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02.07.2012 | Journalismus | Im Fokus | Onlineartikel

Wirtschaftsjournalismus glaubt man nicht

Autor:
Andrea Amerland
2 Min. Lesedauer

Das Vertrauen in den Wirtschaftsjournalismus ist gesunken. Leser wollen mehr über gesellschaftspolitische Konsequenzen und Grenzen politischer Entscheidungen erfahren, so das Ergebnis einer Studie der Universität Hohenheim.

Rund 47 Prozent der Printleser in Deutschland vertrauen nicht auf die Berichterstattung der Wirtschaftsredaktionen. So das Ergebnis einer Studie der Universität Hohenheim und der ING-DiBa AG, deren umfangreiche Analyse im Rahmen einer Monographie zum Thema Wirtschaftsjournalismus im VS Verlag erschienen ist. Auch die Finanzunternehmen kommen nicht gut davon. Nach Wirtschafts- und Eurokrise halten nur noch 26 Prozent der Bevölkerung Banken und Versicherungen für vertrauenswürdig. Bei diesen Werten verwundert es wenig, das 90 Prozent der Leser von den Medien die kritische Aufdeckung von Missständen in der Wirtschaft fordern und sich wünschen, das Managern moralische Grenzen aufgezeigt werden (87 Prozent).

Diskrepanz zwischen Lesererwartung und Wirtschaftsberichterstattung

“Die Leser erwarten nicht, dass Journalisten die Politik machen, aber sie sollen die Wirklichkeit durchschauen und auf das Pro und Contra hinweisen”, erklärte Claudia Mast, Autorin der Studie "Neuorientierung im Wirtschaftsjournalismus - Redaktionelle Strategien und Publikumserwartung" bei einer Podiumsdiskussion in Frankfurt. Journalisten sollten gezielt über die Konsequenzen der Euro-Krise berichten und “Horror-Begriffe”, die Angst machen, ohne zu informieren, beser vermeiden.

Im Buchkapitel "Was Publikum und Journalisten wollen" stellt Claudia Mast die Ergebnisse der Studie ausführlich vor. Der interessante Ansatz: Die Studie betrachtet Wirtschaftsjournalismus aus Sicht ihrer Produzenten und aus Sicht ihrer Rezipienten. Wirtschaftsjournalismus steht demnach auf der "Kippe", weil die Publikumsorientierung fehle. Nach Wirtschaft und Politik droht nun auch der Journalismus in eine Vertrauenskrise zu geraten, so Mast. Folgt auf Politikverdrossenheit eine Medienverdrossenheit?

Wirtschaftsjournalismus ohne Nabelschau

Claudia Mast fordert: Wirtschaftsjournalismus sollte über die "Nabelschau" der Wirtschaft hinausgehen, denn "das Publikum sieht Wirtschaftsjournalismus als eine Art 'Grenzgänger' zwischen Wirtschaft und Gesellschaft, als Mahner und Spiegel. Je höher der Bildungsgrad und je älter die Befragten, umso häufiger wird diese Ansicht geäußert. Das Publikum wünscht vor allem eins: mehr Orientierung im finanzpoltischen Dschungel der Eurokrise und seiner Rettungsmaßnahmen aus Sicht des Steuerzahlers, Anlegers und Sparers.

Besonders bei den lokalen und regionalen Medienangeboten sowie den Fachmedien bestehe in dieser Hinsicht Handlungsbedarf, so Mast weiter. Wenn diese Medien nicht weitere Abonnenten verlieren wollen, sollten die jeweiligen Wirtschaftsressorts über eine neue inhaltliche Ausrichtung nachdenken. Denn die Banken- und Wirtschaftskrise, aber auch die Europrobleme und die Staatsverschuldung gehören zu den Top-Themen vieler Menschen.

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Quelle:
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