivilgesellschaftliche Partnerschaft als Aufgabe und Herausforderung der Humanitären Hilfe

Zusammenfassung
Die Diakonie Katastrophenhilfe unterstützt Menschen durch Humanitäre Hilfe weitgehend nicht in eigener Operationalität, sondern in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren der Zivilgesellschaft in den jeweiligen Ländern. Diese Partnerschaft in der Humanitären Hilfe ist für uns Aufgabe und Herausforderung zugleich ist. Sie ist Aufgabe, nicht nur, weil sie Humanitäre Hilfe effektiver machen kann, sondern weil sie Ausdruck einer gemeinschaftlich getragenen globalen Verantwortung und Solidarität im Einsatz für Menschlichkeit ist. Sie ist Herausforderung, weil sie aufgrund historisch gewachsener struktureller Ungleichheiten, Ziel- und Wertkonflikte nicht ohne Weiteres funktionieren kann. Basierend auf einem Verständnis von Partnerschaft, über die wir Ziele gemeinsam entwickeln und erreichen wollen, helfen konkrete Mechanismen und Werkzeuge, wie Kapazitätsaufbau, flexible und institutionelle Mittel, regelmäßige strategische Konsultationsprozesse auf Augenhöhe und andere, der Aufgabe „Partnerschaft“ gerecht zu werden.
Cornelia Füllkrug-Weitzel

Aktion Deutschland Hilft: Vorausschauende humanitäre Hilfe

Zusammenfassung
Der Beitrag setzt sich mit dem Thema vorausschauende humanitärer Hilfe am Beispiel des Bündnisses Aktion Deutschland Hilft auseinander. Dazu wird im ersten Schritt kurz auf den Status quo des gegenwärtigen internationalen Systems der humanitären Hilfe eingegangen. Daran anknüpfend wird ein Überblick zu aktuellen und zukünftigen Herausforderungen, vor denen die internationale humanitäre Hilfe steht, gegeben und diskutiert, warum eine vorausschauende humanitäre Hilfe ein zentrales Element für mehr Effektivität und Effizienz sein kann. In Form einer Reflexion und aus aktuellen Anwendungsbereichen werden anschließend mögliche Komponenten aufgezeigt, die einer vorausschauenden humanitären Hilfe zugrunde liegen können bzw. als integrale Bestandteile enthalten sein sollten. Schließlich werden diese Bausteine mit praktischen Maßnahmen und aktuellen Beispielen von Organisationen des Bündnisses Aktion Deutschland Hilft ergänzt.
Manuela Roßbach, Markus Moke, Sabrina Kahn

Unternehmenskooperationen in der Entwicklungszusammenarbeit und Humanitären Hilfe – Beispiele von action medeor

Zusammenfassung
Es kann der Aussage vom Verband Entwicklungspolitik und Humanitärer Hilfe deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO) zugestimmt werden, in der es heißt, dass freiwilliges Engagement von Unternehmen „die Entwicklung von legal verpflichtenden Instrumenten zur Regulierung ihrer Tätigkeit und zur Verhinderung von Menschenrechtsverletzungen nicht ersetzen“ sollte (VENRO 2018). Ein konstruktives Miteinander der Akteure Zivilgesellschaft, Politik, Wissenschaft und Privatwirtschaft nicht zuletzt im Sinne des 17. Nachhaltigkeitszieles („Partnerschaften zur Erreichung der Ziele“) kann die Lebensbedingungen von Menschen jedoch durchaus verbessern. Dies schließt Interessensunterschiede und Konflikte in der Kooperation mit Unternehmen im Einzelfall nicht aus. Im Beitrag werden zwei konkrete Projekte der Zusammenarbeit von action medeor vorgestellt: die überregionalen Partnerschaft mit der international agierenden Jungheinrich AG (www.​jungheinrich.​com) aus Hamburg, einem führenden Lösungsanbieter für Intralogistik, sowie die Kooperation mit einem regionalen Netzwerk der „Unternehmer-Initiative Niederrhein für action medeor“ (www.​ui-niederrhein.​de), einem Zusammenschluss von 25 mittelständischen Unternehmen beheimatet zwischen Kempen, Grefrath, Krefeld, Düsseldorf und Mönchengladbach. Es ist sinnvoll, dass eine Nichtregierungsorganisation (NRO) auf der Grundlage ihrer eigenen Mission, ihrer Wertevorstellungen und ihrer Ziele die eigene Positionierung zu Unternehmen definiert, bevor Kooperationen mit Unternehmen entwickelt werden.
Bernd Pastors, Tom Faust

Kultur und Entwicklung in wechselseitiger Abhängigkeit. – Die Perspektive „Werte“.

Frontmatter

Gibt es einen „Weltethos“ zur nachhaltigen Entwicklung der Menschheit?

Zusammenfassung
Nicht wenige Gesellschaftsanalytiker und Soziologen sprechen von der „Rückkehr der Religiosität“. Das ist eine streitbare These. Unbestritten ist die Tatsache, dass in allen Gesellschaften ethisches Handeln auch in religiös motivierten Haltungen zu finden ist. Wie aber kann ein Ethos Geltung erlangen, der zur friedlichen und gerechten Entwicklung der Menschheit beiträgt? In diesem Beitrag soll darüber nachgedacht werden, welche Merkmale ein allgemeiner „Weltethos“ haben müsste, um in der Entwicklungszusammenarbeit und der Humanitären Hilfe eine konstruktive Ressource für die tägliche Arbeit der Nichtregierungsorganisationen in vulnerablen Kontexten zugänglich zu machen.
Christian Molke

Religion und Glaube und Agenda 2030 – Der Projektansatz Channels of Hope von World Vision

Zusammenfassung
Was hat das Thema Religion eigentlich mit Entwicklungszusammenarbeit oder Nothilfe zu tun?
Diese Frage hören wir in unserer Arbeit immer wieder. Eine der Antworten ist, dass unsere christliche Identität die Hauptmotivation ist, Menschen in Not zu helfen. Zum anderen gibt es aber auch viele weitere Argumente, die beiden Themen zusammen zu betrachten. Religion vermittelt Werte und Maßstäbe, nach denen wir auf dieser Welt unser Leben gestalten. Werte, die uns verbinden, weil sie immer die Würde jedes Einzelnen, Toleranz, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit, Frieden zwischen den Menschen zu Hause und zwischen Völkern und Kulturen im Blick haben. Religion und Religionsgemeinschaften, gleich welcher Herkunft und Tradition, eint ein großes gemeinsames Ziel: Das friedliche Zusammenleben der Menschen. Und tatsächlich gibt es ungezählte Beispiele für das konstruktive Einwirken in Krisen- und Konfliktsituationen durch Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Religionen. Religionsvertreter haben oft ein gutes Gespür für Entwicklungen in ihrem Land und beeinflussen diese an vielen Stellen. Die Strukturen der Religionsgemeinschaften reichen häufig bis in die entlegensten Orte, und ihre Stimme wird gerade auch dort gehört. Als überkonfessionelle christliche weltweit tätige Organisation ist World Vision der festen Ansicht, dass es wichtig ist, religiöse Akteure in die tägliche Arbeit einzubeziehen. Wir arbeiten eng mit Organisationen des Islam und anderer Glaubensrichtungen zusammen und nehmen damit eine Brückenbauerfunktion ein. Der Beitrag erläutert den Ansatz Channels of Hope von World Vision und seine Umsetzung in konkreten Projekten in Burundi, Uganda, Sierra Leone und Osttimor.
Christoph Waffenschmidt, Kathrin Sommer

Populismus und Humanitäre Hilfe – Das Spielfeld ändert sich

Zusammenfassung
Der Beitrag beschreibt Wandel von Ansichten oder sogar Erosion von Werten als Einflussfaktor für die Arbeit humanitärer Akteure und zeigt mögliche Tendenzen auf. Hier handelt es sich um ein wenig analysiertes Phänomen, welches für die Zukunft einer globalen Solidargemeinschaft von ausschlaggebender Bedeutung werden kann. Humanitäre Akteure müssen diese Entwicklungen ernst nehmen und Wege finden, diese (in Partnerschaften) zu adressieren. Notwendig scheinen unter anderem: Reflektionen über die eigene Arbeit, Kommunikation, Umgang mit der Bevölkerung, Unterstützern und Partnern; inklusive und innovative Ansätze um das Wohlergehen derjenigen zu gewährleisten, die von immer komplexeren Krisen und veränderter Wahrnehmung betroffen sind; stärkere Verortung der humanitären Arbeit in gesellschaftlichen Debatten und Entwicklungen – von Zuwanderung bis Digitalisierung. Der Artikel exploriert, welche neuen Herausforderungen durch populistische Tendenzen auf die Humanitäre Hilfe zukommen und welche Chancen durch schon sichtbare gesellschaftliche Gegenbewegungen entstehen.
Wolfgang Jamann

Shrinking Civic Space? – Warum Zivilgesellschaft und Humanitäre Hilfe unter Druck stehen

Zusammenfassung
Shrinking Humanitarian Space: Unter diesem Obergriff wird die zunehmende Einschränkung oder Bedrängung von prinzipiengeleiteter humanitärer Hilfe zusammengefasst. Verstärkt berichten humanitäre Organisationen, dass bürokratische Hürden, Defamierungs- und Delegetimisierungskampagnen oder Kriminalisierung von Hilfe und Helfer*innen ihre Arbeit erschweren oder verhindern. Besonders deutlich wird dies beim Thema Migration, sowohl auf dem Mittelmeer bei der Rettung Schiffbrüchiger, wie auch an Land etwa in den Flüchtlingscamps an den EU-Außengrenzen. Der shrinking humanitarian space ordnet sich in einen breiteren Diskurs um einen shrinking civic space ein, denn nicht nur humanitäre, entwicklungspolitische und menschenrechtsorientierte Organisationen sind von den Beschränkungen betroffen, sondern der gesamte bürgerschaftliche Raum, im globalen Norden ebenso wie im Süden. Exemplarisch werden die Einschränkungen und Ausweitungen des Handlungsraumes für die Themenfelder Terrorbekämpfung und Seenotrettung genauer untersucht, da hier das Spannungsverhältnis zwischen Staat und Zivilgesellschaft besonders deutlich und die Herausforderungen für zivilgesellschaftliche Organisationen besonders sichtbar sind.
Sonja Hövelmann, Rupert Graf Strachwitz

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