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20.03.2020 | Jahresabschluss | Interview | Onlineartikel

"Die Bilanzierung von Daten bekommt große Relevanz"

Autor:
Sylvia Meier
4:30 Min. Lesedauer
Interviewt wurde:
Dr. Angelica Schwarz

übt ihre berufliche Tätigkeit als Rechtsanwältin in Zürich aus.

Digitalisierung und Big Data verändern die Welt. Und sie haben immer mehr Einfluss auf die Bilanzierung. Autorin Angelica Schwarz erklärt, warum viele Firmen das Thema bei der Jahresabschlusserstellung dennoch nicht auf dem Schirm haben. 

springerprofessional.de: In Ihrem Buch befassen Sie sich mit der Bilanzierung von Daten. Hängt das Thema mit der aktuellen Diskussion um die Digitalisierung zusammen? 

Angelica Schwarz: Ja, genau. Im Moment sprechen alle von Big Data. Ich habe mir die Frage gestellt: Könnte man die Daten nicht als Asset bezeichnen? Und wie werden diese dann bilanziert? Ich habe mich mit diesem Thema nun seit einigen Jahren befasst und habe mir veröffentlichte Jahresabschlüsse angeschaut. Dabei fiel mir auf, dass die Bilanzierung von Daten in vielen Unternehmen noch nicht stattfindet und sich auch die Forschung noch fast nicht dazu geäußert hat. Das war für mich ein Forschungsanstoß. 

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Bilanzierung von Daten nach IFRS

Auch die IFRS äussern sich nicht explizit zur Frage, wie Daten bilanziell zu behandeln sind. Die Bestimmungen zur bilanziellen Behandlung von immateriellen Vermögenswerten bieten jedoch eine geeignete Grundlage, um dieser Frage nachzugehen.

Und woran liegt es, dass die Bilanzierung von Daten bisher nicht stattfindet? 

Bei vielen Unternehmen ist das Thema noch nicht ins Bewusstsein gelangt. Oft sammeln Firmen Daten, werten diese jedoch nicht aus. Ohne Datenanalyse gibt es jedoch keine neuen Erkenntnisse, dann liegen die Daten quasi brach. Man kann dann aber auch zum Schluss kommen, dass kein Asset, kein Vermögen für das Unternehmen vorliegt, da hier nichts verwertet wird. Hinzu kommt, dass das Thema neu ist. Mit den neuen Technologien und Auswertungsmöglichkeiten stellen sich neue Fragen. 

Welche Aspekte meinen Sie konkret?

Es sollen verstärkt Daten analysiert werden. Big Data beschreibt ein Datenmeer. Momentan können vor allem bei international tätigen Konzerngesellschaften die Daten unorganisiert sein. Eine Auswertung gestaltet sich als überaus schwierig, sofern die Daten durch einzelne Gruppengesellschaften unterschiedlich erhoben und beschriftet werden. Ich bezeichne diese Daten auch als Rohdaten. Mit diesen allein kann man noch nicht viel erreichen. Die Datenanalyse ist der nächste Schritt und hier findet erst der Mehrwert statt. 
Wichtig ist auch: Abhängig davon, nach welcher Bilanzierungsvorschrift der Jahresabschluss erstellt wird, gibt es außerdem einen gewissen Gestaltungsspielraum, ob man die Daten bilanzieren will oder nicht. 

Mit anderen Worten: Mit der Datenanalyse wird auch die Bilanzierung zum Thema? 

Genau. Es kommt natürlich auf das Business-Modell des jeweiligen Unternehmens an. Bekannt sind zum Beispiel Bonusprogramme, bei denen man eine Punktekarte bekommt und mit dieser Karte werden die Einkäufe aufgezeichnet. Damit könnte das Unternehmen das Einkaufsverhalten auswerten, gezielt Werbung schalten, mit Firmen kooperieren und vieles mehr. Die Rohdaten allein bringen erst einmal nicht viel, sofern diese nicht als solche verkauft werden können. Doch werden diese ausgewertet, dann stellt dies für das entsprechende Unternehmen einen Mehrwert dar. 

Muss man dabei nicht auch den Datenschutz berücksichtigen?

Natürlich wären in der Praxis datenschutzrechtliche Fragen zu klären. Doch für die Bilanzierung klammere ich diese Frage erst einmal völlig aus. Hier will ich erst einmal nur wissen, ob Mehrwerte generiert wurden, die bilanziell interessant sind. Datenschutzrechtliche Risiken können auf der Passivseite berücksichtigt werden, indem man eine Risikoabschätzung zum Beispiel zu Gerichtskosten oder Löschungsansprüche macht und entsprechend eine Rückstellung bildet. 

Welche Fälle sind vorstellbar, bei denen Daten bilanziell erfasst werden sollten? 

Datenbasierte Geschäftsmodelle sind hier sehr interessant. Viele denken, das betrifft nur IT- und Social-Media-Unternehmen. Doch das stimmt nicht. Es kann zum Beispiel auch ein Unternehmen der Automobilbranche sein, das Mehrwerte generieren will, indem es Produktions- und Vertriebsprozesse aufgrund von Datenanalysen verbessert. Gerade in dieser Branche werden derzeit viele Daten gesammelt, beispielsweise zum Fahrverhalten. Diese Erkenntnisse können dann zum Beispiel genutzt werden, um einem Kunden, der ein neues Auto kaufen will, entsprechende Empfehlungen zu geben. Daten können auch nur für interne Zwecke dienen, beispielsweise für die effiziente Personalplanung, um Kosten zu sparen. Auch hier wird dann ein Mehrwert generiert. 

In der Bilanz sind das dann immaterielle Vermögenswerte? 

Aus meiner Sicht ja. In der Schweiz gibt es hier noch einen Lehrstreit. Aber aus meiner Sicht muss man Daten als immaterielle Vermögenswerte qualifizieren. 

Doch wie lege ich einen Wert für Daten fest in der Bilanz? 

Bei einem Erwerb oder einer Veräußerung von Daten ist es recht einfach. Dann kann man beispielsweise die Anschaffungskosten entsprechend ansetzen. Ansonsten sind auch Herstellungskosten ein wichtiger Ansatzpunkt. Die Bewertung ist wieder stark branchenabhängig und in vielen Fällen sicher komplex. Und natürlich spielt hier auch der Bilanzierungsstandard, wie beispielsweise IFRS, wieder eine wichtige Rolle. Eine einheitliche Aussage, wie die Bewertung der Daten erfolgen muss, ist hier schwierig. 

Was kann bei der Lösung dieses Problems helfen?

Die OECD hat sich der Frage schwerbewertbarer immaterieller Vermögensgegenstände im Steuerrecht gestellt und hat einen Approach, der de facto eine rückwirkende Bewertung zulässt. Doch in der Handelsbilanz mit Stichtagsprinzip ist das natürlich so nicht möglich. Hier muss jedes Unternehmen versuchen, eine Lösung zu finden und sich gegebenenfalls entsprechend beraten lassen. Die Bilanzierung immaterieller Vermögenswerte wird künftig definitiv von großer Relevanz haben. Darauf müssen sich Unternehmen einstellen.  

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