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26.09.2014 | IT-Strategie | Interview | Onlineartikel

"Smartphones sind Fußfesseln"

Autor:
Peter Pagel
4 Min. Lesedauer

Digitale Kommunikation ist aus dem Alltag heute nicht mehr wegzudenken. Ist es gut und sinnvoll, private Hardware im Firmenumfeld zu nutzen und bietet die Vermischung von Arbeit und Freizeit mehr Chancen als Risiken?

Arbeitsleben und Freizeit sind heute oft nicht mehr klar getrennt – Fluch oder Segen?

Ganz klar, ein Fluch! Die Reihenfolge der Nennung in der Frage impliziert schon die Antwort. Haben Sie schon mal umgekehrt gehört, dass sich Freizeit und Arbeitsleben nicht sauber trennen lassen? Im Ernst: Sie fragen nach der wachsenden Tendenz (oder Wahrnehmung), Arbeitnehmer in ihrer eigentlich arbeitsfreien Erholungszeit weiter aktiv mental mit ihrem Beruf zu befassen. Das sehe ich in den meisten Fällen kritisch. Natürlich leben viele Berufe davon, dass uns die Arbeit auch emotional beschäftigt und uns ein spezifisches Problem bis in den Schlaf verfolgt. Aber die erfolgreiche Lösung eines solchen Problems ist in der Regel nicht das weitere Verfolgen, sondern das spielerische Loslassen der Sache in das Halb-Bewusste. Die Lösung erscheint uns im Traum oder in der Badewanne.


Die Tendenz, regelmäßig etwas (Routine-)Arbeit durch ein elektronisches Helferlein mit nach Hause zu nehmen, weil man es im Rahmen der regulären Arbeitszeit nicht geschafft hat, halte ich persönlich für gefährlich. Die immer häufigere Diagnose „Burnout“ spricht da eine klare Sprache. Arbeitsleistung in die Freizeit zu verlagern, ist nichts weiter als Überstunden ohne Zeiterfassung.

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Auch die Gesetzeslage zur Arbeitszeit ist in Deutschland klar. Nur wird die beruflich verwendete Freizeit nicht systematisch erfasst. In dieser Grauzone dürfte es dem Arbeitgeber auf der anderen Seite allerdings schwerfallen, die Arbeitsleistung während der Freizeit einzuklagen.


Bitte verstehen Sie mich an dieser Stelle aber nicht falsch. Ich befürworte flexible Arbeitszeitmodelle und Heimarbeit grundsätzlich. Die persönliche und unternehmerische Herausforderung dabei ist aber, bei aller Flexibilisierung beides – Privatleben und Freizeit – noch „ordentlich hinzubekommen“. Weder darf das Private dauerhaft und intensiv in die Arbeitszeit drängen – noch umgekehrt. Sonst scheitern wir wahlweise an den Anforderungen unseres Berufes oder unseres sozialen Umfelds. Beides hat einen negativen Einfluss auf unsere Arbeitsleistung. Die klare Abgrenzung ist also auch im Interesse eines ganzheitlich und nachhaltig denkenden und handelnden Unternehmens

Ist ein Blackberry eine elektronische Fußfessel?

Technisch gesehen auf jeden Fall, ebenso wie die Smartphones anderer Hersteller. Wussten Sie, dass man die Gewichte am Ende der Fußkette von Sklaven in den Südstaaten wegen der beim eiligen Guss mit improvisierten Formen entstandenen unregelmäßigen Geometrie gelegentlich „Blackberries“ nannte? Man muss nicht Edward Snowden sein, um zu erahnen, welche Daten ein Arbeitgeber rein technisch mithilfe eines Smartphones aufzeichnen könnte.

Ich kenne keine Firma, die den Mitarbeiter bei der Übergabe eines Firmen-Smartphones darüber aufklärt, welche Daten für welche Zwecke erhoben werden könnten. Natürlich schaudert es mich bei dem Gedanken, dass meine auf demselben Gerät aus geschäftlicher und privater Tätigkeit entstehenden Daten miteinander kombiniert und verwertet werden – durch wen auch immer. Ein empfehlenswerter Thriller zum Thema ist aktuell: „Zero“ von Marc Elsberg.
Die Frage war aber sicher anders gemeint. Das Smartphone gibt dem Mitarbeiter jederzeit und überall Zugriff auf Firmen-Ressourcen – meist das E-Mail-Konto, Chat-Clients oder Telefonie. Eingehende Nachrichten werden standardmäßig zu jeder Tages- und Nachtzeit signalisiert. Das heißt, das Ding piept und blinkt, wann immer mich jemand bei einer Nachricht in Kopie nimmt oder nur mal kurz eine Frage hat. Habe ich das Gerät in Reichweite, entsteht unausweichlich der Impuls, die eingehende Nachricht zumindest zu lesen. Das verhindert den mentalen Feierabend.

Sehen Sie auch positive Aspekte der permanenten Verfügbarkeit?

Natürlich. Wie können arbeiten, wann und wo wir wollen. Das klingt jetzt etwas platt und muss auch noch weiter differenziert werden. Aber ich werte es ganz klar als Gewinn an persönlicher Freiheit, dringende Dinge, die auch telefonisch oder außerhalb der Firmenräume geklärt werden können, noch „schnell“ zu klären und dann entspannt in den Feierabend zu gehen. Früher hieß „Rufbereitschaft“, dass man sich irgendwo hinsetzen und auf das Klingeln des Telefons warten musste. Heute muss ich dafür nur an einem Ort sein, an dem mein Telefon Empfang hat und ich ziemlich zügig ins Netz komme, falls etwas ist. Oder auch in der Zusammenarbeit: Wenn früher ein Text oder eine Präsentation fertig werden musste, waren alle bis zum Ende im Büro. Heute kann man das auch aus der Ferne freigeben. Oder einfache, kurze Terminabsprachen – die Beispiele für persönlichen Flexibilitäts- und Produktivitätsgewinn lassen sich lange weiterführen.

Das vollständige Interview lesen Sie hier: "Der Blackberry und andere Smartphones sind Fußfesseln, die wir uns selbst nur zu gerne anlegen."

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