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01.02.2022 | Investitionsfinanzierung | Schwerpunkt | Online-Artikel

Green Finance fordert Unternehmen, Banken und Politik

verfasst von: Angelika Breinich-Schilly

6 Min. Lesedauer

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Der Green Deal ist ein zentraler Treiber in vielen Bereichen. Unternehmen stellen auf nachhaltige Produkte und Prozesse um, Banken werben mit ESG-Krediten und Anleger suchen nach grünen Investments. Was aber fehlt, ist eine langfristige Investitionsstrategie, sagt ein aktueller Report.

Das Thema Nachhaltigkeit gehört neben der Digitalisierung von Geschäfsprozessen, Produkten und Kanälen zur den wichtigsten Aufgaben der Banken in den kommenden Jahren. 2022 müsse es vor allem darauf ankommen, die Grundlagen dafür zu schaffen, die regulatorischen Anforderungen zu erfüllen sowie Know-how im Nachhaltigkeitsbereich auf- und auszubauen, erklärt eine Sprecherin der DZ Bank im Bankmagazin-Beitrag "Begrenzte Aussichten erschweren das Geschäft" (Ausgabe 1 | 2022) von Barbara Bocks. 

Nachhaltigkeitsprojekte haben bei Banken Hochkonjunktur

Alle Banken in Deutschland rücken das Thema der Autorin zufolge ganz nach oben auf ihren Agenden: So will etwa die Commerzbank laut Angaben eines Unternehmenssprechers ihr nachhaltiges Geschäfsvolumen bis 2025 auf rund 300 Milliarden Euro erhöhen. Das entspricht Bankangaben zufolge einer Verdreifachung gegenüber Ende 2020. Zudem will das Institut auch die betrieblichen Vermögensanlagen stärker an Nachhaltigkeitsaspekten ausrichten. 

Auch die Hamburger Volksbank wird das Thema laut Bocks "dauerhaft begleiten". Unter anderem berichtet Vorstandssprecher Torsten Rathje von einer enorm gestiegenen Nachfrage nach nachhaltigen Anlageprodukten. Deren Absatzvolumen sei um rund 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen.

Grüner Investitionsbedarf bei 330 Millionen Euro jährlich

Mit diesen Entwicklungen ist ein Anfang gemacht, doch der Bedarf an Green Finance ist hoch. So erklärte EZB-Chefin Christine Lagarde auf einer Konferenz im Juni 2021 in Frankfurt am Main: 

Die Kapitalmärkte sind auch für die Finanzierung der Transformation unserer Volkswirtschaften von entscheidender Bedeutung. Wir brauchen bis 2030 Investitionen von jährlich rund 330 Milliarden Euro, um die Klima- und Energieziele Europas zu erreichen."

Allerdings werde mithilfe herkömmlicher Bankkredite dieser Kraftakt kaum gelingen, befürchtet der aktuelle Green-Finance-Report des niederländischen Payment-Dienstleisters Mollie. "Die angestrebten Ziele lassen sich nur über den europäischen Kapitalmarkt generieren", heißt es in dem Bericht. 

Alternative Finanzierungen für grüne Innovationen

Gerade Jungunternehmen, die auf nachhaltige Geschäftsmodelle oder Innovationen setzen, geraten bei klassischen Bankkrediten schnell an die Grenzen, wie Frank Ackermann, Lars Hunsche und Stefan Bund im Buch "Praxishandbuch Finanzierung von Innovationen" auf Seite 536 berichten: 

Dort treffen junge Unternehmen häufg auf eine restriktive Kreditvergabepolitik. Eine überschaubare Kontokorrentkreditlinie ist vielleicht noch machbar, aber eine umfassende Expansionsfnanzierung, die parallel zu dem Wachstum des Unternehmens ausgebaut werden kann, ist in der Regel nicht darstellbar."

Hier kommen alternative Finanzierungen wie privates Crowdfunding, Kreditvermittlungsplattformen und auf KMU spezialisierte Kreditvergleichsportale sowie Anleiheemissionen am Kapitalmarkt ins Rennen. "Laut der Ratingagentur Moody’s konnten im Jahr 2021 Rekordemissionen grüner Anleihen verzeichnet werden. Diese betrugen etwa 270 Milliarden Dollar. Der größte Anteil dieser sogenannten Green Bonds fällt auf Europa", heißt es im Mollie-Report, der auch auf Zahlen von KPMG verweist. Das Beratungshaus hatte in einer Studie ermittelt, dass in den ersten neun Monaten des Jahres 2020 in Westeuropa bereits 97 auf ESG (Environment, Social, Governance) bezogene Kredite beziehungsweise Green Loans sowie Schuldscheindarlehen mit einem Gesamtvolumen von 47,3 Milliarden Euro begeben wurden. 

Wertpapierprospekt ist oft Emissionshürde

Gerade für kleinere Unternehmen oder Start-ups kann die Emission einer Anleihe eine große Herausforderung darstellen, betonen Ackermann, Hunsche und Bund. "Anleihen sind Finanzinstrumente im Sinne des Kreditwesengesetzes (KWG) und damit umfassend reguliert", schreiben die Springer-Autoren auf Seite 537. Um Anlegern mögliche Risiken aufzuzeigen, muss der Emittent vor dem öffentlichen Angebot eines Wertpapiers grundsätzlich einen Wertpapierprospekt erstellen. "Dieser Wertpapierprospekt ist der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (Bafin) vorzulegen und muss von dieser formal gebilligt werden, bevor die Anleihe Anlegern angeboten wird", so das Autoren-Trio. 

Allerdings gibt es auch Ausnahmen, etwa wenn das einzelne Mindestinvestment 100.000 Euro beträgt oder die Anleihe an weniger als 145 Investoren vermarktet wird. Umfasst das Emissionsvolumen nicht mehr als acht Millionen Euro, genügt ein "sehr stark standardisiertes Wertpapier-Informationsblatt". 

Kapital von der EU in Höhe von einer Billion Euro

Um die Ziele des europäischen Green Deals zu verwirklichen, gibt es auch Kapital von der Europäischen Union. So hat die EU-Kommission entschieden, in den nächsten zehn Jahren nachhaltige Investitionen in Höhe von mindestens einer Billion Euro zu mobilisieren. 30 Prozent des mehrjährigen EU-Haushalts (2021–2027) sowie des Aufbauprogramms "Next Generation EU" werden für grüne Investitionen nach offiziellen Angaben bereitgestellt. Zudem müssen die EU-Länder mindestens 37 Prozent des Geldes, das diese aus der 672,5 Milliarden Euro umfassenden Aufbau- und Resilienzfazilität erhalten, für Investitionen und Reformen zur Förderung der Klimaziele aufwenden. 

Doch trotz einer großen Vielfalt an Finanzierungsmöglichkeiten und Fördertöpfen fehlt es Unternehmen, Banken und privaten wie institutionellen Investoren häufig noch 

  • an einer geeigneten verbindlichen Definition von "grün", 
  • an validem Datenmaterial in ausreichendem Umfang zur Bewertung von nachhaltigen Investments sowie 
  • an vergleichbaren Informationen aus der Wirtschaft.

Nachhaltigkeitsreporting als Teil der Finanzberichterstattung

Ein wichtiger Aspekt ist hierbei das Reporting. "Wenn Nachhaltigkeit aber echte Relevanz haben soll für den Kapitalmarkt, erachte ich es als zwingend notwendig, dass die Nachhaltigkeitsberichterstattung innerhalb der Finanzberichterstattung stattfindet und nicht als separate Berichterstattung. Ob ich das integriert mache oder nicht und wie ich es nachher strukturiere, ist dann eher ein nachgelagertes Thema", erläutert hierzu EnBW-Finanzvorstand Thomas Kusterer im Gespräch mit der Zeitschrift "Controlling & Management Review" (Ausgabe 5-6 | 2021).

Allerdings befürchten vor allem US-Investoren, dass Unternehmen das eigene Nachhaltigkeitsmanagement deutlich positiver darstellen, als es in Wahrheit ist, heißt es im Mollie-Report. Laut Handelsblatt halten 65 Prozent der US-Anleger das sogenannte Greenwashing, also beispielsweise irreführende Angaben von Emittenten zum umweltfreundlichen Charakter ihrer Anlagen, für ein ernstes Problem. In Asien hingegen sind es 20 Prozent, während der Vergleichswert in Europa bei deutlich unter fünf Prozent liegt. 

Außerdem passe der kurzfristige zeitliche Horizont von Sparen und Kapitalanlagen nicht zur langfristig ausgelegten Strategie grüner Investitionsvorhaben. "Diese laufen oft über die Zeitspanne von einem Jahrzehnt hinaus. Über diese allgemeinen Herausforderungen hinaus behindern zusätzlich spezifische Probleme einzelner Akteure die Ausbreitung von Green Finance."  

Offene klimapolitische Diskussion erforderlich 

"Die Zentralbank ist ein Katalysator des ganzen Prozesses", erläuterte Sabine Mauderer, im Vorstand der Deutschen Bundesbank, die Rolle der Notenbanken und der Europäischen Zentralbank (EZB) im Bereich Green Finance auf einer Diskussionsrunde im April 2021. So würden zum Beispiel Klimarisiken bei den Aufgaben der Institute als Aufsichtsbehörden bereits berücksichtigt. "Eine Zentralbank ist aber kein Ersatz für fehlende Klimapolitik", mahnte die Bundesbankerin. Ihr fehle dazu schlicht "der Werkzeugkasten".  

"Die Klimapolitik sollte den Anforderungen der Gerechtigkeit ebenso wie denen der Effizienz genügen", schreiben Johannes Müller-Salo und Rupert Pritzl in der Einführung ihres Beitrags "Gerechtigkeit und Effizienz in der Klimapolitik" in der Zeitrschrift "Wirtschaftsdienst" (Ausgabe 12 | 2021). "Dabei sind die zum Einsatz kommenden Instrumente von zentralem Interesse. Jedoch werden meist lediglich die ambitionierten Klimaziele benannt."

Die beiden Experten fordern deshalb eine offene klimapolitische Diskussion bezüglich innovativer Wege, der zum Einsatz kommenden Instrumente sowie der entstehenden Kosten. "Hierdurch wird auch die gesellschaftliche Akzeptanz gefördert. Zudem ist der Klimawandel ein weltweites Phänomen, weshalb der Klimaschutz nur durch internationale Kooperationen gelingen kann."

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