Skip to main content
main-content

Über dieses Buch

Die demokratischen Journalismussysteme dienen in erster Linie dazu, die Ereignishaftigkeit der Weltgesellschaft transparenter zu machen. Bemühungen in der europäischen und nordamerikanischen Journalismusforschung ermutigen, eine übergreifende Journalistik als Voraussetzung für einen besseren Zusammenhalt der Forschungsergebnisse anzustreben. Nach einem Überblick über das vorhandene Gedankengut werden originäre historische Fallstudien zum Kommunikationswandel vorgestellt. Damit lassen sich Schlüsseltheorien empirisch stabilisieren für die Rekonstruktion einer Journalistik als Einheit in Differenz zur Weltgesellschaft und als Rahmenvorstellung für künftige Forschungsprogramme.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Gegenwärtige Journalistikbemühungen

Frontmatter

1. Vorwissenschaftliches Expertenwissen

In der US-amerikanischen Kommunikationskommunität ist es üblich, den Journalismus für einen geborenen Amerikaner zu halten – zumindest für eine angelsächsische Erfindung. Eine darüber hinaus verbreitete Auffassung hält Journalismus für eine Versammlung von Akteuren, deren Individualisierung als „Homo oeconomicus“ behandelt werden kann. Diese Idealtypisierung erinnert an Versuche Joseph A. Schumpeters, das Unternehmertum auf Unternehmer (Entrepreneurs) mithilfe eines empirisch unzugänglichen „Unternehmergeistes“ zu reduzieren. Das so entstandene Unternehmerbild hielt keiner empirischen Probe stand. Für den Journalisten als „Homo oeconomicus“ liegen auch keine empirischen Testergebnisse vor.
Manfred Rühl

2. Erkenntnishindernisse einer Journalistiktheorie

Es ist die Funktion der Kommunikationswissenschaft, bewahrtes Wissen über menschliche Kommunikationssysteme [human communication systems] zu erneuern. Für die Journalistik kann gelten, dass sie sich vorrangig mit Journalismen unter dem funktionalen Gesichtspunkt befasst, dass weltgesellschaftliche Journalismen die Alltagswelt transparenter, lesbarer und verstehbarer machen. Die von der Journalistik geprüften Journalismusergebnisse können an andere Disziplinen abgegeben werden, wenn beim Ermitteln theoretische Annahmen zum Zuge gekommen sind, komplementär zu denen anderer Disziplinen. Bewahrte Normaltheorien der Journalistik können mithilfe von Erkenntnis- und Methodentheorien reproduziert werden. Das Vermischen eines vorwissenschaftlichen Know-how mit wissenschaftlichem Journalismuswissen führt dagegen zu keinem Erkenntnisfortschritt.
Manfred Rühl

3. Kommunizieren und Publizieren – historische Leitkonzepte

Praxisnahe Journalismusforscher erinnern an Alchemisten, die ohne erkenntnis-und methodentheoretische Anstrengungen erfolgreich sein wollen. Wird Kommunikation definiert und klassifiziert, dann scheint es für sie gleichgültig zu sein, was hinter Kommunikation steht: Zeichen, Signale, Zellen, Tiere, Organisationen, Märkte und weiteres. Ein vergleichendes kommunikationswissenschaftliches Theoretisieren wird auf diese Weise nicht erreicht. Wird bedauert, dass es noch keine umfassende, alles integrierende Journalismustheorie gibt, dann wäre zu sagen, was zu integrieren ist und welche Vorteile damit verbunden sein sollen? Wird behauptet, es könne keine Journalismustheorien geben, dann ist von dem Autor zu erwarten, dass er diese These in einem Handbuch über wissenschaftliche Theoriebildung näher ausführt.
Manfred Rühl

4. Diskurse über Journalismus, Gesellschaft und Staat

Der Journalismus emergiert mit der europäischen Verfassungsgesellschaft. Verfassungen werden seit dem 18. Jahrhundert als allgemeine Formen der Politikregelung gegen den Anspruch absolutistischer Fürstenstaaten entworfen. Verfassungen sind als bürgerlich-politische Ordnungsmodelle noch heute umkämpft. Das in der Antike bekannte Adjektivbürgerlich erhielt seinerzeit einen vorwiegend sozialen Verwendungssinn. Es soll die gesellschaftliche Stellung des einzelnen Bürgers markieren, der aus dem Status Untertan zum Spießbürger [bourgois] privatisiert wird. In der Bürgergesellschaft erhält die Verfassung die Aufgabe, staatliche Eingriffe in bürgerliche Lebensbereiche durch strikte Regeln und Regelungen zu begrenzen. Die rechtlichen Ungleichheiten einer ständisch-korporativen Sozialordnung werden aufgehoben, wenngleich geburtsständische Relikte wie das Duell „zur Wahrung der Ehre“ oder die „standesgemäße Heirat“ noch eine Weile bleiben.
Manfred Rühl

5. Ist die „empirische Kommunikationsforschung“ journalistiktauglich?

„Das Fach“, wie ein Zusammenlegen von Zeitungswissenschaft und Publizistikwissenschaft öfter genannt wird, hat im Laufe eines halben Jahrhunderts viele Namen ausgetauscht: Zeitungskunde, Zeitungswissenschaft, Publizistik, Publizistikwissenschaft, Periodik, Journalistik, Kommunikationswissenschaft, Medienwissenschaft, empirische Kommunikationsforschung. Mit „empirisch“ wurde nominell Anschluss gesucht an sozialwissenschaftliche Forschungsmethoden und -techniken. Mit der Bezeichnung „empirische Kommunikationsforschung“ wird das Rückgrat der Wissensproduktion „des Faches“ beansprucht. Näher betrachtet sind es wenige empirische Techniken und Forschungsmethoden, mit denen Daten erhoben werden, während „Kommunikation“ oder „Journalismus“ in der Regel wissenschaftlich unbefragt übernommen werden.
Manfred Rühl

6. Journalistik als Wissenschaft konstituieren

In der Antike steht Epistémefür ein breites Bedeutungsfeld, das die heute hochdifferenzierten Begriffe Wissen, Erkenntnis und Wissenschaft einschließt. Die Vorsokratiker Heraklit und Parmenides versuchendas Wesen des Erkannten näher zu bestimmen, um es nach Arten und Gattungen zu unterteilten. Platon hältErkennen für ein reflektierendes Grundprinzip, das im Erkenntnisprozess öffentlich-diskursiv erreicht wird.Substanzen, Natur undKultur werden als Grundbegriffe und als erste und letzte Ursachen bestimmt, die keiner Erläuterung bedürfen. Wissen lag nach Auffassung antiker Wissenschaftler fix und fertig vor. Man konnte deshalb Wissen besitzen, es musste nur noch abgebildet und geordnet werden.
Manfred Rühl

Wege zu einer Theorie der Journalistik

Frontmatter

1. Aristoteles: Agora-Kommunikation in Polis-Strukturen

Viele sozialwissenschaftliche Handlungstheorien operieren anhand aristotelischer Denkzusammenhänge und verknüpfen damit dessen theoretische Vorstellungen. Danach handeln Menschen bewusst und freiwillig, wenn sie einen Zweck [Telos] anstreben, mit dem Glück als dem obersten Handlungsziel vor Augen. Freiwillig ist nach Aristoteles eine Handlung dann, wenn ihr Ursprung im Täter liegt, der als Handelnder Entscheidungen in Gang setzt. Für den vernünftigen Gebrauch der Hände kennt Aristoteles zwei Äußerungsformen: Poiesis als handwerkliches Herstellen eigenständiger Objekte (Produkte) und Praxis als faktischen Vollzug zweckhaften Tuns, das heißt bei Aristoteles: Denken, Heilen, Wirtschaften, Musizieren oder Schwimmen. Aristoteles behauptet, dass von allen Lebewesen nur Menschen denken, bewusst wollen, sich erinnern, sprechen, urteilen, wissen und kommunizieren können.
Manfred Rühl

2. Klosterkommunikation: Organisiertes Beten, Arbeiten, Schweigen, Schreiben, Lesen

Die Buchreligionen Christentum, Judentum und Islam organisieren und ordnen die Kommunikationen zu ihren Themen zentral, und zwar durch Texte. Anders als in der Familie wird im Kloster die soziale Entwicklung nicht durch Geburten, sondern durch den Eintritt Erwachsener vollzogen. Christliche Klöster werden als Kommunikationssysteme konstituiert. Im Mittelalter erleben die Beteiligten das Kloster durch besondere, gesellschaftkonstituierende Kommunikationsstrukturen. Klösterliche Kommunikationsprozesse erhalten ihre Stabilität durch Hierarchie und Ritual, durch moralische und rechtliche Normen, durch Politik- und Wirtschaftsbeziehungen in den gesellschaftlichen Mitwelten – deutlich bestimmt durch Selbstverpflichtungen [commitments]. Gewiss wird das organisierte soziale System typisch für das europäische Gesellschaftsleben des 19. und 20. Jahrhunderts. Gleichwohl ist bereits im mittelalterlichen Kloster eine eigene organisierte Sozialität erkennbar.
Manfred Rühl

3. Nürnberg: Kommunizieren und Publizieren in der Reichsstadt um 1500

Die Bevölkerung mittelalterlicher Städte wird nach Häuptern geschätzt und sie wird von der Forschung schichtenförmig abgebildet. In ihr herrscht eine klare Sozialordnung, die faktischen Kommunikationsformen werden reguliert – bis hin zur Tanzordnung. Europäische Reichsstädte, deren Wohlergehen auf Fernhandel basiert, entwickeln schon im 11. und 12. Jahrhundert eine (vorindustrielle) Produktion, verbunden mit einem umfassenden Nachrichtenaustausch zwischen den politisch-wirtschaftlich Herrschenden. Im ausgehenden 13. Jahrhundert erledigen rechtskundige Stadtschreiber im Auftrag der Räte die Korrespondenz mit Vertrauensleuten (Agenten, Faktoren) an ausgewählten Standorten, während einheimische Kaufleute, Patrizier und Ratsschreiber selbst Korrespondenten sind für auswärtige Mächte – im eigenen und im Interesse der städtischen Obrigkeit.
Manfred Rühl

4. Théophraste Renaudot: Persuasion, Manipulation und organisiertes Helfen

Der Prix Renaudot, eine Gegengründung zum Prix Goncourt, gehört zu den namhaften Literaturpreisen in Frankreich. In Wikipedia steht (Mitte 2010), dass Théophraste Renaudot (1586-1653) der „Begründer des modernen Journalismus in Frankreich“ sei. Belege liegen dafür nicht vor. Über das Werk Renaudots wird Vieles und Verschiedenartiges geschrieben. Eine multidisziplinäre Forschung ist dabei, erste Übersichten zu erstellen. Bisher können vier Schwerpunkte herauspräpariert werden: (1) Als Arzt und Chirurg praktiziert Renaudot eine medizinische „éducation permanente“. (2) Er gilt als ein Pionier der Armenforschung und der Armenpolitik. (3) Renaudot war Gründer und neun Jahre lang – von 1633 bis 1642 – Leiter der wöchentlichen Conférences du Bureau ’Adresse in Paris, und (4) Renaudot betrieb die Gazette de France und weitere Zeitungen als Persuasionsinstrumente für seine vielfältigen Anliegen.
Manfred Rühl

5. August Ludwig Schlözer – Joachim von Schwarzkopf: Zur Produktion und Rezeption aufklärender Zeitungen

August Ludwig von Schlözer (1735-1809), Sohn und Enkel württembergischer Pfarrer, der „Aufklärer aus dem Bilderbuch“, studiert zunächst evangelische Theologie, Geographie und orientalische Sprachen, Medizin, Naturwissenschaften und Jurisprudenz. Schlözer war vierzig Jahre lang Professor für Politik und Geschichte an der Reformuniversität Göttingen. Er wird mitverantwortlich für die universitäre Institutionalisierung der empirischen Geschichtswissenschaft, der Geschichtstheorie, der Statistik (als datenordnende StaatsKunst), der Wirtschaftspolitik und des Staatsrechts. Schlözers Erkenntnissuche war eine methodisch hoch entwickelte Variation von Ermittlungstechniken. Sie sachgerecht und geschickt einzusetzen, um die Objektivität dessen zu erkennen und zu beschreiben, was in der Gesellschaft des ausgehenden 18. Jahrhunderts der Fall war, damit erarbeitet Schlözer entscheidende Beiträge für die Universitätsreform seiner Zeit. Schlözers Suche nach allgemeinen Erkenntnisstandards schafft ein wissenschaftliches Reflexionswissen als Voraussetzung zur Herstellung fachwissenschaftlichen Erfahrungswissens.
Manfred Rühl

6. Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Redaktions- und Verlagsmanager einer „staatsdienstlichen“ Tageszeitung

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) ist ein sechsunddreißigjähriger Privatdozent an der Universität Jena, der zum außerordentlichen, zum Titular-Professor ernannt wird und eine einmalige „Unterstützung“ (O-Ton Hegel) von 100 Talern erhält. Im Oktober 1806, Hegel sitzt an den Abschlusskorrekturen der Phänomenologie des Geistes, als zwischen Preußen und Sachsen einerseits und den Truppen Napoleons andererseits die Doppelschlacht von Jena und Auerstedt geschlagen wird. Napoleons Sieg und die Tatsache, dass der Universitätsbetrieb in Jena (vorläufig) eingestellt wird, veranlassen Hegel nach Bamberg zu reisen, um die Stelle des Redakteurs und Co-Verlegers der (einzigen) „politischen“Bamberger Zeitung zu übernehmen. Friedrich Immanuel Niethammer, der Freund aus dem Tübinger Stift, inzwischen zum bayerischen Zentralschulrat aufgerückt, hatte Hegel nach Bamberg vermittelt.
Manfred Rühl

7. Robert Eduard Prutz: Journalismus und Demokratie – zwei Seiten eines Entwicklungsprodukts

Das Thema Journalismus und Demokratie hat in den letzten 150 Jahren nichts an Spannung verloren. Robert Eduard Prutz (1816-1872) arbeitet als Publizist, Literaturwissenschaftler, Romancier, Lyriker, Dramatiker, zeitweise als Hochschullehrer und Privatgelehrter. In einer als Habilitationsschrift geplanten Studie macht Prutz Journalismus zum Gegenstand eines historisch übergreifenden Forschungsvergleichs. Prutz erkennt im Journalismus „eines der vorzüglichsten Werkzeuge“ zur Verwirklichung des „demokratischen Prinzips der Geschichte“. Methodentheoretisch postuliert er für seinen Forschungsplan ein „Gesetz der Ordnung“, mit dem er das „labyrinthische Gebiet“ des reichen Stoffes transparent zu machen versucht. Prutzens Orientierungshorizont für die Beschreibung des Journalismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Kommunikationsfreiheit in den Vorstellungen einer gesellschaftlichen Entwicklung, wie sie 1789 als Rede-, Meinungs- und Pressefreiheit in der Déclaration des droits de l’homme et du citoyen zum Ausdruck kommt und 1791 im Ersten Zusatzartikel [First Amendment] zur USConstitution von 1787 als Meinungs-, Religions-, Presse- und Versammlungsfreiheit zum Grundrecht wird.
Manfred Rühl

8. Albert Schäffle – Karl Bücher: Journalismus in der Verfassungsgesellschaft

Was heute unter Journalismus verstanden wird gewinnt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begrifflich-theoretische Konturen. Die Agora-Kommunikation der altgriechischen Polis, das Beten, Arbeiten und Schweigen der mittelalterlichen Klosterkommunikation oder das Kommunizieren und Publizieren in der Reichsstadt um 1500, das sind Fälle von Kommunikationskulturen, die keinen Journalismus nötig hatten. Wer sollte dabei Publikum oder Öffentlichkeit sein?
Manfred Rühl

9. Robert Ezra Park: Recherchieren im Soziallabor Chicago

Wirtschaftliche und politische Folgen und Folgeprobleme aus dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) belasten die Entwicklung der USamerikanischen Gesellschaft. Ein lang anhaltender Wirtschafts-Boom unmittelbar danach fördert den Wiederaufbau des Landes. Die Grenzen wurden nach dem Westen zunehmend versetzt und mit der Industrialisierung entsteht die Ideologie vom „money-making self-made man“. Die Wellen der zwischen 1860 und 1912 vorwiegend aus Europa einströmenden Einwanderer entwickeln in den Großstädten des Ostens und Mittelwestens Probleme der Arbeitslosigkeit, Korruption, Krankheit, Rauschgift und Kriminalität. 1890 hat Chicago 1,1 Millionen Einwohner, 1910 sind es 1,7 Millionen, von denen die Hälfte im Ausland zur Welt kam. Erwerbsarbeit wird in den Vieh- und Schlachthöfen, in der Textil-, Maschinen-, Eisenbahn- und Waggonbau- Industrie gesucht.
Manfred Rühl

Schlüsseltheorien einer kommunikationswissenschaftlichen Journalistik

Frontmatter

1. System/Mitwelt-Erkenntnistheorie

„Systemtheorie ist eine besonders eindrucksvolle Supertheorie.“ Mit Systemtheorien kann über Disziplinengrenzen hinweg gegriffen werden. Systemtheorien haben eine Geschichte, die sich in Europa über fünfundzwanzig Jahrhunderte erstreckt. Wir müssen uns hier auf wenige historische Verdichtungen beschränken.
Manfred Rühl

2. Funktional-vergleichende Methodentheorie

Im Zusammenhang mit einem systemtheoretischen Journalistikentwurf muss die Methodenfrage gestellt und entschieden werden. Ein erkenntnistheoretischer Zugang zur Journalistik durch die System/Mitwelt-Theorie ist wichtig und nützlich. Aber es ist ebenso nützlich und wichtig, die Prüfmethoden von der Erkenntnishilfe zu trennen, damit die Kontrolle einer Theorie nicht zugleich die Methoden diskreditieren, und umgekehrt. Mit der System/Mitwelt-Theorie als Erkenntnismittel wird das Prinzip verfolgt, das vorliegende Journalismuswissen als wissenschaftsfähige Problematik aufzufassen und es in Problembeziehungen zu analysieren. Diese Sichtweise legt nahe, die funktional vergleichende als analytische Methode zu wählen. Zur Abklärung des Ertragswerts dieser Methode ist es für die Journalismusforschung von Belang, den Unterschied zwischen strukturellen und funktionalen ergleichen gegenüberzustellen.
Manfred Rühl

3. Kommunikationssysteme

Das bewahrte Kommunikationswissen der Menschheit [human communication] präsentiert sich dem wissenschaftlichen Interesse als eine Melange aus Theorien, Definitionen, Fallstudien, Modellen und Variablenanalysen. Mit dem Wortkommunizieren befassen sich deutschsprachige Wissenschaftler seit dem 17. Jahrhundert. Als in der Mitte des 20. Jahrhunderts sich eine Wissenschaftskommunität formiert in der Absicht, die Kommunikationswissenschaft zu organisieren, verhalten sich die wenigen deutschsprachigen Zeitungsund Publizistikwissenschaftler widersprüchlich. Ohne überzeugungsfähige Argumente werden Zeitungswissenschaft und Publizistikwissenschaft, zunächst durch Bindestrich verbunden und zur Vorläuferin der Kommunikationswissenschaft deklariert. Die Denktradition der amerikanischen Kommunikationswissenschaft wurde ignoriert. Harold D. Lasswell bescheinigte der amerikanischen Communications in den 1950er Jahren beeindruckende Leistungen als „a field of research, teaching, and professional employment.“
Manfred Rühl

4. Öffentlichkeiten

Im europäischen Feudalismus – etwa Mitte des 13. bis Ende des 15. Jahrhunderts – brauchte man für die Deutung der Gesellschaftsverhältnisse Begriffe wie Öffentlichkeit, Publikum und Privatheit erst gar nicht. Zwar werden unterscheidbare Gesellschaftsformen ausgemacht,581 sämtlich eindeutig hierarchisiert: Herrscher „oben“, Beherrschte „unten“. Das Lehensrecht ist die soziale Leitnorm des Feudalismus, und die aristokratische Herrschaft wird fast ausschließlich aus der Verfügung über Grundbesitz hergeleitet. Der Rechtsstatus Privatperson war in der Ständegesellschaft unbekannt. Auch der Fürst führte kein Leben in Privatheit [privacy]. Fürst, Hof, Staat und Verwaltung sind aufeinander zugeordnet. Im Feudalismus wird vorwiegend mittels skriptographisch hergestellter Bücher lateinisch publiziert, und Bücher werden wiederholt gelesen.
Manfred Rühl

5. Organisationssemantik

Vor einem Jahrhundert begannen sich die europäischen Sozialwissenschaften der Erforschung emergierender Organisationen als eigene Sozialität zuzuwenden. Für heutige Menschen beginnt eine lebenslange Organisationskarriere üblicherweise in der Geburtsklinik. Max Weber begann die Herrschaft in der öffentlichen Verwaltung (Bürokratie) soziologisch zu untersuchen, die Ingenieure Frederick Winslow Taylor und Henri Fayol suchten in Industriebetrieben nach kausalen Lösungen für organisationstypische Probleme. Verlag und Redaktion als journalistische Organisationsformen werden seit den 1970er Jahren Gegenstand der Analyse, Verlage weniger.621 Im deutschen Sprachraum operieren an organisierten Journalismen interessierte Forscher bevorzugt mit den Forschungstechniken Teilnehmende Beobachtung und Leitfadengespräch, wenn Redaktionen oder Teilstrukturen davon als Einzelfälle [cases] studiert werden. Als Chris Argyris anfangs der 1970er Jahre in den USA den Daily Planet (Deckname) untersuchte, wählte er seinen „Organisationsentwicklungs- Ansatz“ und die Forschungstechnik „action learning by cognitive maps“.
Manfred Rühl

6. Marktsemantik

Organisatorisches Entscheiden brachte im letzten Quartal des 20. Jahrhunderts Bewegung in die (deutschsprachige) Journalismusforschung. Mit Organisationsproblemen sind allerdings Fragen nach Marktproblemen ausgeblieben. Nicht hilfreich konnten literarische Beobachtungen lokaler Marktszenen aus Des Vetters Eckfenster sein. Vertraute Marktszenarien auf jenen Plätzen, auf denen wochentäglich Gemüsemarkt, samstäglich Trödelmarkt, alljährlich Weihnachtsmarkt stattfindet, blieben journalismusfremd. In der überkommenen Publizistikwissenschaft diente seinerzeit „der Markt“ dazu, ideologische Anti-Positionen zu markieren. In den Wirtschaftswissenschaften standen Marktwirtschaft und Planwirtschaft als Gegensätze auf den Lehrplänen, mit jeweiligen Ordnungs- und Steuerungsprinzipien. In der gegenwärtigen Journalismusdiskussion rangiert die ökonomische Institutionentheorie ganz vorne. Beliebt sind nach wie vor Metaphern wie Jahrmarkt der Eitelkeiten oder free marketplace of ideas.
Manfred Rühl

7. Arbeit – Beruf – Profession – Professionalisierung

In historischen Journalismen des deutschen Sprachraums ist die Diskrepanz zwischen Arbeitsrealität und Berufsbewusstsein besonders groß. Das systematische Nachdenken über Arbeit beginnt in Europa mit John Locke, der (1690) der Arbeit eine besondere Wertschöpfungskraft zuschreibt, die zur Bildung des Rechts auf Eigentum führen würde. In der Wirtschaftskreislauftheorie der (bürgerlichen) Politischen Ökonomie von Adam Smith wird Arbeit – neben Boden und Kapital – zentraler Produktionsfaktor und somit Dreh- und Angelpunkt des politisch-wirtschaftlichen Handelns und Kommunizierens. Sein Hauptwerk Der Wohlstand der Nationen (1776) beginnt Adam Smith mit einer genauen Beschreibung planvoll organisierter Arbeitsteilung, die Geld kostet und durch die Arbeit in die produzierten Güter eingeht. Arbeit ermöglicht nach Adam Smith eine wundersame Steigerung der Effektivität, kann durch Geld und Markt im Gütertausch miterworben werden, und Arbeit transformiert die Gesellschaft zur Commercial Society.
Manfred Rühl

8. Selbstbeschreibung der Journalistik

Mit Schlüsseltheorien gerüstet kann die kommunikationswissenschaftliche Journalistik vielfältig rekonstruiert werden – sowohl als Schema für die Ordnung des hergebrachten, als auch für erneuertes Journalismuswissen. Im Zentrum der Journalistik stehen sachlich, sozial und zeitlich dimensionierte Kommunikationssysteme, die organisations- und marktförmig operieren. Mit der Erkenntnishilfe der System/Mitwelt-Theorie können Sinngrenzen gesetzt werden, die nicht trennen, sondern zwischen Journalismen und Mitwelten vermitteln. „Jeder soziale Kontakt wird als System begriffen bis hin zur Gesellschaft als Gesamtheit der Berücksichtigung aller möglichen Kontakte. System/Mitwelt-Beziehungen bilden weltgesellschaftliche Einheiten in Differenz, die auf Internes und Externes verweisen und die Journalismen und ihre gesellschaftlichen Mitwelten füreinander zugänglich machen.
Manfred Rühl

Backmatter

Weitere Informationen

BranchenIndex Online

Die B2B-Firmensuche für Industrie und Wirtschaft: Kostenfrei in Firmenprofilen nach Lieferanten, Herstellern, Dienstleistern und Händlern recherchieren.

Whitepaper

- ANZEIGE -

Entwicklung einer Supply-Strategie bei der Atotech Deutschland GmbH am Standort Feucht

Die Fallstudie zur Entwicklung der Supply-Strategie bei Atotech Deutschland GmbH beschreibt den klassischen Weg der Strategieentwicklung von der 15M-Reifegradanalyse über die Formulierung und Implementierung der Supply-Rahmenstrategie. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht die Ableitung und Umsetzung der strategischen Stoßrichtungen sowie die Vorstellung der Fortschreibung dieser Strategie. Lesen Sie in diesem Whitepaper, wie die Supply-Strategie dynamisch an die veränderten strategischen Anforderungen des Unternehmens angepasst wurde. Jetzt gratis downloaden!

Bildnachweise