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Europas Wirtschaftslage ist besser als ihr Ruf

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Zahlreiche Risiken dominieren die Wahrnehmung, doch die Daten zeigen ein durchaus widerstandsfähiges Europa, dessen Wirtschaft stabiler ist, als es die Stimmung vermuten lässt. Gefragt sind robuste Planungen von Unternehmen und Investoren.

2026 ist ein Jahr, in dem die wirtschaftliche Realität stabiler ist als die Debatte, meint Ökonom Marc Brütsch.


2026 startet Europa in einer Lage, die viele als angespannt beschreiben. Das ist nachvollziehbar, weil politische Unsicherheit, geopolitische Konflikte und eine neue Unübersichtlichkeit im Welthandel die Schlagzeilen dominieren. Ökonomisch zeigt sich jedoch ein Bild, das stabiler ist, als es die Stimmung erwarten lässt. Genau diese Lücke zwischen Wahrnehmung und Daten prägt aktuell viele Entscheidungen. 

Die Privatwirtschaft zeigt sich robust

Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass der europäische Privatsektor trotz schwieriger Rahmenbedingungen Widerstandskraft entwickelt. Der erneute Handelskonflikt mit den USA und die im Frühjahr 2025 deutlich erhöhten Zölle sorgten für Turbulenzen an den Finanzmärkten. Realwirtschaftlich fiel die Belastung aber geringer aus, als vielfach befürchtet. Das ist ein wichtiger Punkt, weil er zeigt, dass Unternehmen und Haushalte in Europa inzwischen besser mit externen Schocks umgehen können.

Belastbare Indikatoren untermauern das. Einkaufsmanagerindizes erholten sich nach den Verwerfungen schnell. In der Eurozone stiegen sie im späten Jahresverlauf 2025 wieder klar über die Wachstumsschwelle von 50 Punkten. Das spricht für eine breit angelegte Aufschwungstendenz im Unternehmenssektor.

Konsumreserven stützen die Eurozonen-Konjunktur

Auch die privaten Haushalte tragen zur Stabilität bei. In den vergangenen Jahren wurden in mehreren Ländern spürbare finanzielle Puffer aufgebaut. Diese werden nun konjunkturell relevant. In Deutschland entspricht diese Konsumreserve rund einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in Frankreich sogar 2,3 Prozent. Gleichzeitig stiegen die Reallöhne im Jahresverlauf 2025 deutlich. Das stärkt die Binnennachfrage und hilft, dass selbst exportabhängige Volkswirtschaften wie Deutschland oder die Schweiz eine Rezession vermeiden konnten.

Deutliche Erholung in Spanien und Italien

Der Aufschwung bleibt dennoch zäh. Das liegt nicht an fehlender Nachfrage allein, sondern an der Investitionsseite. In Deutschland investieren Unternehmen weiterhin zurückhaltend. Zudem ist die Kreditvergabe der Banken weniger dynamisch als in früheren Phasen geldpolitischer Lockerung. Gleichzeitig mehren sich die Signale einer Verbesserung. Die unternehmerische Stimmung hat sich seit dem Frühjahr 2025 aufgehellt. In Spanien und Italien verläuft die Erholung besonders kräftig. Und auch in Deutschland sind wieder stabilere Impulse erkennbar. Der Trend deutet auf Normalisierung, nicht auf Euphorie.

Sonderfaktor Infrastrukturpaket setzt wichtigen Fiskalimpuls

Ein entscheidender Impuls für 2026 dürfte aus Deutschland kommen. Die beschlossenen Sondervermögen für Infrastruktur und Verteidigung erhöhen die staatlichen Investitionen spürbar und liefern damit einen positiven Fiskalimpuls. Deutschland wird im kommenden Jahr unter den größeren Eurostaaten den stärksten Expansionsbeitrag leisten.

Ob daraus spürbares Wachstum entsteht, hängt an der Umsetzung. Es geht konkret um Tempo und Kapazitäten. Wie schnell kommen Projekte in die Ausschreibung? Wie schnell werden Genehmigungen erteilt? Und reichen die Kapazitäten in Baugewerbe und Industrie aus, um Engpässe und Preisauftrieb zu vermeiden? Wenn diese Punkte funktionieren, kann Deutschland 2026 gemeinsam mit Frankreich wieder stärker zu den Wachstumstreibern der Eurozone zählen.

Geldpolitik bleibt stabil

Auch die geldpolitische Lage spricht 2026 für ein verlässlicheres Umfeld. Sowohl die Schweizerische Nationalbank als auch die Europäische Zentralbank dürften ihre Leitzinsen im Jahresverlauf weitgehend unverändert lassen. Die Inflationsraten bewegen sich in Europa wieder in ruhigeren Bahnen. Für 2026 wird in der Schweiz mit rund 0,5 Prozent Inflation gerechnet, in Deutschland mit etwa zwei Prozent. In den USA dürfte die Teuerung dagegen über drei Prozent liegen, weshalb dort weitere Zinssenkungen wahrscheinlicher sind. 

Reale Vermögenswerte attraktiv

In vielen europäischen Ländern, insbesondere in der Schweiz, liegen die Realzinsen weiterhin sehr niedrig oder sogar im negativen Bereich. Das heißt: Selbst sehr sichere Anlagen wie Staatsanleihen bieten nach Abzug der Inflation kaum realen Wertzuwachs. In einem solchen Umfeld gewinnen reale Vermögenswerte an Attraktivität. Infrastruktur, Immobilien und Aktien rücken stärker in den Fokus, weil sie langfristig höhere Erträge bieten können und teils einen besseren Inflationsschutz liefern.

In Deutschland ist die Lage etwas anders. Dort sind die Realzinsen inzwischen leicht positiv. Dadurch werden sichere Staatsanleihen wieder etwas wettbewerbsfähiger, und auch Infrastrukturinvestitionen erscheinen für viele Investoren erneut als stabiler Renditebaustein. Immobilien bleiben dennoch relevant, nicht zuletzt wegen der laufenden Mieterträge und der langfristigen Perspektive. Sie konkurrieren jedoch stärker mit Anleiherenditen. Das führt zu mehr Selektivität, nicht zu einem Rückzug.

Spannungen und strukturelle Risiken prägen Stimmung in Europa

Im Basisszenario ist 2026 ein Jahr mit moderatem, aber positivem Wachstum. Für Deutschland liegt die Prognose bei rund einem Prozent, für die Schweiz bei 1,2 Prozent. Die USA dürften mit 1,7 Prozent etwas stärker wachsen. Diese Werte liegen nahe am Konsens, werden in der öffentlichen Wahrnehmung aber oft als überraschend positiv empfunden.

Die anhaltend pessimistische Grundhaltung in Europa erklärt sich daher weniger aus der aktuellen Datenlage. Sie speist sich aus länger wirkenden Faktoren. Dazu zählen geopolitische Spannungen, die internationale Konkurrenzsituation und strukturelle Herausforderungen. Gerade die geopolitische Lage bleibt ein Unsicherheitsfaktor, weil Zuspitzungen nicht nur Stimmung, sondern auch Energiepreise, Lieferketten und Investitionsentscheidungen beeinflussen können. Der Punkt ist nicht, dass Europa davon verschont bleibt. Der Punkt ist, dass die wirtschaftliche Ausgangslage zu Beginn von 2026 robuster ist, als es viele erwarten.

Robuste Investitionsplanungen gefragt

Für Unternehmen ist 2026 vor allem ein Jahr, in dem Planung wieder sinnvoller wird. Wer Investitionen allein wegen schlechter Stimmung verschiebt, läuft Gefahr, sich selbst zu blockieren. Entscheidend ist, eigene Szenarien zu schärfen und Projekte so aufzusetzen, dass sie auch bei Volatilität tragfähig bleiben. Das betrifft Finanzierung, Lieferketten und Preisannahmen, aber ebenso die Frage, wie schnell man auf Veränderungen reagieren kann.

Selektivität wird zur Kernkompetenz

Für Investoren wird die Qualitätsfrage wichtiger als die Story. In vielen Segmenten entscheidet weniger der perfekte Einstiegszeitpunkt als die Fähigkeit, laufende Erträge zu sichern und Risiken sauber zu steuern. Das gilt für Aktien über Bewertungen und Konzentrationsrisiken genauso wie für Real Assets über Cashflows, Mieterbonität und Refinanzierungsprofile. Selektivität wird zur Kernkompetenz.

2026: Stabilität statt großer Sprünge

Und für alle, die in Europa investieren oder hier operativ Verantwortung tragen, ist die wichtigste Botschaft: 2026 ist kein Jahr der großen Sprünge. Es ist aber ein Jahr, in dem die wirtschaftliche Realität stabiler ist als die Debatte. Wer das nüchtern einordnet, kann wieder handlungsfähiger werden.
 

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