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23.02.2017 | IT-Management | Interview | Onlineartikel

"Natürlich hat die Transformation zum digitalen Unternehmen nicht nur positive Aspekte"

Autor:
Peter Pagel
Interviewt wurden:
Prof. Dr. Frederik Ahlemann

ist Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik und Strategisches IT-Management an der Universität Duisburg-Essen.

Prof. Dr. Nils Urbach

ist Professor für Wirtschaftsinformatik und Strategisches IT-Management an der Universität Bayreuth.

Digitalisierung im Sinne des umfassenden Einzugs digitaler Technik in unser Leben und Arbeiten ist eine Herausforderung für die IT-Abteilungen in Unternehmen aller Branchen. Ein Interview der "Wirtschaftsinformatik & Management" mit Nils Urbach und Frederik Ahlemann.

Wirtschaftsinformatik & Management: Alle sprechen von Digitalisierung — handelt es sich um einen Hype oder ein ernstzunehmendes Thema?

Nils Urbach: Das Thema Digitalisierung weist sicherlich viele Eigenschaften eines Hypes auf. Es wird derzeit nicht nur unter Fachleuten und Unternehmenslenkern viel diskutiert, sondern hat sich auch zu einem festen Bestandteil von öffentlichen Diskussionen, politischen Debatten und der Wirtschaftsnachrichten entwickelt. Während IT-Themen zuvor nur selten Bestandteil von geschäftlichen Diskussionen waren, hat man aktuell bei der Durchsicht einschlägiger Wirtschaftsmagazine beinahe das Gefühl, eine IT-Zeitschrift in der Hand zu halten. Dabei lässt sich jedoch auch feststellen, dass die verbundenen Diskussionen nicht immer fundiert sind, sondern teilweise recht oberflächlich erfolgen. Gleichzeitig ist Digitalisierung aber tatsächlich auch ein Thema mit Substanz, das unserer Meinung nach nicht unterschätzt werden sollte. Wir erleben derzeit, dass eine Reihe sehr mächtiger Technologien zur Reife gelangt und mehr und mehr im geschäftlichen Kontext zum Einsatz kommt. Dazu gehören beispielsweise Big Data, Cloud Computing, Maschinelles Lernen oder das Internet der Dinge. Diese Technologien haben das Potenzial, das wirtschaftliche Handeln von Unternehmen auf eine Art zu durchdringen, wie es bis vor Kurzem kaum vorstellbar war. Dabei sind es weniger die Konzepte an sich, sondern die grundlegenden Charakteristika der technologischen Rahmenbedingungen, die eine disruptive Wirkung entfalten. Wir müssen damit rechnen, dass auch in den nächsten Jahren immer wieder neue bahnbrechende, technologische Innovationen die Digitalisierung befeuern werden.

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01.02.2017 | Schwerpunkt | Ausgabe 1/2017

„Natürlich hat die Transformation zum digitalen Unternehmen nicht nur positive Aspekte“

Digitalisierung im Sinne des umfassenden Einzugs digitaler Technik in unser Leben und Arbeiten ist eine Herausforderung für die IT-Abteilungen in Unternehmen aller Branchen. Wir sprachen mit Nils Urbach und Frederik Ahlemann über dieses Thema.


Frederik Ahlemann: Den heutigen und zukünftigen technologischen Entwicklungen sind fundamentale Eigenschaften gemeinsam, nämlich die praktische Grenzenlosigkeit der Informationsverarbeitung. So beobachten wir eine grenzenlose Generierung von Informationen dadurch, dass zukünftig praktisch alle Lebensbereiche digital durchdrungen und computergestützte Geräte in steigendem Maße mit Sensoren ausgestattet sind. Gleichzeitig können wir bereits heute für viele Anwendungsdomänen eine grenzenlose Speicherung von Informationen attestieren. Fallende Speicherpreise und umfassende Cloud-Computing-Angebote sind Vorboten einer Zeit, in der die Datenspeicherung praktisch nicht mehr begrenzt ist. Eng verbunden mit dem grenzenlosen Speicher ist das Phänomen, dass Informationen grenzenlos vernetzt werden können. So ist es möglich, intern vorliegende Informationen mit externen Informationsfragmenten beispielsweise aus dem Web, aus sozialen Medien oder aus Wissensdatenbanken zu verknüpfen. Schließlich wird auch die Informationsverarbeitung grenzenlos sein. Rechenleistung wird praktisch in beliebigem Umfang, zu beliebiger Zeit und an beliebigen Orten zur Verfügung stehen, weil Mikroprozessoren weiterhin immer leistungsfähiger und gleichzeitig günstiger werden und zudem Cloud-Dienste die Nutzung von Rechenkapazitäten vereinfachen. Zu guter Letzt müssen wir damit rechnen, dass digitale Maschinen auch grenzenlos agieren können werden. Sehr fähige Roboter gibt es bereits heute — sie unterscheiden sich von „einfachen“ Computern dadurch, dass sie über Aktoren verfügen, das heißt auf ihre physische Umwelt Einfluss nehmen können.

Welche Konsequenzen hat die Digitalisierung für die Unternehmen?

Frederik Ahlemann: Die Nutzenpotenziale, die sich aus der Digitalisierung für die Geschäftswelt ergeben, sind enorm. Sie beinhalten unter anderem die Steigerung von Umsatz oder Produktivität, Innovationen in der Wertschöpfung sowie neue Formen der Kundeninteraktion. Die Digitale Transformation hat dabei disruptive Konsequenzen für viele Unternehmen und Branchen, sodass eine Weiterführung des analogen Geschäfts oftmals keine echte Option darstellt. Aufgrund des weitreichenden Charakters der technologischen Veränderungen ist dabei zu erwarten, dass diese disruptiven Veränderungen deutlich weitreichender sind als etwa die, welche die Einführung des Internets unmittelbar nach sich gezogen hat. Dabei kann es dazu kommen, dass vormals erfolgreich operierende Unternehmen in kurzer Zeit ihre dominierende Stellung im Wettbewerb einbüßen. Generell kann die außerordentlich hohe Geschwindigkeit des Wandels als zentrales Charakteristikum der Digitalisierung angesehen werden. Das kann in vielen Fällen mit Netzwerkeffekten begründet werden. So entwickeln sich neue Geschäftsmodelle über längere Zeit eher schleppend, bis es schließlich zu einer erheblichen Beschleunigung von Nutzerzahlen mit fast exponentiellem Wachstum kommt. Dann stabilisieren sich die Zahlen in der Regel auf einem hohen Niveau.

Nils Urbach: Natürlich hat die Transformation zum digitalen Unternehmen aber nicht nur positive Aspekte. Ein immer stärker auf die innovative Nutzung von Technologien ausgerichtetes Geschäft ist auch zahlreichen Risiken ausgesetzt. Ein Ausfall der eingesetzten Technologien ist im Regelfall geschäftsschädigend und kann im Extremfall existenzgefährdend sein. Entsprechend wird das Konzept des Business Continuity Management in den meisten Unternehmen an Bedeutung gewinnen. Ebenso sind digitale Unternehmen durch ihre hohe IT-Durchdringung im besonderen Maße den Gefahren des Cyber-Crime und der Wirtschaftsspionage ausgesetzt. Ein ausgeprägtes Sicherheitsmanagement wird zur zentralen Fähigkeit, um möglichen Vorfällen vorzubeugen. Dadurch, dass viele Geschäftsmodelle des Digital Business auf der Verarbeitung privater Daten beruhen, werden sowohl Datensicherheit als auch Datenschutz zu geschäftskritischen Aufgaben. Durch die mit der Digitalisierung einhergehende Steigerung der Transparenz von Geschäftsmodellen besteht zudem eine erhöhte Gefahr der Geschäftsmodellimitation sowie neuer Konkurrenten. Mit einer klaren Markenbotschaft und dem Aufbau von Reputation kann an dieser Stelle entgegengewirkt werden.

Wie weitreichend ist die Digitalisierung?

Nils Urbach: Aus unserer Sicht muss diese Frage differenziert beantwortet werden. Stand heute sind der Einfluss und die Reichweite der Digitalisierung sehr unterschiedlich. Einige Branchen haben schon zwei bis drei Digitalisierungswellen hinter sich, etwa der Handel oder die Musikbranche. So ist die Letztgenannte gleich mehrfach revolutioniert worden. Nach der Verbreitung der MP3-Technologie verbunden mit entsprechenden Vertriebskanälen — wie etwa Apple iTunes — im letzten Jahrzehnt, erleben wir derzeit die nächste Revolution durch die Etablierung von Streaming-Diensten wie Spotify oder Deezer. Andere Branchen sind bisher hingegen praktisch unbeeinflusst, etwa bestimmte Segmente in der chemischen Industrie. Hier gibt es zwar auch digitale Innovationen, aber noch nicht mit disruptiver Wirkung. Wir gehen jedoch davon aus, dass durch die Digitale Transformation IT-Know-how überall im Unternehmen notwendig werden wird. Der Einsatz von IT wird sich nicht mehr nur auf die Geschäftsprozesse, sondern zunehmend mehr auch auf die angebotenen Produkte und Dienstleistungen beziehen. Daher wird IT zur überlebenswichtigen Ressource. IT wird deutlich umfassender, vernetzter, autonomer und vor allem kreativer eingesetzt werden. Bestehende Geschäftsmodelle sind für erfolgreiche Unternehmen der Zukunft oftmals nur noch ein Ausgangspunkt für die weitere Geschäftsentwicklung. Entsprechend werden IT-Lösungen zukünftig noch schneller benötigt. Je schneller sie spezifiziert, umgesetzt und in Betrieb genommen werden, desto besser gelingt es den Unternehmen, Märkte zu erobern und Wettbewerbspositionen zu sichern.

Frederik Ahlemann: Welche konkreten Veränderungen wir durch die Digitalisierung zu erwarten haben, ist heute noch gar nicht vollständig zu überblicken. Unserer Meinung nach wird die Digitalisierung sämtliche Lebensbereiche durchdringen. Neben den bereits erwähnten Nutzenpotenzialen für die Unternehmen erwarten wir auch einige Vorteile für den Konsumenten. Natürlich nehmen aber auch die Risiken und Nachteile zu. Die Konsequenzen der Digitalisierung werden enorm sein. So wird es mittel- bis langfristig zu einer massiven Verschiebung, vermutlich auch einem Verlust von Arbeitsplätzen kommen, weil sich völlig neue Rationalisierungspotenziale ergeben. Brauchen wir noch Lagerarbeiter, Taxifahrer, Zugführer und Disponenten? Vermutlich nicht oder zumindest sehr viel weniger. Wir gehen auch davon aus, dass Management-Prozesse durch die Digitalisierung erfasst werden. Viele Entscheidungen, die heute noch auf Basis unvollständiger Informationen getroffen werden, erfolgen zukünftig sicherlich Daten- und Algorithmen-basiert in viel höherer Qualität. Entsprechend werden wir auch unsere Lehrbücher zu BWL, Management und Wirtschaftsinformatik neu schreiben müssen. Letztlich wird sich unser Leben ähnlich massiv verändern wie beim Übergang von der vorindustriellen (merkantilistischen und landwirtschaftlichen) zur industriellen Gesellschaft. Ähnlich wie im 19. Jahrhundert werden sich viele soziale und gesellschaftspolitische Fragen ergeben, die noch nicht gelöst sind.

Lesen Sie das vollständige Interview mit Frederik Ahlmann und Nils Urbach in "Wirtschaftsinformatik & Management" | Ausgabe 01/2017.

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