Skip to main content
main-content

10.10.2013 | Journalismus | Im Fokus | Onlineartikel

Huffington Post torpediert das journalistische Geschäftsmodell

Autor:
Andrea Amerland
2:30 Min. Lesedauer

Mit dem Start der deutschen Huffington Post soll der Gratisjournalismus hierzulande richtig Fuß fassen. Welche Konsequenzen hat das für das Berufsbild des Journalisten und die Bezahlmodelle im Web? Ein Kommentar von Andrea Amerland.

Ich blogge wirklich gerne. Wenn mir mein Beruf dazu noch Zeit und Energie lässt. Ich tue dies in meinem kleinen privaten Blog. Dort kann ich über Dinge schreiben, die in meinem Ressort PR & Medien keinen Platz finden, über Dinge, die mich persönlich beschäftigen. Aber kostenlos zu bloggen oder handwerklich gut gemachte Reportagen für die deutsche Ausgabe der Huffington Post zu schreiben – das kann ich mir als ausgebildete Journalistin wie die meisten Menschen meiner Profession einfach nicht vorstellen.

Aufmerksamkeit als Entgelt für Journalismus

Die "Währung“ Aufmerksamkeit, die größere Reichweite für die persönliche Profilierung – das ist für Prominente, Lobbyisten oder PR-Berater sicherlich ein attraktives Angebot (um nicht zu sagen ein gefundenes Fressen), eine neue Spielwiese für Selbstdarstellung, Eigenwerbung und mitunter eitle Nabelschau. Wie ein Medium mit kostenlosen Inhalten für eigene Zwecke instrumentalisiert werden kann, hat Barack Obama in der amerikanischen Ausgabe der Huffington Post bereits gezeigt. Jahrelang nutzte er – seiner Prominenz sei Dank – das Medium, um sich von unangenehmen Äußerungen seines ehemaligen Pastors zu distanzieren. Qualitätsjournalismus ist das jedenfalls nicht und wird es auch in der deutschen Ausgabe in weiten Teilen nicht sein, die jetzt mit Autoren wie Cherno Jobatey, Uschi Glas und Boris Becker an den Start geht.

Bürgerjournalismus untergräbt Gatekeeperfunktion nicht

Für mich als Online-Journalistin ist die Kostenloskultur der Huffington Post vor dem Hintergrund sinkender Redaktionsbudgets, dem Zeitungssterben und unterlaufener Tarifverträge immer noch ein Schlag ins Gesicht. Es geht nicht darum, dass Journalisten fürchten, ihre Gatekeeperfunktion zu verlieren. Ich persönlich kann mit anderen Kommunikatoren im Netz gut leben und tausche mich mit Ihnen gerne aus. Der so genannte partizipative Journalismus, der auch gerne Graswurzel- oder Bürgerjournalismus genannt wird, so die Springer-Autoren Christoph Neuberger und Thorsten Quandt, ist eine Bereicherung für den Meinungspluralismus. Aber nur, wenn er journalistische Standards beherzigt, nicht einfach Schmähkritik ist und auf eigenen Plattformen stattfindet.

Gratisjournalismus vs. Paid Content

Aber mit kostenlosem Bürgerjournalismus Geld zu verdienen, verstößt gegen die guten Sitten. Zum einen, weil die Grenzen zwischen Bürgerreportern und Journalisten ins Fließen geraten, zum anderen, weil der Journalismus weiter an Wert verliert. Wer heute noch den Beruf des Journalisten ergreifen will, dem muss dringend abgeraten werden – das hat Zeitungsforscher Horst Röper unlängst in seinem Abgesang auf den Journalismus auf die Spitze getrieben.

"Es mehren sich die Anzeichen dafür, dass das Geschäftsmodell des professionellen Journalismus in Frage gestellt ist, urteilen auch Neuberger und Quandt. Und auch Kurt Weichler meint in dem Fachbeitrag "Warum der Journalismus derzeit an Wert verliert": "Journalisten gehen, Informationsmanager kommen.“ Wie sich das Berufsbild des Journalisten letztendlich entwickelt, wird die Zukunft zeigen. Aber eines ist gewiss: Paid Content wird es durch Gratisangebote wie die Huffington Post in Deutschland nicht unbedingt leichter haben.

Weiterführende Themen

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

    Bildnachweise