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02.01.2013 | Journalismus | Interview | Onlineartikel

"Einer guten Geschichte sieht man ihre Struktur nicht an"

Autor:
Andrea Amerland

So spannend erzählen Georges Lucas oder Steven Spielberg: Christian Friedl erklärt, wie das richtige Storytelling ein bisschen Hollywood in den journalistischen Alltag oder den Imagefilm bringt.

Springer für Professionals: Der Titel ihres Buches "Hollywood im journalistischem Alltag" lässt vermuten, dass Sie sich beim Fernsehen in der Regel eher langweilen. Warum braucht der TV-Journalismus mehr Hollywood-Flair?

Christian Friedl: Das Buch soll zeigen, dass die Erzählstrukturen, die Hollywood-Filme benutzen, auch für den journalistischen Alltag gelten. Nicht nur fürs Fernsehen übrigens, genauso gut fürs Radio, für Online oder Zeitung. Vor allem aber für die, die dauernd Geschichten erzählen müssen, um ihre Firma zu repräsentieren – egal in welchem Medium. Also etwa für den großen Bereich "PR". Hier gilt ja besonders: Es muss eine gute Geschichte sein, denn gerade hier muss man Menschen gewinnen, die vielleicht erst einmal gar nicht interessiert sind. Vielleicht der größte Unterschied zum TV-Zuschauer, der einfach gerne einschaltet. Was ich präsentiere, ist ja nichts anderes als die gute, alte 3-Akt-Struktur nach Aristoteles – nur angereichert mit einigen sehr nützlichen Erzählschritten. Und das nennt man dann Monomythos oder Heldenreise. Aber das heißt nicht, dass wir von Hollywood lernen müssten, denn die dortigen Meister haben die 3-Akt-Struktur und auch die Heldenreise ja nicht erfunden, sondern setzen sie ein. Wir sollten das genauso tun, denn dramaturgische Strukturen sind wichtig für eine gute Geschichte. Die Regeln, die ich beschreibe, engen nicht ein, sind kein Korsett, sondern eben Strukturen, die dem Publikum verborgen bleiben sollten. Einer guten Geschichte sieht man ihre Struktur nicht an. Das ist so wie bei einem guten Rezept: Es schmeckt eben!

Und was können Journalisten oder Mitarbeiter in der Unternehmenskommunikation genau von Regisseuren wie George Lucas oder Steven Spielberg lernen?

Wir könnten lernen, dass Struktur hilft, gute Geschichten zu erzählen. Blockbuster wie "Star Wars", "Indiana Jones", "Harry Potter" oder auch alte Schinken wie "Ben Hur" haben die gleiche Erzählstruktur. Ähneln sie sich deswegen? Kaum! An der ARD-ZDF-Medienakademie lasse ich einen Magazinfilm von mehreren Gruppen umschneiden und umtexten. Die Ergebnisse sind alle verschieden, obwohl sie die gleichen Bilder benutzen müssen. Jeder legt die Regeln eben anders aus. Gut so! Die Erzählregeln erleichtern einem doch das Leben. Man muss nicht jedes Mal das Erzählen neu erfinden. Man kann also viel effizienter arbeiten. Und wir Journalisten sollten uns auf ein paar Regeln einlassen dürfen. Das machen andere Berufe ja auch. Wenn ein Koch eine Omelette zubereitet, wird er ja auch nicht ausrufen: "Schon wieder Eier!“

Ein TV-Journalist hat in der Regel die berühmten drei Minuten für einen Beitrag. Spielberg-Filme dauern aber zwei bis drei Stunden. Wie kann Journalisten der Spagat zwischen Zeit und Spannung dennoch gelingen?

Je weniger Zeit ist, desto schwieriger wird das natürlich. Dennoch: Ich habe etwa einen Film im Buch beschrieben, einen 5-Minüter, der alle 12 Erzählschritte der Heldenreise einhält. Allerdings darf man nicht versuchen, diese Strukturen mit Gewalt einer Geschichte aufzuzwingen, das geht schief.

Viele ihrer Kollegen werden vermutlich einwenden, dass es im Journalismus doch darum gehe, Fakten zu vermitteln oder Missstände aufzudecken und nicht ums Geschichtenerzählen. Was entgegen Sie ihnen?

Ich entgegen ihnen, dass Fakten nur dann behalten werden, wenn sie mit Emotionen verknüpft werden. Das ist keine Dramaturgie, sondern Hirnforschung. Und Emotionen entwickelt der Journalist, in dem er diese Fakten in eine Geschichte einbettet. Übrigens das Erfolgsrezept der Bibel: Dort werden die Botschaften auch in Geschichten präsentiert, die so gut erzählt sind, dass sie immer und überall gelten. Nehmen Sie etwa Kain und Abel: Das könnte auch heute bei uns in Deutschland spielen. Nur dass Abel vielleicht Computerexperte ist – und Kain Banker.

Heldensagen, Dramen, Märchen, Mythen – daraus besteht die Rezeptur Ihres Storytelling-Cocktails. Das lernt man als Volontär oder an Journalisten-Schulen eher nicht. Woran liegt das?

Das Interesse ist auf jeden Fall da. Das erlebe ich etwa bei den Studenten der Journalistik an der Uni Eichstätt. Auch die Volontäre des Bayerischen Rundfunks sind sehr aufgeschlossen und benutzen diese Strukturen im Alltag. Es gibt auch Vorbehalte, das ist richtig. Das liegt aber nicht an der Heldenreise an sich, sondern an ihrem falschen Einsatz. Wer sie etwa Nachrichten überstülpen will, erleidet zwangsläufig Schiffbruch. Grundsätzlich sollte man den Leuten klar machen, dass man auf diese Weise eine tolle Geschichte erzählen kann. Die Heldenreise ist ja keine Erfindung, sondern die Entdeckung, dass die Menschen überall auf der Welt zu allen Zeiten solche Geschichten gerne erzählen. In Seminaren höre ich auch oft: "Das mache ich aber ja genau so!" Ja, klar, wir machen das unbewusst oft so. Die Heldenreise ist deswegen auch keine Theorie, sondern einfach eine Struktur des Erzählens, die uns in die Wiege gelegt worden ist. Deswegen muss man sie auch nicht dauernd bemühen, sondern sie sich vor allem dann bewusst machen, wenn es nicht läuft beim Schreiben. Dann erweist sie sich als wunderbare Möglichkeit der Diagnose.

Noch einmal genau gefragt: Wie funktioniert Storytelling im Journalismus so, dass aus Wahrheit nicht Dichtung wird?

Jede Dramaturgie hat die Fakten der Recherche zu beachten. Aber die 3-Akt-Struktur, die die Heldenreise ja beinhaltet, sagt ja auch nur, dass es zwei Wendepunkte geben sollte: Es war mittel, wurde schlecht und dann super etwa. Oder es war mittel, wurde toll und dann katastrophal. Letzteres ist das Drama. Man sollte einfach prüfen, ob die Recherche eine solche Struktur zulässt. Wenn nicht, könnte man sich ja auch fragen, ob es wirklich berichtenswert ist, was man da anrecherchiert hat. So ist Dramaturgie eben auch ein Lackmus-Test.

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2013 | OriginalPaper | Buchkapitel

Der erste Akt

Quelle:
Hollywood im journalistischen Alltag