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Über dieses Buch

​Experiment und Simulation gehören mittlerweile fest zum Kanon der etablierten Forschungsmethoden in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. In der Grundlagenforschung dienen Laborexperimente dazu, Erklärungen des sozialen Verhaltens und Handelns modellgetreu zu überprüfen, während in Feld- und natürlichen Experimenten reale Handlungsbedingungen abgebildet werden sollen. Mit agentenbasierten Simulationen wiederum lassen sich komplexe und wiederholte Interaktionen zwischen Individuen untersuchen. Das Jahrbuch stellt das Potenzial dieser beiden neuen Forschungsmethoden vor. In einem ersten Teil werden die methodischen Grundlagen und Annahmen von sozialwissenschaftlichem Experiment und agentenbasierter Simulation beschrieben. Die Beiträge des zweiten Teils zeigen exemplarisch die Bandbreite von Labor- und Feldexperimenten und Simulationen in der politik- und sozialwissenschaftlichen Forschung auf. ​

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Experiment und Simulation in der Politikwissenschaft

Frontmatter

Experimente in der Politischen Ökonomie

Zusammenfassung
Experimente in der Politischen Ökonomie kommen ursprünglich aus der Methodologie der Volkswirtschaftslehre, haben aber inzwischen ihren Weg in den Mainstream politikwissenschaftlicher Forschung gefunden. Im Gegensatz zur Situation vor 20 Jahren sind politikwissenschaftliche Experimente nicht mehr nur in sehr spezialisierten Zeitschriften zu finden, sondern nehmen eine wichtige Position in renommierten Journals und Veröffentlichungen bekannter Verlage ein. Was hat sich seitdem geändert? Warum verwenden heute immer mehr Politikwissenschaftler experimentelle Methoden? Der wohl wichtigste Grund dafür ist die Erkenntnis, dass experimentelle Methoden präzise Analysen von Kausalzusammenhängen ermöglichen. Um Kausalzusammenhänge überprüfen zu können, muss ein Wissenschaftler konfundierende Variablen – wie z.B. Wählerpräferenzen oder Informationsniveaus von Wählern – kontrollieren können. Obwohl experimentelle Designs zunehmend Verbreitung finden, stützen sich die meisten Politikwissenschaftler weiterhin auf Beobachtungsdaten oder natürlich vorhandene Daten. Das Problem von Beobachtungsdaten ist die fehlende Kontrolle über potentiell störende Variablen. Um mit solchen Daten Aussagen über Kausalzusammenhänge treffen zu können, muss der Wissenschaftler mithilfe statistischer Verfahren für diese konfundierenden Variablen kontrollieren. Hierbei muss die nicht überprüfbare Annahme gemacht werden, dass keine weiteren unbekannten Variablen existieren, die den Kausalzusammenhang beeinflussen. Mit experimentellen Daten können diese Kontrollen schon während des Datenerhebungsprozesses durch Randomisierung eingerichtet werden.
Rebecca B. Morton, Kenneth C. Williams

Zur Methode der agenten-basierten Simulation in der Politikwissenschaft am Beispiel von Meinungsdynamik und Parteienwettstreit

Zusammenfassung
In agenten-basierten Computersimulationen kann man, wenn sie geeignet visualisiert sind, sehen, wie emergente Phänomene aus lokalen Interaktionen entstehen. Man kann mit Annahmen und Parametern spielen und damit neue Parteistrategien zum Gewinnen von Wahlen ausprobieren, die selbstorganisierte Parteibildung manipulieren oder Revolutionen an kritischen Schwellwerten auslösen. Sie bilden eine spielerische Brücke zwischen Theorie und Realität. In diesem Beitrag wird die Methode der agenten-basierten Computersimulation als allgemeine Methode zur Untersuchung formaler Modelle im Hinblick auf politikwissenschaftliche Fragestellungen vorgestellt und an ausgewählten Beispielen erläutert.
Jan Lorenz

Anwendungen

Nicht jede Form von Stress mindert die Entscheidungsqualität: Ein Laborexperiment zur Groupthink-Theorie

Zusammenfassung
Seit der Einführung von Irving Janis‚ (1971, 1972) sozialpsychologischem Konzept des Gruppendenkens („Groupthink“ im Original und im Folgenden) richtete sich wiederholt das politikwissenschaftliche Forschungsinteresse auf Gruppenentscheidungsprozesse. Dies gilt besonders für die Internationalen Beziehungen, in denen Groupthink einer der Prozesse ist, der die Wirksamkeit jener Abschreckungsrezepte beeinträchtigt, welche die Verfechter des Rationalismus im Gefolge von Schelling (1960) entwickelt haben. Trotz zahlreicher Fallstudien und experimenteller Studien mangelt es bis heute jedoch sowohl an eindeutiger empirischer Evidenz als auch an theoretisch rigorosen Erklärungsansätzen, die über Janis‚ bahnbrechende Beiträge hinausreichen. So ist trotz der Vielzahl von Fallstudien, in denen an einem Entscheidungsapparat ex post und damit nach dem Scheitern der Deeskalationsbemühungen Gruppendenken attestiert wird, weiterhin unklar, ob der Ansatz von Janis ein brauchbares analytisches Gerüst bereithält und auch für Prognosen geeignet ist.
Hanja Blendin, Gerald Schneider

Ticken Gruppen anders? Ein Laborexperiment zur unterschiedlichen Motivation von Individuen und Gruppen in Verhandlungen

Zusammenfassung
Verhalten sich kollektive Akteure in Verhandlungen anders als individuelle Akteure? Ein kurzer Blick auf realweltliche Verhandlungen verdeutlicht die Relevanz dieser Frage. In vielen Situationen treffen Verhandlungsteams kleiner oder mittlerer Größe aufeinander. So verhandeln Parteien miteinander über die Bildung einer Regierung oder die Ausgestaltung von Gesetzen. Auf internationaler Ebene handeln Regierungen Verträge und Abkommen aus, und in Tarifverhandlungen legen Gewerkschaften und Arbeitnehmerverbände Arbeitsbedingungen und Löhne fest. Die Liste an Beispielen ließe sich sicherlich beliebig fortschreiben. Die hier getroffene Auswahl zeigt allerdings deutlich, dass die Beteiligung kollektiver Akteure an Verhandlungen eher die Regel als die Ausnahme ist. Die Analyse von Verhandlungen mit Beteiligung von Gruppen umfasst somit mindestens zwei Ebenen (Putnam 1988: 433). Auf der Intra- Gruppenebene müssen sich die einzelnen Mitglieder einer Gruppe intern auf eine Verhandlungsstrategie einigen. Das heißt, sie müssen entscheiden, welche Angebote sie der Gegenseite unterbreiten, oder wie sie auf Angebote anderer Akteure reagieren. Auf der darüber liegenden Inter-Gruppenebene kommt es schließlich zu den eigentlichen Verhandlungen zwischen den Gruppen, in denen die Repräsentanten versuchen, ein möglichst gutes Ergebnis für ihre eigene Gruppe herauszuholen.
Jan Sauermann

Das „Lab in the field“ Experiment. Kontrolle und die Integration finanzieller Anreize in feldexperimentellen Forschungsdesigns anhand eines Beispiels

Zusammenfassung
Private Haushalte in Deutschland verbrauchen in den letzten Jahren stetig mehr Strom. Zudem stieg auch der Strompreis in den letzten Jahren. Die beobachtende und befragende Forschung benennt hierfür Gründe, unter anderem die steigende Zahl von Single-Wohnungen und die steigende Geräteausstattung in den Wohnungen (Bonomo 1998). Gleichzeitig zeigen Studien jedoch auch, dass deutsche Haushalte Sparpotenziale nicht nutzen (Bürger 2009); hieraus ergibt sich eine paradoxe Situation, wenn von einem rationalen Konsumentenverhalten ausgegangen wird. Zudem entstehen aus diesem Paradoxon sozial- und umweltpolitische Probleme, da die ungenutzten Einsparpotenziale die Privathaushalte finanziell unnötig belasten und die Stromerzeugung selbst (umwelt-)politische Probleme nach sich zieht, zumal sie in Deutschland noch stark an fossile Brennstoffe und Atomkraft gebunden ist. Diese Probleme machen das Thema für die politikwissenschaftliche Untersuchung interessant. Bei der wissenschaftlichen Untersuchung von Barrieren und Hemmnissen zur Umsetzung von Einsparmöglichkeiten besteht eine Forschungslücke bezüglich der Preissensitivität von Privathaushalten bei Strom und Strom sparenden Haushaltsgeräten (Duscha und Dünnhoff 2007; Tews 2009).
Ulrich Hamenstädt

Der Einfluss strategischen Wahlverhaltens auf den Parteienwettbewerb in Mehrparteiensystemen mit Koalitionsregierungen: Eine Computersimulation

Zusammenfassung
Es gibt eine Vielzahl von Studien zu den Themen „Parteienwettbewerb“ und „strategisches Wählen“. Eine Verknüpfung der beiden Themenfelder findet jedoch kaum statt. Während Untersuchungen zum Parteienwettbewerb meist von „ehrlichen“ Wählern ausgehen und sich auf die Positionierung von Parteien konzentrieren, legen Studien zu strategischem Wählen meist komplexes Wählerverhalten zugrunde bei gleichzeitig statischen Parteipositionen. Der vorliegende Beitrag will diese Forschungslücke schließen und die Frage beantworten, inwiefern strategisches Wahlverhalten die Positionierung von Parteien beeinflusst. Der Fokus liegt dabei auf der Modellierung des Mehrparteienwettbewerbs in parlamentarischen Demokratien mit Verhältniswahlrecht und Koalitionsregierungen. Koalitionsregierungen aus mindestens zwei Parteien, die über eine parlamentarische Mehrheit verfügen, sind die typische Regierungsform in europäischen Demokratien.1 Die weite Verbreitung dieser institutionellen Gegebenheiten steht in direktem Gegensatz zur geringen Aufmerksamkeit, die diese Demokratieform in räumlichen Politikmodellen erhält.
Martin Brunner

Prognosemärkte als Mittel zur Messung von Eintrittswahrscheinlichkeiten politischer Entscheidungen im Zusammenhang mit der Bundestagswahl 2009

Zusammenfassung
Wurden bis vor einiger Zeit einzelne Teildisziplinen der Politikwissenschaft analytisch häufig als in sich abgeschlossene und modelltheoretisch voneinander unabhängige Systeme betrachtet,1 so finden sich heute in zunehmendem Maße auch Arbeiten, die die Verknüpfung verschiedener Bereiche thematisieren. Einer der weitestgehenden Ansätze ist dabei der von Austen-Smith und Banks (1988),2 der den politischen Prozess vom Wahlkampf über die Wahlentscheidung und den Koalitionsbildungsprozess hinweg bis hin zur legislativen Entscheidung mit einem Politikergebnis als ein vierstufiges Superspiel betrachtet. Um die Teilspiele auf einer bestimmten Stufe lösen zu können, ist es notwendig, einer Rückwärtsinduktions-Logik folgend die Spiele der zukünftigen Stufe(n) zu antizipieren.
Eric Linhart, Friedrich Hedtrich

Backmatter

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