Skip to main content
main-content

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Einführung: Internationale Politik-Phänomen und Begriff

Auszug
Politik ist die Regelung öffentlicher Angelegenheiten mit dem Anspruch auf Verbindlichkeit. So kann man den Begriff im Anschluss an das Vorständnis des gemeinen Alltagsverstandes (common sense), aber auch an politikwissenschaftlich-fachliche Überlegungen, die darauf aufbauen, definieren. Aus fachlicher Perspektive ist es sinnvoll, drei Merkmale dieser Definition näher zu erläutern. Zunächst zu den öffentlichen Angelegenheiten. Öffentlich steht hier im Gegensatz zu privat, nicht geheim. Was öffentlich ist und was privat, und vor allem: was öffentlich - oder privat - sein sollte, liegt nicht ein für alle Mal fest. Vielmehr ist die Entscheidung darüber selbst eine politische, ein Politikum. Öffentlich meint jedenfalls, dass eine Gesamtheit von Menschen, ein politisches Gemeinwesen, um einen etwas antiquierten Ausdruck zu gebrauchen, betroffen ist. Oft ist dies heute ein Staat bzw. seine Bevölkerung. Es kann jedoch auch eine Stadt sein (Kommunalpolitik) oder ein politischer Raum zwischen und jenseits von Staaten (internationale Politik - zu der wir sogleich kommen). Vorsichtig ist in der Definition auch nur vom Anspruch auf Verbindlichkeit die Rede. Ob nämlich eine politische Entscheidung als verbindlich hingenommen wird, und warum, aus welchen Gründen, das sind offene, nur durch Erfahrung bzw. erfahrungswissenschaftliche Methoden, also empirisch, zu klärende Fragen. Und warum, unter welchen Bedingungen, sie hingenommen werden sollte, ist eine klassische Frage der politischen Philosophie. Von einer Regelung ohne jeglichen Anspruch auf Verbindlichkeit ist entweder fraglich, ob es sich überhaupt um eine Regelung handelt (denn was ist geregelt, wenn niemand einer Entscheidung Verbindlichkeit beimisst?).

2. Forschungsprogramme der Internationalen Politik und das Verhältnis von Theorie und Praxis

Auszug
Bei den Ausführungen zu den Grundstrukturen des internationalen Systems (Kap.1) ist wohl schon deutlich geworden, dass es durchaus unterschiedliche Grundauffassungen davon gibt, was internatioale Politik ‘eigentlich’ ist. Wir haben auch schon gesagt, dass, soweit es dabei nur um die Festlegung von Wortbedeutungen geht, dies Fragen der für jeweilige Zwecke angemessenen Konvention, nicht von wahr oder falsch sind. Deshalb auch die Anführungszeichen um das ’eigentlich’. Bei den in diesem Kapitel darzustellenden unterschiedlichen Grundauffassungen geht es jedoch um mehr als nur unterschiedliche Begriffsbestimmungen. Es geht um unterschiedliche fachliche Vor-Verständnisse, sowohl von internationaler Politik (als Untersuchungsgegenstand) als auch davon, wie Internationale Politik (als politikwissenschaftliche Teildisziplin) zu betreiben sei.1 Dafür hat sich in der Disziplin der Internationalen Politik in Deutschland die Bezeichnung Groβ-Theorien eingebürgert. Dabei ist dann aber die Betonung auf ”Groβ” zu legen, denn anders als bei ’normalen’ Theorien, die auf die abstrahierende Erklärung konkreter Phänomene zielen (etwa Theorien des Wettrüstens: warum erfolgt es?), geht es bei den Groβ-Theorien um die Herangehensweise ’ans Ganze’ der internationalen Politik, darum wie sie verstanden, erfasst, erklärt werden soll - und auch zu welchem Zweck dies geschehen soll. Auffassungen zum Sachbereich der internationalen Politik gehen in das Vorverständnis der Groβ-Theorien also ebenso ein wie Auffassungen über die Rolle von (Sozial-)Wissenschaft im allgemeinen.

3. Staat und Staatensystem-Ko-Evolution und Ambivalenz

Auszug
In der Geschichte der Menschheit hat es ganz unterschiedliche Formen der politischen Organisation von Gesellschaften gegeben. Horden, also Kleingruppen, und Stämme, oft bereits gröβer und zum Teil mit schon komplexer politischer Organisation, gehören zu den frühesten Formen politischer Organisation, die sich zum Teil ja bis heute erhalten haben. Oft jedoch wurden sie von vormodernen Staaten verdrängt oder in diese einverleibt. Diese vormodernen Staaten, sei es in Gestalt von Stadtstaaten wie in der klassischen Antike Griechenlands, sei es in Gestalt von Reichen wie dem Römischen, haben in vieler Hinsicht auch die moderne politische Welt gedanklich und institutionell geprägt. Dies rechtfertigt es, einen abstrakten Begriff ”Staat” für alle diese politischen Formen zu verwenden. Natürlich unterhielten die vormodernen Staaten auch Beziehungen zueinander, also - in ebenso abstraktem Sinne - internationale Beziehungen. Aus der wiederum ganz andersartigen Organisation der Gesellschaft im europäischen Mittelalter entwickelte sich die spezifisch moderne Form von Gesellschaft und politischer Organisation. Soziologen sprechen von der Herausbildung einer unter anderem in die Bereiche privater Wirtschaft und öffentlicher Politik ausdifferenzierten Gesellschaft. Die Form der politischen Organisation dieser differenzierten Gesellschaft wurde, zunächst durchaus in Konkurrenz zu anderen Formen politischer Organisation wie Stadtstaaten (wie Florenz und Venedig) oder Städtebünden (wie der Hanse)1, der moderne Staat. Seine Entwicklung war nicht nur mit der der privaten, kapitalistischen Wirtschaft verbunden.

4. Konfliktkonstellationen des internationalen Systems I: Der Ost-West-Konflikt

Auszug
Konflikt ist in der sozialen Welt und zumal im Bereich der Politik ein allenthalben anzutreffendes Phänomen und daher auch ein Grund-Konzept der Sozialwiss nschaften (vergleichbar den Konzepten Macht, Interesse u.a.). Dabei ist jedoch wichtig, dass Konflikt in der sozialwissenschaftlichen Konflikanalyse nicht gleichzusetzen ist mit Gewalt. Dies muss insbesondere für den Bereich der internationalen Politik betont werden, denn alltagssprachlich wird hier Konflikt oft synonym zur gewaltsamen Form des Konfliktaustrags, etwa Krieg, gebraucht. Demgegenüber ist in der sozialwissenschaftlichen Konfliktanalyse die Unterscheidung von Konflikt einerseits, Formen des Konfliktaustrags, insbesondere friedlichen und gewaltsamen, andererseits von zentraler Bedeutung. Was aber ist dann Konflikt? Ganz abstrakt gesehen: eine unvereinbare Positionsdifferenz zwischen sozialen Akteuren. Wäre die Differenz nicht unvereinbar (oder erschiene sie nicht mindestens so), wäre die Differenz eine, zu der die Akteure sich in-different verhielten, also kein Konflikt. Etwa so, wie der eine blaue Pullover mag und der andere grüne Strickjacken. Über Geschmäcker ist, sprichwörtlich, nicht zu streiten. Inhaltlich bezieht sich die unvereinbare Positionsdifferenz auf einen Konflikt-Gegenstand. Das kann der sprichwörtliche Zankapfel sein, den zwei Kinder jedes fiir sich beanspruchen. Oder ein Gegenstand im übertragenen Sinne: Wie, etwa, soll Abtreibung geregelt werden: durch völlige Freigabe, durch gänzliches Verbot - oder durch welche vermittelnde Position?

5. Sicherheitspolitik

Auszug
Die Schlichtheit der Kapitelüberschrift entspricht nicht der Komplexität seines Gegenstandes, die sich schon bei der begrifflichen Erfassung zeigt. Wir wollen daher zunächst einen Begriffskern definieren, um dann einige fachliche und politische Aspekte der begrifflichen Fassung von „Sicherheit“ zu diskutieren, gefolgt von einigen materiellen Aspekten internationaler Sicherheitspolitik. Aus der Perspektive einzelner, zunächst einmal staatlicher Akteure der internationalen Politik bedeutet Sicherheit die Wahrung der eigenen Autonomie (selbstbe-stimmten Handlungsfähigkeit) gegenüber Bedrohungen, die aus der potenziell unter Einsatz physischer Gewalt erfolgenden strategischen Interaktion mit anderen, auch nichtstaatlichen, Akteuren resultieren. Diese nicht ganz einfache Arbeitsdefinition enthält eine Reihe von Punkten, die es bewusst zu machen gilt. Diese Definition erfolgt aus der sogenannten Äkteursperspektive. Auch wenn wir später auf Strukturen des internationalen Systems eingehen werden, die so, nämlich akteurs-perspektivisch, verstandene Sicherheit befördern und damit auch eine systemische Perspektive einnehmen, im eigentlichen Sinne von internationaler Sicherheit handeln werden, so besteht diese doch in dem‚Gefiihl‘ von Sicherheit und der Abwesenheit von Bedrohungen, die solche Strukturen den Akteuren im System vermitteln. Die akteursperspektivische Sicht auf das, was oft nationale Sicherheit genannt wird, erscheint definitorisch grundlegend, der system-perspektivische Begriff der internationalen Sicherheit davon abgeleitet.

6. Institutionalisierung internationaler Politik und internationale Organisationen

Auszug
Auch der Begriff „Institution“ bzw., als Vorgang, „Institutionalisierung“, gehört, wie „Konflikt“, „Interesse“ u.a., zu den gmndlegenden der Sozialwissenschaften. Diese verwenden einen ausgesprochen breiten Institutionen-Begriff und bezeichnen damit Komplexe von handlungsanleitenden Normen oder Regeln, die bestimmte Handlungsweisen ermöglichen, dabei jedoch zugleich auch die Handlungsmöglichkeiten in anderer Hinsicht einschränken. Das klingt - und ist - abstrakt. Deshalb sogleich zwei Beispiele. Eine der ältesten Einrichtungen, so der entsprechende deutsche Begriff, der internationalen Politik ist die Diplomatie. In ihrer neuzeitlichen Form hat sie ihre Ursprünge im auswärtigen Verkehr der italienischen Stadtstaaten des 14. Jahrhunderts. Heute ist ihr Kern-Normenbestand im Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen von 1961 völkerrechtlich geregelt. Dort werden bestimmte Vörschriften festgelegt, wie zum Beispiel ein Botschafter zu entsenden ist, welche Aufgaben er hat, welche Rechte ihm im Empfangsstaat zustehen. Durch solche ausdrücklichen Regeln wird Erwartungssicherheit unter den beteiligten Staaten erzeugt und diplomatischer Verkehr dadurch erst möglich. Andererseits werden bestimmte Handlungsweisen ausgeschlossen. Spionage gehört etwa nicht zu den offiziellen Aufgaben von Diplomaten (und dennoch werden immer wieder Mitarbeitern des diplomatischen Korps auch dazu eingesetzt). Und die Geiselnahme in der US-Botschaft 1979 im Iran war auch deshalb ein solcher Skandal, weil damit Grundrechte der Diplomatie, die Immunität des Personals und Exterritorialität des Botschaftsgeländes, verletzt wurden.

7. Europäische Integration und Gemeinsame Auβen- und Sicherheitspolitik

Auszug
Das politische Projekt der europäischen Integration, das heute die Gestalt der Dachkonstruktion Europäische Ünion (EU) annimmt, mit ihren drei Säulen oder Pfeilern: 1. Europäische Gemeinschaften (darunter die Europäische Gemeinschaft, EG, vormals Wirtschaftsgemeinschaft, EWG; die 2002 in die EG überführte Europäische Gemeinschaft fiir Kohle und Stahl, EGKS; und die Europäische Atom[energie]-Gemeinschaft, Euratom); 2. Gemeinsame Auβen- und Sicherheitspolitik (GASP); und 3. polizeiliche und justizielle Zusammenarbeit, eignet sich, mehrere fiir die internationale Politik und die Theoriebildung im Bereich der Internationalen Politik wichtige Aspekte zu illustrieren. Dies freilich nur, wenn Unterschiede und Gemeinsamkeiten der europäischen Integration im Vergleich zu internationaler Politik im Allgemeinen bedacht werden. Anhand der europäischen Integration lässt sich zeigen, dass
  • in der internationalen Politik (und vermutlich nicht nur in ihr, sondern auch in der Politik im Allgemeinen) Problemlösungen oft mit neuen Problemen einhergehen;
  • unter realistischer Nutzung von Institutionen dabei jedoch wirklich Erstaunliches, Weiterführendes erreicht werden kann, das über die internationale Politik in den Bereich der supranationalen Integration hinausführt;
  • wie die vorangehende Formulierung andeutet, dies wissenschaftlich-theoretisch fruchtbar aus der Perspektive unterschiedlicher Paradigmen erklärt werden kann;
  • schlieβlich zu den Folgeproblemen im Bereich der GASP die Problematik der Konstitution eines eigenständigen Akteurs gehört, was nicht nur ein theoretisch interessanter Aspekt ist, der zu den Folgekapiteln über Auβenpolitik überleitet, sondern auch einen real spannenden politischen Prozess darstellt, sowohl für die EU selbst wie für die globale politische Ordnung.

8. Auβenpolitik I: Deutschland

Auszug
Gegenüber der bisher verfolgten systemischen Perspektive, die Grundstmkturen und Prozessmuster der internationalen Politik gleichsam,aus der Vogelperspektive‘ in den Blick nimmt, soll im vorliegenden und folgenden Kapitel die sog. Akteursperspektive eingenommen werden. Dabei fällt die Wahl - und eine Auswahl war schon aus Platzgründen geboten - aus naheliegenden Gründen auf Deutschland - weil es den meisten Lesern wohl nahe liegt - und auf die USA. Zwar bedeutet dies eine Einschränkung auf auβenpolitische Akteure der,nördlichen Welt’. Doch ermöglicht es auch einen sinnvollen Vergleich über beide Kapitel hinweg, die (darin besteht die Gemeinsamkeit) sich mit der Auβenpolitik zweier entwickelter Demokratien befassen, die jedoch (daran besteht der Unterschied) eine je ganz eigene Binnenstruktur und weltgesellschaftliche Stellung aufweisen. Diese Formulierung verweist auch bereits auf das zweite Anliegen beider Kapitel: die Auβenpolitik nicht primär beschreibend darzustellen, sondern anhand beider Beispiele theoretische Perspektiven der Auβenpolitik-Analyse (APA, Foreign Policy Analysis, FPA, wie dieses Teilgebiet der Disziplin der Internationalen Politik genannt wird) zu eröffnen, die auch auf andere als die behandelten Fälle anwendbar sind.

9. Auβenpolitik II: USA - Supermacht und Hegemon

Auszug
Wenn wir uns nun der Auβenpolitik bzw., darüber hinaus’ der internationalen Stellung eines zweiten westlich-demokratischen Landes zuwenden’ so ist als Besonderheit neben dem Alter dieser (für Kritiker sei es zugegeben:‚Real‘-)De-mokratie ihr mit Deutschland heute ganz unvergleichbarer Status zu betonen. Realistisch’ nach der Erhöhung der Verteidigungsausgaben durch Präsident Bush jr.’ die die USA nahezu so viel fiir Rüstung ausgeben lässt wie der Rest der Welt zusammen’ lässt sich diese Stellung schon unter Verweis auf diesen simplen, ‚harten‘ Faktor der überlegenen Militärmacht als die der einzigen Supermacht und also der Vor-Macht’ der Hegemonie im realistischen Sinne’ charakterisieren. Der Weg der USA in die Weltpolitik und zu dieser herausgehobenen Stellung erfolgte über die Stationen - des für sie siegreichen Krieges gegen Spanien 1898 (es ging um Kuba’ brachte den USA jedoch auch ihre einzige formal koloniale Episode auf den Philippinen - und damit die Präsenz auch im Pazifik!); - der Beteiligung am Ersten Weltkrieg (nach der deutschen Kriegserklärung 1917; der meist mit dem Stichwort Isolationismus verbundene Rückzug der USA aus Europa nach dem Sieg im Ersten Weltkrieg stellt quasi ein retardierendes Moment in ihrem globalen Aufstieg dar); - des Sieges im Zweiten Weltkrieg (auf beiden Kriegsschauplätzen: dem europäischen und dem asiatischen); - des erfolgreichen Durchstehens des Kalten Krieges (mit dem glimpflichen Ende der Selbstauflösung des ‚Ostblocksx2018;).

10. Konfliktkonstellationen II: Nord-Süd-Konflikt

Auszug
Mit dem vorliegenden Kapitel kehren wir zurück zur Betrachtung der internationalen Politik aus systemischer (‚Vogel‘-)Perspektive. Eines der zentralen Konfliktmuster der internationalen Politik der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts und vielleicht das zentrale des 21. soll uns beschäftigen:‚der‘ Nord-Süd-Konflikt (im Folgenden: NSK). Die Anfiihrungszeichen signalisieren’ wie in Kapitel 4 zum Ost-West-Konflikt’ Vorsicht mit dem Singular. Nicht nur gilt es bei der Behandlung des NSK wie schon bei der des Ost-West-Konfliktes vor Begriffs-Essentialismus zu warnen. Stärker noch ist der Konstrukt-Charakter des Konfliktes zu betonen: Zum einen wegen der gröβeren Heterogenität der in der Bezeichnung anklingenden Konflikt-Parteien („Nord“ und v.a. „Süd“), zum andern wegen der durchaus divergierenden Sichtweisen realer Akteure dazu, ob überhaupt ein Konflikt vorliegt und wenn ja worüber. Dies zu erläutern verlangt schlieβlich ein weites Ausholen in diesem Kapitel, in Bereiche der Wirtschaftsgeschichte oder, da es um die historische Wechselwirkung von Politik und Ökonomie auf internationaler Ebene geht’ in die historische Internationale Politische Ökonomie. Gegenwartsbezogen werden wir uns mit letzterer auch noch in Kapitel 13 beschäftigen und dort auch die Position der vier IB-Forschungsprogramme zum Thema in einem zweiten fiktiven Wechselgespräch aufeinandertreffen lassen. Das entlastet das vorliegende Kapitel, das daher aber auch mit dem 13. im Verbund gelesen werden sollte. Neben dem historisch-polit-ökonomischen Ausgreifen ist auch ein makrosoziologisches’ die Entwicklung ganzer Gesellschaften (in Wechselwirkung untereinander) betrachtendes und am Rande sogar ein philosophisches (zur Frage von Moderne und Modernität) erforderlich.

11. Konfliktkonstellationen III: Regionale Konflikte-Beispiel Konfliktregion Naher Osten

Auszug
Mit dem Ost-West-Konflikt (in Kapitel 4) und dem - durchaus anders gelagerten Nord-Süd-Konflikt (in Kapitel 10) haben wir bereits zwei Konfliktkonstellationen betrachtet, die als solche des internationalen Systems (als ganzem) bezeichnet werden konnten in dem Sinne, dass sie jeweils die Gesamtheit der internationalen Beziehungen präg(t)en und auch die Grundstrukturen des internationalen Systems betrafen. Nicht alle Konflikte der internationalen Politik sind - zum Glück - von diesem Kaliber. Gleichwohl haben auch sog. regionale (und zuweilen gar lokale) Konflikte das Potenzial, die internationale Politik im allgemeinen zu beschäftigen. Dies ist dann der Fall, wenn regionale Konflikte wegen überregionaler Auswirkungen von der globalen internationalen Politik aufgegriffen werden’ sei es durch Supermachts-Intervention oder dadurch, dass die UNO den Versuch des Konflikt-Managements unternimmt. Sowohl für das Ausgreifen regionaler Konflikte über die Region hinaus wie auch fiir die Grenzen der Steuerbarkeit solcher Konflikte von auβen haben wir bereits Gründe angeführt. Erstere liegen in Aspekten der materiellen oder ideellen Betroffenheit und Anteilnahme auβer-regionaler Akteure: Sie können durch aus gewaltsamem Austrag regionaler Konflikte resultierende Flüchtlingsströme betroffen sein, aus der Region wichtige Rohstoffe beziehen oder in der Region strategische und/ oder ideologische Verbündete haben bzw. aufgrund des medial vermittelten Leides oder aufgrund von allgemeiner‚Verbundenheit‘ am Schicksal der Region als ganzer oder einiger ihrer Akteure Anteil nehmen. Als Grenze der Beeinflussbarkeit regionaler Konfliktverläufe wurde beim Stichwort „Stellvertreterkriege“ auf die Handlungsautonomie regionaler Akteure verwiesen. Andere Grenzen werden im Verlauf des vorliegenden Kapitels deutlich werden.

12. Internationale Umweltpolitik

Auszug
Im vorausgehenden Kapitel haben wir einige der politischen Konsequenzen dessen gesehen, was man, sozio-ökologisch, als die globale Kohlenwasserstoff- Ökonomie bezeichnen könnte (etwa in Gestalt der zentralen Rolle der SaudiUS-Verbindung, dem Dreh- und Angelpunkt dieser polit-ökonomischen Struktur). Die Kohlenwasserstoff-Ökonomie beginnt nach der sog. industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als zunächst Kohle, dann, insbesondere nach 1950′ Öl zumzentralen Treibstoff der modernen Wirtschaftsweisen (der kapitalistischen wie der zentralverwalteten) wird. Man kann auch vom Zeitalter der fossilen Energien sprechen’ womit sogleich ein Hinweis auf die ökologische Grundproblematik dieses heute globalisierten Energiesystems gegeben ist: Was durch natürliche Prozesse der Fossilierung organischen (von Tieren und PFlanzen stammenden) Materials über Millionen von Jahren aufgebaut wurde’ wird in den vergangenen rund 250 Jahren in zunehmender Geschwindigkeit „ erbraucht“, unter Freisetzung von Energie vor allem in CO2 mgewandelt. Zusammen mit anderen Spurengasen reichert sich dieses mittlerweile so in der Erdatmosphäre an, dass von der einfallenden Sonnenstrahlung mehr als früher statt ins All reflektiert zu werden in der irdischen Ökosphäre bleibt: der sog. Treibhauseffekt.

13. Internationale Politische Ökonomie das Beispiel der Welthandels-Politik

Auszug
Bereits in den beiden vorangegangenen Kapiteln wurden Fragen behandelt, die zum weiten Themenbereich des gelegentlich zusammenfassend so genanntenSachbereichs Wohlfahrt gerechnet werden, die mithin das Zusammenspiel im engeren Sinne ökonomischer Faktoren und politischer Faktoren betreffen. Dieses Zusammenspiel zu untersuchen ist Gegenstand der Politischen Ökonomie. Sie erforsch die Wechselwirkung von Politik und Ökonomie sowohl im jeweiligen nationalen Rahmen, auf nationaler Ebene, und zwar oft international vergleichend, als auch, als Internationale Politische Ökonomie (IPÖ, nach der eingeführten englischen Kurzbezeichnung IPE fiir International Political Economy), auf inter- (bzw. trans-)nationaler Ebene. Das ist Gegenstand des vorliegenden Kapitels. Dabei gehen wir in drei Schritten vor:
  • Zunächst nehmen wir, in Fortsetzung des Wechselgesprächs der Paradigmen, diesen übergeordneten Faden mit einem zweiten Wechselgespräch speziell zu Fragen der IPÖ wieder auf. Dabei wird sich zeigen, inwiefern diese Forschungsprogramme je unterschiedliche Perspektiven auf die IPÖ einnehmen.
  • Deutlich werden wird jedoch auch, dass die Unterschiede zwischen den Forschungsprogrammen auch mit einer divergierenden Sicht des Phänomens kapitalistische Marktwirtschaft zu tun haben. Im weitesten Sinne sind dies Weltanschauungs-Unterschiede. In einem fachlich durchaus einholbaren Sinne handelt es sich dabei auch um analytisch diskussions-fähige und würdige Fragen des Funktionierens und Bewertens dieses politisch-Ökonomischen Systems.

14. Staatliche Herrschaft als Problem internationaler Politik: Menschenrechte, Demokratisierung und Verrechtlichung

Auszug
Mit dem Sachbereich staatlicher Herrschaft hatten wir uns bereits in Kapitel 3 befasst. Dort wurde zum einen die Entwicklung moderner Staatlichkeit in Wechselwirkung mit externen militärisch-strategischen und transnational-finanziellen Faktoren geschildert, mithin die Prägung der Staatsentwicklung durch externe Faktoren betont. Zum andern wurde jedoch der Missbrauch staatlicher Macht im Innern als stets lauernde Gefahr benannt. Das 20. Jahrhundert, dass so viele Opfer innerer und äuβerer staatlicher Gewaltpolitik verzeichnet wie keines zuvor, hat in Gestalt von Völkermord und Weltkrieg diese Gefahr besonders verdeutlicht. Freilich zeigte sich am Ende dieses Jahrhunderts und zu Beginn des 21. auch, dass die Auflösung staatlicherer innerer Handlungsfähigkeit ebenfalls zum Problem werden kann: sie eröffnet womöglich ein ebenso grausames und gewaltträchtiges Ringen um die Macht zwischen lokalen Machthabern. Durch beiderlei Entwicklungen: grausam-effektiv fünktionierende Staatsgewalt wie mit grausamen Konsequenzen versagende Staatsgewalt können sich benachbarte Staaten und Gesellschaften, aber - und in einer globalisierten Welt zunehmend - auch geographisch entfernt gelegene betroffen sehen, real durch Flüchtlingsströme und sich ausbreitende Gewalthandlungen, ideell durch Verabscheuung der grausamen Taten und Mitgefühl mit ihren Opfern. Der daraus erwachsende Gedanke der humanitären Intervention, des - auch gewaltsamen-Eingreifens von auβen zum Schutz der Angehörigen fremder Staaten, wurde ebenfalls bereits angesprochen, ebenso der weiterfiihrende Gedanke der Umgestaltung staatlicher Herrschaftssysteme von auβen, der, zuweilen über den Status internationaler Schutzgebiete (Protektorate), zu einer Demokratisierung von Herrschaft fiihren soll.

15. Globalisierung und Weltpolitik

Auszug
In diesem abschlieβenden Kapitel kommen wir auf ein Thema zu sprechen, das bereits mehrfach anklang, jedoch absichtlich,nach hinten verschobenx218; wurde: Globalisierung. Das entspricht auch der Karriere, die dieses Konzept in den vergangenen zwanzig Jahren zurückgelegt hat. Schien es zu Beginn der 1990er Jahre, als der Vorläufer zum vorliegenden Buch konzipiert wurde1, noch innovativ, ist es inzwischen so sehr in aller Munde, dass selbst die Feststellung, alle redeten davon, obwohl keiner wisse, was es sei, schal geworden ist. Auch scheint das unzutreffend. Es lässt sich sehr wohl, die gehaltvollere Forschung zum Thema resümierend, ein sinnvoller Globalisierungsbegriff entfalten. Das soll hier geschehen. Sodann wird angesichts des erreichten Standes an Globalisierung nach den politischen Steuerungsmöglichkeiten gefragt, und zwar unter Anwendung der nunmehr vertrauten Perspektiven der vier Forschungsprogramme. Abschlieβend wird auf die Bedeutung des Themas Politik und Organisation in diesem Kontext eingegangen.

Backmatter

Weitere Informationen